Monatsarchiv für Juni 2015

 
 

Presserückschau (Juni 2015)

1
Fischüberwachung: “Viele Jahre gab es im Fluss Rhein gar keine Lachse mehr. Es wurde zu viel gefischt und das Wasser war verschmutzt, deswegen ist der ursprüngliche Rheinlachs sogar ausgestorben. Mittlerweile gibt es aber wieder ein paar Lachse im Rhein. Sie schwimmen aus dem Atlantik den Rhein hoch, um in ruhigeren Nebenflüssen ihre Eier abzulegen. Seit Anfang des Jahres sind 142 Stück gezählt worden, das ist neuer Rekord. Gezählt werden sie an der Fischtreppe bei Iffezheim. Dort wird jeder Fisch von einer Videokamera erfasst und aufgezeichnet. Im vergangenen Jahr sind über 50.000 Fische gezählt worden, von insgesamt 25 Arten.” (Kiraka)

2
Zu schnell um gerettet zu werden: in denunziatorischer Boulevarddiktion berichtet der Express von einem “irren Schwimmer” im Kölner Rhein, der “die Polizei genarrt” habe: “Um 12.34 Uhr ging der erste Notruf einer Frau bei der Feuerwehr ein. Sie meldete einen Schwimmer, der gerade am Niehler Damm ins Wasser steigen und zum rechtsrheinischen Ufer schwimmen würde. Sofort machten sich Polizei und Feuerwehr mit einem Großaufgebot auf den Weg. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft suchten sie nach dem Mann – ohne Erfolg. Kurz darauf der nächste Anruf in der Leitstelle. Ein Spaziergänger berichtete, dass ein Mann in Stammheim an Land gegangen und kurz darauf wieder ins Wasser gesprungen sei. Wieder suchten die Retter alles ab. Wieder war der Schwimmer einfach schneller. Zeugen berichteten um 13.25 Uhr den Rettungskräften, dass eine Person am Niehler Damm aus dem Wasser gekommen sei und sich zügig entfernt habe – Einsatzabbruch!”

3
Stadion auf dem Rhein: Die Bild interviewt Fußballtrainer Christoph Daum zur möglichen Fusion der Klubs Bayer 04 Leverkusen und 1. FC Köln im Jahr 2050. Daum erklärt ein solches Kölnkusen für international wettbewerbsfähig: „Die Tradition vom FC in Verbindung mit der Organisations- und Investment-Struktur von Leverkusen würde sich ideal ergänzen. Es wäre schon sehr interessant, was bei diesem Projekt rauskommen würde…“ Auf die Frage, wo das passende Stadion für ein solches Projekt zu stehen hätte, antwortet Daum schmunzelnd: „Auf dem Rhein! Das wäre doch ein Ding, vielleicht ist so eine Konstruktion möglich. Ein Stadion, das beide Städte verbindet – was willst du mehr…?!“

4
Mehr Geld aus Berlin in den Rhein investieren: “Die Verkehrsminister der Rheinanlieger-Länder fordern vom Bund mehr Geld, um den Rhein für den Gütertransport attraktiver zu machen. Straße und Schiene allein könnten die zu erwartenden Zuwächse beim Gütertransport nicht bewältigen, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) am Montag bei einem Treffen in Mannheim. Sein rheinland-pfälzischer Amtskollege Roger Lewentz (SPD) zeigte sich überzeugt, dass eine Verdoppelung des Transportvolumens auf dem Rhein möglich sei. Dafür müssten aber Brücken angehoben, Schleusen erneuert und die Fahrrinne durchgehend auf mindestens 2,10 Meter vertieft werden.” (SWR)

5
Rheingetauft: “Die etwa 180 Gottesdienstbesucher der Freien evangelischen Gemeinde Wiesbaden sitzen auf Bierbänken im Schatten einer Trauerweide. Zwei Kinder sitzen auf einer Picknickdecke und naschen Erdbeeren, andere buddeln im Sand. Der Taufgottesdienst findet an diesem Sonntag an einem ungewöhnlichen Ort statt: unter freiem Himmel auf der Rheininsel Rettbergsaue. Statt ins Taufbecken werden die Täuflinge in den Rhein getaucht.” Anknüpfend an die Flußtaufe Jesu im Jordan seien in Wiesbaden fünf Täuflinge neu in die Christenheit aufgenommen worden, berichtet der Wiesbadener Kurier.

6
Goldrausch: von einem angeblichen gold rush in Disentis am Vorderrhein berichtet das Schweizer Boulevardblatt Blick, gefolgt von weiteren Blättern. Im Zentrum der Artikel steht der lokale Goldgräber August “Gold-Gusti” Brändle, der von erstaunlichen Nuggetfunden, darunter einem knapp 50 Gramm schweren Rekordstück mit Namen “Desertina” berichtet. Der Ansturm der Rheingoldwäscher in Disentis indes scheint einige Zeilen unterhalb der reißerischen Überschrift noch halbwegs übersichtlich: “Der Ort ist bei Goldfreunden beliebt. Schatzsucher aus ganz Europa kommen zur Lukmanierschlucht im Bündner Oberland. Gegen 2000 sind es im Jahr.”

Der Rheinfall (2)

(…) Ihr Pilger eilt zu heiligen Altären?
Zertrümmert Marmor und Granit!
Sie können sich nicht neu gebähren,
und ihrer Lampen Oehl verglüht.
Hier, wo ein ewges Feuer sprüht,
hier lernt den Unbekannten ehren,
hier ist ein heiliges Gebieth.
Der Abend ist herab gesunken,
an dieses Lichtquells hohem Rand,
am Felsen lieg ich feuertrunken,
seh Berge knien im Nachtgewand,
und seh sie tiefer hingesunken,
zu tragen diese Silberwand.
Ringsum ist Ruh der Kräfte, Stille
im sanftgekrümmten Felsenthal,
das Leben schlummert überal
aus seiner dunkeln Wolkenhülle
blickt einsam nur der Nächte Strahl.
Doch rastlos tönet fort des Rheines starke Stimme,
es wälzt sich immer neu die nie erschöpfte Fluth.
Ob auch von seinem wilden Grimme
des Sturmwinds müder Fittig ruht,
erlahmen nicht der Wellenhydra Flügel.
Ermatten ist der Kräfte Loos,
nur dieses Bild, der Gottheit Spiegel,
lebt immer, wirket immer groß.
Nie brach das stolze Wasserschloß,
ob schneller auch als Pfeilgeschoß
die Zeit mit unverhängtem Zügel
ein Wassermeer durch diese Felsen goß,
ob in Jahrhunderten, die hier vorüber wallten,
auch tausend Stimmen durch einander schallten,
ward ihrer keine athemlos.

Was für ein Bild ergreift die bange Seele!
Des Grabes aufgerißne Höhle,
worinn die Vorwelt sich verlor,
schwebt meinem düstern Blicke vor.
Erbauen seh ich und zerstören,
Geschlechter immer neu entstehn,
einander drängen und vergehn,
und fortgehn ohne Wiederkehren.
Nicht Heldenruhm, nicht Würdenglanz
nicht des Verdienstes Siegeskranz
entriß sie dem gewissen Falle,
im Sturz der Zeiten sanken alle!
Bleibst du allein in ewig gleichem Gleis,
du weißgelockter Wellengreis?
Ob Felsen unter dir zerbrechen,
fühlst du doch nicht des Alters Schwächen,
und badest deine Stirn in Eis.
Es hörten deine Woogensprache
schon Völker, als noch keine Wache
auf Felsen keine Hochwacht stand,
und spät noch lauscht vom steilen Rand
die Traubensichel in der Hand,
der Schweitzer deinen Wellenchören,
hört ferner Waffen dumpfen Klang,
wie Rauschen von Burgunderspeeren,
und ihn ergreifet Thatendrang.

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792.)

Der Rheinfall

von einem jungen Mahler.

Wo dich mein Aug zuerst empfand,
Helvetien – wo aus der Felsenwiege
ein stolzer Strom zum Woogenkriege
sich stürzt von hoher Felsen Rand,
wo nie gefühltes Wonnefeuer
die Brust durchdrang, die Seele freyer
zu neuen Welten sich entschwang,
wo jeder Ton auf ihren Saiten
harmonischer zum andern klang,
dahin soll mich des Liedes Flug begleiten,
auf Laufens jähen Felsenhang.

Hinweg von dieser Zauberstelle
ihr Loutherburge, Hackerte,
ihr Schütze und ihr Rheinhardte
ihr mahlt die Scene nicht. Ihr Könige
hervor aus eurer Marmorzelle,
zu schaun die Woogenpracht des Königes der Fälle!
Wie sich in silberlichtes Helle,
vom Glanz des Wassergotts umstrahlt,
(versuchts, wer dieses Bild euch mahlt!)
von ihrer hohen Felsenschwelle
herabstürzt diese Wasserhölle!

Umsonst! des Künstlers Hand erbebt,
dem kühnern Dichter sinkt die Leyer.
Er sieht ein Heer von Kräften hier belebt,
sieht Leben und Verderben eng verwebt,
er sieht aus grauem Nebelschleyer,
wie wallend Fluth aus Fluth sich hebt,
wie, tausendmal im Augenblicke,
sich bauet eine Wasserbrücke,
und in den Abgrund sich begräbt.
Er sieht ein schäumend Ungeheuer,
das sich zersprengt und wieder schlürft,
und aus dem Schlund im Sternenfeuer
ein Heer von Strahlenlichtern wirft,
wie wenn am Fels sich Blitze splittern.
Er sieht, wie Masse Masse schnellt,
sieht einen Silberberg von Furien erschüttern,
daß aufgelöst in eine Tropfenwelt
er aufspringt und zusammenfällt.

Welch ein Getös! Welch weit verworrnes Sausen!
gleich Eichen, die der Sturmwind trillt,
gleich der Orkane wildem Brausen,
das fern den Wanderer mit Grausen,
und nah ihn mit Entsetzen füllt.
Lauteilendes Verderben brüllt
aus seinem weiten Woogenrachen
des Bernhards eisgebohrner Sohn,
bang flüchten sich erschrockne Nachen,
vor seines Zornes wildem Drohn.
Die Ufer dröhnen rings davon,
zerrißne Felsenreste zittern
vor des Zermalmers Donnerton,
wie wenn auf seinem Wolkenthron,
geführt von rollenden Gewittern
der Weltgebiether furchtbar naht,
wie wenn des Zeitenstromes Rad,
vom Sturz der Jahre umgeschwungen,
hier wälzte und mit tausend Zungen
des Lebens Eile predigte. (…)

(Karl Gotthard Graß: Der Rheinfall, in: Fragmente von Wanderungen in der Schweiz, Zürich 1797; zuvor auch erschienen in: Neue Thalia unter Herausgabe Friedrich Schillers 1792. Die zweite Gedichthälfte folgt!)

Fessenheim (3)

Digital StillCamera Digital StillCameraHochgradige Normalität: STOP-Schild an der Rue du Rhin, entvölkerter Blick auf die blauen Vogesen. Auf den Äckern surren und plustern sich kühlturmähnlich-schutzbrustgedeckelte Salatköpfe. Fassana lautet der elsässische Name Fessenheims. Diesseits des Rheins steht der Ortsname synonym für eines der marodesten Atomkraftwerke Europas, das während unseres Fessenheimer Aufenthalts in einem Anfall jäher Unwirklichkeit die Visualisation verweigerte.

Der Menschheit Fortschritt und des Menschen Ewigkeit

Vor einem halben Jahr ist die Rhein-Meditation erschienen. Mit Lesungen geht es nach der Sommerpause weiter (siehe Rubrik Termine.) Daß der Rhein vor über hundert Jahren bereits als Meditationsmedium diente, belegt u.a. der folgende Textausschnitt, den uns ein aufmerksamer Leser und Rheinaddikt sandte:

