Monatsarchiv für Oktober 2015

 
 

Presserückschau (Oktober 2015)

Mutmaßliche Verseuchungen des Rheins mit Industriestoffen und umgehende Dementi der angeblichen Verursacher dominierten die Rhein-Schlagzeilen des ersten Monatsdrittels: berichtet wurde u.a. von Einleitungen der Chemikalien Pyrazol bei Dormagen und PFT (Perfluorierte Tenside) bei Düsseldorf, desweiteren von einer großflächigen Ölverschmutzung bei Basel. Weitere Einzelheiten unterschlagen wir an dieser Stelle und gehen über zu den bemerkenswertesten Meldungen des Oktobers:

1
Die Bedeutung des Rheins für Köln beleuchtet der Kölner Stadt-Anzeiger. 600 Schiffe, bis zu 135 Meter lang und 17 Meter breit, passieren täglich die deutsch-niederländische Grenze und etablieren den Fluß als eminente Handelsroute: “Die Bedeutung des Rheins und der Binnenschifffahrt dürfte sogar weiter wachsen. Denn die „Zara“-Häfen (Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam, Amsterdam) werden derzeit kräftig ausgebaut. Was in den belgischen und niederländischen Seehäfen ankommt, wird dort umgeschlagen und oft auf Rheinschiffen nach Deutschland transportiert – und umgekehrt. Der Warenverkehr zwischen Holland und Deutschland gehört mit einem Umfang von jährlich 160 Milliarden Euro zu den größten Handelsvolumina in der Welt.” Die NRW-Binnenhäfen erreichen dabei gemeinsam nahezu das Umschlagsvolumen des Hamburger Seehafens. Als Transportweg nehmen die Wasserstraßen in Deutschland bisher hinter Straße und Schiene den dritten Rang ein: “Trotz einiger aufsehenerregender Havarien gehört das Binnenschiff zu den sichersten Transportmitteln. Fast ein Viertel der darauf im ersten Halbjahr 2015 beförderten Güter fiel deshalb in den Bereich Gefahrgut wie Benzin, Heizöl, Methanol, Säuren, Ammoniak. Am häufigsten verschifft werden auf dem Rhein aber Erze, Steine und Erden. Es folgen Kokerei- und Mineralölerzeugnisse sowie Kohle, Rohöl, Gas und chemische Produkte. Ford lässt per Schiff Neuwagen ins Ausland verfrachten.”

2
“Weil er Phosphor mit Bernstein verwechselt hat, erlitt ein Mann in Neuss schwere Verbrennungen. (…) Am Rhein fand er einen tischtennisball-großen, feuchten Gegenstand. Diesen hielt er nach eigener Aussage für Bernstein. Der Mann nahm den vermeintlichen Bernstein laut Feuerwehr Neuss in seiner Hosentasche mit. Als er im Auto bereits auf dem Weg nach Hause war, entzündete sich die Kugel. Der Rentner erlitt schwere Verbrennungen am Oberschenkel sowie an Hand und Arm. Mit einem Rettungshubschrauber wurde er in eine Spezialklinik für Verbrennungen nach Köln-Merheim geflogen.” In Neuss handelte es sich um den ersten bekannt gewordenen Phosphorfund. Insgesamt sei der hochgiftige und entzündliche Weiße Phosphor, der von Bernstein optisch nicht zu unterscheiden sei, am Rhein extrem selten. Bisher gefundenes Material stamme aus durchgerosteten Fliegerbomben. Weitaus häufiger tauchten komplette Kampfmittel in Flußnähe auf, berichtet die WAZ.

3
Ein ungewöhnlicher Todesfall beschäftigt die Kölner Polizei zur Monatsmitte. Auf der Zoobrücke hatte sich ein Auffahrunfall mit Blechschaden ereignet: “Als Polizisten hinzukamen, sicherten sie die Unfallstelle ab und sprachen mit dem Seat-Fahrer. Der 39-Jährige sei langsam zum Brückengeländer gegangen, plötzlich über die Brüstung gestiegen und hinunter gesprungen. Er war sofort tot. Es gebe nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Mann sich womöglich einer Polizeikontrolle entziehen wollte, berichtete ein Ermittler. Im Polizeicomputer habe der Kölner keinen einzigen Eintrag gehabt.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

4
Eine mysteriöse Autofahrt in den Rhein bei Urmitz vermeldet das Netzportal Arcor: “Zeugen hatten (…) beobachtet, wie nahe der ehemaligen Nato-Rampe auf Höhe des Atomkraftwerks ein Wagen in den Rhein fuhr, abgetrieben wurde und unterging.” Das von Rettungskräften geborgene Vehikel wies keinen Insassen auf.

