Monsieur Crépon erkundet das Elsaß (2)

“(…) Hermes suchte weiterhin und vergeblich nach Anhaltspunkten, eiferte nach greifbaren, plausiblen Koordinaten, stotterte Anweisungen, die mich wahrscheinlich in den Tod hätten fahren lassen. Als Hermes wiederholt fragte, ob die Mission in Gefahr sei, dachte ich in eine andere Dimension eingedrungen zu sein, merkte dann vor allem, daß ich im Begriff war einzuschlafen, daß mein Traumorgan sich bereits aktiviert hatte, und ich besser stoppen sollte, obwohl ich mich seit Stunden keinen Zentimeter bewegt hatte.

Als der Tag anbrach, standen die Wolken so dicht, daß von Sonnenaufgang keine Rede sein konnte. Vor meiner Motorhaube stand eine Kuh und starrte mich wiederkäuend an. Dann muhte sie melancholisch. Damit schien alles gesagt. Während die Kuh ihren Blick auf mich gerichtet hielt, tat sich keinerlei Himmelsrichtung auf. Mir schien ich sollte besser umkehren, dem Weg in meinem Rücken folgen – was ich auch tat, bis ich, wenn nicht direkt mein Ziel, so wenigstens etwas Fassbares erreichte: den Rhein. An meiner Verwirrung, es muß gesagt sein, hatte er seinen Anteil. Was man inmitten des Betts vermutet, befindet sich manchmal nach rechts verschoben.

Ohnehin ist es leichtsinnig, vom rechten oder linken Rheinufer zu sprechen. Lag eine Stadt in römischer Zeit auf der linken Uferseite, so liegt sie heute auf der rechten. Genau umgekehrt ging es der Gemeinde Rhinau (deutsch: Rheinau), in der ich nun verweile. Und was der Fluß nicht selber durcheinander brachte, übernahmen die Ingenieure, als der Rhein ”reguliert” wurde. Die Geschichte ihrerseits wußte ihr Bestes zu geben, um die Sachlage richtig tohu-bohuesk erscheinen zu lassen.

Welch ein Chaos! Wie soll man sich da zurechtfinden? Aus meinen Hotelzimmer in Frankreich blicke ich jetzt über den Rhein – auf Frankreich…, obwohl die Grenze mitten im Fluß festgelegt ist. Verstehen Sie das? Nun, ich bin weder Landvermesser noch Historiker, erwähne dies nur um Ihnen ein Bild davon zu geben, welch instabilen Boden ich unter den Füßen hatte, während meiner Recherchen, die mich an Ort und Stelle gebracht hatten, wo ich mich eben immer noch befinde: in diesem Zimmer, diesem Etablissement, nicht weit entfernt von einem Platz, von dem aus heulende Motoren, quietschende Reifen, ohrenbetäubende Bremsen wahrzunehmen sind. Veranstaltungen in traditioneller Tracht sind hier nicht jedermanns Sache. Ein Teil der Jugend sucht ihre Selbstverwirklichung in Lärm und Rauch, blockiert geschickt die Räder ihrer Vehikel und gibt einfach Gas. Die gequälte Mechanik läßt die Autos sich in verzweifelten Kreisen drehen und das Gummi der Reifen brandmarkt den Asphalt. Hat ein Fahrer mehrere donuts absolviert, gibt er den Platz für den nächste Kandidaten frei. Das Publikum jubelt, applaudiert, kreischt, schreit, honoriert den rücksichtslosen Reifengummiabrieb und schmäht die vorsichtigeren Piloten. Handies blitzen, Gettoblaster brüllen, Karpfen und Pommes zappeln auf Papptellern, Bier schäumt und fließt in alle Kehlen; manche Gestalt sieht aus, als ob sie mit schwefelwasserstoffhaltigem Wasser (wie einst neben einer heute nicht mehr existenten Mühle) ihren Durst nach Abenteuer zu löschen versucht hätte. (…)” (Fortsetzung folgt)


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