Eine ungewollte Schilderung des Rheinfalls

Den Rheinfall darf ich nicht unberürt lassen, wenn ich gleich nicht versucht bin, ihn schildern zu wollen. Die entschidene Unmöglichkeit, dieses erste Schaustük der Vorderalpen durch Farben oder Griffel in ein Gemälde überzutragen, entfernt auch alle Hofnung, seinen Eindruk auf empfängliche Beobachter in einer Beschreibung mizutheilen. Die Würdigung der Ansehnlichkeit der Scene hängt überdas so sehr von der Stimmung des Zuschauers ab, daß ich dieser wol eben so vielen Einflus auf die Verschidenheit der Urtheile von der Höhe des Rheinfalls zuschreibe, als der veränderlichen Höhe des Stroms zu verschidenen Jahrszeiten, und der allmälichen Ernidrigung seines Betts, die doch unter dem Fall ohne Zweifel stärker fortschreiten mus, als über ihm. Solche äusere und innere Schwierigkeiten sind wol allen, die diese unerreichbare Erscheinung zu erwänen hatten, allzufülbar geworden, als daß wir eine Darstellung davon hätten erhalten können. Aus gleichen Gründen schränke ich mich auf eine kunstlose Erzälung meiner Umschreitung des Schauplazes ein, und folge der Reihe seiner einzelnen Auftritte, wie sie zu einer Zeit, da der Strom gros war, mir in die Augen fielen.

Jenseits des Rheins, kaum eine Stunde von Schafhausen, ligt das Dorf Lauffen im Züricher Gebiete. Der Weg dahin geht über die Rheinbrüke, und schlingt sich dann an Weinhügeln in die Höhe. Aus einem an der glüklichsten Stelle angebrachten Gartenhaus des Landvogts überschaut man die reizende Gegend: Schafhausen zeigt sich auf seiner vortheilhaftesten Seite am Fus einer Reihe fruchtbarer Berge, zwischen welchen und den gegenüberstehenden ein längliches Thal gefast ist; Dieses durchwandelt der gröste der Ströme Helvetiens, eine ansehnliche Streke lang, stät und ruhig, in stiller Grösse. So fliest er der Stadt zu und bringt schon zimlich beträchtliche Schiffe bis zur Gegend der Brüke. Dort fängt sein Bett an, ungleich zu werden, und mehr und mehr anwachsende Klippen machen ihn reisend und unsicher. Bald darauf wendet er sich zur linken, und immer klippenreicher wälzt er sich nun mit krausen Wellen herbei, deren reines Weis mit dem heiteren Wassergrün seiner ebneren Flächen aufs lieblichste absticht. Einige kleine Wasserfälle, die über nidrige, stufenweise übereinander ligende Felsstüke herbagleiten, machen gleichsam das Vorspiel der erhabnen Scene, die der Fall des ganzen Stroms hervorbringt, der nun, durch Verengung seines Betts geschwellt, und von einem steilen Absturz plözlich abgeschnitten, seine ungeheure Wassermasse zwischen einigen im Weg stehenden Felsspizen wütend hinabreist.

Diesen grosen Auftrit, so viel möglich, nahe zu kommen, steigt man über den Felsen, auf welchem das Schlos steht, zu einem hölzenen Gerüste hinab, das die Fische; genennt wird; Man hat da den Rand des Abschusses, der das Bett des Stroms abschneidet, über sich, unter sich den Abgrund, dem er entgegenstürzt, und blos das von seinem Fall erschütterte Gerüste zur Scheidewand; Der Standort könnte nicht gelegener gewält werden, den vollen Nachdruk der so ganz unmittelbar in ihrer anschauernden Grösse auf den Beobachter eindringenden Erscheinung zu empfangen. Der erste Blik dahin hat etwas mächtig ergreifendes: Das Bild eines einstürzenden, von grundlos scheinenden Tiefen verschlungenen, und, immer nachzustürzen, unerschöpflich erneuerten Wasserbergs, der Kampf des von unten auflochenden Abgrunds mit der abwärts treibenden Wasserlast, die sich erst in sich selbst zu rollen strebt, und dann, mit dem Getöse eines Sturms niederschleudert, in Schaum und Dunst zermalmt, wiederum aufsteigt, und feine Nebelstreifen bildet, die in weiten Bogen vom Wind entfürt werden, alles dieses überrascht mit einem unwillkürlichen Erstaunen, so nahe vor sich die drohendste, gewaltsamste Auftritte zu haben, ohne zugleich mit den unwiderstehlichen Wirbeln dieser allgemeinen Zerstörung dahin gerissen zu werden.