5
Rheinapplizierte Mietvehikel meldet die Kölner Lokalpresse (Express, Xtra): “Fahrradfahren macht fit, man ist an der frischen Luft – und landet manchmal im Rhein! Das versicherte uns zumindest die KVB-App (…): Einige Meter nördlich von der Mülheimer Brücke stand laut KVB-App ein Leihrad im Rhein. Seit Mai bietet die KVB einen Leihrad-Service für die Stadt an. Einloggen, losradeln und einfach am Ende seiner Tour irgendwo in Köln abstellen. Per GPS lassen sich die Räder orten, auf einer interaktiven Karte kann man nach Rädern in seiner Umgebung suchen.” Für die “im Rhein” abgestellten Mieträder ist die fehlerhafte GPS-Ortung des KVB-Systems verantwortlich, welche Standorte ungenau, im berichteten Fall um 150 Meter verschoben, angibt. Die KVB sind in Köln allerdings nicht die einzigen Anbieter mit feherhafter Ortung. Auch Mietautos der Firma DriveNow wurden potentiellen Abholern auf Smartfone-Apps schon als “im Rhein parkend” angegeben.

Wuppermündung

Trockengefallene Wupper kurz vor der Mündung in Leverkusen

Über die Wuppermündung führt eine Schiffsbrücke. Sie besteht aus drei mit Stegen verbundenen Schiffen, einem Rheinklipper (Frachtsegler), einem Aalschokker und einer Tjalk mit den Namen Einigkeit, Recht und Freiheit. Bei unserem Besuch war die Brücke, die auch ein Café beherbergt, geschlossen. Das Wupperbett ließ sich auf beiden Brückenseiten zu Fuß queren.

Ausblick von der Wupper auf den Rhein, dessen Wasser in die Mündung drückt

Auf den Spuren Willy Brandts (7)

Der Willy-Brandt-Ring in Leverkusen ist die bisher mächtigste nach Willy Brandt benannte Straße, die wir für diese Serie aufsuchten. Gleichwohl vermittelt auch sie vor allem den Eindruck gehöriger Tristesse. Sie zweigt ab von der Carl-Duisberg-Straße, die an den Chemiker und späteren Industriellen erinnert, der maßgeblich am Umzug der Firma Bayer von Elberfeld an den Rhein beteiligt war.
Der schnurgerade “Ring” verbindet den Chempark (ehemals: Bayerwerke) mit dem Stadtteil Schlebusch.
Die in beide Richtungen doppel- bis dreispurige, stark befahrene Straße wird von Alleebäumen und einzelnen Gewerbebetrieben gesäumt.
So entführt sie, für den vom Chempark sich Fortbewegenden, die zentrale Unansehnlichkeit Leverkusens unter urbaner Natureskorte in die Periferie.

Unternehmensberater-Witz

Vor einiger Zeit verabredete eine deutsche Firma ein jährliches Wettrudern gegen eine japanische Firma, das mit einem Achter auf dem Rhein ausgetragen wurde. Beide Mannschaften trainierten lange und hart, um ihre höchste Leistungsstufe zu erreichen. Als der große Tag kam, waren beide Teams topfit, die Ruderboote auf Hochglanz poliert, doch die Japaner gewannen das Wettrennen mit einem Vorsprung von einem Kilometer.

Nach dieser Niederlage war das deutsche Team sehr betroffen und die Moral auf dem Tiefpunkt. Das obere Management entschied, dass der Grund für die vernichtende Niederlage unbedingt herausgefunden werden müsste. Eine interne Projektgruppe aus Fachleuten verschiedener Abteilungen des deutschen Konzerns wurde eingesetzt, um das Problem eingehend zu untersuchen und geeignete Maßnahmen zu empfehlen. Nach langen Workshops, Meetings, Ist-Analysen, etc. fand man heraus:

- bei den Japanern ruderten acht Leute und ein Mann steuerte
- im deutschen Team ruderte ein Mann und acht Leute steuerten

Um Abhilfe für diesen strukturellen Unterschied zwischen den beiden Teams zu organisieren, reagierte das oberste Management umgehend und engagierte nach einer Klausurtagung in Bad Homburg sofort einige renommierte Unternehmensberater.