“Mit immer neuem Entzücken suchen wir Anwohner des Rheins die Gegenden auf, wo er sich die Bahn durch die nachbarlichen Gebirge gebrochen hat. Es ist hier doch die reiche Mannigfaltigkeit von Berg und Thal, von ödem Fels, kräftigem Wald und lachender Flur, es ist der anmutige Wechsel der südlich gesättigten Farben, an denen das Auge, jedesmal überrascht, sich immer wieder erquickt. Es ist die Mischung der Spuren, diesen Ufern von den einander ablösenden Lebensaltern unsers Volkes ausgeprägt, welche ahnungsvoll zum Herzen spricht. man wird nicht satt und nicht müde, diesem Wechsel im Anschauen und in der Stimmung sich hinzugeben, weil kein schroffer Gegensatz den Sinn zerreißt, weil die still und mächtig dahin strömenden Wasser uns unmerklich von Ort zu Ort und in derselben Zeit gleichsam von Jahrhundert zu Jahrhundert führen. – Wenden wir dagegen unsern Weg nordwärts zu den sandigen Gestaden des deutschen Meeres. Die Erhabenheit der langsam anschwellenden Flut, die geheimnisvolle, klanglose und doch rhythmische Melodie der sich brechenden Wellen fesselt wohl jedes Gemüt, wie sie nie den Reiz für den verliert, der gleich mir ein Sohn des Küstenlandes ist. Wie befremdend aber steigert sich der Eindruck, so bald man sich dem hohen Meere selbst anvertraut. Die gleichmäßig wogende oder leise atmende, nirgend begrenzte Wasserfläche, der endlos sich darüber spannende schimmernde Himmel, sie büßen bald den Reiz der Neuheit ein. Die Eintönigkeit des Bildes, welches den Schiffer begleitet, wirkt Erstarrung und Erschlaffung, und deshalb übt auch nach gefahrloser Ueberfahrt der Blick auf die jenseit auftauchenden Hügel und Matten unwiderstehlichen Zauber aus.
Der Strom mit seinem anmutenden Wechsel innerhalb der beschränkenden Ufer; das Meer grenzenlos und immer sich gleich; jener diesem zueilend – das sind die alten Bilder für des Lebens Bewegung, in der wir stehen, und für die unwandelbare Ewigkeit, der wir bestimmt sind.”

(aus: Martin Kähler – Dogmatische Zeitfragen. Alte und neue Ausführungen zur Wissenschaft der christlichen Lehre, Leipzig 1898)

Gottenheim (2)

gottenheim_windowsWindows – verschwommene Fensterquadratur: per Kameradisplay justierte Rathausfenster, durch eine gewässerte Brunnenfensterscheibe fotografiert und mittels Betriebssystem Windows 8 dem Netz adjungiert

Gottenheim

gottenheim_weinprinzessinAn den Ortseinfahrten grüßt Gottenheims Stolz, die amtierende Weinprinzessin
gottenheim_künstlertageKünstlertage im unweit gelegenen Burkheim – das Haltestellensignet macht mit und gestaltet sich als Smiley um
gottenheim_narrKrutstorze (hochdeutsch: Kohlstrünke) heißen die Gottenheimer Narren – dieser Schnitzgeselle bevölkert ganzjährig den namenlosen kleinen Stadtpark

the green Rhineland where thy spirit wrought

Thou art the eye of this blind body of man,
The tongue of this dumb people; shalt thou not
See, shalt thou speak not for them? Time is wan
And hope is weak with waiting, and swift thought
Hath lost the wings at heel wherewith he ran,
And on the red pit’s edge sits down distraught
To talk with death of days republican
And dreams and fights long since dreamt out and fought;

OF the last hope that drew
To that red edge anew
The firewhite faith of Poland without spot;
Of the blind Russian might,
And fire that is not light;
Of the green Rhineland where thy spirit wrought;
But though time, hope, and memory tire,
Canst thou wax dark as they do, thou whose light is fire?

(Algernon Charles Swinburne, Songs before sunrise : The Eve of revolution, 12)

Rheinschafe (4)


Plötzlich umzingelt fanden wir uns am letzten Frühlingstag des Jahres bei der Flußschau am Niehler Ufer in Köln. Lautlos hatten sich mehrere hundert Schafe in unserem Rücken angeschlichen, um auf Verabredung in sinfonischen Radau auszubrechen, ein ritualartiges Geblöke und Gegurgel vor dem Herrn. Ständig änderten die Tiere während des Konzerts ihre Formation in flüssigen Bewegungen, parallel zur Uferlinie, rheinauf und rheinab. Fünf Sätze umfaßte ihr über Nick Parks Animationsfilm “Wallace & Gromit – Unter Schafen” improvisierendes Spiel, wobei sie sich in den Pausen an Weidenstrünken, Flußwasser und unserem Fahrrad gütlich taten.

