Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (3)

“(…) Da ich in Rhinau eigentlich nur auf Durchreise war, hatte ich zuerst getan, was ich für gewöhnlich in mir unbekannten Städten unternehme, wenn ich etwas Zeit mitbringe: ich suchte nach dem Bahnhof. In einem derart kleinen Ort solch ein Gebäude zu errichten hatte man in Rhinau allerdings für unnötig befunden, wiewohl, wie mir eine ältere Dame später erzählte, es einst eine Straßenbahnlinie gegeben hätte, bzw. eine Abzweigung zur Hauptlinie Straßburg-Marckolsheim. Da war zuerst, erinnerte sich die Dame, eine Pferdebahn im Dienst, wissen Sie, dann wurde modernisiert… der Dr. Pétin aus Paris kam ins Hôtel du Lion (1), alle die an Bruchleiden litten wurden geheilt; und dann war da noch dieser Wagen, der auf einmal alleine los fuhr (2), und nach all den Kriegen, all den Jahren, all den Tagen, war es damit aus… alles wurde im Brand gesetzt (3). Daraufhin versank meine Gesprächspartnerin in einem schwarzen Gedächtnisloch. Mangels einer Bahnhofshalle hatte ich mich in das Foyer des lokalen Altersheims begeben.

grußkarteRheinau: “Zum Löwen”, Hauptstraße mit Kirche

moulinRhinau: Moulin

bruchleiden copyAnkündigung methodischer Bruchleidenheilung (Le Juif, n° 43, 12 novembre 1920)

Sie sollen nämlich wissen: ich halte mich gerne in Wartesälen auf, in Bahnhöfen, bei Ärzten. Krankenhaus-Cafeterien läßt sich ein ganz eigener Charme zuschreiben. Zwar wäre den dort servierten Kaffee als “köstlich” zu bewerten schwer übertrieben, gewiß – dafür handelt es sich meistens um ausgesprochen ruhige Orte. Mit Hilfe kurzsilbiger Berichte von Krankheitsverläufen, monotoner Auflistungen von Heilungsversprechen, Austauschmöglichkeiten über unschlagbare neue Therapien, wirkungsvolle Wunder, unter häufigem verständnisvollen Kopfwiegen vergessen Patienten und deren Besucher gerne ihre Lektüre. Tageszeitungen liegen leicht zugänglich herum, am liebsten sind mir die Regionalausgaben. Um von den Schlagzeilen des Weltgeschehens noch beeindruckt zu werden bin ich zu alt, doch andererseits zu jung, um mich geistig von Todesanzeigen zu nähren. Vermischte Meldungen hingegen sind wahres Gold!

Jetzt außer Reichweite gelangt, hatte meine Informantin leider keine Zeitung bei sich getragen. Ich suchte nach einer anderen Quelle, und erblickte einen schläfrigen Greis. Durch das Schattenspiel der Gardinen auf seinem Anzug ähnelte er einem verirrten, vor Kälte erstarrten Exemplar larinus scolymi, ein Coleoptera-Art, welche im Mittelmeerraum bis Nord-Afrika beheimatet ist – wie Sie jedoch wissen, profitieren auch Tiere vom Expandieren des internationalen Verkehrs.

coleopter

Mein Interesse an dem Mann galt aber vor allem der Zeitung, welche er auf seinem Schoß mit beiden Händen festhielt, und die auf der Kontaktanzeigen-Seite aufgeschlagen geblieben war. Zwischen Fotos lächelnder, vereinsamter Seelen, die ich nur verkehrt herum sehen konnte, bemerkte ich ein Fragment : ”… ma Rhin”. Vorsichtig zog ich an der Zeitung, doch der Versuch, sie mir anzueignen, schlug fehl. Was immer diese Finger im echten Leben nicht mehr fest zu halten vermochten – im Schlaf machten sie ihre Sache recht gut. Immerhin erkannte ich nun, daß das Fragment im Ganzen „Et ma Rhin“ hieß und der Titel eines Kunstwerks war, das einen Preis gewonnen hatte. Die Meldung war kurz und unlesbar, doch von einer, leider halb vom Ärmel des Schlafenden bedeckten, grob gerasterten, schwarz-weißen (eigentlich mehr grautönigen) Abbildung begleitet.

feldTypisches Maisfeld wie bei Rhinau anzutreffen (Symbolbild)

Aus verschiedenen hügelähnlichen Frisuren ragte ein Arm, dessen Hand etwas eingerollt hielt. „Et ma Rhin“ hatte meine Neugier geweckt, und wohl wissend, daß Sie ebenfalls an dieser Sache interessiert sein dürften, entschied ich mich ihr nachzugehen. Ein PMU (4) war schnell gefunden. Zwei Minuten später erfuhr ich, daß die Preisverleihung, bei der das Werk gewonnen hatte, eine Veranstaltung des Comité des Arts Vrais (5) gewesen war, und der Preisträger Schàrel Grians hieß. Ihn zu treffen war einfach. Mit seiner Frau, Emmele, wohnte er etwas außerhalb der Gemeinde. Sie waren in der Gegend die einzigen Personen mit diesem Nachnamen. Sie wohnten im einzigen Haus, das ich am Rande der Ortschaft finden konnte; es stand inmitten von Maisfeldern, die es zu bewachen schien. (…)” (Fortsetzung folgt)

(1) Am ”Hôtel du Lion”, oder ”Restaurant au Lion”, hielt übrigens die Straßenbahn an.
(2) ”Tremblement de Terre – Dans la soirée du 11 juin, entre neuf et dix heures, un tremblement de terre a été ressenti à Strasbourg, à Erstein, à Geispolsheim, à Rhinau. L’oscillation a duré à peu près trois secondes. A Rhinau, un wagon de tramway qui se trouvait sur la voie s’est mis en mouvement.“ (Le Petit Parisien, 16 juin 1887, n° 3883) – so alt, daß sie besagtes Erdbeben selber hätte miterleben können, war die Dame freilich nicht.
(3) Die Straßenbahnlinie Strasbourg-Boofzheim-Marckolsheim (54 km), mit einer Verbindung von Boofzheim nach Rhinau (2 km) wurde 1886 eröffnet und 1957 abgeschafft. Der gesamte Straßenbahnverkehr wurde in Strasbourg im Jahr 1960 eingestellt und
das Material im Dépôt de Cronenbourg verbrannt.
(4) Pari Mutuel Urbain: Annahmestelle für Pferdewetten, oft kioskähnlicher Betrieb mit Zeitungsverkauf
(5) Komitee der wahrhaftigen Künste


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