Monatsarchiv für Mai 2015

 
 

Presserückschau (Mai 2015)

1
Die Grenzstadt Weil am Rhein will gegen die oberrheinische Saatkrähe vorgehen: “Die wachsende Anzahl der Saatkrähen in Weil am Rhein und die damit verbundene Lärmproblematik beschäftigt derzeit besonders die Bewohner der Gartenstadt. (…) Mehrere Städte an der Oberrheinstrecke seien von der Plage betroffen, was mit Blick auf den Informationsaustausch im Umgang mit den in Deutschland geschützten Tieren auch Weil am Rhein zugute kommen kann: Bereits seit zwei Jahren stehe die Stadtverwaltung in Kontakt zur „Arbeitsgemeinschaft Saatkrähe“ in Lahr (…)” berichtet Die Oberbadische.

2
Der durch Schmelzwasser angestiegene Altrhein gilt als Ursache für ein Kanu-Massenkentern: “Bei einem Ausflug mit Booten sind 22 Menschen auf dem Rhein verunglückt. Die acht Kanus der Gruppe kenterten bei Neuenburg südlich von Freiburg, teilte die Polizei mit. Grund sei die starke Strömung gewesen. Die Insassen der Boote stürzten ins Wasser. 18 von ihnen konnten sich ans Ufer retten oder wurden aus dem Wasser gezogen. Bei den Opfern des Unglücks handelte es sich um Erzieherinnen im Alter von 20 bis 50 Jahren.” (Stuttgarter Nachrichten)

3
“Rund 40 selbsternannte Matrosen und ihr Kapitän rollen (…) einen riesigen Papierbogen auf einem Sportplatz beim Rheinstrandbad Rappenwört in Karlsruhe aus. Dann ist voller Körpereinsatz gefragt, aber auch Feingefühl und Konzentration: Es gilt, für einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde das größte Papierboot der Welt zu falten. Nach drei Stunden steht das Boot, laut offizieller Vermessung misst es 13,93 Meter. Weltrekord! In blau-weißen Ringelpullovern hatten sich die Sportler vom Kanukreis Karlsruhe ans Werk gemacht und das Monster-Papierschiff zusammengebastelt – angefeuert vom japanischen Trommler Isao Nakamura und drei seiner Studenten. Der gut gelaunte Karlsruher Schlagzeugprofessor funktionierte für eine eigens komponierte Performance ein umgedrehtes Kunststoffboot zur Trommel um. Sinniger Name des Bootes: “Alter Schwede”.” (Südwest Presse)

4
Wenn die Flöhe husten: “Seit 20 Jahren wacht die Rheingütestation Worms über die Wasserqualität – auch mithilfe von Wasserflöhen. Fangen die Wasserflöhe im Analysegerät an, langsamer zu schwimmen oder zu taumeln, stimmt etwas mit dem Rhein nicht. Zuletzt geschehen am 6. Mai, als Hochwasser am Oberrhein eine große Menge an Unkrautvernichtungsmitteln von den Feldern in den Rhein spülte. Die aus dem Verhalten der Wasserflöhe errechnete Kurve erreichte damals die gelbe Alarmschwelle. Wird die rote Schwelle erreicht, ist zu befürchten, dass der Rhein vergiftet ist. (…) An vier Stellen des 300 Meter breiten Flusses werden Proben entnommen: (…) Die Proben werden aufwändig chemisch analysiert, die schnellsten Ergebnisse liefern aber neben den Wasserflöhen auch die Algen: “Wenn sie vergiftet sind, leuchten sie schwächer”. (…) Vier Fließstunden entfernt von der Wormser Station liegt im hessischen Biebesheim das einzige deutsche Wasserwerk, das Wasser direkt aus dem Rhein entnimmt und damit auch den Ballungsraum Frankfurt versorgt. Rheinabwärts in den Niederlanden sind fünf Millionen Menschen direkt vom Rhein als Trinkwasserspender abhängig. (…) Im Schnitt gibt es (…) einmal im Jahr einen roten Alarm. Vor 20 Jahren seien es noch neun gewesen.” (Der SWR über die infolge der Sandoz-Katastrofe gegründete Rheingütestation, laut ihres Leiters “die größte Gewässerüberwachungsstation weltweit”)

Die Loreley (feat. Helene Fischer)

loreley_großmutter

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Neulich durchstöberten wir das Netz auf der Suche nach Loreley-Interpretationen und stießen auf diesen albernen Flash-Film von Arthur Würz und Leonard Liebler. Darin erzählt die Hippie-Großmutter den Drillingen eine Gutenachtgeschichte von der Loreley, die sie aus den 70ern in Erinnerung hat: Unter Reggaeklängen kommt ein Schiff durch die enge Schlucht des Mittelrheintals gesegelt. Kapitän ist ein Rastaman, der sich sogleich einen gewaltigen Joint anzündet, der den Heckbereich der Schaluppe einnebelt. Dabei zitiert er Heines Loreley, dichtet die erste Strofe jedoch auf seinen bekifften Zustand um. Im folgenden werden einzelne Zeilen im Original aus dem Off weitergesprochen, bis “die schönste Jungfrau” sich als Schlagerstar entpuppt, dessen “wundersame gewaltige Melodei” der Gassenhauer “Atemlos durch die Nacht” von Helene Fischer ist. Der Kapitän, breit wie eine Haubitze, entbrennt für die blonde Sängerin und läuft liebesblind auf einen Felsen in der Strommitte, sein Schiff detoniert. Ob dieser entsetzlichen Wendung wimmern die Drillinge im Bette und scheißen sich ein vor Angst. Nun beginnt der Abspann, der beinahe die Hälfte des Achtminüters ausmacht und zu Afromans Kifferhymne “Because I Got High” vor den Gefahren des Drogenkonsums warnt.