Deren Projektauftrag bestand darin, einen Plan für eine gewinnbringende Veränderung innerhalb des deutschen Teams zu entwickeln. Nach einigen Monaten und zahllosen Interviews (hauptsächlich mit den Steuerleuten), sowie beträchtlichen Kosten präsentierten die Berater dem Management eine kostenneutrale Entscheidungsvorlage. Das Management nahm den Vorschlag ohne zu zögern an, um seine Bereitschaft zu kompromisslosen und klaren Entscheidungen zu demonstrieren. Es gab jetzt

- vier Steuerleute
- zwei Obersteuerleute
- zwei Steuerdirektoren
- und einen Ruderer

Außerdem wurde für den Ruderer ein striktes Leistungsbewertungssystem eingeführt, um ihn besser zu motivieren: “Wir müssen seinen Aufgabenbereich erweitern und ihm mehr Verantwortung geben”.

Der Aufsichtsrat des Konzerns gewährte dem obersten Management für seine außergewöhnlichen Anstrengungen eine Zusatzprämie.

Im nächsten Jahr gewannen die Japaner mit einem Vorsprung von zwei Kilometern. Das Management reagierte prompt und entließ den Ruderer wegen schlechter Leistungen. Der Beraterfirma wurde ein Lob ausgesprochen und das eingesparte Geld wurde dem oberen Management als Bonus ausbezahlt. Ein zwischenzeitlich vom Ruderer eingereichter Verbesserungsvorschlag, das Boot mit acht Ruderern und einem Steuermann zu besetzen wurde abgelehnt. Begründung: Das Boot kann zwar dadurch schneller bewegt werden, jedoch fehlt das richtungsweisende Management der Steuerleute, wodurch das Eintreffen des Bootes am Ziel als unwahrscheinlich gilt.

Leuchttürme des Rheins: die Loreley

Kaum hat der wackere Binnenschiffer die abstrakten Refugien verlassen, so wartet schon eine neue Gefahr: da, wo der mächtige Fluss zwischen dichtandrängenden Hügeln stromt, in Nähe altillustrer Weinbauorte wie Alzey, Boppard, Rüdenheim, St. Kröver, St. Sense, Miesbach, Übelau und wie sie alle heißen mögen – lauert ein mächtiges Untier, nicht unähnlich wie in den Gesängen der Odyssee überliefert, Scylla und Charybdis mögen genannt sein.
Schlichte Gemüter berichten von einer wunderschönen jungen Frau, die auf einem Felsen am Strome sitzend sich die blonden Haare richtet, unter betörenden Gesängen und besonders betörend: außer ihrem Haar trüge sie nichts, so will der Volksmund wissen.
Aber nur die wirklich armen im Geiste bleiben an der äußeren Erscheinung der Phänomene haften.
In Wirklichkeit handelt es sich um eine arglistige Täuschung: an eine junge Frau erinnert die Erscheinung nur von weitem (und für Kurzsichtige!), es handelt sich um die – zugegebenermaßen entfernt frauenähnlich wirkende – Endverdickung eines ungeheuren Krakententakels, mag sein, die Evolution hat hier ihre nimmermüden Finger im Spiel – Stichwort: Mimikry etc. – und der anthropophage Krake hat sich im Lauf der Zeiten etwas für die Jagd nach seiner bevorzugten Beute ausgedacht –
Wie dem auch sei – das ungeheure Untier haust in der Mitte des Stromes und gewisse Individuuen in den Schankstuben der angrenzenden Ortschaften schwören Stein und Bein, der gewaltige Krake verspeise nicht nur Menschen mit Haut und Haar, nein, er habe bereits, allerdings, das müsse eingeräumt werden, kleinere, Binnenschiffe verschlungen – zuletzt sei dies grausige Schicksal dem holländischen Kalkprahm „Dat nackichte Maisjen“ beschieden gewesen.
Angesichts dieser steten Drohung durch das monströse Unwesen errichtete man nahebei – kurz bevor der Schiffsverkehr diese kataklysmische Herausforderung passieren muss – einen mächtigen Leuchtturm, der allerdings keinen Lichtstrahl zu Navigationszwecken aussendet, sondern ein alarmierendes, hochfrequentes Dauerblinken, das zu Recht als Warnsignal aufgefasst werden soll.

(Vierzehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)

Auf den Spuren Willy Brandts (6)

Der Kölner Willy-Brandt-Platz liegt im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz. Die Wahl der Schäl Sick scheint die Theorie der allgemeinen Nachrangigkeit und Trostlosigkeit der nach Willy Brandt benannten öffentlichen Orte zu stützen.

Leicht ließe sich auf den Gedanken verfallen, daß der Deutzer Willy-Brandt-Platz mitnichten einen Platz darstellt: sein Straßenschild, verankert im Trottoir des Gotenrings, markiert einen unbestimmten Abschnitt mit angrenzenden Parkstreifen anstelle eines Platzes. Es dürfte eigentlich den Fußweg meinen, der den Gotenring mit der Lanxess Arena (vormals: Kölnarena) verbindet und zu

dessen rechter Seite eine konische Rasenfläche mit einem Platz tatsächlich verwechselt werden könnte, jedoch offenbar nicht wird, da der gepflegte Rasen, im Gegensatz zu seiner unmittelbaren Umgebung, völlig unbevölkert bleibt.

Bei näherem Betrachten erweist sich der aus Betonplatten bestehende Rundweg um die Arena, die aufgrund ihrer Bogenarchitektur den Volksnamen Henkelmännchen trägt, ebenfalls als Willy-Brandt-Platz; zusammengenommen ergibt seine Architektur aus der Luft gesehen einen Löffel, in dessen Vertiefung die Arena liegt. Um die Arena mit ihrer Kapazität von 20.000 Zuschauern herum stehen mobile Kaffee-, Wurst- und Bierbuden.

Die äußere Begrenzung des Rundwegs bilden massive Gebäudekomplexe. Darin befinden sich neben den städtischen Gewerbe- und Bauaufsichtsämtern einige Lädchen, in denen der Kunde sich enthaaren lassen oder betrinken kann. Der Komplex wird mit mehreren der in Köln zahlreichen Fälle politischer und behördlicher Unfähigkeit zum Nachteil der Bürgerschaft in Verbindung gebracht.

Leuchttürme des Rheins: die Wacht zu Worms

Man sagt, das Gebiet um Speyer, um Worms und wie all die altehrwürdigen Städte am Mittelstrom noch heißen mögen – da, wo das Nibelungenlied spielt und manche Sage aus unvordenklicher Zeit mehr – ist so lange schon Kulturland, dass es abstrakt werden musste.
In der Tat – folgt man dem großen Fluss nord-, also stromabwärts, so wird bald hinter Worms die Landschaft ungegenständlich.
Statt des gewohnten Bildes findet sich eine rein mathematische Landschaft. Linksrheinisch die mathematische Gleichung für „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“, es folgt der Graph der Differentialgleichung „großer, schiffbarer Fluss“, dann wieder, leicht alteriert, rechtsrheinisch, die schon bekannte Gleichung, „ebene Fläche, dann Hügellandschaft“.
Der unvoreingenommene Betrachter spürt angesichts des rein abstrakten Anblicks eine große Verlorenheit. Manche denken an „Landschaften“ wie sie z.B. der Film „Tron“ entworfen hat, andere behaupten, vor diesem Phänomen versage die menschliche Sprache gänzlich und verlegen sich auf das sattsam bekannte Zitat des Philosophen Wittgenstein: „was sich nicht sagen lässt – darüber muss man schweigen … !“
Der Schiffer muss sich der Passage durch die abstrakten Stromabschnitte mit großer Unerschrockenheit und grenzenlosem Gleichmut widmen.
Nach optischen Maßgaben zu navigieren ist völlig ausgeschlossen. Bei der nur mäßig bemerkenswerten Ortschaft Lampert – noch etwas südlich von Worms – steht der mächtige Leuchtturm „Gnadenbild des Heiligen Lambert und seinen Söhnen und Töchtern“. Es handelt sich bei ihm um eine rein geometrisch-nichteuklidische Konstruktion. Statt eines Lichtstrahla sendet er in Zahlen gefasste Koordinatengruppen.
Der Rheinschiffer muss eine gewisse mathematische Begabung aufweisen und traumwandlerisch die empfangenen Koordinatensätze in nautisches Handeln umsetzen.
Nicht immer gelingt dies – die mathematische Formel für „Schiffbruch“ liegt immer in der „Luft“.

(Dreizehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf)