Monatsarchiv für August 2015

 
 

Köln in Köln (10)

köln in köln_26köln in köln_27

Rheinfischer (2)

schutzenberger_pecheursLouis Schutzenberger: Pêcheur sur le Rhin, 1857

lix_peche au saumonFrédéric Théodore Lix: Pêche au saumon dans le Rhin, 1889

ganier_pecheursHenri Ganier-Tanconville: Pêcheurs du Rhin, 1888

Die Zukunft des Bodensees vor 100 Jahren

Wir leben in der Anfangszeit eines neuen Rheines. Sein Bild wird allmählich in tausend Einzelstrichen auf den Blättern der Fachzeitschriften und in weitreichenden Erörterungen lebendig. Die Möglichkeiten des Rheines, mit vielfältig verzweigten Energien immer tiefer in das Leben der Menschen hineinzuwirken, immer tiefer eine Wasserstraße in das Land zu werden und schließlich den Bodensee zum größten Binnenhafen Europas zu machen, gelten besonders für den Teil des Rheines, der fast noch dem Hochgebirge angehört, sie rufen Erwartungen auf, je mehr sich die Lage Europas unter dem Stachel von Versailles verschlimmert und je mehr die wirtschaftlichen, industriellen, verkehrstechnischen, topographischen und gesetzgeberischen Vorarbeiten fortschreiten. Wie ein gotischer Dom in seinem Emporwachsen die Stämme und Lichter des Waldes und das Felsgetüm des Berges wiederholt, aber das Vergängliche beiseite läßt, so plant eine kollektive und faustische Phantasie die ingenieurmäßige Gestaltung des Flusses, die Entfesselung und Zähmung in einem ist.
Der Oberrhein besteht aus zwei Flügeln, und sein Angelpunkt ist Basel. Der eine Flügel endet im Bodensee, der andere in jener Breite des Stromes, die schon zum Vorhof des Weltmeeres wird. Beide Flügel bieten schwierige und verlockende Aufgaben für eine staatenbauliche Kunst, die bereit ist, Verantwortung für das Schicksal von Millionen künftiger Menschen zu tragen. Natürlich ist dies hier nur eines der Probleme, die überall in der Welt vorhanden sind, wo man aufgehört hat, das Werden von Massenstädten und Industriegebieten dem Zufall zu überlassen. Es besteht die Absicht, den Bodensee durch eine Höherlegung seines Spiegels zum Speicher gewaltiger Wassermassen zu machen, deren Abfluß dann gleichmäßiger sein wird als bisher. Die Wasserkräfte des Oberrheins entsprechen der Brennkraft, die in den Vorräten eines unerschöpflich großen Kohlenbergwerkes schlummert. Man will sie in vierzehn Kraftwerken gewinnen, die mit den Wasserkräften des Schwarzwalds zusammen die Möglichkeiten einer neuen Industrielandschaft bieten, die ganz Baden, Schwaben, das Elsaß und die Nordschweiz umfassen könnte. Niemand zweifelt, daß die Aufgabe lösbar sei, aber die Lösung ist durchaus nicht sicher. Sie kann eine schlechte und kleinliche werden. Dann wird dieser Teil Europas vor anderen Ländern zurückbleiben, vielleicht für immer. Wenn aber die Lösung glückt und eine große Hand verrät, so werden künftige Geschlechter sie bewundern. Das Gemüt der Planenden müßte wohl ein wenig dem Gehäuse ähnlich sein, in dem einst Dürer den heiligen Hieronymus darstellte, mit dem Hund und dem Löwen schlafend zu seinen Füßen, in stillster Unbefangenheit den menschlichen Leidenschaften gegenüber, die so rasch erwachen, um sich über irgendeinen Brocken zu zerfleischen.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

La batelière du Rhin (2)

batelier_2

Castors du Rhin

rheinbiber_lixRheinbiber auf einer Illustration von Frédéric Théodore Lix aus dem Jahr 1889. Die genaue Stelle, der Jäger im Hintergrund dürfte sie zu benennen wissen, konnten wir nicht ausmachen. Das Bild findet sich unter den Digitalisaten der Bibliothèque nationale de France (BnF).

