Monatsarchiv für Juli 2015

 
 

Zwischenbilanz (7)

Dieser Eintrag ist der zweitausendste in nunmehr sechseinhalb Jahren elektronischen rheinseins. Wer die Welt als im Fluß befindlich betrachtet, dem sollten runde Zahlen gleich viel wie jede andere Zahl gelten, Ungerade und Gerade als Maßstäbe jeweils vor allem Ansätze sein, den Widerpart, die Überlagerung mitzudenken. Nun kommt der zweitausendste Eintrag so gelegen, daß wir uns direkt nach dem Posten bis Monatsende in den Regen des guatemaltekischen Hochlands verabschieden und diese Seiten bis zu unserer Rückkunft ruhen lassen werden. Sollten wir in Huehuetenango auf Zeugnisse einer Maya-, einer kolonialistischen oder auch zeitgenössischen Flußkultur stoßen, werden wir sie sammeln, ordnen und zu gegebener Zeit der rheinischen gegenüberstellen.

Festzustellen ist, daß rheinsein sich seit geraumer Zeit in gewisser Weise selbst schreibt. Eine Form ist gefunden und wird von Inhalt durchströmt. Zwar unterliegt sie gelegentlichen Änderungen und Erweiterungen (“Rektifizierungen”, “Renaturierungen”), doch im Groben hat sich der Elektrorhein sein Flußbett durch und ins Webgestein gegraben. Seitdem treten Menschen aus der ganzen Welt ans virtuelle Ufer, die einen zaghaft, andere bleiben oder waren immer schon da, manche werfen Gegenstände in den Strom, einige befahren ihn, und scheint auch seine Herkunft mit dem gesichert nachvollziehbaren Datum des ersten Eintrags am 6. Januar 2009 (einem Dreikönigstag und somit für Kölner ein starker Verweis auf die Domreliquien, denen wir Rheinreliquien zufügten) gegeben, wie überhaupt alle Eintragsdaten nachvollzogen werden können, so liegt sie eigentlich tiefer und kaum zufällig spricht bereits dieser erste Eintrag von Träumen, Hirnsynapsen und dem Weltall – allesamt Entstehungsorte des Rheins und somit auch rheinseins.

Für die postingfreie Zeit empfehlen wir unseren Besuchern die Rhein-Meditation, als für den Sommer geeignete Lektüre in Novellenlänge, die in rheinsein, das seinen Ursprung im fließenden Unbewußten nahm, ihren Ursprung nahm. Das Buch, das eine Liebesgeschichte mit einer Meditation über den Fluß verbindet, kann über den lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag bezogen werden.

Wesseling

vom Rhein (in den Führerstandsscheiben der MS RheinFantasie)

wesselingund von der Autobahn betrachtet

Rheinkiesel (20)


Rheinkiesel als Tischmuster auf der MS RheinFantasie der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt

Correr o ser

Fluye en el cielo el Rhin? ¿Hay una forma
universal del Rhin, un arquetipo,
que invulnerable a ese otro Rhin, el tiempo,
dura y perdura en un eterno Ahora
y es raíz de aquel Rhin, que en Alemania
sigue su curso mientras dicto el verso?
Así lo conjeturan los platónicos;
así no lo aprobó Guillermo de Occam.
Dijo que Rhin (cuya etimología
es rinan o correr) no es otra cosa
que un arbitrario apodo que los hombres
dan a la fuga secular del agua
desde los hielos a la arena última.
Bien puede ser. Que lo decidan otros.
¿Seré apenas, repito, aquella serie
de blancos días y de negras noches
que amaron, que cantaron, que leyeron
y padecieron miedo y esperanza
o también habrá otro, el yo secreto
cuya ilusoria imagen, hoy borrada
he interrogado en el ansioso espejo?
Quizá del otro lado de la muerte
sabré si he sido una palabra o alguien.

(Jorge Luis Borges)

Der Rheinfall: so nichts und wieder nichts

Nachdem wir durch ein Dorf gegangen waren, befanden wir uns auf der Höhe eines Weinberges, und eine Minute hernach, hatte ich gegen über, in der Tiefe, den vollen Anblick des Rheinfalls. Wir stiegen den Berg hinab, ich stellte mich für mich allein hin, zu schauen, und fühlte mich einen kleinen Menschen! Meine schüchternen Blicke wagten es nur nach und nach diesen majestätischen Gegenstand zu umfassen; indes der dumpfe Donner der herabstürzenden Fluten mein Ohr betäubte. Ich fand keinen Ausdruck eine so herrliche Erscheinung zu begrüßen; ich konnte und mochte an nichts geringeres denken, als an den unendlichen Urheber der Natur, der durch solche unverkennbare Züge seiner Allmacht, sich dem beschränkten Sinne des Menschen offenbart, große und heilige Eindrücke im Innersten des Herzens aufregt, die sich dann in erhabne und trostvolle Gedanken ausbreiten!
Ich bin so glücklich gewesen, dieses unbeschreibliche, einzige Schauspiel zu vier verschiednen malen zu betrachten; es ward mir jedesmal erhabner, ehrwürdiger. Die großen Gegenstände in der Natur, ein hohes in die Wolken ragendes Gebrige, eine unabsehbare Meeresfläche; ein herabstürzender Strom – dürfen wohl mit Recht, die untersten Stufen und Fusteppiche, von dem in ein heiliges Dunkel verhüllten Throne des Allmächtigen genannt werden.
Nachdem wir uns alle eine Zeitlang der stillen Betrachtung überlassen hatten, wurden nunmehr Anstalten gemacht, über den Flus zu setzen, und den wunderbaren Anblick noch näher zu genießen. Dieses Unternehmen verursachte bey einigen von uns eine kleine Beklommenheit; doch sprachen die andern, die diese Fahrt schon mehrmals versucht hatten, Muth zu, und während dem, daß die Fährleute herbey gerufen wurden, sahen wir ein Beyspiel der außerordentlichen Kühnheit. Ein Wagehals kam in einem kleinen Kahne, den er grade nach dem in der Mitte des Falls emporragenden Felsen richtete, daher gefahren, und steuerte immer mitten in die heftigsten Wellen hinein. Der beherzte Schiffer ließ sich durch den harten Kampf, den er hier fand, von seinem Vorsatze nicht abschrecken; je näher er aber an den fürchterlichen Felsen kam, desto stärker schleuderte die Bewegung des Wassers sein Fahrzeug hin und her, so daß uns Zuschauern auf die Letzte nicht wohl dabey zu Muthe ward. Endlich erreichte er dennoch den Felsen, sprang aus dem Kahne, befestigte ihn, und kletterte nun triumphirend bis auf die höchste Spitze hinauf.
Jezt fuhren auch wir in zwey an einander befestigten langen, aber sehr schmalen Kähnen, dem Anscheine nach, auf die Mitte des Falles zu. Als wir auf der Hälfte des Flusses waren, fingen unsre Kähne ziemlich an zu tanzen. Die Gewalt der Wellen gab ihnen aber zugleich eine Richtung, die uns seitwärts an das Ufer trieb. Hier musten wir einen steilen Pfad an einem Felsen hinaufklettern, der gleichsam wie eine Pfoste an der einen Seite des Falls hinauf steht.
Oben ist ein altes Schlos, die Wohnung eines Zürcher Landvogts. Ach hier einen Sommermonat zu zu bringen! – Rings um die liebliche, grüne Verschanzung von Weinbergen, ein waldichtes Thal zu beyden Seiten des Flusses; unter den Fenstern der Rheinfall: grausend und herrlich hinab zu schauen! in der Ferne, nach Schwaben hinein, eine blaue Gebirgs=Landschaft; tiefer Schweiz einwärts, am Horizont die hervorragenden Spitzen der Schneeberge! – -
Wir holten uns hier oben einen Mann, der mit zum Falle hinabstieg, und uns eine kleine Gallerie öfnete, die an der Seite des Felsen hart an dem Bogen des herabstürzenden Wassers angebracht ist, so daß man von dem Getöse ganz betäubt wird, und die sonderbaren Wirbel, Kreise und Faltungen, die sich durch das Herabströmen der Fluthen und das heftige Abspritzen von den Steinen bilden, ganz nah beobachten kann. Der Rhein stürzt nemlich in seiner ganzen Breite über die Felsenwand in weißschäumender Flut; hin und her, wo die Theile des Wassers nicht so ganz aus einander getrennt sind, behält es seine natürliche Farbe, und zeigt sich in schönen hellgrünen Streifen. Zwey schwarze Felsen stehn in der Mitte des Wasserfalls mit sonderbaren Hölungen ausgezackt, und geben der Breite des Falls einige Abtheilungen. Unten am Ufer liegen große Steine, die die Gewalt des Wassers von Zeit zu Zeit mit herabreißt. Der Dunst von dem im Herabstürzen zerstiebenden Wasser, steigt in neblichten Wölkchen empor, und die Fall ab gewälzten schäumenden Wogen, von unaufhörlichen Nachkömmlingen verdrängt, werden in breiten Furchen ans Ufer gegen über geschleudert. Was dieser ganzen Scene noch einen fast überirdischen Reitz zusetzt, ist die das feine Wassergestäube durchscheinende Sonne, welche die mannichfaltigst durch einandergeschlungenen Regenbögen hervorbringt. -
So viel oder eigentlich so wenig, so nichts und wieder nichts, wag ich, in einer Beschreibung des oft beschriebnen und besungnen Rheinfalls zu berühren. O wie herzlich gönnt ich euch, meinen Lieben, und nicht nur euch, sondern allen guten, für die mächtigen Eindrücke des Großen und Majestätischen in der sichtbaren Natur empfänglichen, zu reinen Empfindungen gestimmten Seelen, hier selbst eine Viertelstunde des Anschauens!

