Monatsarchiv für Oktober 2015

 
 

Presserückschau (Oktober 2015)

Mutmaßliche Verseuchungen des Rheins mit Industriestoffen und umgehende Dementi der angeblichen Verursacher dominierten die Rhein-Schlagzeilen des ersten Monatsdrittels: berichtet wurde u.a. von Einleitungen der Chemikalien Pyrazol bei Dormagen und PFT (Perfluorierte Tenside) bei Düsseldorf, desweiteren von einer großflächigen Ölverschmutzung bei Basel. Weitere Einzelheiten unterschlagen wir an dieser Stelle und gehen über zu den bemerkenswertesten Meldungen des Oktobers:

1
Die Bedeutung des Rheins für Köln beleuchtet der Kölner Stadt-Anzeiger. 600 Schiffe, bis zu 135 Meter lang und 17 Meter breit, passieren täglich die deutsch-niederländische Grenze und etablieren den Fluß als eminente Handelsroute: “Die Bedeutung des Rheins und der Binnenschifffahrt dürfte sogar weiter wachsen. Denn die „Zara“-Häfen (Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam, Amsterdam) werden derzeit kräftig ausgebaut. Was in den belgischen und niederländischen Seehäfen ankommt, wird dort umgeschlagen und oft auf Rheinschiffen nach Deutschland transportiert – und umgekehrt. Der Warenverkehr zwischen Holland und Deutschland gehört mit einem Umfang von jährlich 160 Milliarden Euro zu den größten Handelsvolumina in der Welt.” Die NRW-Binnenhäfen erreichen dabei gemeinsam nahezu das Umschlagsvolumen des Hamburger Seehafens. Als Transportweg nehmen die Wasserstraßen in Deutschland bisher hinter Straße und Schiene den dritten Rang ein: “Trotz einiger aufsehenerregender Havarien gehört das Binnenschiff zu den sichersten Transportmitteln. Fast ein Viertel der darauf im ersten Halbjahr 2015 beförderten Güter fiel deshalb in den Bereich Gefahrgut wie Benzin, Heizöl, Methanol, Säuren, Ammoniak. Am häufigsten verschifft werden auf dem Rhein aber Erze, Steine und Erden. Es folgen Kokerei- und Mineralölerzeugnisse sowie Kohle, Rohöl, Gas und chemische Produkte. Ford lässt per Schiff Neuwagen ins Ausland verfrachten.”

2
“Weil er Phosphor mit Bernstein verwechselt hat, erlitt ein Mann in Neuss schwere Verbrennungen. (…) Am Rhein fand er einen tischtennisball-großen, feuchten Gegenstand. Diesen hielt er nach eigener Aussage für Bernstein. Der Mann nahm den vermeintlichen Bernstein laut Feuerwehr Neuss in seiner Hosentasche mit. Als er im Auto bereits auf dem Weg nach Hause war, entzündete sich die Kugel. Der Rentner erlitt schwere Verbrennungen am Oberschenkel sowie an Hand und Arm. Mit einem Rettungshubschrauber wurde er in eine Spezialklinik für Verbrennungen nach Köln-Merheim geflogen.” In Neuss handelte es sich um den ersten bekannt gewordenen Phosphorfund. Insgesamt sei der hochgiftige und entzündliche Weiße Phosphor, der von Bernstein optisch nicht zu unterscheiden sei, am Rhein extrem selten. Bisher gefundenes Material stamme aus durchgerosteten Fliegerbomben. Weitaus häufiger tauchten komplette Kampfmittel in Flußnähe auf, berichtet die WAZ.

3
Ein ungewöhnlicher Todesfall beschäftigt die Kölner Polizei zur Monatsmitte. Auf der Zoobrücke hatte sich ein Auffahrunfall mit Blechschaden ereignet: “Als Polizisten hinzukamen, sicherten sie die Unfallstelle ab und sprachen mit dem Seat-Fahrer. Der 39-Jährige sei langsam zum Brückengeländer gegangen, plötzlich über die Brüstung gestiegen und hinunter gesprungen. Er war sofort tot. Es gebe nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Mann sich womöglich einer Polizeikontrolle entziehen wollte, berichtete ein Ermittler. Im Polizeicomputer habe der Kölner keinen einzigen Eintrag gehabt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

4
Eine mysteriöse Autofahrt in den Rhein bei Urmitz vermeldet das Netzportal Arcor: “Zeugen hatten (…) beobachtet, wie nahe der ehemaligen Nato-Rampe auf Höhe des Atomkraftwerks ein Wagen in den Rhein fuhr, abgetrieben wurde und unterging.” Das von Rettungskräften geborgene Vehikel wies keinen Insassen auf.

5
Rheinapplizierte Mietvehikel meldet die Kölner Lokalpresse (Express, Xtra): “Fahrradfahren macht fit, man ist an der frischen Luft – und landet manchmal im Rhein! Das versicherte uns zumindest die KVB-App (…): Einige Meter nördlich von der Mülheimer Brücke stand laut KVB-App ein Leihrad im Rhein. Seit Mai bietet die KVB einen Leihrad-Service für die Stadt an. Einloggen, losradeln und einfach am Ende seiner Tour irgendwo in Köln abstellen. Per GPS lassen sich die Räder orten, auf einer interaktiven Karte kann man nach Rädern in seiner Umgebung suchen.” Für die “im Rhein” abgestellten Mieträder ist die fehlerhafte GPS-Ortung des KVB-Systems verantwortlich, welche Standorte ungenau, im berichteten Fall um 150 Meter verschoben, angibt. Die KVB sind in Köln allerdings nicht die einzigen Anbieter mit feherhafter Ortung. Auch Mietautos der Firma DriveNow wurden potentiellen Abholern auf Smartfone-Apps schon als “im Rhein parkend” angegeben.

Wuppermündung

Trockengefallene Wupper kurz vor der Mündung in Leverkusen

Über die Wuppermündung führt eine Schiffsbrücke. Sie besteht aus drei mit Stegen verbundenen Schiffen, einem Rheinklipper (Frachtsegler), einem Aalschokker und einer Tjalk mit den Namen Einigkeit, Recht und Freiheit. Bei unserem Besuch war die Brücke, die auch ein Café beherbergt, geschlossen. Das Wupperbett ließ sich auf beiden Brückenseiten zu Fuß queren.

