Eine ungewollte Schilderung des Rheinfalls (2)

Wer, mit Vermeidung der Ueberfart, doch die ganze Vorderseite des Rheinfalls zu überschauen wünschte, findet bei dem sogenannten Schlösli am Wörth die gelegenste Stelle, sein Verlangen zu befridigen. Auch nach der Ueberfart würde es schwer seyn, der Versuchung zu widerstehen, da nochmals den herrlichen Anblik zu erneuren, den ganzen Reichtum der empfangenen Bilder zu mustern, und von der einzigen, immer zu frühe aus dem Aug schwindenden Scene, Abschid zu nehmen.

Das nördliche Ufer des Rheins trit hier, wie eine kleine Halbinsel, hervor, die mit Tonnen und Schifgeräte übersäet ist, weil die von unten heraufkommende Schiffe da ausladen, den Zoll entrichten, und hinwiderum die abwärts bestimmte Schiffe von da auslaufen. Da ein Zolleinnehmer das gedachte Schlösli bewont, kan man von ihm Stüle, auch Erfrischungen erhalten, und sich mit aller Bequemlichkeit auf dem Wörth lagern, den ganzen Rheinfall im Gesicht, und die malerische Landschaft um ihn her.

Ehe der Rhein seinen grosen Sturz unternimmt, sieht man ihn über zwei breite aber flache Stufen hinschlüpfen; Im Sturz selbst bildet er eine vier- oder fünffache Cascade, die gröste zwischen dem Schlosberg und dem durchlöcherten Felsen, die zweite, welche aber nur bei sehr hohen Wassern statt findet, durch das Loch in diesem Felsen, die dritte zwischen ihm un dem kegelförmigen Felsen, die vierte zwischen diesem und einem breiten nidrigern Felsen, und eine kleinere und nidrigere zwischen dem letzteren und den Mülen am Fuß des Bergs, auf welchem Neuhausen ligt.

Das die Höhe des Falls von von Lauffen bis zur Müle immer abnimmt, zieht sich seine obere Fläche etwas schief herüber, und die nun ins Gesicht fallende Stellen erscheinen neben den am Schlosberg schon sichtbaren so nidrig, und in mehrere Absäze zerstükt, daß jene auch hier noch die Hauptrolle behaupten, obgleich die gewachsene Breite unläugbar beiträgt, die Ansehnlichkeit der Scene zu erhöhen. Die Vergleichung mit künstlichen Cascaden, und noch mehr mit den Giesbächen, die im innern der Alpen aus unermeslichen Höhen, als einzelne Wasserstralen, herabschiesen, sezt überhaupt das majestätische im Ausdruk eines Wasserfalls vornehmlich in die Menge des zugleich herabstürzenden Wassers.

Eine lebhafte Brandung am Gestade des Wörths begleitet mit hohlen Klagtönen das Murren des von seinem Fall noch erschütterten Stroms.

(Gottlieb K. Storr: Alpenreise vom Jahre 1781, Leipzig 1784)


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