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)

“alles ist Karlsruhe und wunderschön”

beschließt Ronja von Rönne ihren Text, mit dem sie vor wenigen Tagen im Wettbewerb um den diesjährigen Bachmannpreis las. Begonnen hatte sie ihn so:

“Wir können ja nach Karlsruhe fahren”, sagte er, und weil seine Frau sehr verliebt war, sagte sie, “Nach Karlsruhe! Ich liebe Bayern!”, und weil ihr Mann sehr verliebt war, sagte er nicht: “Karlsruhe liegt aber in Baden-Württemberg.”

Zwar bleibt die badische Residenzstadt in Rönnes Text so unscharf, daß es sich genausogut um jede andere Stadt handeln könnte, auch eine bayerische, die Hotels, Bars und einen dm-Markt aufweist, doch nennt Rönne die Stadt in ihrem Text nunmal explizit Karlsruhe, dem unser titelgebendes Halbzitat (den kompletten Satz verschweigen wir an dieser Stelle wie auch den Rest des Textes, der just als in Karlsruhe eine innerstädtisch-öffentliche Partynacht bei 32 Grad in den frühen Morgenstunden stattfand, nämlich am 04 Juli in der Welt abgedruckt wurde) als City-Claim sicher besser zu Gesicht stünde als vorangegangene tatsächliche, eher dröge-technokratisch klingende.