Ausblick von der Wupper auf den Rhein, dessen Wasser in die Mündung drückt

Auf den Spuren Willy Brandts (7)

Der Willy-Brandt-Ring in Leverkusen ist die bisher mächtigste nach Willy Brandt benannte Straße, die wir für diese Serie aufsuchten. Gleichwohl vermittelt auch sie vor allem den Eindruck gehöriger Tristesse. Sie zweigt ab von der Carl-Duisberg-Straße, die an den Chemiker und späteren Industriellen erinnert, der maßgeblich am Umzug der Firma Bayer von Elberfeld an den Rhein beteiligt war.
Der schnurgerade “Ring” verbindet den Chempark (ehemals: Bayerwerke) mit dem Stadtteil Schlebusch.
Die in beide Richtungen doppel- bis dreispurige, stark befahrene Straße wird von Alleebäumen und einzelnen Gewerbebetrieben gesäumt.
So entführt sie, für den vom Chempark sich Fortbewegenden, die zentrale Unansehnlichkeit Leverkusens unter urbaner Natureskorte in die Periferie.

Unternehmensberater-Witz

Vor einiger Zeit verabredete eine deutsche Firma ein jährliches Wettrudern gegen eine japanische Firma, das mit einem Achter auf dem Rhein ausgetragen wurde. Beide Mannschaften trainierten lange und hart, um ihre höchste Leistungsstufe zu erreichen. Als der große Tag kam, waren beide Teams topfit, die Ruderboote auf Hochglanz poliert, doch die Japaner gewannen das Wettrennen mit einem Vorsprung von einem Kilometer.

Nach dieser Niederlage war das deutsche Team sehr betroffen und die Moral auf dem Tiefpunkt. Das obere Management entschied, dass der Grund für die vernichtende Niederlage unbedingt herausgefunden werden müsste. Eine interne Projektgruppe aus Fachleuten verschiedener Abteilungen des deutschen Konzerns wurde eingesetzt, um das Problem eingehend zu untersuchen und geeignete Maßnahmen zu empfehlen. Nach langen Workshops, Meetings, Ist-Analysen, etc. fand man heraus:

- bei den Japanern ruderten acht Leute und ein Mann steuerte
- im deutschen Team ruderte ein Mann und acht Leute steuerten

Um Abhilfe für diesen strukturellen Unterschied zwischen den beiden Teams zu organisieren, reagierte das oberste Management umgehend und engagierte nach einer Klausurtagung in Bad Homburg sofort einige renommierte Unternehmensberater.

Deren Projektauftrag bestand darin, einen Plan für eine gewinnbringende Veränderung innerhalb des deutschen Teams zu entwickeln. Nach einigen Monaten und zahllosen Interviews (hauptsächlich mit den Steuerleuten), sowie beträchtlichen Kosten präsentierten die Berater dem Management eine kostenneutrale Entscheidungsvorlage. Das Management nahm den Vorschlag ohne zu zögern an, um seine Bereitschaft zu kompromisslosen und klaren Entscheidungen zu demonstrieren. Es gab jetzt

- vier Steuerleute
- zwei Obersteuerleute
- zwei Steuerdirektoren
- und einen Ruderer

Außerdem wurde für den Ruderer ein striktes Leistungsbewertungssystem eingeführt, um ihn besser zu motivieren: “Wir müssen seinen Aufgabenbereich erweitern und ihm mehr Verantwortung geben”.

Der Aufsichtsrat des Konzerns gewährte dem obersten Management für seine außergewöhnlichen Anstrengungen eine Zusatzprämie.

Im nächsten Jahr gewannen die Japaner mit einem Vorsprung von zwei Kilometern. Das Management reagierte prompt und entließ den Ruderer wegen schlechter Leistungen. Der Beraterfirma wurde ein Lob ausgesprochen und das eingesparte Geld wurde dem oberen Management als Bonus ausbezahlt. Ein zwischenzeitlich vom Ruderer eingereichter Verbesserungsvorschlag, das Boot mit acht Ruderern und einem Steuermann zu besetzen wurde abgelehnt. Begründung: Das Boot kann zwar dadurch schneller bewegt werden, jedoch fehlt das richtungsweisende Management der Steuerleute, wodurch das Eintreffen des Bootes am Ziel als unwahrscheinlich gilt.

Leuchttürme des Rheins: die Loreley

Kaum hat der wackere Binnenschiffer die abstrakten Refugien verlassen, so wartet schon eine neue Gefahr: da, wo der mächtige Fluss zwischen dichtandrängenden Hügeln stromt, in Nähe altillustrer Weinbauorte wie Alzey, Boppard, Rüdenheim, St. Kröver, St. Sense, Miesbach, Übelau und wie sie alle heißen mögen – lauert ein mächtiges Untier, nicht unähnlich wie in den Gesängen der Odyssee überliefert, Scylla und Charybdis mögen genannt sein.
Schlichte Gemüter berichten von einer wunderschönen jungen Frau, die auf einem Felsen am Strome sitzend sich die blonden Haare richtet, unter betörenden Gesängen und besonders betörend: außer ihrem Haar trüge sie nichts, so will der Volksmund wissen.
Aber nur die wirklich armen im Geiste bleiben an der äußeren Erscheinung der Phänomene haften.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine arglistige Täuschung: an eine junge Frau erinnert die Erscheinung nur von weitem (und für Kurzsichtige!), es handelt sich um die – zugegebenermaßen entfernt frauenähnlich wirkende – Endverdickung eines ungeheuren Krakententakels, mag sein, die Evolution hat hier ihre nimmermüden Finger im Spiel – Stichwort: Mimikry etc. – und der anthropophage Krake hat sich im Lauf der Zeiten etwas für die Jagd nach seiner bevorzugten Beute ausgedacht –
Wie dem auch sei – das ungeheure Untier haust in der Mitte des Stromes und gewisse Individuuen in den Schankstuben der angrenzenden Ortschaften schwören Stein und Bein, der gewaltige Krake verspeise nicht nur Menschen mit Haut und Haar, nein, er habe bereits, allerdings, das müsse eingeräumt werden, kleinere, Binnenschiffe verschlungen – zuletzt sei dies grausige Schicksal dem holländischen Kalkprahm „Dat nackichte Maisjen“ beschieden gewesen.
Angesichts dieser steten Drohung durch das monströse Unwesen errichtete man nahebei – kurz bevor der Schiffsverkehr diese kataklysmische Herausforderung passieren muss – einen mächtigen Leuchtturm, der allerdings keinen Lichtstrahl zu Navigationszwecken aussendet, sondern ein alarmierendes, hochfrequentes Dauerblinken, das zu Recht als Warnsignal aufgefasst werden soll.

(Vierzehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)

Auf den Spuren Willy Brandts (6)

Der Kölner Willy-Brandt-Platz liegt im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz. Die Wahl der Schäl Sick scheint die Theorie der allgemeinen Nachrangigkeit und Trostlosigkeit der nach Willy Brandt benannten öffentlichen Orte zu stützen.

Leicht ließe sich auf den Gedanken verfallen, daß der Deutzer Willy-Brandt-Platz mitnichten einen Platz darstellt: sein Straßenschild, verankert im Trottoir des Gotenrings, markiert einen unbestimmten Abschnitt mit angrenzenden Parkstreifen anstelle eines Platzes. Es dürfte eigentlich den Fußweg meinen, der den Gotenring mit der Lanxess Arena (vormals: Kölnarena) verbindet und zu

dessen rechter Seite eine konische Rasenfläche mit einem Platz tatsächlich verwechselt werden könnte, jedoch offenbar nicht wird, da der gepflegte Rasen, im Gegensatz zu seiner unmittelbaren Umgebung, völlig unbevölkert bleibt.

Bei näherem Betrachten erweist sich der aus Betonplatten bestehende Rundweg um die Arena, die aufgrund ihrer Bogenarchitektur den Volksnamen Henkelmännchen trägt, ebenfalls als Willy-Brandt-Platz; zusammengenommen ergibt seine Architektur aus der Luft gesehen einen Löffel, in dessen Vertiefung die Arena liegt. Um die Arena mit ihrer Kapazität von 20.000 Zuschauern herum stehen mobile Kaffee-, Wurst- und Bierbuden.

Die äußere Begrenzung des Rundwegs bilden massive Gebäudekomplexe. Darin befinden sich neben den städtischen Gewerbe- und Bauaufsichtsämtern einige Lädchen, in denen der Kunde sich enthaaren lassen oder betrinken kann. Der Komplex wird mit mehreren der in Köln zahlreichen Fälle politischer und behördlicher Unfähigkeit zum Nachteil der Bürgerschaft in Verbindung gebracht.

Leuchttürme des Rheins: die Wacht zu Worms

Man sagt, das Gebiet um Speyer, um Worms und wie all die altehrwürdigen Städte am Mittelstrom noch heißen mögen – da, wo das Nibelungenlied spielt und manche Sage aus unvordenklicher Zeit mehr – ist so lange schon Kulturland, dass es abstrakt werden musste.
In der Tat – folgt man dem großen Fluss nord-, also stromabwärts, so wird bald hinter Worms die Landschaft ungegenständlich.
Statt des gewohnten Bildes findet sich eine rein mathematische Landschaft. Linksrheinisch die mathematische Gleichung für „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“, es folgt der Graph der Differentialgleichung „großer, schiffbarer Fluss“, dann wieder, leicht alteriert, rechtsrheinisch, die schon bekannte Gleichung, „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“.
Der unvoreingenommene Betrachter spürt angesichts des rein abstrakten Anblicks eine große Verlorenheit. Manche denken an „Landschaften“ wie sie z.B. der Film „Tron“ entworfen hat, andere behaupten, vor diesem Phänomen versage die menschliche Sprache gänzlich und verlegen sich auf das sattsam bekannte Zitat des Philosophen Wittgenstein: „was sich nicht sagen lässt – darüber muss man schweigen … !“
Der Schiffer muss sich der Passage durch die abstrakten Stromabschnitte mit großer Unerschrockenheit und grenzenlosem Gleichmut widmen.
Nach optischen Maßgaben zu navigieren ist völlig ausgeschlossen. Bei der nur mäßig bemerkenswerten Ortschaft Lampert – noch etwas südlich von Worms – steht der mächtige Leuchtturm „Gnadenbild des Heiligen Lambert und seinen Söhnen und Töchtern“. Es handelt sich bei ihm um eine rein geometrisch-nichteuklidische Konstruktion. Statt eines Lichtstrahla sendet er in Zahlen gefasste Koordinatengruppen.
Der Rheinschiffer muss eine gewisse mathematische Begabung aufweisen und traumwandlerisch die empfangenen Koordinatensätze in nautisches Handeln umsetzen.
Nicht immer gelingt dies – die mathematische Formel für „Schiffbruch“ liegt immer in der „Luft“.

(Dreizehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)

Sennentuntschi

Der Mythenkomplex um das Sennentuntschi hat mit dem Rhein eher vage Berührungspunkte: in Dutzenden Versionen soll die Geschichte, die unter den häufig unheimlichen Überlieferungen der Alpen zu den unheimlichsten zählt, regional existieren, so auch auf den Höhen des jungen Rheins. Statt im Alpen-Sagenschatz fanden wir das Thema erstmals in Tim Krohns glarnerdütsch-kunstsprachlichem Roman Quatemberkinder und wie das Vreneli die Gletscher brünnen machte aus dem Jahr 1998, Michael Steiners Film Sennentuntschi aus dem Jahr 2010 verquickt den Horror-Mythos mit einem modernen Kriminalfall, der Film wurde in den Schweizer Kinos zum Renner. In der Identität des Sennentuntschi vermischen sich Golem, Sexpuppe und Serienkiller. In der Essenz verläuft der Mythos wie folgt: die Männer auf der Alm basteln aus sich aus Einsamkeit eine weibliche Puppe aus Alltagsgegenständen, mit der sie Schabernack treiben. Durch Zauber erwacht die Puppe zum Leben. Die Sennen vergewaltigen die Gefährtin. Aus Rache bannt das Tuntschi die Männer auf ewig auf die Alm und verbrennt oder häutet ihre Schinder, um sie selber zu Puppen auszustopfen.

tuntschi_sw Bis zum 26. Februar 2016 zeigt das Räthische Museum in Chur in einer aktuellen Sonderausstellung “das einzige echte Sennentuntschi”, eine hölzerne Puppe, die in den Siebzigern zusammen mit Hirtenamuletten aus Naturmaterialien auf einer Alp im Bündner Calancatal gefunden wurde und seit den Achtzigern zum Museumsbestand gehört.

