Von täuschenden Brückenbögen und wahren Standpunkten

Schaffhausen. Wirthshäuser: Krone. Schiff. Sehenswerth die Brücke über den Rhein, die von Hans Ulrich Grubenmann von Tüffen aus dem Kanton Appenzell in drey Jahren verfertigt wurde, während sein Bruder Iohann die zu Reichenau in Graubündten 240. Fuss lang in Einem Bogen baute. Die Schaffhauser Brücke ist ein Häng- oder Sprengwerk, 364. englische Fuss lang. Ulrich und Iohann Grubenmann behaupteten, diese Brücke stehe nicht auf dem Pfeiler; in einigen Reisebeschreibungen wird das Gegentheil gesagt. Viele Männer aus Schaffhausen, die stete Augenzeugen waren, haben mir versichert, dass die Brücke wirklich nicht auf dem in dem Rhein stehenden Pfeiler (der von der alten steinernen Brücke übrig geblieben ist,) ruhte, sich aber nach und nach darauf gesetzt hat; und ein grosser Baumeister hat behauptet, dass sie wahrscheinlich eingestürzt seyn würde, wenn der Pfeiler nicht da gewesen wäre. Vor wenigen Jahren musste sie mit vielen Kosten wieder hergestellt werden. Grubenmann behauptete auch immer, die Brücke bestehe aus Einem Bogen; er hat darinn vollkommen recht, wenn man inwendig auf der Brücke die Lage der Balken auf beyden Seiten betrachtet, die nur einen einzigen grossen Bogen ausmachen.
(…) Oeffentliche Promenaden sind keine; das Vergnügen des Spatzierens muss man durch Steigen erkaufen. (…) Intressante Aussichten sind: Auf dem alten aus den Zeiten der Römer noch existierenden Bollwerk Unnoth oder Munnoth; auf dem Schießplatz; auf der Enge, einem Hügel, der nach Klettgäu sieht.
Eine der merkwürdigsten Naturscenen der Schweitz ist der Rheinfall bey dem Schloss Lauffen, eine gute halbe Stunde von Schaffhausen. Ich rathe jedem Reisenden, dieses Schauspiel zuerst von der Zürcher-Seite zu sehen und zu geniessen: Deswegen muss man von Schaffhausen nach dem Schloss Lauffen gehen, und wenn man, von Zürich oder anderswo her, über Eglisau nach Schaffhausen reist, so muss man die Strasse über Rheinau nehmen, die gerade auf das Schloss Lauffen führt: Auf diese Art vermeidet man, den Rheinfall in einem Standpunkt zu erblicken, der durchaus für jeden, der ihn zum erstenmale sieht, äusserst ungünstig ist. Von dem Schlosse steigt man herab, und begiebt sich, ohne zuerst in den Pavillon auf der Mitte des Weges zu treten, gleich auf das kleine Gerüst dicht an dem Fall; denn hier ist der wahre Standpunkt. – Um ihn hernach von vorne und von der Seite auf dem Schaffhauser-Gebiet zu sehen, so lässt man sich über den Rhein nach dem Schlösschen im Wört fahren: Wenn man in dem Kahn gleich und ruhig sitzt, darf man sich gar nicht fürchten, bey dieser kurzen Ueberfahrt Gefahr zu laufen. Oben auf dem Felsen, wo Laufen liegt, am äussersten Rande steht das gedachte Lusthäuschen, wo man auf den Rheinfall herab, auf das Dorf Neuhausen gegenüber, und auf die Hügel sieht, zwischen denen der Rhein sich durchkrümmt. Die Höhe des Rheinfalls ist nach seiner Wassermenge verschieden, 60 – 80. Fuss hoch; im Monat Juny ist er gewöhnlich am vollsten und grössten. Man muss ihn Morgens, Abends, und bey hellem Mondschein sehen, wenn man alle Schönheiten dieser ausserordentlichen Scene geniessen will. – Des Abends gewinnt er besondre Reize, durch den Contrast der umliegenden Gegend die nun im Schatten liegt mit der noch beleuchteten Hauptparthie.

(J. G. Ebel: Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen, Zürich. Bey Orell, Gessner, Füssli und Compagnie 1793)


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