Da wo nichts zu sehen ist, da ist der Fluß

Zum Sommerende erreicht uns Post von Marcel Crépon, den unsere regelmäßigen Leser kennen und wertschätzen. Wieder hatte es den französischen Brieffreund, der sich intensiv mit kaum beachteten Aspekten der deutsch-französischen Geschichte beschäftigt, an den Rhein verschlagen, ohne daß ein Treffen zustande kommen konnte. Hier sein Bericht:

“Liebes Rheinsein!

wir haben uns verpaßt. Als ich in der Nähe ihres Wohnortes weilte, waren Sie zu den Mayas verreist. Irgendwann wird sich bestimmt eine Gelegenheit finden, zu der wir uns doch werden treffen können. Viel habe ich Ihnen nicht mitzuteilen, außer dieser kleine Anekdote:

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Wenn Hugo, unter anderem, die Burg Olbrück besucht hat, so verliert er darüber keine Worte. So kam ich auf die Idee, mir selbst ein Bild zu machen. „Von oben sieht man den Rhein“, versprach mein Begleiter, als wir noch am Fuß des Hauptturms der Olbrück standen. Dann verschwand er durchs Eingangstor und nahm sich sportlich der engen Wendeltreppe an – ich, eine Belastungsdyspnoe fürchtend, in gemäßigterem Tempo. Auf der Plattform angelangt suchte ich vergeblich nach dem Fluß.

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Siedlungen, Felder, Wälder, Hügel, Vulkane, Golfplatz, Straßen und Autobahnbrücke rund um den Phonolithkegel waren leicht zu erkennen, doch ein Fluß? „Sehen Sie die Brücke?“ fragte mein Begleiter. Natürlich sah ich bis dort, blind war ich gewiß nicht, doch zu wissen wonach man sucht, bedeutet lange nicht, daß man es auch findet. „Da wo nichts zu sehen ist, da ist der Fluß.“ Und schon liefen wir die Treppe hinunter, deren Kurven mir eine Gleichgewichtsstörung verursachten, welche mich annehmen ließ, daß, was ich beim Blick in die Räume wahrnahm, dem Schwindelanfall zuzurechnen und als bloße optische Täuschung zu verzeichnen war: eine grün leuchtende Tischplatte, bewacht von zwei Rittern. Und stellen Sie sich vor:

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Der linke war ein Templer, an dessen Speer die Trikolore hing… Ich schloß kurz die Augen, schaute erneut: die französische Flagge hing immer noch am Speer. Hatten die Templer auch die Trikolore erfunden? Zwei der drei Farben trugen sie ja bereits selbst… vielleicht waren sie am Ende noch die Urheber der Revolution? Was aber hatten sie hier zu schaffen? Mein Begleiter erklärte mir, daß französische Truppen wahrscheinlich die Burg besetzt hatten, genau wie in früheren Zeiten die Templer, die übrigens eine Kommende in einer nahe liegenden Stadt (1) am Rheinufer besaßen. „Der Fluß, den man nicht sieht – aber sehen kann“, grinste ich. So liefen wir etwa zwei Kilometer zu Fuß, nahmen dann einen Bus und erreichten den Ort nach einer rund einstündigen Fahrt. Der Weg vom Bahnhof bis zur Tempelgasse wäre zügig bewältigt gewesen, wären wir nicht auf eine Straßenmalerin aufmerksam geworden. Sie saß auf einem wackligen Klappstuhl, vor ihr lagen kleine bunte Zeichnungen. Historische Porträts, den Titeln nach zu urteilen. (Da alle Stars bereits von der Pop Art vereinnahmt waren, zeichnete sie alte Drucke nach, die sie auf Flohmärkten fand.) Darunter ein Bildnis Hoches (2), mit der Inschrift:

französischer General in der Vendée
und am Rhein
gestorben im Jahr 1797

Die fehlende Interpunktion verwirrt mich etwas. Man hätte lesen können, Hoche sei General in der Vendée gewesen und am Rhein gestorben. Ich fragte die Künstlerin, ob dies tatsächlich der Fall sei. War es nicht, ließ man mich verstehen. Der Titel sagte: Hoche war Befehlshaber in der Vendée und am Rhein gewesen, ehe er etwa 100 Kilometer weiter östlich starb, also nachdem er mit seiner Armee den Rhein bei Neuwied überquert hatte. Nach alldem was auf dem Burg passiert war, mußte ich das Bildwerk kaufen.

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“Es ist ziemlich teuer”, bemerkte ich. – “Es ist historisch.” – “Gab es Filzstifte zur Zeit der Revolution, hatte sie vielleicht sogar den Filzstift erfunden?” – “Natürlich nicht, aber was wissen wir wirklich über ihre Wirkungen?” – Die Frage war berechtigt, gewiß, auch wenn ich sie vielleicht nicht richtig verstand. Ich zahlte und folgte meinem Begleiter zurück zum Bahnhof, denn inzwischen hatten wir den Templer völlig vergessen.

In Hochachtung und mit freundlichen Grüßen,

Ihr Marcel Crépon”

(1) Bad Breisig
(2) Nach: ”Hoche französischer General in der Vendée und am Rhein gestorben im Jahre 1797”: [Stich, Autor nicht identifiziert], Verleger: bey den Gebrüdern Klauber (Augsburg), 1797-1799


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