Via Mala: ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth

So zogen wir von Tusis aus, an einem düstern Morgen, über den kleinen Flus Nolla, in das wilde Gebirge hinein. Nachdem wir eine Zeitlang einen jähen, schlangenweis sich emporwindenden Pfad hinan, und dann in ein enges finstres Thal  hinabgestiegen waren,  befanden wir uns in der Via Mala. Stellt euch ein hohes Felsengebirge vor, das vom Gipfel herab in eine schmale Kluft auseinander gesprengt ist; unten in einer schwindlichten Tiefe der Rhein, der sich mit lauter Wasserfällen zwischen den Oefnungen der Felsen durchdrängt; in der Mitte der schroff aufsteigenden, oft überhängenden Felsenwände läuft an einem schmalen Rande, unmittelbar über dem Abgrunde des Stroms, der Weg in beständigen Krümmungen fort, und springt dann auf das entgegengesetzte Ufer. Die Brücke, die den Uebergang macht, ist mit einem einzigen kühnen Bogen über die Kluft hinüber gesprengt. Ich stieg iezt vom Pferde ab, um mit desto mehr Sicherheit mir einen Anblick, der der Einzige in seiner Art ist, zu verschaffen. Ich weis nichts mit der Empfindung zu vergleichen, die ich hatte, als ich über den Rand der Brücke gelehnt, in die schwarze Tiefe hinabsah, und das dumpfe Tosen des Stroms hörte, der hier einen Kessel bildet, und durch eine enge Ritze in Felsen weiter abfließt. Der schaudervolle Gedanke: da hinab zu stürzen! wiegt sich mit dem Bewußtseyn, du bist in Sicherheit! auf und ab; ein unbeschreibliches Gemisch von Angst und Muth erfüllt die Seele. Augen und Ohren empfangen die Eindrücke des Erhabnen; eine gewisse Tiefheit, ein feyerlicher Ernst ist die herrschende Empfindung. Und so wie einem in einer lachenden, heitern Gegend nicht selten ein paar Zeilen aus einem frohen Gesange, glückliche Stellen aus einem, mit der schönen Natur vertrauten Lieblingsdichter einfallen: so glaubt man hier in dieser furchtbaren Kluft, die Bilder jener gräßlichen Scenen aus den Gefilden der Hölle zu finden, mit denen Dante und Milton einst unsre Imagination erschütterten.
Nicht weit von dieser Stelle, war vor einiger Zeit ein Saumroß, von einer herabfallenden Schneelaue ergriffen und in den Flus hinab gestürzt worden. Weil sich unter seiner Ladung auch ein Beutel mit hundert Thalern befand, so wurde ein Prämie von sechs Dukaten, glaub ich, demjenigen geboten, der das halsbrechende Unternehmen wagen und den Beutel herausziehen würde. Unter den Einwohnern von Tusis fand sich auch wirklich ein solcher Wagehals. Er wählte sich noch einige Gehülfen, versah sich mit Stricken, Stangen und dergleichen Geräthen; so weit es möglich war, kletterten sie an der jähen Felsenwand hinab, und als sie nicht weiter fortkommen konnten, ließ sich jener an Stricken in die Tiefe hinunter, suchte so zwischen Felsen und Wasser schwebend, mit einem Haken das Gepäck von dem zerschmetterten Saumrosse loszumachen, und brachte auch einen Sack herauf, welches zum Glück gerade derjenige war, in dem sich die hundert Thaler befanden. Schade, daß dieser Muth um sechs Ducaten feil war! Als wir heute von Tusis ausreisten, begegneten wir eben dem Manne, der dieses unglaubliche Abentheuer bestanden hatte; dis gab denn Gelegenheit, daß Herr von Salis uns die Geschichte an Ort und Stelle erzählte.
Wir hatten auch einen wunderschönen und seltsamen Anblick an den unzähligen Eiszapfen, die gleich silbernen Franzen, an allen Ecken der feuchten Felsen, oft in Mannsgröße herabhingen.
Zwey Stunden brachten wir fast in der Via Mala zu, die sich endlich in das Schamserthal öfnet.

(aus Samuel Gottlieb Bürde: Erzählung von einer gesellschaftlichen Reise durch einen Theil der Schweiz und des obern Italiens, Halberstadt 1795)

Rülzheim

rülzheim_mhouAm Pfälzer Jakobsweg liegt am Rande Rülzheims die Straußenfarm Mhou, das Shona-Wort für Strauß. Gegen geringen Eintritt ist das Anwesen begehbar, der Rundgang gesäumt von sub/tropischen Gewächsen, die auch im Oberrheinklima gedeihen: Bananen, Kaki- und Trompetenbäume. Auf Schildern finden sich Informationen zu Aufzucht und Haltung der afrikanischen Laufvögel. Ein Farmladen vermarktet Straußenprodukte: Ledertaschen, perforierte und bemalte Eier als Lampenschirme und Dekorationselemente, Fleisch und Pasteten (auch “für nahrungsempfindliche Hunde”), Staubwedel aus Straußenfedern, selbst Knochen und Sehnen sowie Eiernudeln. Das Restaurant mit großzügiger Sommerterrasse bietet einige Straußengerichte – das Saté kam mit ziemlich dünner Erdnußsauce, große Getränke werden im Dubbeschoppe serviert, dem typisch pfälzischen Halbliterweinglas.rülzheim_pfalzblickAusblick in die Pfalz: am Tag unseres Besuchs kletterte das Thermometer auf 38 Grad im Schatten. Den suchten auch die meisten Tiere, insbesondere die frisch geschlüpften wie z.B. dieses an einen Igel erinnernde, vier Tage alte Küken, das sich im fulminanten Laufstil eines ausgewachsenen Vogels ein Wettrennen mit dem eigenen Schatten lieferte.
rülzheim_ghostrichGhostrich: in der Folgenacht träumten wir von die Pfalz heimsuchenden Geisterstraußen

Büchner an Gutzkow

Lieber Freund!

