Monatsarchiv für September 2015

 
 

Rheingold (3)

Brennender Rhein


Von einem Schiffsunglück mit drei Toten (andere Quellen berichten von zwei Toten), zahlreichen Verletzten und zwei gesunkenen Schiffen an der deutsch-niederländischen Grenze bei Emmerich im Jahr 1960, bei dem wie anno Null der Rhein gebrannt hat, handelt dieser Kurzfilm der Polygoons Wereldnieuws, dem niederländischen Äquivalent zur deutschen Kino-Wochenschau, auf Youtube eingestellt vom Nederlands Instituut voor Beeld en Geluid (Institut für Bild und Ton) in Hilversum, das die Bild- und Schallausstrahlungen der öffentlich-rechtlichen Sender der Niederlande komplett archiviert. Das Unglück wurde seinerzeit als das schlimmste der gesamten Rheinschifffahrtsgeschichte betrachtet, insgesamt sollen ein Dutzend Schiffe kollidiert sein und zehn davon gebrannt haben.

Duisburg (2)

duisburg_rhein Zu den ausuferndsten unterirdischen Rheinpanoramen der Welt dürften diejenigen der U-Bahnstation Meiderich zählen

Auch oberirdisch kommt das Flußmotiv in Duisburg zur Geltung

Industrieanlage unter Leichentuchhimmel: Hochöfen der Kokerei Schwelgern

Die Pyramide von Duisburg samt Anschlußbügel für Fahrradtouristen

Urbane Kuh beim Spaziergang über die Dächer der Innenstadt

Lokales, lokalpatriotisches Schnellrestaurant

Filiale eines weiteren lokalen Schnellrestaurants

Innenhafen Duisburg

Schwanentor mit Landesarchiv: kein Schwan weit und breit

Am Innenhafen, der auf einem ehemaligen Rheinarm liegt, zieht sich am einen Ufer die historische Stadtmauer, am anderen eine massive Reihe mehrstöckiger neuer Gebäude entlang, nebst der Schwanentorbrücke, einer Hubbrücke, verbindet eine graziöse Fußgängerbrücke die Ufer. Gerade findet ein Volksfest statt, dessen Attraktionen (kleine Aktionszelte, Bratwurst- und Kibbelingstände) tausende Besucher, Familien, locken, dieweil die restliche Stadt an einem Sonntagmittag, mit Ausnahme muslimischer Nachbarschaften, an einem ausgewachsenen Kollektivkater zu laborieren scheint.

Direkt hinter dem WDR-Gebäude in einer Unterführung angepinselt: das WDR-Gebäude

WDR, Landesarchiv, Museen, Büros und wohl auch Wohneinheiten stehen auf einer Meile am Hafenbecken zusammengefaßt, in dem nurmehr Miniyachten ankern. Zentral gelegen, aufgewertet, steht der Innenhafen als Monument für Neuanfang, Kostenexplosion und Korruptionsverdacht. Als pflanzten sich die ehemals alleinherrschenden Industriebauten nun in klinischen Arbeits- und Freizeitklötzen fort.

Die Salvatorkirche bei einer gespreizten Spiegelübung

Wie die Mücke im Bernstein: ausgedienter Ladekran in Bürofassade

Waljagd im Duisburger Hafen

nowottny_waljagd ruhrort

Dramatische Jagdszene: im Mai diesen Jahres reinszenierte Michael Nowottny Vorkommnisse um den Beluga, der 1966 den Rhein besuchte, im Duisburger Hafen. Am Bug eines modernen Walfängers positioniert: ein antiquiert wirkender Bogenschütze, der an Harpunier Queequeg und Captain Ahab von der Pequod erinnert. Das Beiboot ähnelt dem Motorboot, auf dem Dr. Gewalt in James Bond-Manier mit Pistole posierte, bis er aus einem von Naturschützern eigens gemieteten Luftschiff mit Apfelsinen torpediert wurde. Der Luftangriff bleibt auf dem Foto ausgespart, die verfilmte und mit Soundtrack versehene Jagd wurde in der zweiten Maihälfte ab Sonnenuntergang auf dem Steuerhaus des Kohle-Schleppkahns Fendel 147 im Duisburger Schimanski-Viertel Ruhrort als Videoinstallation projiziert.