Gentrifizierung des Waals: über die neue Nebenrinne in Nijmegen

nebenrinne Besonders gefährdet vom Klimawandel sind, wer hätte anders gedacht, die Niederlande. Nicht nur aufgrund des ansteigenden Meerespiegels, sondern auch wegen der zunehmenden Chance, dass Rhein und Maas gröβere Wassermengen als je zuvor ins Land bringen dürften. Daher wurde vor einigen Jahren ein umfassendes Wasserbauprogramm beschlossen, das verheerenden Fluβüberschwemmungen vorbeugen soll.

nebenrinne_2 Wenn es um den Rhein geht, wäre Nijmegen die erste Stadt, die solcher Gefahr ausgesetzt ist. Der Waal macht dort eine scharfe Kurve, verengt sich obendrein. Wie malerisch dies auch immer aussehen mag, es stellt gleichzeitig eine erhebliche Gefahr dar. Der untere Teil der gröβtenteils am linken Ufer gelegenen Stadt hat schon mehrmals Überschwemmungen erlitten: Was wäre, wenn noch weit massivere Wassermassen auf ihn zukämen?

nebenrinne_3 Um dem zu trotzen, wurde in den letzten drei Jahren der Deich am rechten Ufer 350 Meter nördlicher verlegt, die dortigen Obstbäume und Gewächshäuser fielen dem Programm zum Opfer. Der bisherige Hauptdeich und die zugehörigen Landstreifen wurden zur Insel, indem man eine Nebenrinne ausbaggerte, die dem Fluβ mehr Freiraum zu bieten hat. Insgesamt neigt sich jetzt das Projekt dem Ende zu: Anfang Dezember dieses Jahres soll es fertiggestellt sein.

nebenrinne_4 Es wäre dann annähernd der Zustand wiederhergestellt, wie er vor Jahrhunderten gewesen sein muss: Bevor Deiche und Buhnen den Lauf des Wassers einzudrängen anfingen, bestand der Fluβ hier aus mehreren mäandernden Rinnen. Aus Mäandern wird aber nichts mehr werden: Nicht nur aufgrund des Deiches, sondern auch weil das Ufer des mittleren Teils der Nebenrinne gänzlich zugepflastert sein wird. Dieser Teil hat an Tagen, an denen der Rhein die Stadt bedroht, als Auffangbecken zu dienen, bietet aber in friedlicheren Zeiten der Vergnügungsschifffahrt Raum. Das bepflasterte Ufer wirkt wie ein geglättetes Amphitheater, schon fast als ein Verweis auf die römischen Ursprünge der Stadt.

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Um die Nebenrinne selber herum entwickelt Nijmegen ein neues, zeitgemäβes Gesicht. Auf dem heutigen rechtsrheinischen Areal, erst 1998 an die Stadt gezogen, weil es innerhalb der damaligen Stadtgrenzen kaum Raum gab sich noch auszubreiten, ist mittlerweile ein architektonisch abwechslungsreicher Stadtteil entstanden. Zur Entlastung der östlichen Straβenbrücke aus den 1930ern wurde im Westen eine fast harfenähnliche, weitere Waalbrücke erbaut.

Das nahegelegene Kohle-und-Biomassekraftwerk am linken Ufer soll 2016 ausgemustert werden, zugunsten eines umfassenden Projekts zur nachhaltigen Stromerzeugung. Auf dem ehemaligen Gewerbegebiet nebenan entsteht ein weiteres neues Wohnviertel, dessen Hauptblickfänger das gewagte Etagenhaus, zwischen Eisenbahnbrücke und Hafen, sein wird. Hinterm ehemaligen Gewerbegebiet gibt es jetzt noch so etwas wie das alte Arbeiterviertel Waterkwartier. Von der Gentrifizierung des Waals wird es allmählich eingefangen werden. Es wird alles so hübsch. Absolut. Alles wird dem Genuss der vollendeten Formen dienen, mitsamt Bistros und was es nicht noch alles gibt. Teils dank des Klimawandels wird man sich um den Waal herum satt vergnügen können, auch wenn vorerst noch geschuftet wird.

(Bilder und Text für rheinsein von Lucas Hüsgen. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

10 Mal täglich per Eisenbahn zum Rheinfall für 10 Cent

Hôtel Witzig. – Proprietär H. A. Witzig-Rietmann. – Eisenbahnstation Dachsen am Rheinfall. Die eigentliche Rheinfallstation 15 Minuten bis zum Fall (Fischetz) für Eisenbahnfahrer die bequemste Art, an den Rheinfall zu gelangen. Gute, billige und freundliche Bedienung, Aussicht auf die Gebirge, vom Säntis an bis zur Jungfrau.

Hôtel et Pension Schweizerhof, am Rheinfall, ehemals Hôtel Weber. – Besitzer F. Wegenstein. In nächster Nähe der Eisenbahnstation Neuhausen (neu eröffnete Eisenbahn von Basel nach Schaffhausen und Constanz), in prachtvoller und unstreitig bester Lage, gegenüber dem Rheinfall, mit herrlicher Aussicht auf denselben und auf die ganze Alpenkette; mit Lesekabinet, Musiksaal, Billards, Bädern, Promenaden etc. – Ausstattung und Bedienung vorzüglich. Billige Preise. – Für Familien und Touristen gleich empfehlenswerth. – In wöchentlichem Aufenthalt ermässigte Pensions-Preise.