War ich lange genug stumm? Was soll ich Ihnen sagen? Ich saß auch im Gefängniß und im langweiligsten unter der Sonne, ich habe eine Abhandlung geschrieben in die Länge, Breite und Tiefe. Tag und Nacht über der ekelhaften Geschichte, ich begreife nicht, wo ich die Geduld hergenommen. Ich habe nämlich die fixe Idee, im nächsten Semester zu Zürich einen Kurs über die Entwickelung der deutschen Philosophie seit Cartesius zu lesen; dazu muß ich mein Diplom haben und die Leute scheinen gar nicht geneigt, meinem lieben Sohn Danton den Doktorhut aufzusetzen.

Was war da zu machen?

Sie sind in Frankfurt, und unangefochten?

Es ist mir leid und doch wieder lieb, daß Sie noch nicht im Rebstöckel angeklopft haben. Ueber den Stand der modernen Literatur in Deutschland weiß ich so gut als nichts; nur einige versprengte Broschüren, die, ich weiß nicht wie, über den Rhein gekommen, fielen mir in die Hände.

Es zeigt sich in dem Kampf gegen Sie eine gründliche Niederträchtigkeit, eine recht gesunde Niederträchtigkeit, ich begreife gar nicht, wie wir noch so natürlich sein können! Und Menzels Hohn über die politischen Narren in den deutschen Festungen – und das von Leuten! mein Gott, ich könnte Ihnen übrigens erbauliche Geschichten erzählen.

Es hat mich im Tiefsten empört; meine armen Freunde! Glauben Sie nicht, daß Menzel nächstens eine Professur in München erhält?

Uebrigens; um aufrichtig zu sein, Sie und Ihre Freunde scheinen mir nicht grade den klügsten Weg gegangen zu sein. Die Gesellschaft mittelst der Idee, von der gebildeten Klasse aus reformiren? Unmöglich! Unsere Zeit ist rein materiell, wären Sie je directer politisch zu Werke gegangen, so wären Sie bald auf den Punkt gekommen, wo die Reform von selbst aufgehört hätte. Sie werden nie über den Riß zwischen der gebildeten und ungebildeten Gesellschaft hinauskommen.

Ich habe mich überzeugt, die gebildete und wohlhabende Minorität, so viel Concessionen sie auch von der Gewalt für sich begehrt, wird nie ihr spitzes Verhältniß zur großen Klasse aufgeben wollen. Und die große Klasse selbst? Für die gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Parthei, welche dieße Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brod – und dann ein Kreuz oder sonst so was. Ich glaube, man muß in socialen Dingen von einem absoluten Rechtsgrundsatz ausgehen, die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen und die abgelebte moderne Gesellschaft zum Teufel gehen lassen. Zu was soll ein Ding, wie dieße, zwischen Himmel und Erde herumlaufen? Das ganze Leben desselben besteht nur in Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben. Sie mag aussterben, das ist das einzig Neue, was sie noch erleben kann.

(Georg Büchner, ungefähr am 01. Juni 1836 aus Straßburg an Karl Gutzkow)

Swinburne an Hugo

Above the windy walls that rule the Rhine
A noise of eagles’ wings
And wintry war-time rings,
With roar of ravage trampling corn and vine
And storm of wrathful wassail dashed with song,
And under these the watch of wreakless wrong,
With fire of eyes anhungered; and above
These, the light of the stricken eyes of love,
The faint sweet eyes that follow
The wind-outwinging swallow,
And face athirst with young wan yearning mouth
Turned after toward the unseen all-golden south,
Hopeless to see the birds back ere life wane,
Or the leaves born again;
And still the might and music mastering fate
Of life more strong than death and love than hate.

[...]

But sadder always under shadowier skies,
More pale and sad and clear
Waxed always, drawn more near,
The face of Duty lit with Love’s own eyes;
Till the awful hands that culled in rosier hours
From fairy-footed fields of wild old flowers
And sorcerous woods of Rhineland, green and hoary,
Young children’s chaplets of enchanted story,
The great kind hands that showed
Exile its homeward road,
And, as man’s helper made his foeman God,
Of pity and mercy wrought themselves a rod,
And opened for Napoleon’s wandering kin
France, and bade enter in,
And threw for all the doors of refuge wide,
Took to them lightning in the thunder-tide.