Als ich mir die Zusammensezung des grosen Schauspiels zu zergliedern anfing, unterschid ich zuerst, zwischen dem Schlosberg und dem gegenüberstehenden Hügel unter dem Dorfe Neuhausen, zwei an der Kante der Stufe aus dem schon überspringenden Wasser hervorragende Felsen. Diese geben dem Rheinfall, indem sie ihn in mehrere Güsse zerstüken, das Ansehen einer getheilten Cascade, welche von hier aus dreifach, wenn man ihn aber ganz im Gesichte hat, vier, bis fünffach erscheint.

Der stärkste Arm der Cascade ist zwischen dem Schlosberg und dem ihm zunächst stehenden Felsen; Auch ist hier die Höhe des Falls am grösten. Der Berg, auf welchem Lauffen steht, sezt dem Strom die meiste Gewalt entgegen; Desto heftiger arbeitet dieser wider ihn, und er ist wirklich, so weit ihn je die Flut des Rheins erreichen konnte, von ihr benagt und abgeschliffen. Sein überlegener Widerstand hemmt die Ausdehnung des Flusses in die Breite, und treibt ihn desto mehr in die Höhe. Ein hochaufschäumender Guß dringt unmittelbar an diesem Berg mit ausgezeichneter Heftigkeit hervor, dann folgt ein neben ihm eben scheinender nidrigerer Guß; Neben diesem wölbt sich widerum eine schaumige Welle, wahrscheinlich über dem Rest eines der Felsen, die ehmals in gröserer Anzal den Abschus besezten. Weiterhin zeigt sich widerum ein ebneter Stral, über welchem eine andere Welle an dem ersten der zuvorerwänten Felsen aufkocht. Die sonderbare Gestalt dieses Felsen, und das an ihm aufsprudelnde, und in krausen geschlängelten Wellen hoch an ihm aufklimmende, selbst durch ihn überspringende Wasser des Stroms vermehren das malerische dieser Ansicht. Der Fels ist meist kahl, hin und wider mit nidrigem Gesträuche besezt, und stellt, von dieser Seite her betrachtet, eine länglichte, ungleich gekrümmte, nach oben breitere, unterwärts abnehmende, und in einer länglichtrunden, gekrümmten Oefnung durchgrabene Tafel vor.

Der Abstand zwischen diesem und dem zweiten Felsen, der mehr kegelförmig ist mit einer gekrümmten Spize, beträgt kaum den dritten Theil des Raums zwischen dem Schlosberg und dem ersten Felsen; Auch kommt zwischen beiden Felsen nur ein einiger Guß hervor. Dieser zweite Fels begränzt die Aussicht über den Rheinfall von Lauffen aus, und entzieht dem Gesicht einen Theil seiner Breite; Das jenseits herabstürzende Wasser kommt hier nur am Fus des Absturzes einigermasen zum Vorschein. So weit der Weg des Stroms von seinem oberen Bette in das untere sich verfolgen läst, scheint er, so bald die Schwelle des ersteren überschritten ist, sich mit einer radänlichen Bewegung einwärts zu krümmen, sogleich aber, ehe diese noch vollendet ist, wirft er sich mit ganzer Macht in bogigen Güssen hinab. Ein schrökliches Getöse begleitet seinen Sturz, und Berge von Schaum steigen ihm aus dieser Tiefe entgegen.  Das untere und obere Wasser kocht so heftig untereinander, daß die Gränzen von beiden nicht wol bestimmt werden können, und daher auch die Höhe des Falls sich nicht mit Genauigkeit schäzen läst. Ein feiner Duft befeuchtet den Zuschauer auf der am Schlosberg angehefteten Büne, und sichtbare Dünste fliehen in bogigen Nebelstreifen nach fridlicheren Stellen des weiterhin sich besänftigenden Stroms. Den zitternden Dunst des meist in blendend weissen Schaum aufgelösten Wassers schmükt die Sonne mit lebhaften Regenbogen. Nach dem Fall gibt das erweiterte Beken des Stroms ihm Raum, sich auszudehnen; Allmälich verliert sich nun sein Ungestüm; Seine Schaumberge ernidrigen sich zu Wellen, welche endlich in eine leicht gekräuselte Fläche übergehen.

Die Gröse der Scene in ihrer ganzen Macht aufzufassen, bleibt der bisherige Standpunkt vor jedem andren vorzüglich, obgleich der Anblik von der Seite einige Stellen dem Auge entrükt. Um das ganze Schauspiel gerade im Gesicht zu haben, kan man sich dogleich von lauffen aus über den Flus sezen lassen; Indem man auf dieser Fart zwar in der Entfernung, die die Sicherheit erfordert, doch nach der ganzen Breite des Flusses, vorüberkommt, und sich gleichsam mit dem Element vermischt, welches hier eine solche Prachtscene feiert, erhält der Eindruk des am Schlosberg genommenen Anbliks seine Vollendung, und selbst eine neue Verstärkung.

(Gottlieb K. Storr: Alpenreise vom Jahre 1781, Leipzig 1784)


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