Schilderung der Expedition eines Musensohns von den Ufern der Spree zur Quelle des Hinterrheins

Der junge Mann war eines Morgens, reich an Muth und beschränkt an Gut, zu Fuße im Dörfchen Hinterrhein angekommen. Hier hielt er sich nur auf, um seinen Reisesack abzulegen und nebenbei die nothwendigsten Erkundigungen über den Weg nach der Rheinquelle einzuziehen. Abends rechnete er zurückzukehren und durch ein vereinigtes Mittags- und Abendessen das Versäumte nachzuholen. Der Wirth äußerte dem Reisenden über dieses Vorhaben sein Bedenken, daß ohne Führer er leicht einen ungangbaren und gefährlichen Pfad einschlagen und daß überdies in der zehrenden Bergluft bei so langem Fasten ihm die Kraft zum Weiterkommen ausgehen möchte. Der rüstige Jüngling hörte aber nicht auf die Mahnung, und meinte, wozu es denn da eines Wegweisers bedürfe. “Man jeht dem Wasser entjegen und da kömmt man denn doch so jewiß zur Quelle, als en juter berliner Bursch uff den Jrund des Bierkrugs. Ob jerade uff die rechte Straße, das ist janz ejal.” So zog er mit keckem Selbstvertrauen ab. Als der Abend kam, als die Nacht hereinbrach, empfand der Wirth wol eine Unruhe, denn kein Preuße erschien, aber er tröstete sich damit, der junge Mann müsse doch die bergamasker Schafhirten gefunden haben und da könne ihm eine kalte Nacht auf schlechtem Moosbette und eine magere Mahlzeit bei diesen Nomaden nicht schaden. Längst war am folgenden Tage die Sonne aufgegangen, vergebens schaute der besorgte Wirth dem Rheinstrom entgegen, der Fremde erschien nicht. Da ließ es dem menschenfreundlichen Mann keine Ruhe mehr; er nahm seine Weidtasche um, in die er eine Flasche Veltliner, Brot und Schinken gelegt hatte, und mit immer eiligerem Schritt wanderte er fort und spähte an beiden Ufern des Stroms nach dem Gesuchten. Die Sonne stach ungewöhnlich warm; im Hintergrunde donnerten die losgerissenen Eismassen hinab in die Wellen des jungen Rheins. Mit Grauen machte der Suchende die Berechnung, ob, wann, wohin der Leichnam von den Fluten weggeschwemmt worden sei. Jetzt nahte er sich der Stelle, wo der Bodensatz einer niedergestürzten Schneelawine den ganzen Thalgrund und mit ihm das Flußbett bedeckte. Vergebens; nichts war zu finden. Noch blieb seitwärts eine kleine Höhle unter einem Vorsprunge der Felsen zu untersuchen. Es war nicht wahrscheinlich, daß der Erfolg dort glücklicher sein werde, und doch, er war es. Dort lag der Vermißte, aber in welchem Zustande! Auf dem harten Kiesboden zusammengekauert, bewußtlos, mit Schlamm überzogen, halb geschunden an Kopf und Händen. Er mußte sich selbst hierher gebettet haben, lag also auch jetzt wahrscheinlich nur in Ohnmacht. Ein paar tropfen Wein auf die dürren Lippen rechtfertigten diese Hoffnung. Bald hatte der Neuerwachte wieder soviel Besinnung gewonnen, um ohne Hülfe die wohlthätige Bestimmung an der ihm dargebotenen Speise zu erfüllen. Der wie der Rabe in der Wüste gekommene Lebensretter, nachdem er mit dem innigsten Wohlgefallen eine Zeit lang dem Eß- und Trinkbravour-Solo zugesehen hatte, erfuhr nun, wie der sorglose Wanderer nach einer mehrstündigen Wanderung endlich gegen Abend auf der Heimkehr begriffen, seinen Weg über das Schneefeld genommen hatte, um von einem Stromufer an das andere zu gelangen. Plötzlich aber fühlte er den Boden unter seinen Füßen weichen. Grauliches Dunkel und eiskalte Fluten umfingen den Bewußtlosen. Doch die erste Betäubung wich; es gelang ihm, nicht ohne peinliche Anstrengung, sich stromabwärts endlich aus dem Schneegewölbe hervor wieder ans Tageslicht und aufs Trockene zu retten. Hier dachte der gebadete Paradiesvogel seine Fittiche zu trocknen, aber die kalte Nacht brach herein. In dumpfer Abspannung, auf Augenblicke nur durch den Schmerz der Kälte in den wunden Gliedern an sein Dasein erinnert, brachte er die Nacht hin und blickte mit halbem Bewußtsein in den neuen Tag, der sein letzter gewesen wäre ohne den Engel der Rettung.