(aus Algernon Swinburne: Birthday Ode for the anniversary festival of Victor Hugo, february 26, 1880)

Louis Lourmais durchschwimmt den Rhein

rheinschwimmer louis lourmais

Der Bretone Louis Lourmais startete Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre einige Aktionen als Extremschwimmer – darunter die Durchschwimmung des Rheins der Länge nach. War zuletzt im Rahmen ähnlicher Projekte von Ernst Bromeis und Andreas Fath auch der vor zwei Jahren verstorbene Linzer Klaus Pechstein wieder ins Rampenlicht gerückt, der als erster Mensch den Rhein komplett der Länge nach durchschwommen haben soll, grub Thomas Förster für seinen Dokumentarfilm Flussgeschichten – Der Rhein, für den er Pechstein interviewte, auch Archivmaterial aus, das Louis Lourmais beim Rheindurchschwimmen zeigt. Lourmais soll erst bei Schaffhausen, also weit unterhalb der Quellen, in den Rhein gestiegen sein, somit auch die Bodenseequerung vermieden haben, wodurch ihm der an sich fragwürdige Rekord “Komplettdurchschwimmung” (denn der Rhein ist nicht ein Rhein und in Passagen der Quellregionen, auch unterhalb des Tomasees unschwimmbar) aus heutiger Sicht verwehrt bleibt. Rund 1000 Rheinkilometer absolvierte Lourmais, teilweise schwimmerisch begleitet von seiner Frau Liliane, bevor er in Rotterdam von der niederländischen Schwimmmeisterin Cocky Gastelaars und einer Abordnung Froschmänner in Empfang genommen wurde. Lourmais ist somit der früheste, bisher bekannte Rheindurchschwimmer, was ihm einen Ehrenplatz in der Ahnengalerie dieser Spezies einbringen sollte.

rheinschwimmer louis lourmais_2 (Bilder: Screenshots)

