Gentrifizierung des Waals: über die neue Nebenrinne in Nijmegen

nebenrinne Besonders gefährdet vom Klimawandel sind, wer hätte anders gedacht, die Niederlande. Nicht nur aufgrund des ansteigenden Meerespiegels, sondern auch wegen der zunehmenden Chance, dass Rhein und Maas gröβere Wassermengen als je zuvor ins Land bringen dürften. Daher wurde vor einigen Jahren ein umfassendes Wasserbauprogramm beschlossen, das verheerenden Fluβüberschwemmungen vorbeugen soll.

nebenrinne_2 Wenn es um den Rhein geht, wäre Nijmegen die erste Stadt, die solcher Gefahr ausgesetzt ist. Der Waal macht dort eine scharfe Kurve, verengt sich obendrein. Wie malerisch dies auch immer aussehen mag, es stellt gleichzeitig eine erhebliche Gefahr dar. Der untere Teil der gröβtenteils am linken Ufer gelegenen Stadt hat schon mehrmals Überschwemmungen erlitten: Was wäre, wenn noch weit massivere Wassermassen auf ihn zukämen?

nebenrinne_3 Um dem zu trotzen, wurde in den letzten drei Jahren der Deich am rechten Ufer 350 Meter nördlicher verlegt, die dortigen Obstbäume und Gewächshäuser fielen dem Programm zum Opfer. Der bisherige Hauptdeich und die zugehörigen Landstreifen wurden zur Insel, indem man eine Nebenrinne ausbaggerte, die dem Fluβ mehr Freiraum zu bieten hat. Insgesamt neigt sich jetzt das Projekt dem Ende zu: Anfang Dezember dieses Jahres soll es fertiggestellt sein.

nebenrinne_4 Es wäre dann annähernd der Zustand wiederhergestellt, wie er vor Jahrhunderten gewesen sein muss: Bevor Deiche und Buhnen den Lauf des Wassers einzudrängen anfingen, bestand der Fluβ hier aus mehreren mäandernden Rinnen. Aus Mäandern wird aber nichts mehr werden: Nicht nur aufgrund des Deiches, sondern auch weil das Ufer des mittleren Teils der Nebenrinne gänzlich zugepflastert sein wird. Dieser Teil hat an Tagen, an denen der Rhein die Stadt bedroht, als Auffangbecken zu dienen, bietet aber in friedlicheren Zeiten der Vergnügungsschifffahrt Raum. Das bepflasterte Ufer wirkt wie ein geglättetes Amphitheater, schon fast als ein Verweis auf die römischen Ursprünge der Stadt.

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Um die Nebenrinne selber herum entwickelt Nijmegen ein neues, zeitgemäβes Gesicht. Auf dem heutigen rechtsrheinischen Areal, erst 1998 an die Stadt gezogen, weil es innerhalb der damaligen Stadtgrenzen kaum Raum gab sich noch auszubreiten, ist mittlerweile ein architektonisch abwechslungsreicher Stadtteil entstanden. Zur Entlastung der östlichen Straβenbrücke aus den 1930ern wurde im Westen eine fast harfenähnliche, weitere Waalbrücke erbaut.

Das nahegelegene Kohle-und-Biomassekraftwerk am linken Ufer soll 2016 ausgemustert werden, zugunsten eines umfassenden Projekts zur nachhaltigen Stromerzeugung. Auf dem ehemaligen Gewerbegebiet nebenan entsteht ein weiteres neues Wohnviertel, dessen Hauptblickfänger das gewagte Etagenhaus, zwischen Eisenbahnbrücke und Hafen, sein wird. Hinterm ehemaligen Gewerbegebiet gibt es jetzt noch so etwas wie das alte Arbeiterviertel Waterkwartier. Von der Gentrifizierung des Waals wird es allmählich eingefangen werden. Es wird alles so hübsch. Absolut. Alles wird dem Genuss der vollendeten Formen dienen, mitsamt Bistros und was es nicht noch alles gibt. Teils dank des Klimawandels wird man sich um den Waal herum satt vergnügen können, auch wenn vorerst noch geschuftet wird.

(Bilder und Text für rheinsein von Lucas Hüsgen. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)


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