Moby Dick (3)

Moby Dick durchschwimmt die Unterführung am Duisburger Schwanentor. Ein straßenkünstlerischer Rückblick auf das Jahr 1966. Von den rheinischen Städten, die ein im Rhein verirrter Beluga seinerzeit passierte, pflegt insbesondere Duisburg die Erinnerung. Im Frühjahr hatte der Kölner Künstler Michael Nowottny eine Waljagd im Ruhrorter Hafen inszeniert. Der Duisburger Künstler Jörg Mazur widmet sich seit Jahren dem damaligen Walbesuch und hat neben mehreren Skulpturen eine Website erarbeitet, mit dem Ziel dem weißen Wal ein dauerhaftes Denkmal zu errichten.

Duisburg-Marxloh (2)

Bundesweit bekannt ist die 2008 im osmanischen Stil mit mehreren Rundkuppeln erbaute DITIB-Merkez-Moschee, die zu den größten Deutschlands zählt. Von der Landespolitik wird das Gotteshaus für seine “gute Integrationsarbeit” gelobt. Beim Fotografieren der Fassade ernten wir auf unseren Gruß nur desinteressierte bis abweisende Blicke der Männer im Hof. Eine Ecke weiter springt fröhlich eine Schar kleiner mit Kopftüchern bekleideter Mädchen herum. Das Kopftuch als Ausdruck muslimischer Identität ist im Viertel deutlich präsent.

34 Meter Höhe erreicht das Minarett. Das Ensemble rundet, mit weiteren architektonischen Highlights wie den Industriegebäuden und der katholischen Kirche, erstaunlich organisch das Reihenhaus-Einerlei des Viertels. Auf dem Innenhof der Moschee steht ein Koranvers auch auf Deutsch angekachelt, der von der Notwendigkeit rechtmäßigen Glaubens handelt.

Einige Moscheefenster spiegeln variantenreich den 75 Meter hohen Turm der kaum minder beachtenswerten katholischen Pfarrkirche St. Peter. Eine enorme Brachfläche dümpelt zwischen beiden Gotteshäusern. Dieweil die Glocken von St. Peter zum Gottesdienst schlagen, verzichtet die Moschee auf den öffentlichen Gebetsruf des Muezzins.

Duisburg-Marxloh

Die Duisburger Stadtbahnlinie 903 Richtung Dinslaken verläuft vom Hauptbahnhof wenige Stationen unterirdisch. Durch den U-Bahnhof Meiderich fließt, von chemischen Lichtern beschienen, auf riesigen Fotowänden der Rhein. Über Tage zurück  geraten wir auf eine der typischen langgestreckten Ruhrgebietsstraßen, die kaum mehr als ihre Eigenschaft als Fluchten zu bieten scheinen und lauschen einem Schwarzen Sheriff ohne Fremdsprachenkenntnisse bei seiner Belehrung einer Afrikanerin, die ihn auf Englisch um eine Auskunft bittet: “In Burumba sprechen Sie doch auch kein Deutsch. Wir sind hier allerdings nicht in Burumba, weswegen hier Deutsch gesprochen wird.” Auf den vorüberziehenden Mauern erscheint uns, wohl durch die wundersamen Sätze des Sicherheitsdienstlers ausgelöst, ein ungemaltes Gemälde vor Augen, “Der Mensch in seiner Widerwärtigkeit”, eine endlose, in den Himmel, das Schienennnetz und sämtliche anderen Richtungen wuchernde Hierarchieleiter voller Gestalten, die von unkontrollierten Zwängen gesteuert sich über ihre jeweils Nächsten erhaben fühlen. Die Haltestelle Pollmann markiert als Verkehrskreuz das Zentrum von Marxloh im Norden der Stadt. Wir stoßen auf eine exorbitante Brautmodenlädendichte, von der wir später erfahren, daß sie als Alleinstellungsmerkmal des augenscheinlich türkischen Stadtteils gilt: um die vierzig Brautmodenläden sollen in Marxloh existieren, nach einem guten Dutzend hatten wir das Zählen aufgegeben. Als “romantischste Straße” Deutschlands soll die Weseler Straße, von wem auch immer, betitelt werden, von der ein gerüschter Flash aus Gleißendweiß, Waldmeistergrün und Lachsrosa unsere Erinnerung durchzuckt.