Tuniberg



Mit dem Hollandrad ging es, unbeabsichtigt, denn er kam unvermittelt auf den Weg nach Breisach zu liegen, auf den Tuniberg. Wechselnde Aussichten auf den benachbarten Kaiserstuhl, über badisch-toskanische Bodenwellen, auf den Schwarzwald. Der Anstieg auf den Berg, einen der niedrigsten, die am Rhein zur Verfügung stehen, wurde kaum bemerkt – umso größer unser Erstaunen, plötzlich unter einem gigantischen Gipfelkreuz zu landen. Wir verirrten uns auf Nebenpfade, deren tödlich schöne Idylle von nichts als Vogelzwitschern im Wein, darüber kreisenden Greifen und dem gelegentlichen Fall einer überreifen Schwarzkirsche illustriert wurde.

Rheintub

Beregnungsmaschine bei Fessenheim

Die Vergänglichkeit.

(Gespräch auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht.)

Der Bub seit zum Aetti:

Fast allmol, Aetti, wenn mer’s Röttler Schloß
so vor den Auge stoht, se denki dra,
öbs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts denn nit dört, so schuderig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruset mer,
wie länger aßi ’s bschau. Und üser Hus,
es sizt jo wie ne Chilchli uffem Berg,
und d’Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Schwetz Aetti, gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chönn schier gar nit sy.

Der Aetti seit:

Du gute Burst, ’s cha frili sy, was meinsch?
’s chunnt alles jung und neu, und alles schlicht
im Alter zu, und alles nimmt en End,
und nüt stoht still. Hörsch nit, wie ’s Wasser ruuscht,
und siehsch am Himmel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
ruckt alles witers, alles chunnt und goht.
Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt.
De bisch no jung; uärsch, i bi au so gsi,
jezt würds mer änderst, ’s Alter, ’s Alter chunnt,
und woni gang, go Gresgen oder Wies,
in Feld und Wald, go Basel oder heim,
‘s isch einerley, i gang im Chilchhof zu, –
briegg, alder nit! – und bis de bisch wien ich,
e gstandene Ma, se bini nümme do,
und d’Schof und Geiße weide uf mi’m Grab.
Jo wegerli, und ’s Hus wird alt und wüst;
der Rege wäscht der’s wüster alli Nacht,
und d’Sunne bleicht der’s schwärzer alli Tag,
und im Vertäfer popperet der Wurm.
Es regnet no dur d’Bühne ab, es pfift
der Wind dur d’Chlimse. Drüber thuesch du au
no d’Auge zu; es chömme Chindes-Chind,
und pletze dra. Z’lezt fuults im Fundement,
und ’s hilft nüt me. Und wemme nootno gar
zweytusig zehlt, isch alles zsemme g’keit.
Und endli sinkt ’s ganz Dörfli in si Grab.
Wo d’Chilche stoht, wo ’s Vogts und ’s Here Hus,
goht mit der Zit der Pflug –

Der Bueb seit:

Nei, was de seisch!

Der Aetti seit:

Je, ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’witt!
Isch Basel nit e schöni tolli Stadt?
’s sin Hüser drinn, ’s isch mengi Chilche nit
so groß, und Chilche, ’s sin in mengem Dorf
nit so viel Hüser. ’s isch e Volchspiel, ’s wohnt
e Richthum drinn, und menge brave Her,
und menge, woni gchennt ha, lit scho lang
im Chrütz-Gang hinterm Münster-Platz und schloft.
’s isch eithue, Chind, es schlacht e mol e Stund,
goht Basel au ins Grab, und streckt no do
und dört e Glied zum Boden us, e Joch,
en alte Thurn, e Giebel-Wand; es wachst
do Holder druf, do Büechli, Tanne dört,
und Moos und Farn, und Reiger sitze druf –
’s isch schad derfür! – und sin bis dörthi d’Lüt
so närsch wie jez, se göhn au Gspenster um,
der Sulger, wo die arme Bettel-Lüt
vergelstert het, der Lippi Läppeli,
und was weis ich, wer meh. Was stoßisch mi?

