Rhein-Meditation (5)


“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.


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