Vermutlich das höchsthängende blaugetönte Hochzeitsfotoherz Deutschlands

Miniidyll: Pommes und Pelargonien

Duisburg in Duisburg: Straßenszene mit Lokalstolzsilhouette

Da und dort kleben “Made in Marxloh”-Sticker in der Gegend. Von No-go-Areas hatten wir kürzlich gehört und gelesen, an diesem Sonntagmittag ist davon nichts zu spüren. Stattdessen bettelt uns nach wenigen Schritten auf Marxloher Terrain ein Junge im Vorschulalter an. In geöffneten Fenstern lehnende Raucher dekorieren die lange nicht mehr gestrichenen Einheitsfassaden der Arbeitersiedlung, über die Werksschlote ragen. Seit der Stahlkrise ist den Arbeitern eine Menge Arbeit ausgegangen, die proletarische Grundierung geblieben. Der seit Jahrzehnten im Larven- bis experimentellen Entpuppungsstadium befindliche Strukturwandel ändert wenig an vergilbenden Straßenzügen, deren Tristesse weder unzählige Schaufenster voller Hochzeitskleider, noch die zahlreichen türkischen Restaurants aufzuheben vermögen. In einer Seitenstraße verkauft eine Frau Lebensmittel ab Kleintransporter, eine zutiefst provinzielle Szene mitten im Ballungsgebiet. Wir entdecken die eingerissene Scheibe eines Kiosks, die als Symbolbild für den angeblichen Niedergang des Viertels, das kaum je als blühendes bekannt war, in den Medien auftauchte. Auf einem Spielplatz mit Aussichtsterrasse auf die Kokerei Schwelgern spielt ein einziges Kind. Der Tag wirkt ein wenig verheult. Rauchende Mütter machen sich mit ihren Kleinen auf den Weg zum Bürgerfest am Innenhafen.

Rheingold – Gesichter eines Flusses

Den Dokumentationsfilm von Peter Bardehle und Lena Leonhardt hatten wir vergangenes Jahr im Kino verpaßt. Nun lief er auf Arte. Wie die als Vorbild dienende Doku Die Nordsee von oben wurde der Film mit einer Hubschrauber-Cineflexkamera gedreht, die gestochen scharfe Luftaufnahemn auch aus großer Entfernung ermöglicht. Entstanden sei “ein bildgewaltiger und poetischer Film, der viele unbekannte Gesichter des gewaltigen Flusses zeigt”, verlautbart das Senderinfo. Tatsächlich besteht die Stärke des Streifens in seinen Bildern. Wie in den meisten Rheindokus geht die Reise von den Alpen Richtung Nordsee. Bereits die Arte-Doku Der Rhein von oben hatte den Fluß aus der Vogelperspektive unter Einsatz von Cineflextechnik abgehandelt: viel Unbekanntes zeigt Rheingold – Gesichter eines Flusses dem regelmäßigen Betrachter der regelmäßig von öffentlich-rechtlichen Sendern produzierten Dokumentationen definitiv nicht. Am heimischen Screen entsteht immerhin der Eindruck, daß die Bilderfolge im Kino enorme Sogkraft entfalten dürfte.

tomaseeDer Tomasee aus Sicht der fliegenden Kamera

Dafür sollte dann allerdings der Text ausgeblendet bleiben. Vater Rhein schwadroniert nämlich persönlich (Sprecher: Ben Becker) von seinen Befindlichkeiten. Als Pendant werden historische und sonstige Infohäppchen (Sprecherin: Anne Moll) aus dem Off gereicht. Ben Beckers tiefe Stimme soll das historische Alter des Stroms repräsentieren und Bedeutungsschwere vermitteln. Während die Kamera die Alpenfalten von oben abfährt und beeindruckende Strukturen und Lichtverhältnisse freilegt, erklingt ein bisher unbekannter Schöpfungsmythos: “Vor langer Zeit hausten noch Wunderwesen in den Bergen. Es gab Riesen, deren Scheitel fast bis zur Sonne reichte. Sie wären verbrannt, wenn nicht unser aller Mutter, das Meer, ihnen Wind, Eis und Schnee geschickt hätte. Zum Dank sandten ihr die Riesen zwei Wassermänner mit einem Gruß. Die Berge rückten zur Seite. So wurde ich geboren.” Der altbackene Text, den Vater Rhein in selbstreflexiver Absicht vor sich hinmurmelt, klingt bis auf die zitierte, vermutlich selbstgestrickte Schöpfungspassage, ganz nach den üblichen Bauweisen der letzten rund hundert Rheindokumentationen. Auch von den zwischengeschalteten Informationen wirkte nahezu jede einzelne aus vorangegangenen Filmen bekannt.