Hôtel zur Krone. – Besitzer J. Hirt – Nahe bei Bahnhof, Post u. Dampfschiff. – Altes, gutes Haus, von Geschäftsreisenden und Familien stark besucht. – Table d’hôte um 12 Uhr. Restauration à la carte zu jeder Zeit, um die Abreise mit den Nachmittagszügen zu erleichtern. – Wagen und Omnibus sind im Haus zu finden. – 10 Mal täglich per Eisenbahn zum Rheinfall für 10 Cent.

(Annoncen aus dem Anhang des Jahrbuchs des Schweizer Alpenclubs 1865, Band 2)

Nachmittag in Neviges

Vom Bahnhof führt Kopfsteinpflaster
zum Neanderlandsteig,
der dort von Maisstauden
in Höhe des 22. August
flankiert wird. Diese Pflanze
nährt viele Menschen vor allem
in Afrika und Lateinamerika,
während sie hierzulande
seit über vier Jahrzehnten
(ursprünglich von Kolumbus
nach Europa gebracht)
hauptsächlich Rinder füttert
oder als Energie für Biogas
gesamtpflanzenverwertet wird.

Rascheln eines Buchenwaldes
himbeerstrauchunterstanden
hummelumbrummt,
an Blüten fleißende Bienen sind
die augenblickliche
Zeitlosigkeit / Eigenzeitlichkeit der Natur.

Und ein Zitronenfalter.
Da Vinci mit seinen Flugexperimenten
hätte es sich kaum träumen lassen,
dass einmal Passagiere für 19 €
über ganz Europa fliegen.

Die menschliche Geschichte hat hier
neben vielem anderen
Reformation und Gegenreformation gesehen.
Um die evangelische Stadtkirche
kreist seit Jahrhunderten ein Ring von Fachwerkhäusern.
Nach katholischer Historie sprach 1676
die Heilige Maria zu dem Dorstener Franziskaner Antonius Schirley,
sie möchte beim Hardenberg verehrt sein,
und sie werde einen Kranken heilen.
Pater Schirley sandte das Marienbild den Nevigeser Franziskanern.
Darauf wurde ein kranker Bischof gesund und dankte mit einer Wallfahrt.
Der heutige Mariendom
architektonisch symbolreich
von Gottfried Böhm entworfen,
wurde 1968 eingeweiht.
Eine Jahreszahl, epochal vielschichtig gewichtet.

Mais, Rinder, Bäume und Bienenvölker,
haben sie eigene kollektive Erinnerungen?

(Ein Gastgedicht von GrIngo Lahr)

Vom Rhein sein – das heißt: vom Abendland

Des Teufels General, Carl Zuckmayers Drama aus dem Jahr 1945, zehn Jahre später in der Verfilmung von Helmut Käutner in den Kinos, enthält einen Dialog, der aktuellen Flüchtlingsdebatten als Grundanstrich gut zu Gesicht stehen würde. Das Stück spielt im Dritten Reich. Luftwaffengeneral Harras (der Zuckmayers Freund Ernst Udet nachempfunden sein soll) spricht mit Fliegerleutnant Hartmann. Hartmann hat festgestellt, daß sein Ariernachweis nicht lückenlos geführt werden kann, weswegen seine geplante Verlobung mit einer jungen von Morungen ausfallen muß. Im Film klingt das so:

Hartmann: (…) Eine meiner Urgroßmütter scheint aus dem Ausland gekommen zu sein.
Harras: Ach, dann sind Sie wohl nicht ganz arisch, was?
Hartmann: Man hat das oft in rheinischen Familien. Jedenfalls sind die Papiere nicht aufzufinden.
Harras: Ja, dann begreif ich natürlich: von Morungen… Dann sind Sie ein Mensch zweiter Ordnung, hm? Dann könn Sie ja keene Parteikarriere machen.
Hartmann: Nein, Herr General.
Harras: Schrecklich. Diese alten verpanschten rheinischen Familien. Stelln Sie sich doch bloß mal Ihre mögliche Ahnenreihe vor: da war ein römischer Feldherr, schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Dann kam n jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist schon vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Dann kam n griechischer Arzt dazu, n keltischer Legionär, n Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, und ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant. Das alles hat, hat am Rhein gelebt, gehofft, gesoffen, gesungen und Kinder jezeucht. Und der der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, undsoweiter, undsoweiter… Das waren die Besten, mein Lieber! Vom Rhein sein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Leutnant Hartmann – und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter auf den Abtritt.

Im leicht abweichenden Theatertext-Original ist die angeführte Ahnenreihe um einiges bunter. Die Filmszene existiert auf Youtube, Curd Jürgens gibt den angetrunkenen General – womöglich die filmgeschichtliche Ersterwähnung rheinseins.

rheinsein in der FAZ

Unter dem Titel Autor, Verleger und Herausgeber sind eine Person geht Elke Heinemann in der FAZ vom 07. Oktober 2015, bezeichnenderweise direkt über der Todesanzeige für Hellmuth Karasek, der Frage nach, was literarische Blogs im deutschsprachigen Raum dieser Tage charakterisiert und welchen Stellenwert sie in der zeitgenössischen Literatur einnehmen und untersucht dabei vornehmlich Blogs, die bei litblogs.net assoziiert sind oder waren: etwa das aufgrund einer Genderfinte vieldiskutierte Werk von Aléa Torik, aber auch Neuzugänge wie Jan Kuhlbrodts Postkultur oder das solitäre, ohne litblogs-Anschluß entstandene Arbeit und Struktur des verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Auch rheinsein findet im Artikel kurze Erwähnung: “Rhizomatisch wuchern Literaturblogs nicht nur inner-, sondern auch außerhalb des Internets. Beispielsweise ist http://rheinsein.de des Kölner Lyrikers und Spoken Word-Performers Stan Lafleur mehr als eine kulturgeschichtliche Digitalenzyklopädie des Rheinlands, denn “aus dem rheinsein-Datenpool entstehen zeitgleich wiederum klassische literarische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen, Vorträge, (Hochschul-)Seminare etc.””