Der Bub seit:

Schwetz lisli Aetti, bis mer über d’Bruck
do sin, und do an Berg und Wald verbey!
Dört obe jagt e wilde Jäger, weisch?
Und lueg, do niden in de Hürste seig
gwiß ’s Eyer-Meidli g’lege, halber ful,
‘s isch Johr und Tag. Hörsch, wie der Laubi schnuft?

Der Aetti seit:

Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch!
Hüst Laubi, Merz! – und loß die Todte go,
’s sin Nare-Posse! – Je, was hani gseit?
Vo Basel, aß es au emol verfallt. –
Und goht in langer Zit e Wanders-Ma
ne halbi Stund, e Stund wit dra verbey,
se luegt er dure, lit ke Nebel druf,
und seit si’m Camerad, wo mittem goht:
„Lueg, dört isch Basel gstande! Selle Thurn
isch d’ Peters-Chilche gsi, ’s isch schad derfür!“

Der Bub seit:

Nei Aetti, ischs der Ernst, es cha nit sy?

Der Aetti seit:

Je ’s isch nit anderst, lueg mi a, wie d’ witt,
und mit der Zit verbrennt di ganzi Welt.
Es goht e Wächter us um Mitternacht,
e fremde Ma, me weiß nit, wer er isch,
er funklet, wie ne Stern, und rüeft „Wacht auf!
Wacht auf, es kommt der Tag!“ – Drob röthet si
der Himmel, und es dundert überal,
z’erst heimli; alsgmach lut, wie sellemol
wo Anno Sechsenünzgi der Franzos
so uding gschoße het. Der Bode wankt,
aß d’ Chilch-Thürn guge; d’ Glocke schlagen a,
und lüte selber Bet-Zit wit und breit,
und alles betet. Drüber chunnt der Tag;
o, bhütis Gott, me brucht ke Sunn derzu,
der Himmel stoht im Blitz, und d’ Welt im Glast.
Druf gschieht no viel, i ha jez nit der Zit;
und endli zündets a, und brennt und brennt,
wo Boden isch, und niemes löscht. Es glumst
zlezt selber ab. Wie meinsch, siehts us derno?

Der Bub seit:

O Aetti, sag mer nüt me! Zwor wie gohts
de Lüte denn, wenn alles brennt und brennt?

Der Aetti seit:

Närsch, d’Lüt sin nümme do, wenns brennt, sie sin –
wo sin sie? Seig du frumm, und halt di wohl,
geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein!
Siehsch nit, wie d’Luft mit schöne Sterne prangt!
’s isch jede Stern verglichlige ne Dorf,
und witer oben isch e schöni Stadt,
me sieht sie nit vo do, und haltsch di gut,
se chunnsch in so ne Stern, und ’s isch der wohl,
und findsch der Aetti dört, wenn’s Gottswill isch,
und ’s Chüngi selig, d’ Mutter. Oebbe fahrsch
au d’ Milchstroß uf in die verborgeni Stadt,
und wenn de sitwärts abe luegsch, was siehsch?
e Röttler Schloß! Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, äs wie zwee alti Thürn,
und zwische drinn isch alles use brennt,
bis tief in Boden abe. D’Wiese het
ke Wasser meh, ’s isch alles öd und schwarz,
und todtestill, so wit me luegt – das siehsch,
und seisch di’m Cammerad, wo mitder goht
„Lueg, dört isch d’Erde gsi, und selle Berg
„het Belche gheiße! Nit gar wit dervo
„isch Wisleth gsi, dört hani au scho glebt,
„und Stiere g’ wettet, Holz go Basel gführt,
„und brochet, Matte g’raust, und Liecht-Spöh’ g’macht,
„und gvätterlet, biß an mi selig End,
„und möcht jez nümme hi.“ – Hüst Laubi, Merz!