sandozRoter Rhein: Archivmaterial zur Sandoz-Katastrofe

soldatenfriedhof im elsaßSoldatenfriedhof im Elsaß

Ein durchgehendes Erzählmotiv bildet Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner: Elektrizität als modernes Rheingold, die ehemaligen Fiebersümpfe im Kühkopf als mutmaßliche Schatzinsel des Nibelungenhorts, der Tagebaubetrieb Garzweiler als Symbol menschlicher Gier und Maßlosigkeit, der dereinst vom Rhein geschwemmt werden soll. Neben der weiblichen Off-Stimme beschäftigt sich auch die Filmmusik von Steffen Wick und Simon Detel in elektronischen Remixes mit dem monumentalen Wagner-Stoff. Als klassische Bilderoper taugt der Film trotz auch aus der Vogelperspektive längst bekannter Landstriche und Szenen in hohem Maße, die akustischen Komponenten begannen wir nach einer Viertelstunde zu verdrängen.

speyrer domBlick auf den Fluß und den Speyrer Dom

rotterdamer hafenVon Robotern errichtete und ständig umgeschichtete Containerstadt im Rotterdamer Hafen

Der Film ist bis zum 26. September 2015 in der Arte-Mediathek verfügbar und wird darüberhinaus am 02. Oktober 2015 um 8.55 Uhr wiederholt.

Gelangweilter Rhein

Von der Eisenbahnstation Sevelen zieht sich eine Viertelstunde lang eine grade Strasse bis zu der Rheinfähre hin. Fast kann man hier Mitleid haben mit dem Rhein, der, noch so nahe seiner „eiskristallenen Wiege“, gar nicht mehr den frischen Jugendmuth zeigt, sondern sich langweilt und träge durch Steingeröll und Sand hinzieht, wenn nicht dann und wann ein rascher Bergbach auf ihn zuspringt und ihn in Bewegung setzt.

Wir sind mit der Fähre ans rechte Rheinufer gekommen, wo ein uniformirter Zollwächter aus seinem Häuschen tritt, um uns anschaulich zu machen, dass wir in das Land der deutschen Ordnung und Vigilanz gekommen sind. Da er uns gleich als ganz harmlose Wanderer erkennt, so geht er in seine Bude zurück, wirft uns aber einen verdriesslichen Blick zu, denn wir haben ihn in seiner Ruhe gestört.

(Eduard Osenbrüggen: Wanderstudien aus der Schweiz, Schaffhausen 1871. Gefunden auf Doazmol, mit Dank an Karin Lehner.)

