Der Rheinfall (2)

(…) Ihr Pilger eilt zu heiligen Altären?
Zertrümmert Marmor und Granit!
Sie können sich nicht neu gebähren,
und ihrer Lampen Oehl verglüht.
Hier, wo ein ewges Feuer sprüht,
hier lernt den Unbekannten ehren,
hier ist ein heiliges Gebieth.
Der Abend ist herab gesunken,
an dieses Lichtquells hohem Rand,
am Felsen lieg ich feuertrunken,
seh Berge knien im Nachtgewand,
und seh sie tiefer hingesunken,
zu tragen diese Silberwand.
Ringsum ist Ruh der Kräfte, Stille
im sanftgekrümmten Felsenthal,
das Leben schlummert überal
aus seiner dunkeln Wolkenhülle
blickt einsam nur der Nächte Strahl.
Doch rastlos tönet fort des Rheines starke Stimme,
es wälzt sich immer neu die nie erschöpfte Fluth.
Ob auch von seinem wilden Grimme
des Sturmwinds müder Fittig ruht,
erlahmen nicht der Wellenhydra Flügel.
Ermatten ist der Kräfte Loos,
nur dieses Bild, der Gottheit Spiegel,
lebt immer, wirket immer groß.
Nie brach das stolze Wasserschloß,
ob schneller auch als Pfeilgeschoß
die Zeit mit unverhängtem Zügel
ein Wassermeer durch diese Felsen goß,
ob in Jahrhunderten, die hier vorüber wallten,
auch tausend Stimmen durch einander schallten,
ward ihrer keine athemlos.

Was für ein Bild ergreift die bange Seele!
Des Grabes aufgerißne Höhle,
worinn die Vorwelt sich verlor,
schwebt meinem düstern Blicke vor.
Erbauen seh ich und zerstören,
Geschlechter immer neu entstehn,
einander drängen und vergehn,
und fortgehn ohne Wiederkehren.
Nicht Heldenruhm, nicht Würdenglanz
nicht des Verdienstes Siegeskranz
entriß sie dem gewissen Falle,
im Sturz der Zeiten sanken alle!
Bleibst du allein in ewig gleichem Gleis,
du weißgelockter Wellengreis?
Ob Felsen unter dir zerbrechen,
fühlst du doch nicht des Alters Schwächen,
und badest deine Stirn in Eis.
Es hörten deine Woogensprache
schon Völker, als noch keine Wache
auf Felsen keine Hochwacht stand,
und spät noch lauscht vom steilen Rand
die Traubensichel in der Hand,
der Schweitzer deinen Wellenchören,
hört ferner Waffen dumpfen Klang,
wie Rauschen von Burgunderspeeren,
und ihn ergreifet Thatendrang.

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792.)


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