Der Menschheit Fortschritt und des Menschen Ewigkeit

Vor einem halben Jahr ist die Rhein-Meditation erschienen. Mit Lesungen geht es nach der Sommerpause weiter (siehe Rubrik Termine.) Daß der Rhein vor über hundert Jahren bereits als Meditationsmedium diente, belegt u.a. der folgende Textausschnitt, den uns ein aufmerksamer Leser und Rheinaddikt sandte:

“Mit immer neuem Entzücken suchen wir Anwohner des Rheins die Gegenden auf, wo er sich die Bahn durch die nachbarlichen Gebirge gebrochen hat. Es ist hier doch die reiche Mannigfaltigkeit von Berg und Thal, von ödem Fels, kräftigem Wald und lachender Flur, es ist der anmutige Wechsel der südlich gesättigten Farben, an denen das Auge, jedesmal überrascht, sich immer wieder erquickt. Es ist die Mischung der Spuren, diesen Ufern von den einander ablösenden Lebensaltern unsers Volkes ausgeprägt, welche ahnungsvoll zum Herzen spricht. man wird nicht satt und nicht müde, diesem Wechsel im Anschauen und in der Stimmung sich hinzugeben, weil kein schroffer Gegensatz den Sinn zerreißt, weil die still und mächtig dahin strömenden Wasser uns unmerklich von Ort zu Ort und in derselben Zeit gleichsam von Jahrhundert zu Jahrhundert führen. – Wenden wir dagegen unsern Weg nordwärts zu den sandigen Gestaden des deutschen Meeres. Die Erhabenheit der langsam anschwellenden Flut, die geheimnisvolle, klanglose und doch rhythmische Melodie der sich brechenden Wellen fesselt wohl jedes Gemüt, wie sie nie den Reiz für den verliert, der gleich mir ein Sohn des Küstenlandes ist. Wie befremdend aber steigert sich der Eindruck, so bald man sich dem hohen Meere selbst anvertraut. Die gleichmäßig wogende oder leise atmende, nirgend begrenzte Wasserfläche, der endlos sich darüber spannende schimmernde Himmel, sie büßen bald den Reiz der Neuheit ein. Die Eintönigkeit des Bildes, welches den Schiffer begleitet, wirkt Erstarrung und Erschlaffung, und deshalb übt auch nach gefahrloser Ueberfahrt der Blick auf die jenseit auftauchenden Hügel und Matten unwiderstehlichen Zauber aus.
Der Strom mit seinem anmutenden Wechsel innerhalb der beschränkenden Ufer; das Meer grenzenlos und immer sich gleich; jener diesem zueilend – das sind die alten Bilder für des Lebens Bewegung, in der wir stehen, und für die unwandelbare Ewigkeit, der wir bestimmt sind.”

(aus: Martin Kähler – Dogmatische Zeitfragen. Alte und neue Ausführungen zur Wissenschaft der christlichen Lehre, Leipzig 1898)


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