Nördlich von Stromkilometer 781

Auf ihrem Schienenstrom
schwanentorentlassen
gleitet und ruckelt die Straßenbahn 901
entlang den relativen Blickweiten
des duisport mit seinen
Überseecontainern, die für
Weite Welt stehen mögen,
jedenfalls für viel Arbeit
und weite Strecken.
Wie viele Fahrgäste mögen schon
gefragt haben, angesichts der
Haltestellenankündigung „Tausendfensterhaus“,
ob es wirklich tausend seien?
Wohl 510.
Trinkhallen nennen sich Verkaufshallen
und die Haltestellen Thyssen Tor 30
und Kokerei, mit den verbliebenen
imposanten Industrieanlagen
zugleich Reminiszenz an vergangene Jahrzehnte.
In Beeck vorbei an der Köpi-Brauerei
und dann der Thyssenverwaltung mit
ihren gepflegten Rasenflächen,
ändert
sich
wenig
weiter nördlich
abrupt
das Bild.
Reihen geschlossener Rolladen, staubbedeckt und spanholzplattenvernagelte Türen.
Falls Häuser sterben können, dann so.
Nördlich der Wilfriedstraße ist, so augenscheint`s,
wieder Leben.
Zahlreich sitzen Menschen im Freien auf dem Bordstein
und auf Stühlen vor Cafes,
vor einem sind eine Reihe Büro-Chefsessel
herausgestellt und lässig besessen.
Fahrgäste in der Straßenbahn:
„…im schönen Maaaxloh.“
„Am Dienstag kommt die Merkel.“
„Frau Merkel, kannze deine Zigeuna ma mitnehm?“
Beim Ausstieg Höhe Pollmann
drängen energiegeladene Jugendliche
in die Bahn, ohne den
aussteigen Wollenden
den üblichen Vortritt zu lassen.
Wer sieben Jahre nicht hier war
(zuletzt Zweitausendacht anlässlich der Eröffnung
der großen Moschee, was prächtig in Erinnerung ist
eingebettet in einen interessanten Stadtteil),
dem fällt die veränderte Optik mehrerer Straßenzüge auf.
Gleichgeblieben sind die eleganten Brautmodengeschäfte
mit ihren kunstvoll gestalteten Schaufensterdekorationen;
die türkischen Geschäftsleute kümmern sich;
auch duftet es nach über Holzkohle Gegrilltem aus
gehobener Gastronomie.
Gepflegte Gebäude, beispielsweise das Haus
Kaiser-Wilhelm-Str. Nr. 306, mit Arztpraxen (Architekt Bangert).
All dies scheint leuchtkräftiger
angesichts der sich entwickelt habenden Kontraste,
je staubiger und brettervernagelter manche Häuser
in der Umgebung.
Von der ruhigbeschaulichen Ecke Am Grillopark / Elsa-Brändström-Str.
mit villenähnlichen Häusern nur zwei
oder drei Straßen weiter scheint wie das
Eintreten in eine andere Welt.
So befindet sich eine Seitenstraße
der Kaiser-Wilhelm- , zwischen Wilfried- und Weseler Straße gelegen,
augenscheinlich in der Obhut einer oder mehrerer Großfamilien.
Ob einige Vans mit bulgarischen und rumänischen Kennzeichen
dazu gehören, lässt sich nur mutmaßen.
Der Passant fühlt sich, bei 18-Uhr-Tageslicht,
mehr als üblich von zahlreichen Augenpaaren aufmerksam beobachtet,
fast als bewege er sich auf der Grenzlinie zu einer Privatstraße.
Ebenfalls eine neutrale Beschreibung eines fast wertungsfreien Gedankens
ist die innere Bewusstwerdung, dass sich mit der Vorstellung
von Privatstraßen an sich keine darin verstreuten Pizzakartons
und Zeitungsknäuel verbinden.
Wie beginnt man ein Gedicht
über eine Stadt, die man mag
und ein Viertel, das entspannter
in Erinnerung ist?
Wie beginnt sich das Gedicht
über den Duisburger Norden?
Aujourd`hui tristesse?
Maskiert sich Poesie durch Ungeschminktheit?
Oder wäre das sich vertiefende Melancholie?
Wie würde es beginnen?
So?:
mutti merkelt in marxloh
man merkt montan aber nix
So wohl nicht. Oder doch?
Montan reimt sich auf spontan.
Kommt`s auf solche Gravitation an?
Das Marxloh Center unweit
Friedrich-Engels- Ecke Karl-Marx-Straße
wirkt ein wenig wie ein vor drei, vier Jahrzehnten
vergessenes und entsprechend angeblasstes Einkaufszentrum.
Gleichwohl dürfte der darin beheimatete
Discounter unseres Vertauens, A**i-Süd,
mit zu den Lebensmittelpunkten vor allem
der altangesessenen Einwohner älteren Semesters
zählen.
In Höhe der Haltestelle Wolfstraße
ein gemaltes Plakat: Die Kanzlerin
mit gezogenem Revolver und dem Slogan:
There is no alternative.
“Wat will die Anschela denn noch machen?
Kannste nix mehr machen“,
befindet eine junge Dame, hennarot,
etwas füllig, in schwarzem Jogginganzug,
an ihre Mutter gewandt.
„Die Einwanderer verstecken sich
eh alle, wenn die Anschela kommt,“
antwortet diese.
Not und Perspektivlosigkeit sind
genauso wie Verfolgung und Vertreibung
Gründe für Emigration und Immigration.
Durch den sachlich richtigen Begriff Einwanderung
hat die Mutter
diese soziale Komplexität benannt,
ob es ihr bewusst ist oder nicht.
Flucht endet nur durch den Wegfall von Fluchtursachen.
Das geschieht erst dann, wenn jegliche Waffenlieferungen
in Krisengebiete geächtet und tatsächlich gestoppt werden
und die Lebensgrundlagen dort wieder hergestellt werden
und sicher bleiben.
(Idealisten finden in Art. 26 Abs. 2 GG dazu Wesentliches gesagt.
In einer idealen Welt halten sich auch befreundete Nationen,
große wie kleine, daran.
Tatsächlich bedarf es einer starken UNO.)
Und was ist mit der Perspektive vor Ort?
Im sozialpastoralen Zentrum Petershof, so ist zu hören,
versorgen Mediziner kostenlos
Hunderte Menschen ohne Krankenversicherung.
Zum Straßenbild indessen gesellen sich davon unabhängig
chrombreitfelgig brummmotorende Benz- und BMW-Coupes
mit Kennzeichen eher der umliegenden Städte.
Wenige Straßenbahnminuten südlich
Ruhrort Bahnhof, scheint wiederum eine andere Welt.
„Tschuldigung, wo geht`s zum Hafenfest?“
„Da gehen Sie geradeaus und dann rechts“,
antwortet mit freundlichem Lächeln
eine der beiden angesprochenen älteren Duisburgerinnen
(wohnt man im Bergischen, erfreut solch
unkomplizierte Natürlichkeit stets aufs Neue).
Auf dem Weg zum Hafen erblickt sich hinter einem Bauzaun
ein Toilettenwagen. Das tut gut,
bei Tageslicht und in Ermangelung diskreter Bäumchen.
Der Toilettenwagen gehört zu einer
sich durch diese gute Fügung erschließende Entdeckung
in Gestalt der begehbaren Kunstinstallation „Nomanslanding“
im alten Eisenbahnhafen, dort im August 2015 temporär zu Gast.
Fahnen mit dem Zitat
„The art of living in the city as a work of art […] In other words
the future of art is not artistic but urban”, Henri Lefebvre
(sich später wikipediagooglend als 1901 geborener
Résistance-Kämpfer und Miturheber der
1968er Studentenunruhen herausstellend).
Sichtbar sind zwei silberfarbige Viertelkugeln
von mehreren Metern Höhe als zwei im Hafenbecken
schwimmende Inseln (auf Unterwasserschienen),
von der einen wie von der anderen Seite durch Stege
erreichbar.
Unter sphärischen Klängen schieben sich beide Teile,
in denen jeweils mehrere Teilnehmer sitzen,
zusammen,
woraus eine geschlossene Halbkugel entsteht.
Das führt – interpretiert – zu Geschlossenheit
in mehrdeutigem Sinn, da die durchs Zusammenschieben
entstandene Kuppel von schwarzen, sie in der Länge knapp überragenden
Zaunpfählen umgeben ist,
einerseits Schutz suggerierend,
andererseits Eingeschlossensein.
In den Himmel über den Eisenbahnhafen
stoßen indessen rotierend die stählernen beweglichen Arme
der spektakulären Fahrgeschäfte der nahen Kirmes,
bunt beleuchtet in der einsetzenden Dämmerung.
Entsprechend ziehen sie wesentlich mehr Publikum an,
das vom Aufenthalt Nomanslandings kaum Notiz nimmt.
Publikum aller Generationen bewegt sich
multinational und vielethnisch erscheinend
zum Großspektakel.
So auch eine größere Familie, welche,
Irrtum möglich, doch allem politisch korrekten Anschein nach
vermutlich Sinti oder Roma sind, und die
zu beschreiben sich im bestverstandenen Sinn lohnt:
mit entspanntem Selbstbewusstsein
in eleganter Festtagskleidung nehmen sie den Fußweg
in fast protokollarischer Reihenfolge ein
vornweg die Jungs, Prinzen fast,
dann die Herren,
dahinter – in einigem Abstand – Damen in schönen Gewändern
sowie ein junger Mann um die siebzehn, im Sakko,
ein edelstein- oder jedenfalls zirkonian-verziertes Smartphone
in der Hand, der fragt:
„Entschuldigung, ich brauche 50 Cent fürs Telefonieren. Haben Sie?“
Dreist?
Nun, bei sachlicher Betrachtung…geschäftstüchtig!
Trotz und gerade wegen des Kirmesrummels
ist der Augenblick günstig
einen der bemerkenswertesten optischen Eindrücke Duisburgs
zu würdigen, den Blick vom linksrheinisch gelegenen Homberg
über den Rhein auf Ruhrort zuflanierend, auf die dortigen
beiden rechtsrheinischen Brückentürme,
Relikte der 1945 gesprengten Vorgängerbrücke.
Die jetzige, nach Friedrich Ebert benannte Brücke wurde
1954 erbaut (möglicherweise noch aus Marshallplan-Mitteln?).
Beschaulicher als die große Kirmes im Hafen
zeigt sich eine Woche darauf
(zeitgeschichtlich fünf Tage nach der
Kanzlerin-und-Entourage-Stippvisite zu Marxloh)
das tradierte Volksfest in Beeck.
Vom Köpi-Ausschank fällt der Blick
auf das Kulturzentrum
Friedrich Ebert- Ecke Lehnhofstraße
und die dort laufende Leuchtschrift
„Der Islam verabscheut den Terror.“
An den Händen ihrer Eltern begeistern sich
die Jüngsten, Jahrgänge 2010plus,
an Zuckerwatte und Luftballons,
multilingual, kulturell vielfältig.
Eine Kellnerin zur anderen, hübsche Blonde beide,
in einer Zapfpause die Blicke auf
ihre jeweiligen Smartphones gesenkt,
„Jetzt verpass ich meinen Film, mein Film fängt grad an.“
„Welcher Film?“
„Der Tatort.“
Zur Lautsprechermelodie findet sich das
Glück im Zug nach Osnabrück
(Schlager hin oder her, hundertfach gehört,
man braucht es nicht zu mögen, aber der Refrain
von Andreas Zaron und Verena Rendtorff bleibt pfiffig
und war zu recht erfolgreich).
Kirmes in Beeck laut Emblem seit 1539,
einem Jahr, in dem der Blick auf die Thyssen-Industrieanlagen
noch für einige Jahrhunderte nicht vorstellbar war.
An der roten Ampel wummert der schwere Motor
eines tief liegenden BMW, in Bulgarien zugelassen,
aus dem lautstark GangstaRap, Musik zum Dampfablassen,
es mit den Volksfestgeräuschen aufzunehmen scheint.
Dann düsen quietschende Reifen von dannen.
Auf dem Beecker Marktplatz eine Live-Band.
Mittelalte Paare, die in ihrer Jugend
offenbar Tanzschulen besucht haben,
bewegen sich in erlernten Schritten tadellos zum Rhythmus.
Ebenfalls, der Musik in freien Schritten korrespondierend
und ihrem Bewegungsdrang Lauf lassend, einige Roma-Kinder.
Und, kein Klischee, zu welchem Song? „A-tem-los“.
Genau so isses, wahrhaftig.
Könnte klappen, ein jeder nach seiner Facon.
Beim Tanzen klappt es schon.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr)