(aus Eduard Osenbrüggen: Wanderstudien aus der Schweiz, Kapitel: Die Entwicklungsgeschichte des Schweizreisens, Schaffhausen 1867-1881)

Köln-Gedicht von Friedrich G. Paff

Köln

Brücke, Dom und Tanzbrunnen
Rheinsein, Pumpwerk, Gürzenich
Bastei und Altstadt
Ring und Eigelstein

ein halwer Hahn
sucht seine Flügel

und in dem hohen Dom
da ankert tief

ein Mosaik
aus Strom und Stille

(Ein Gedicht über Köln, in das die Wortschöpfung für diesen Blog Aufnahme fand, schickt Friedrich G. Paff. rheinsein dankt!)

La batelière du Rhin

batelier Nach einem Gemälde von Louis Frédéric Schützenberger

Kleine Trilogie vom Niehler Ufer (2)

Rheinbohnen

Köderfisch

Rheinkoralle

Uitwateringskanaal

katwijk_costaAls Entwässerungskanal mündet der Oude Rijn bei Katwijk in die Nordsee. (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Eine ungewollte Schilderung des Rheinfalls (2)

Wer, mit Vermeidung der Ueberfart, doch die ganze Vorderseite des Rheinfalls zu überschauen wünschte, findet bei dem sogenannten Schlösli am Wörth die gelegenste Stelle, sein Verlangen zu befridigen. Auch nach der Ueberfart würde es schwer seyn, der Versuchung zu widerstehen, da nochmals den herrlichen Anblik zu erneuren, den ganzen Reichtum der empfangenen Bilder zu mustern, und von der einzigen, immer zu frühe aus dem Aug schwindenden Scene, Abschid zu nehmen.

Das nördliche Ufer des Rheins trit hier, wie eine kleine Halbinsel, hervor, die mit Tonnen und Schifgeräte übersäet ist, weil die von unten heraufkommende Schiffe da ausladen, den Zoll entrichten, und hinwiderum die abwärts bestimmte Schiffe von da auslaufen. Da ein Zolleinnehmer das gedachte Schlösli bewont, kan man von ihm Stüle, auch Erfrischungen erhalten, und sich mit aller Bequemlichkeit auf dem Wörth lagern, den ganzen Rheinfall im Gesicht, und die malerische Landschaft um ihn her.

Ehe der Rhein seinen grosen Sturz unternimmt, sieht man ihn über zwei breite aber flache Stufen hinschlüpfen; Im Sturz selbst bildet er eine vier- oder fünffache Cascade, die gröste zwischen dem Schlosberg und dem durchlöcherten Felsen, die zweite, welche aber nur bei sehr hohen Wassern statt findet, durch das Loch in diesem Felsen, die dritte zwischen ihm un dem kegelförmigen Felsen, die vierte zwischen diesem und einem breiten nidrigern Felsen, und eine kleinere und nidrigere zwischen dem letzteren und den Mülen am Fuß des Bergs, auf welchem Neuhausen ligt.