Simrock über Vaduz

Grafschaft Vaduz

Die folgenden Gegenden hat ein anderer deutscher Dichter beschrieben, und keiner der unberühmtesten. Nachdem nämlich der Rhein Graubünden, seine Geburtsstätte, verlassen hat, bespült er links, schon von Pfäfers abwärts, St. Gallen, einen Kanton der Schweiz, rechts eine zum politischen Verband Deutschlands gehörige freie Grafschaft, deren Namen die Überschrift angibt. Sie bildet einen für sich bestehenden Staat, den man mit Unrecht als Fürstentum Liechtenstein aufführt, bloß weil er von dem Fürsten von Liechtenstein beherrscht wird, der diesen Namen von anderen mediatisierten Besitzungen empfing. Als Besitzer der freien Grafschaft Vaduz, die das Glück hat, selbst auf Spezialkarten unbemerkt zu bleiben, ist der Fürst von Liechtenstein souveränes Mitglied des Deutschen Bundes so gut als der König von Preußen und der Kaiser von Österreich und hat wie diese Sitz und Stimme im Plenum der Bundesversammlung.

Der Leser hat sich unterdes besonnen, welcher deutsche Dichter wohl die Grafschaft Vaduz beschrieben habe, und tippt jetzt auf unseren zu früh verstorbenen Wilhelm Hauff, dessen Roman »Lichtenstein« aber in anderen Gegenden spielt. So leicht war auch unser Rätsel nicht zu lösen: der Dichter, den wir meinen, hat dieses Ländchen beschrieben, ohne es zu nennen, und wenn wir seinen Namen hersetzen – er heißt Goethe –, so bleibt dem Leser immer noch zu raten, in welchem seiner Werke sich diese Beschreibung finde. Wir müssen ihm zu Hilfe kommen, denn obgleich wir ihm zutrauen, daß er seinen Goethe aufmerksam gelesen habe, so riete er doch vielleicht auf »Hermann und Dorothea«, auf die »Wahlverwandtschaften« oder ein anderes naturschilderndes Werk des Dichters und verfiele eher auf die Novelle »Wer ist der Verräter?« als auf die namenlose, welche das 15. Bändchen der Ausgabe letzter Hand enthält. Mit dieser noch nicht genug gewürdigten Erfindung hat sich der Dichter viele Jahre lang getragen. Die Idee dazu faßte er bald nach Vollendung seines »Hermann«, wie aus dem Briefwechsel mit Schiller hervorgeht. Er zweifelte aber, ob sich der Gegenstand mehr zur epischen oder zur lyrischen Behandlung eigne, ja einmal äußert er die Besorgnis, das eigentlich Interessante des Sujets möchte sich zuletzt gar in eine Ballade verflüchtigen. Schiller riet ihm zu gereimter, strophenweiser Behandlung. Später enthält der Briefwechsel kein Wort mehr über diese Angelegenheit. Vermutlich hat Goethe erst nach dem Tode seines Freundes den alten Plan wieder hervorgesucht, der sich ihm jetzt zur Novelle gestaltete. Diese spät gezeitigte Frucht des Goetheschen Lebensbaums ist eine der köstlichsten und süßesten. Mehr darüber zu sagen ist hier nicht der Ort; wenn wir aber den Beweis liefern sollen, daß Vaduz der gewählte Schauplatz sei, so müssen wir den Leser ersuchen, einen Blick in die Novelle zu werfen. Wir sehen einen Fürsten und eine Fürstin in einem Schloß residieren, das in einiger Höhe über dem Ort, jedoch tief unter den hohen Ruinen der alten Stammburg liegt. Der Ort wird zwar eine Stadt genannt, da doch Vaduz nicht viel mehr als ein Flecken ist; aber es fragt sich, ob der Dichter nicht Ursache hatte, in diesem einen Punkt, der vielleicht befremdet hätte, von der Wirklichkeit abzuweichen. Alles Übrige stimmt überein. »Der Weg«, heißt es ferner bei dem Lustritt nach der Stammburg, »führte zuerst am Fluß hinan, an einem zwar noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Wasser, das aber nach und nach als größter Strom seinen Namen behalten und ferne Länder belegen sollte.« Wer sieht nicht, daß der Rhein gemeint ist? Sigmaringen, das einzige Fürstentum, das die Donau durchfließt, hat keine Stammburg wie die geschilderte. Wenn aber der Rhein gemeint ist, so liegt kein anderes Fürstentum an dem noch schmalen, nur leichte Kähne tragenden Fluß.

Was ist aber hiermit für den Dichter oder für die Gegend gewonnen? Für den Dichter nichts, als daß wir sehen, wie er eine schöne, durch Natur und Geschichte verherrlichte Gegend in sich aufzunehmen und verschönert wieder hervorzuzaubern verstand. Für die Gegend viel, denn sie kann nur gewinnen, wenn wir sie mit den Augen des Dichters betrachten. Goethes eigentümliche Gabe zu landschaftlichen Schilderungen ist schon öfter bemerkt worden, ein geistreicher Franzose schreibt ihm deshalb ein panoramisches Talent zu; ein Ausdruck, an dem der Dichter seine Freude nicht verbergen konnte. Aber nirgends tritt dieses Talent außer in »Hermann und Dorothea« glänzender hervor als in der fraglichen Novelle. Wie anschaulich wird uns z. B. die alte Stammburg geschildert. Doch wir widerstehen der Versuchung, die Stelle mitzuteilen.

(aus Karl Simrock: Der Rhein)