Rheingold (2)

rheingold_otto yamamotoBierdeckel der Rheingold Breweries aus New York (Foto: Otto Yamamoto). Die Marke erlebte ihre Hochzeiten zwischen 1940 und 1960. Einer der prominentesten Rheingold-Trinker war einer der prominentesten Trinker überhaupt, Dean Martin, von dem der berühmte Satz “You’re not drunk if you can lie on the floor without holding on” stammen soll.
rheingold_dean martinDas Bild zeigt den Entertainer bei einer Fotosession in einer Golfclub-Umkleide. Die Anzeigenkampagne der Brauerei wurde in Zeitschriften geschaltet, der Slogan lautete: “Better than a hole in one!” says Dean Martin. Das Foto wurde uns zugesandt, die ursprüngliche Quelle ist uns nicht bekannt.

Wie sie, die Rheintöchter, ihm zuprosten, dem abstehenden Kopf!

dieter gräf_ideale rheinlandschaft_kl

„Ideale Rheinlandschaft“ ist ein Ausschnitt aus Dieter M. Gräfs Gedicht „Die Bewegung hat sich in die Geräte verlagert“ aus seinem Band “Rauschstudie: Vater + Sohn” (Frankfurt 1994), hier in einer überarbeiteten Version, mit freundlicher Genehmigung des Autors.