Der Rheinfall: so nichts und wieder nichts

Nachdem wir durch ein Dorf gegangen waren, befanden wir uns auf der Höhe eines Weinberges, und eine Minute hernach, hatte ich gegen über, in der Tiefe, den vollen Anblick des Rheinfalls. Wir stiegen den Berg hinab, ich stellte mich für mich allein hin, zu schauen, und fühlte mich einen kleinen Menschen! Meine schüchternen Blicke wagten es nur nach und nach diesen majestätischen Gegenstand zu umfassen; indes der dumpfe Donner der herabstürzenden Fluten mein Ohr betäubte. Ich fand keinen Ausdruck eine so herrliche Erscheinung zu begrüßen; ich konnte und mochte an nichts geringeres denken, als an den unendlichen Urheber der Natur, der durch solche unverkennbare Züge seiner Allmacht, sich dem beschränkten Sinne des Menschen offenbart, große und heilige Eindrücke im Innersten des Herzens aufregt, die sich dann in erhabne und trostvolle Gedanken ausbreiten!
Ich bin so glücklich gewesen, dieses unbeschreibliche, einzige Schauspiel zu vier verschiednen malen zu betrachten; es ward mir jedesmal erhabner, ehrwürdiger. Die großen Gegenstände in der Natur, ein hohes in die Wolken ragendes Gebrige, eine unabsehbare Meeresfläche; ein herabstürzender Strom – dürfen wohl mit Recht, die untersten Stufen und Fusteppiche, von dem in ein heiliges Dunkel verhüllten Throne des Allmächtigen genannt werden.
Nachdem wir uns alle eine Zeitlang der stillen Betrachtung überlassen hatten, wurden nunmehr Anstalten gemacht, über den Flus zu setzen, und den wunderbaren Anblick noch näher zu genießen. Dieses Unternehmen verursachte bey einigen von uns eine kleine Beklommenheit; doch sprachen die andern, die diese Fahrt schon mehrmals versucht hatten, Muth zu, und während dem, daß die Fährleute herbey gerufen wurden, sahen wir ein Beyspiel der außerordentlichen Kühnheit. Ein Wagehals kam in einem kleinen Kahne, den er grade nach dem in der Mitte des Falls emporragenden Felsen richtete, daher gefahren, und steuerte immer mitten in die heftigsten Wellen hinein. Der beherzte Schiffer ließ sich durch den harten Kampf, den er hier fand, von seinem Vorsatze nicht abschrecken; je näher er aber an den fürchterlichen Felsen kam, desto stärker schleuderte die Bewegung des Wassers sein Fahrzeug hin und her, so daß uns Zuschauern auf die Letzte nicht wohl dabey zu Muthe ward. Endlich erreichte er dennoch den Felsen, sprang aus dem Kahne, befestigte ihn, und kletterte nun triumphirend bis auf die höchste Spitze hinauf.
Jezt fuhren auch wir in zwey an einander befestigten langen, aber sehr schmalen Kähnen, dem Anscheine nach, auf die Mitte des Falles zu. Als wir auf der Hälfte des Flusses waren, fingen unsre Kähne ziemlich an zu tanzen. Die Gewalt der Wellen gab ihnen aber zugleich eine Richtung, die uns seitwärts an das Ufer trieb. Hier musten wir einen steilen Pfad an einem Felsen hinaufklettern, der gleichsam wie eine Pfoste an der einen Seite des Falls hinauf steht.
Oben ist ein altes Schlos, die Wohnung eines Zürcher Landvogts. Ach hier einen Sommermonat zu zu bringen! – Rings um die liebliche, grüne Verschanzung von Weinbergen, ein waldichtes Thal zu beyden Seiten des Flusses; unter den Fenstern der Rheinfall: grausend und herrlich hinab zu schauen! in der Ferne, nach Schwaben hinein, eine blaue Gebirgs=Landschaft; tiefer Schweiz einwärts, am Horizont die hervorragenden Spitzen der Schneeberge! – -
Wir holten uns hier oben einen Mann, der mit zum Falle hinabstieg, und uns eine kleine Gallerie öfnete, die an der Seite des Felsen hart an dem Bogen des herabstürzenden Wassers angebracht ist, so daß man von dem Getöse ganz betäubt wird, und die sonderbaren Wirbel, Kreise und Faltungen, die sich durch das Herabströmen der Fluthen und das heftige Abspritzen von den Steinen bilden, ganz nah beobachten kann. Der Rhein stürzt nemlich in seiner ganzen Breite über die Felsenwand in weißschäumender Flut; hin und her, wo die Theile des Wassers nicht so ganz aus einander getrennt sind, behält es seine natürliche Farbe, und zeigt sich in schönen hellgrünen Streifen. Zwey schwarze Felsen stehn in der Mitte des Wasserfalls mit sonderbaren Hölungen ausgezackt, und geben der Breite des Falls einige Abtheilungen. Unten am Ufer liegen große Steine, die die Gewalt des Wassers von Zeit zu Zeit mit herabreißt. Der Dunst von dem im Herabstürzen zerstiebenden Wasser, steigt in neblichten Wölkchen empor, und die Fall ab gewälzten schäumenden Wogen, von unaufhörlichen Nachkömmlingen verdrängt, werden in breiten Furchen ans Ufer gegen über geschleudert. Was dieser ganzen Scene noch einen fast überirdischen Reitz zusetzt, ist die das feine Wassergestäube durchscheinende Sonne, welche die mannichfaltigst durch einandergeschlungenen Regenbögen hervorbringt. -
So viel oder eigentlich so wenig, so nichts und wieder nichts, wag ich, in einer Beschreibung des oft beschriebnen und besungnen Rheinfalls zu berühren. O wie herzlich gönnt ich euch, meinen Lieben, und nicht nur euch, sondern allen guten, für die mächtigen Eindrücke des Großen und Majestätischen in der sichtbaren Natur empfänglichen, zu reinen Empfindungen gestimmten Seelen, hier selbst eine Viertelstunde des Anschauens!

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)


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