Simrock über den Rheinfall

Der Große Laufen

Der Rheinfall bei Schaffhausen hat nicht nur den Namen dieser Stadt in aller Welt berühmt gemacht, sondern er ist es eigentlich, dem sie Entstehung und Blüte verdankt. Dies geschah nicht etwa durch den Besuch der Fremden, welche ein so einzigartiges Naturschauspiel zu betrachten zahlreich herbeieilen – obwohl auch diese nicht ganz unbedeutend dazu beitragen mögen –, sondern durch das natürliche Stapelrecht, das der Rheinfall zugunsten der Stadt, besser, als es ein kaiserliches Privilegium vermöchte, begründet hat. Da kein Schiff, ohne in tausend Stücke zu zertrümmern, den Rheinfall hinab kann, so müssen alle Güter, die aus dem Bodensee usw. hierhergelangen, oberhalb Schaffhausen ausgeladen, auf der Achse durch die Stadt geführt und unterhalb des Wasserfalls wieder an Bord genommen werden. Die großen Schiffe fahren daher nur bis nach Schaffhausen; kleinere, aus leichten Tannendielen – sogenannte Lauertannen – gezimmerte, werden wie ihre Ladung durch die Stadt, am Wasserfall vorbeigetragen und unterhalb desselben wieder auf den Strom gesetzt. Vermutlich lag hierin der Grund der ersten Ansiedlung, aus der Schaffhausen, dessen Name auch von Schiff oder dem lateinischen Scapha abgeleitet wird, hervorging. Dabei könnte aber befremden, daß Schaffhausen eine gute Stunde oberhalb des Wasserfalls liegt; deshalb müssen wir des Umstands gedenken, daß schon vor der Stadt die Schiffahrt durch einen Felsendamm gehemmt wird, der bei niederem Wasserstand sichtbar hervorragt. Er besteht, gleich der Felswand und den Felszacken des Wasserfalls, aus Kalksteinen, was den Zusammenhang beider Steinmassen mit dem hier auslaufenden Juragebirge bestätigt. Die Volkssprache nennt die Felsen des Damms die Lächen.

Bei Schaffhausen hört man den Rheinfall schon toben und brausen. Er befindet sich aber erst bei dem Züricher Schlößchen Laufen, das auf der linken Rheinseite auf einem hohen Felsen liegt. Dieser bildete wohl einst mit dem Steindamm, den hier der Rhein zu durchbrechen hatte, eine fortlaufende Bergwand, von der die Felsblöcke, die sich jetzt mitten im Strom dem Sturz entgegenstemmen, nur Überbleibsel sind.
Die Tiefe der Felswand, die sich der Rhein herabzustürzen hat, beträgt etwa siebzig bis achtzig Fuß. Aber eben da er den Anlauf zum Hinabspringen nimmt, stemmen sich ihm drei (früher fünf) Felsblöcke entgegen, welche aus der Wand emporragen. Einer derselben wird ganz überströmt, die übrigen nur bei dem höchsten Wasserstand. Der überströmte Felsen ist dem Schloß Laufen am nächsten, an dessen Fuß das Gerüst Fischenz, ein hölzerner, balkonartiger Vorbau über dem Abgrund, die vorteilhafteste Stellung gewährt, um den ganzen vollen Eindruck des erhabenen Schauspiels mit einem Mal zu gewinnen.

Schon oberhalb des Sturzes mußte sich der Strom in ein enges Felsenbett zwängen lassen, aus dem zahllose Klippen empor starrten. Darüber schäumend vor Unmut, gelangt er mit starkem Gefälle in die Nähe der Felszacken, wo der Boden schon unter ihm weicht und der Fall, obwohl erst allmählich, beginnt. In gewaltsamer Eile schießt er gegen die Felsblöcke hinab, an denen sein Fall sich bricht, der erst jetzt eigentlich geschehen soll. Beim Anprall gegen die Felsen zerstäubt ein Teil des Wassers und steigt als dichte Nebelwolke in die Höhe, ein anderer bildet siedende, schäumende Gischt, ein dritter wälzt sich in großen Massen über den Felsen und gelangt hinab in den Kessel, wo das Sieden, Schäumen und Strudeln von neuem anhebt. Denkt man sich dies in der größten Geschwindigkeit hintereinander und zugleich nebeneinander, da ein Teil des Wassers schon im Kessel zischt und brandet, wenn der andere erst gegen die Felsen prallt und über sie hinausspritzt; denkt man sich dieses Schauspiel bei jedem der Felsblöcke mit der Abänderung wiederholt, daß nur der erste Felsen überströmt wird, und läßt man dann die Sonne sich entschleiern, um den mannigfaltigsten, herrlichsten Farbenwechsel hervorzubringen, indem sie die vom Wind gekräuselten Säume des Schaums vergoldet, den Wasserspiegel mit Glanz überstrahle und im aufsteigenden, schnell bewegten Dunst den flüchtigen Regenbogen hervorzaubert, dessen Oberes von der Luft hin und her getrieben, vom neu aufwallenden Nebel verwischt und doch gleich wieder neu erzeugt wird, während der Fuß ruhig und unbeweglich in Gischt und Schaum des Kessels steht – faßt man dies alles in eine Vorstellung zusammen, so hat man ein schwaches Bild dessen, was an dem Phänomen sichtbar ist. Auf das Ohr wirkt gleichzeitig das ungeheuere Donnergetöse des Sturzes so gewaltsam, daß man es in stiller Nacht auf zwei Meilen weit hört, in der Nähe aber niemand sein eigenes Wort vernimmt. Auch dem Gefühl macht es sich durch die Lufterschütterung und den Staubregen bemerkbar, der den Zuschauer in kurzer Zeit durchnäßt, wenn er sich dem Anblick zu unbedachtsam hingibt.
Vom Gerüst Fischenz kann man die dem anderen Ufer näher liegenden Fälle nicht deutlich erblicken, deswegen begibt man sich wohl nach einem in der Nähe des Schlosses stehenden Pavillon oder fährt nach dem jenseits liegenden Schlößchen Wörth, das auch das schaffhausische Laufen genannt wird, wo man sich der Mitte des Falls gerade gegenüber befindet, obwohl schon in zu großer Entfernung. Noch ungünstiger ist der Standpunkt bei den Neuhauser Mühlen auf dem rechten Ufer, wo sich alles verkürzt und der kleinere Sturz den größeren verdeckt. Hat man nun noch die Neuhauser Höhe besucht, wo man eine Übersicht der ganzen Gegend gewinnt, so wird man sich wieder hinübergezogen fühlen, um den unvergleichlichen Anblick, der nur auf dem Gerüst Fischenz ganz genossen werden kann, noch einmal zu erleben; es wäre denn, daß man für diesmal auf der Schaffhauser Seite zurückzukehren gedächte, um bei anderer Stimmung oder Beleuchtung, z. B. bei Nacht und Mondenschein, das erhabene Naturschauspiel sich noch einmal aufführen zu lassen.