(Johan Peter Hebel)

Durch den Breisgau (2)

Freistehender Akzent als Besonderheit des jambisch orientierten Rödelreims

Landstraßen und Agrarwege des Breisgaus stehen im Juni im Zeichen der Erdbeere, der Kirsche und des badischen Golds, des Spargels. So wehen zerschlissene und frisch gestylte Erdbeerflaggen von Höfen und in Vorgärten, skulpturale Spargelbündel aus Hartschaum ragen fallisch als Pfeiler von Orts- und Toreinfahrten in den Himmel, und die Kirsche symbolisiert das vergessene Auge, das sehnsüchtig in der Dunkelheit pulsiert, bevor es platzt. Hartheim, einst direkt am Rhein gelegen, woran die vollständige Ortsbezeichnung Hartheim am Rhein erinnert, ist im Talgrund von Altrhein und Rheinseitenkanal auf Kilometer an seinem mythenumrankten Leuchtturm, dem “Harten Gustav” auszumachen. Im Ort selber verschwindet der Turm bis zur völligen Unsichtbarkeit hinterhartheim_fischerzunftErinnerungen an die Zeiten des Salmenfangs. Der Salm, die regionale Bezeichnung für den Lachs, der den Rhein bis zur Industrialisierung übervölkerte, wird heuer bei der Iffezheimer Fischtreppe videodokumentiert und gezählt, um die 100 Exemplare konnten dort nachgewiesen werden, erste Erfolge der Neubesetzung – denn zwischenzeitlich war der Lachs aus dem Oberrhein verschwunden. Die Gaststätten des Breisgaus benennen sich weiterhin gerne nach dem einstmals regionaltypischen Fisch. In Schaukästen neben der Eingangstür präsentieren sie, so sie auf sich halten, Flaschen mit ihren Hausbränden und Weinen aus den Lagen nebenan. In Feldkirch, nicht zu verwechseln mit dem vorarlbergischen Städtchen gleichen Namens, trifft sich die Landwelt im Bohrerhof, einem für die Ortsgröße bombastischen Landmarkt, dessen Restaurant an ein umfunktioniertes Treibhaus erinnert. Am Ortseingang schrillte uns die rote Johannisbeere entgegen, am Ortsausgang schrillte sie uns hinterher. Wir erreichten Schlatt und ergaben unsschlatt_kaninchenschauschließlich bedingungslos der am Straßenrand sich aufbauenden Niedlichkeit.

Das elsässische Piktogramm


fessenheim_fahradwegmännchen_2
Männchen zur Markierung der Radwege: auf der grenzüberschreitenden Alain-Foechterle-Erich-Dilger-Brücke zwischen Hartheim (Baden) und Fessenheim (Elsaß) wechselt die Fahrbahnfarbe von deutschgrau in französischgrau und beeindruckendes elsässischgrün. Die auf deutschem Boden noch schnurgerade gezogene Fahrbahnbegrenzung nimmt zittrig-psychedelische Noten an. Die Piktogramme wechseln von Normzeichnung auf individuelle Gestaltung mit künstlerischen Ansätzen. Wir trafen u.a. auf bröckelnde Leptosome und kubistisch inspirierte Ausdrucksformen.

Fessenheim (2)

Am hohen Mittag erreichen wir das Städtchen und tatsächlich läßt sich High Noon-Stimmung konstatieren. Als einziger Ortsfremder – statt zu Pferde einzureiten sitzen wir im Fahrradsattel – geht es, ohne daß wir eine Menschenseele erblicken, betont langsam die Rue de la Libération hinauf und wieder herunter. In unserem Rücken werden von diffusen Schatten die Speisetafeln eingeholt. Assiette anglaise, hatten wir aus dem Augenwinkel als Mittagstisch ausgemacht, eine wenig vertrauenerweckende Bezeichnung für ein Gericht. An der Fassade des Saloons entfaltet sich in moderner Beschilderung der typisch elsässische Dreiklang: deutsche bzw deutschähnliche Familiennamen, französisches Restaurant, Dialekthotel.

Fessenheim

fessenheim_tsunamiIn seiner Novelle Fessenheim von 2013 läßt Jürgen Lodemann den Bodensee abkippen und somit einen Tsunami das Rheintal verheeren. An vielen Stellen erweckt Fessenheim den Anschein, als habe es sich noch nicht von diesem Tsunami erholt. Unser Bild zeigt Spuren der großen Flut an einer Hauswand in der ehemaligen, den Überschwemmungen zum Opfer gefallenen, schlierigen, staubigen Hauptstraße Rue de la Libération, in der erstaunlicherweise ein paar Masten, Stangen und Regenrinnen überlebt haben.