Das die Höhe des Falls von von Lauffen bis zur Müle immer abnimmt, zieht sich seine obere Fläche etwas schief herüber, und die nun ins Gesicht fallende Stellen erscheinen neben den am Schlosberg schon sichtbaren so nidrig, und in mehrere Absäze zerstükt, daß jene auch hier noch die Hauptrolle behaupten, obgleich die gewachsene Breite unläugbar beiträgt, die Ansehnlichkeit der Scene zu erhöhen. Die Vergleichung mit künstlichen Cascaden, und noch mehr mit den Giesbächen, die im innern der Alpen aus unermeslichen Höhen, als einzelne Wasserstralen, herabschiesen, sezt überhaupt das majestätische im Ausdruk eines Wasserfalls vornehmlich in die Menge des zugleich herabstürzenden Wassers.

Eine lebhafte Brandung am Gestade des Wörths begleitet mit hohlen Klagtönen das Murren des von seinem Fall noch erschütterten Stroms.

(Gottlieb K. Storr: Alpenreise vom Jahre 1781, Leipzig 1784)

Rheinchinesisch

Digital StillCameraFlechtenschrift in der vom Niedrigwasser freigelegten Befestigungslandschaft des Niehler Ufers

Rhein-Meditation: Rezension (3)

Unter dem Titel Gottesbeweise in den Wasserstürzen ist in der Buchbeilage Livres des luxemburgischen Tageblatts die dritte Rezension zur Rhein-Meditation erschienen, wiederum eine durchgehend positive. Guy Helminger listet Stationen meiner ausgiebigen Rheinerkundungen und befindet: “Wer so tief in die Fluten taucht, muss eins werden mit ihnen, zugleich aber Sprachrohr der Natur und eigenständiger Denker bleiben. Genau mit diesem Paradoxon beginnt der Autor sein Sinnen über Entstehung, Dasein und Ableben. Der Rhein selbst scheint zu sprechen, dann wieder der Autor als tausendjähriges Medium, schließlich das Denken, gekoppelt an den Schriftsteller Lafleur. Dabei bleiben die Gänge der spirituellen Praxis immer an die haptische Wahrnehmung gekoppelt, an das sinnliche Erlebnis.” Über Mara schreibt Helminger, daß der Leser nicht genau entscheiden könne, ob es sich bei ihr um eine existente Person oder eine Projektion handle: “Mit den Bergen verwachsen und das Meer hassend, sorgt Mara für eine Begleitung voll Witz und bodenständiger Souveränität. Wenn es sie denn nicht gegeben haben sollte, mußte sie erfunden werden.” Anschließend beschreibt der Rezensent die stilistische Mischung, die dem Text zugrunde liegt: “Für seine Verquickung von Andacht mit Witz, von lyrischer Stille und prosaischem Alltag, von meditativem Kerngeschäft und ironischer Begleitung hat Stan Lafleur eine Fülle an Bildern, Metaphern und Lyrismen gefunden, die seine Prosa in eine mäandernde Fließbewegung führen und so die Begradigung des Rheins aufheben so wie die damit zusammenhängende Gedankenlosigkeit. Diese wortgewaltige Kontemplation ist Verifizierung der Natur durch Poesie genauso wie das Gegenteil.” Auch Sätze anderer Denker würden vom Autor angesichts der rheinischen Landschaften als Bestandteile des Textes und wahr bestätigt. Herausgekommen, resümiert Helminger, sei “eine großartige Meditation, die alles ist, Poesie, Kindheitserinnerung, Philosophie, Landschaftsbeschreibung genauso wie Liebeserklärung und Gottessuche.” Die Rezension erschien bereits im Juli und ist online nicht verfügbar.