In einer im Jahre 1797 niedergeschriebenen skizzenhaften Beschreibung des Rheinfalls bemerkt Goethe, das Wunderbarste daran seien ihm die Felsen, welche sich in dessen Mitte so lange hielten, da sie doch vermutlich von derselben Gebirgsart seien wie der klüftige Kalkstein, der die Felsen beider Ufer bilde. Allein seitdem sind in diesem Jahrhundert zwei der fünf Felsen im Strombett zusammengestürzt, welche weder die ersten gewesen sein mögen, noch die letzten bleiben werden. Bedenkt man, daß schon ein Tropfen durch öfteres Niederfallen einen Stein höhlt, wieviel größer muß die Wirkung eines ganzen Stroms in Jahrtausenden sein? Wenden wir dies auf Vergangenheit und Zukunft an, so wird sich dort eine Zeit ergeben, wo die jetzt durchbrochenen Felsen des Strombetts mit jenen der Ufer dem Rhein einen Damm entgegensetzten, den er nicht sogleich bewältigen konnte, wodurch vielleicht die Ausbildung der beiden großen Seehecken begünstigt wurde. Das vorschauende Janusantlitz blickt hingegen auf das gerade Widerspiel, auf ein vollkommen ausgewaschenes, von allem Widerstand gesäubertes Strombett, in dem der Rhein ruhig hinwandelt, leichte Kähne wie die stolzen Dampf- und Segelschiffe auf dem glatten Rücken tragend. Daher ist dem schaulustigen Leser, der den größten Wasserfall Europas noch nicht gesehen hat, allen Ernstes zu raten, den Besuch desselben nicht allzulange hinauszuschieben: nach tausend Jahren fände er vielleicht die Stelle, wo er einst schaute, nicht wieder auf.

Der Rheinfall wird im Munde des Volkes jener Gegend nicht anders als der Laufen, und zwar der Große Laufen, genannt, wenn man ihn von dem Kleinen Laufen, einem zweiten, nicht so bedeutenden Fall des Rheins, der sich weiter unten bei Laufenburg befindet, unterscheiden will. Die beiden Laufen genannten Schlößchen und jenes Laufenburg führen ihren Namen ohne Zweifel erst von den entsprechenden Wasserfällen, wie auch das leberbergische Städtchen Lauffen von dem schönen Fall der Birs benannt ist. Gewöhnlich findet man die umgekehrte Angabe; selbst Glutz-Blotzheim sagt, zuweilen trage der Rheinfall den Namen des Schlosses. Ob der Name Laufen deutsch oder keltisch sei, ist schwer zu sagen; mit dem deutschen Zeitwort »laufen« hat er aber wohl nichts zu schaffen. Eher möchte man einen Zusammenhang mit Lawine vermuten, da das althochdeutsche louuin, von dem dieses Wort abgeleitet wird, einen Gießbach bedeutet.

Schaffhausen selbst ist als Geburtsstadt Johannes von Müllers berühmt. In seinem Münster hängt die große, 1486 gegossene Glocke, welche die aus Schillers Gedicht berühmte Umschrift führt: »Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.« Was der sogenannte große Gott von Schaffhausen, der nach dem rheinischen Antiquarius 22 Fuß lang war, eigentlich für ein Heiliger gewesen ist, wird vielleicht noch auszumitteln sein. Der gleich benannte Schweizer Kanton, der einzige, der nach Graubünden noch auf der rechten Rheinseite liegt, bildet gleichsam den Brückenkopf zwischen Deutschland und der Schweiz. Um so weniger dürfen wir die merkwürdige Brücke vergessen, welche ehemals die Stadt mit dem jenseits liegenden Züricher Flecken Feuerthalen verband. Diese Brücke, meldet Eichhof, war zwar nur aus Holz, aber ein Meisterstück in ihrer Art, ein Hängewerk, das, außer an den Ufern, nur auf einem einzigen Pfeiler ruhte oder vielmehr auch auf diesem nicht einmal ruhte, wenigstens ist darüber gestritten worden. Man behauptet nämlich, des Künstlers Plan wäre gewesen, nur einen einzigen Bogen über den Fluß zu legen; da er aber von der Stadtobrigkeit angewiesen worden war, sich jenes von einer ehemaligen steinernen Brücke noch vorhandenen Pfeilers zu bedienen, so hätte er zum Schein dem Befehl sich gefügt, aber seine Baueinrichtungen auf eine Art gemacht, daß in der Tat gleichwohl kein Teil durch denselben getragen worden sei. Dieser Künstler war nur ein gewöhnlicher Zimmermann von Tuffen im Kanton Appenzell, Hans Ulrich Grubenmann mit Namen, und man muß gestehen, daß in dieser Hinsicht, auch angenommen, daß durch den gedachten Pfeiler wirklich zwei Bogen entstanden wären, die Brücke dennoch Bewunderung verdient hätte, denn immerhin wären, da diese in ihrer Ausdehnung 364 englische Fuß betrug, auf die Öffnungen der beiden Bögen folgende Maße gekommen: auf die des größten 193 und auf die des kleinsten 171 Fuß. Ein einzelner Fußgänger, der über dieselbe hinschritt, fühlte das Gerippe unter seinen Füßen zittern, und dennoch trug sie schwerbeladene Lastwagen wie jede andere. Ihr Bau, der von 1754 an in drei Jahren vollendet wurde, hatte über 60 000 Reichstaler gekostet; ein einziger Tag vernichtete sie, da sie in dem Krieg zwischen Österreich und Frankreich zu Anfang dieses Jahrhunderts bei einem Rückzug der Franzosen in Brand gesteckt wurde.

Die mündliche Sage behauptet, die alten Alemannen hätten am Rheinfall Pferdeopfer dargebracht. Wem könnten diese gegolten haben als dem Stromgott, der sich hier gewaltiger als irgendwo zeigt? Auch ein Volkslied, das am ganzen Rhein, von den Quellen bis zur Mündung, gesungen wird, spielt in dieser Gegend. Einzelne Strophen desselben haben sich nur in niederländischen Mundarten erhalten. Erfreut, die Einförmigkeit des prosaischen Vortrags mit diesem schönen Lied unterbrechen zu können, teilen wir es hier so vollständig mit, wie es sonst nirgends gefunden wird.

(aus Karl Simrock: Der Rhein – das darin enthaltene Lied vom Zimmergesell sparen wir an dieser Stelle aus.)