Ansicht vom Rheinfall im März 1797

grass_rheinfall
Ich habe Ihnen versprochen, meinen diesmaligen Aufenthalt am Rheinfall zu schildern, damit Sie eine Vergleichung mit jener Beschreibung anstellen könnten, die ich Ihnen das erstemal als ich die Schweiz betrat, schickte. Sehen Sie, ich halte Wort, aber erwarten Sie kein Seitenstück zu meiner damaligen Schilderung. Der erste Eindruck ist immer auch in feiner Art der Einzige. Man kann dieselbe Naturscene oft und immer groß finden, aber nur einmal wirft ihre Größe uns zu Boden und nöthigt dem unterliegenden Gefühl eine stumme staunende Verehrung der Natur ab.
Wer den Rheinfall zum ersten mal in feiner ganzen erschütternden Grösse, mit der über allen Ausdruck gewaltigen Schnelligkeit, von der Seite des Schlosses Lauffen sieht, der bebt gewiß vor dem Bild zurück, von dem man sich, ohne es gesehn zu haben, nie eine Vorstellung machen kann, die dem Eindruck selbst entspräche. Ganz anders ist die Wirkung, wenn man von der Straße, die nach Eglisau führt, den Fall in seiner ganzen breiten Ausdehnung sieht. Dort erscheint er niedriger als er würklich ist. Man sieht von der ungeheuren Schnelligkeit wegen der Entfernung wenig, und das Getöse, das man schon von weitem vernahm, frappiert nicht mehr.
Was würden Sie erst sagen, wenn sie jezo den Rheinfall von dem letztgenannten Standpunkt sähen? Sie würden mit Recht fragen, wie schon mancher Reisende fragte: ist das der Rheinfall, den Meiners schildert?
Bey grossem Wasser sieht man den Strom auch von fern wie einen Wall von Schaum in einer grossen Einemasse (Ensemble) herabstürzen, aus dessen Wirbeln nur die zwey oder drey Felsenbrocken ragen. Bey niedrigem Wasser erblickt man ein großes Steinlager über und durch welches ein, dem Ansehen nach unbedeutender Fluß herabkommt, und eine Menge kleiner Wasserfälle bildet.
Ich hatte eh’ ich auf die Höhe dem Fall gegen über gekommen war, schon viel davon gehört, wie klein er jezo sey, dem ohngeachtet, fand ich ihn noch unter meiner Erwartung. Das Wasser schien von keiner Kraft getrieben zu seyn, es schien mehr herabzurieseln als zu stürzen. Das einzige, was dem Fall dennoch immer Reize gibt, ist die blendende Weisse des Wassers, das durch die hervorguckenden Steine noch mehr in die Augen fällt.
Ich ließ mich bald zu der Stelle überfahren, wo der Eindruck an gewaltigsten ist, zu der kleinen Galerie, die man in den Hauptsturz hineingebaut hat. Ohne Schwierigkeit fuhr man jetzt hinüber, da die Wallungen und Bebungen sonst diese Ueberfahrt schwer und sogar gefährlich machen. Man konnte bequem zu den beyden grossen Felsentrümmern, die in der Mitte stehen, gelangen, die sonst ganz von Wasser umgeben sind. Eine Menge kleinerer Felsenabsätze umringten jene zwei berühmten Felsenstücke. Gleichwohl hatte der Fall auf dieser Seite immer noch eine imponierende Gewalt, und weil man näher hinzu tretten konnte, sah man vielleicht noch mehr als bey großem Wasser, und konnte alles ruhiger geniessen.
Für ein Mahler ist der Rheinfall vielleicht gerade bey kleinem Wasser am interessantesten. Es läßt sich doch eher die Möglichkeit denken ein Bild davon zu machen, indem man nicht blos Wasser, sondern die Struktur des Felsenbettes sieht. Man sieht in dem Wasser das mannigfaltigste Farbenspiel, indem die unten liegenden Felsen theils durchschimmern, teils dunkle Vertiefungen bilden, über welche die Wasserstrahlen zauberisch hinschiessen. Der Nebelstaub der den Fall im Sommer umgiebt, ist jetzt nicht so stark etwas zu verdecken, sondern breitet sich mir wie ein lieblicher Duft über das grosse Tableau, so daß man nicht nur wenn die Sonne scheint, kleine Regenbogen, sondern zugleich das magische Spiel des Sonnenlichts auf dem wallenden Wasser genau betrachten kann.
Nachdem ich lange still gestanden und unaufhörlich mit dem Bilde, das noch in meiner Seele war, das vor mir liegende verglichen hatte, fuhr ich mit meinem Schiffmann wieder auf die Schaffhauser Seite zurück, um von den Dratmühlen aus, den Fall zu betrachten. Der ganze obere Theil des Catarakts war von Felsenstücken unterbrochen. Fast in der Mitte des Stroms war eine Stange aufgerichtet, zum Zeichen wie weit man habe kommen können. Ein alter Arbeitsmann der meine Verwunderung sah, wies mir den Weg durch die Drathmühlen. Ich stieg auf den Bord des Canals herab, durch welchen das Wasser in die Mühlen geführt wird, und erreichte, ohne daß mir das Wasser in die Schuhe gedrungen wäre, den ersten Felsenvorsprung und klimmte nun weiter fort, bis ich eine Stelle erreichte, wo die beiden alten Felsenpfeiler nahe vor mir stunden, und wo rings um mich Wasser rauschte und brauste. Ich übersah den kommenden und den größten Theil des stürzenden Stroms, nur den eigentlichen Sturz in die Tiefe konnt ich nicht sehen. Eine beklemmende Empfindung ergriff mein Herz, ohngefähr wie die seyn mag, wenn man in den Crater des Vesuvs herabschaut. Seit vierzig Jahren sagt’ ich mir, saß auf dieser Stelle Niemand, und nach wenigen Tagen wird es wieder zur Unmöglichkeit, vielleicht für ein halbes oder ganzes Jahrhundert. Mein Auge hieng an den Felsentrümmern, die jetzt einmal auszuruhen schienen, nachdem sie den langen Kampf mit der Gewalt des Stromes gekämpft haben. Das ausgewaschne ihrer Formen, die Löcher die überall wie hineingebohrt sind, geben eine ziemlich lebhafte Vorstellung von dem Wühlen und Arbeiten des herabschiessenden Wassers. Es ist unbegreiflich wie diese Felsen, die meistens aus Nagelfluh bestehn, so lange Jahre hindurch einer solchen Kraft, wie der Strom hier äußert, haben wiederstehen können.
