Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (6)

flussSchàrel Grians: Fleuve / Fluß

“(…) Eine ganze Woche lang lief Monsieur Grians zum ungefähr 350 Meter von seinem Haus entfernten Fluß, abwechselnd in Richtung Mündung und in die Gegenrichtung, und schöpfte mit verschiedenen Eimern Rheinwasser. Auf meine Frage nach dem Grund antwortete Schàrel, er wollte so viele verschiedene Wasser wie möglich sammeln, damit nicht immer dasselbe in seinem bzw. Emmeles Rhein floß. ”Aber ist es nicht sowieso immer dasselbe Wasser?” insistierte ich. Er: ”Oh nein!… gewiß nicht. Das war bestimmt auch der Grund, warum die Kartographen von 1840 den Rheinlauf ab Schaffhausen beginnen ließen, sehen Sie?” Er reichte mir eine Landkarte und tatsächlich fing der Fluß auf dieser Karte erst bei seinen Fällen an. ”Ob sie damit aussagen wollten, der Rhein sei vor dem Rheinfall nicht der Rhein?” – ”Vielleicht. Vielleicht nicht. Sie wollten einfach nicht darüber spekulieren.” – “Auf der zweiten Karte, aus dem Jahr 1595, sind aber die Rheinquellen angegeben worden, sagten Sie… Also was nun?” – ”Die Kartographen des 19. Jahrhunderts waren, wer weiß, vielleicht gewissenhafter?” – ”Die des 16. Jahrhunderts aber präziser…” – ”So wird es sein. Wie auch immer. Als ich meine Grube endlich gefüllt hatte (auch wenn die Temperaturen nicht so hoch waren wie im Sommer, war es warm genug, sodaß das Wasser zügig verdunstete und sich mein Versprechen, Emmeles Eimer zu benutzen, schnell als kontraproduktiv erwies. Mir kam dann die Idee, die Grubenränder mit einem Holzhammer zu befestigen, danach ging es etwas besser), als ich also endlich fertig wurde, stieg ich auf eine Leiter und fotografierte den Fluß aus der Vogelperspektive. Leider ist das Bild ein wenig verwackelt – ich mußte mich beeilen, die Erde und die Sonne soffen das Wasser schneller als Emmeles Vorfahren ihren Schnaps…“

Der Preis war ihm turnusgemäß sicher. Trotzdem betrachtete Schàrel Grians sein frisch geschaffenes Werk mit äußerster Zufriedenheit. Wohl ahnend, was die anderen Bewerber präsentieren würden (die gleichen Gemälde wie beim letzten Mal, nur diesmal mit einer Schicht blauer Farbe überpinselt; die richtig fleißigen würden es vielleicht auf einen Frachtkahn mit vorüberfliegenden Möwen bringen, um dem Werk ein aquatisches Ambiente zu verleihen…), hatte er diesmal kräftig einen draufgesetzt, in dem er zusätzlich zu seinem Foto zwei der Eimer, die er benutzt hatte, präsentierte. Etwas in der Art hatte er in einem Katalog beim Buchhändler gesehen und fand das Ergebnis revolutionär: Vergleichbares hatte es in den 30 Jahren seit Bestehen ihres Komitees noch nie gegeben.

Schàrel Grians: Et ma Rhin / Und meine Rhein

”Haben die vielleicht Augen gemacht, die andren! Erst recht, als ich erklärte, das, was ich da gemacht habe, wäre ”Konzept-Kunst”!” (Schàrel prononcierte: Konsetp-Kunst.) – ”In der Tat, Sie sahen sehr fröhlich aus, in der Zeitung”, bemerkte ich. ”Natürlich, ça ne mange pas de pain, wie man sagt.” ”Und der Zeitungsbericht?” – ”Man kennt sich eben, Sie verstehen… da war gerade Platz bei den Kontaktanzeigen, sieht doch keiner.” – ”Ich schon. Und der Preis? Was haben Sie gewonnen?” (…)” (Fortsetzung folgt)


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