Wie sehr hätte ich gewünscht, Sie mein Freund an meiner Seite zu haben, und in der beredten Sprache des stummen Staunens Ihnen meine Einpfindungen mitzutheilen und die Ihrigen zu belauschen. Worte hätten ohnehin das schmetternde Getöse verschlungen. Gewiß hätte Sie, wie mich, auch eine gewisse Wehmuth zuletzt ergriffen. Das ewige ununterbrochene Fortströmen der Fluth hat etwas ermüdendes, das die Seele nicht aushält. Unaufhaltsam, wie der Gang der Nothwendigkeit ist ihr Lauf wie er seit Jahrhunderten war.
Diese Felsentrümmer, die nur für eine kurze Zeit einen Aufenthalt gestatten, werden für das Herz, Bilder jener süßeren Hoffnungen und Wünschen, mit denen wir uns in der Welt anzusiedeln gedenken. Eh wir uns dessen versehn, kommen die anschwellenden Fluthen der ewigen Abwechslung wieder und zwingen uns fortzueilen oder sie reissen uns mit sich in die Tiefe. – Ich hatte mich in allerhand Betrachtungen versunken, auf ein Felsenstück niedergelassen; die Sonne schien lieblich, dennoch war es eine für die Gesundheit gefährliche Stelle, Der Nordwind und der Wasserstaub mochten Ursache seyn, daß mich ein Schauder überfiel. Es war mir nicht anders, so sehr hatte das mich ringsumgebende Getöse meine Nerven erschüttert, als drohte der Strom mir den Rückweg abzuschneiden, weil ich es wagte, das Werk seiner Verheerung in der Nähe zu betrachten.
Sie können sich vorstellen wie ungewöhnlich eine solche Niedrigkeit des Wassers seyn muß, da von Schafhausen aus, wo sehr viele Personen den Rheinfall nie gesehen haben, seitdem das Wasser so klein war, täglich Wallfahrten hieher geschehen sind, welches kaum dann zu geschehen pflegt, wann der Fall am brilliantesten ist.(*) Die Ursache der geringen Wassermenge ist keine andere, als diese: daß im lezten Winter sehr wenig Schnee gefallen, und der in diesen Gegenden im Frühjahr gewöhnliche Regen fast gänzlich ausgeblieben ist; dabey hat eine solche Kälte geherrscht, daß in den Gebirgen die Auflösung des Schnees oder Eises unmöglich groß seyn konnte.
Sehr ermüdet kann ich Abends nach Schafhaufen. Das Getöse das sonst bis zur Stadt dringt, verschwand, nachdem ich mich kaum eine halbe Viertel Stunde weit entfernt hatte. So wenig auch der Rheinfall jetzt als Catarakt auffallend oder imponierend ist, so sehr freut es mich doch jetzt seine Struktur, kennen gelernt zu haben. Jene Wasserkugeln und Schaumhügel, die bey grossem Wasser so frappante Würkung machen, sind mir jetzo erklärt. – Es ist mir als hätt ich das untermalte Bild eines großen Meisters gesehn, worinn die Hauptwürkung der Ausführung geschickt vorbereitet ist. Man kommt nach einigen Tagen wieder und wird von der Schönheit des Bildes doppelt gerührt, weil man auch weiß, wie es angelegt war.
Ich wollte ich könnte Ihnen jetzt eine genaue Zeichnung von dem Rheinfall wie er sich jetzt dem Auge darstellt, schicken, und in zwey Monaten Sie selbst bey der gewaltigsten Szene, die man in der Natur sehen kann, umarmen. Sie würden dann meiner jetzigen Beschreibung keinen Glauben beymessen wollen, weil man fast gezwungen ist, zu der ungeheuren Kraft, einen außerordentlichen, unerschöpflichen Vorrath von Wasser sich vorzustellen. Aber haben Sie nie erfahren wie die Natur mit unserer Phantasie spielt? Ihr Sonnenstrahl und ihr Frühling macht uns, jetzt Sturm und Verheerungen vergessen als wären sie nie da gewesen, und ein andermal scheint es uns, der Wiederstreit der Elemente kehre nie mehr wieder zur Ruhe. Ist das derselbe Rheinfall würde ich in einigen Wochen sagen müssen, in dessen Mitte ich ruhte, und an dessen unzähligen Absätzen des fallenden Wassers sich mein Auge ergötzte? Freund! es giebt kein grösseres Bild des ewigen Umwechselns der Dinge, als dieses von dem noch meine ganze Seele voll ist, und es müßte kein seeligeres Gefühl geben, als vor diesen Bilde einen Freund zu umarmen von dessen Treue Zeit und Erfahrung uns versicherten, und seine Entzückung auf das Gefühl überzutragen: Alles ändert sich – nur das Herz des Biedermanns nicht! Leben Sie wohl.

(*) Der Rheinfall ist wirklich seit vielen, vielleicht seit mehr als hundert Jahren, selbst auch in dem so langwierigen kalten Winter von 1784, auf 1785, nicht so klein gewesen wie dermahlen.

(Karl Gotthard Graß: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797)