Donauquelle (2)

donauquelle 3_lmLaut Wikipedia Forschungsgegenstand und Politikum: die Bregquelle, zugleich Donauquelle

donauquelle_lmDie Austrittsstelle ist über Treppenstufen zu betreten, mit zwei offiziell wirkenden Schrifttafeln ausgestattet und Sammelbecken für Kleingeld

Nicht anders als bei den Ursprüngen des Rheins, werden auch seinem Schwesterfluß, der Donau, mehrere Ursprünge zugerechnet. “Brigach und Breg bringen die Donau zuweg”, lautet ein Merkspruch, den Zusammenfluß beider Schwarzwaldwasser auf Donaueschinger Gebiet betreffend. Knapp oberhalb dieses Zusammenflusses ist die hübsch eingefaßte, auf Tourismus zugeschnittene Quelle des kurzlebigen, nach 90 Metern in die Brigach mündenden Donaubachs im fürstenbergischen Schloßpark zu Donaueschingen zu besichtigen. Dieser Tage erreichte uns Bildmaterial von der Bregquelle bei Furtwangen, die neben der Brigach- und weiteren Quellen, als “echte” Donauquelle verhandelt wird. (Bilder: Lutz Mittler)

gnogongo

Auf seinem Blog gnogongo dokumentiert Richard Gleim seit 2008 in Fotos und kurzen Texten die Stadt Düsseldorf. Bekannt wurde Richard Gleim als Fotograf der Düsseldorfer Punkszene Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Sein Archiv aus diesen Tagen umfaßt 20000 Bilder, darunter viele Konzertfotos aus lokalen Clubs wie dem Ratinger Hof oder dem Neusser Okie Dokie mit Düsseldorfer (Die Krupps, Der Plan, DAF etc) und auswärtigen (Einstürzende Neubauten, Throbbing Gristle, Johnny Thunders etc) Musikern und Bands. Im Gegensatz zu den alten Bildern mit Bühnen- und Publikumsszenen in Schwarzweiß, stehen bei Gleims

gleim_budoka auf rädern

jüngeren Aufnahmen seltener Menschen im Mittelpunkt, etwa dieser junge Budoka auf Rädern. Serienweise fällt der Blick auf rheinische Backsteinfassaden, kuriose Hinterhofecken, frühmorgendliche Straßenkreuzungen, Baustellen und die innerstädtische Botanik entlang der Düssel. Eine Serie widmet sich Büdchen und

gleim_heidis eck

Trinkhallen, wie hier Heidi’s Eck, deren Schaufensterauslage ein Traumleben in Aussicht stellt. Düsseldorfs von den Stadtoberen gern propagierter Hochglanz ist auf Gleims Bildern praktisch nicht zu entdecken. Der Chronist widmet sich überwiegend dem Unspektakulären, Normalen, Leichtzuübersehenden, das bisweilen über sich hinauszuwachsen scheint:

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Was aussieht wie ein Naturwunder-Kratersee in terrassierter Salzwüste ist eine Düsseldorfer Rheinpfütze während des Niedrigwassers im Jahr 2003

(Alle Bilder: Richard Gleim. rheinsein dankt!)

Karlsruhes Zukunft vor 100 Jahren

ka_zukunftKarlsruhe feiert dieses Jahr den 300. Stadtgeburtstag. Eine junge Stadt, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Sitz der höchsten Bundesgerichte und zuletzt auch als Technologiezentrum einen Namen gemacht hat. Die Postkarte aus dem Stadtarchiv zeigt den Marktplatz mit Szenen wie sich die Menschen vor 100 Jahren den Verkehr im heutigen Karlsruhe vorstellten. Die Tram fährt zu Lande und zur Luft, durch die auch Einpersonenballons und -schirme gondeln. Die Situation am Boden wirkt brutal, das Bild zeigt gleich drei von Vehikeln erlegte Fußgänger, eine exorbitante Quote. Der vor einer rasselnden Straßenbahn dahinjagende Radfahrer, der jeden Augenblick in die Schienen zu geraten droht, war zu unserer Jugend in der direkt angrenzenden Kaiserstraße gängiger Alltag. Hinzu kamen mit Einkaufstaschen ausgestattete Menschenmassen in der von den typischen gelben Straßenbahnen durchmessenen Fußgängerzone. Von schlimmen Unfällen in der Kaiserstraße war kaum je die Rede – rückwirkend betrachtet wohl eines der größten Wunder unserer Karlsruher Jugend.

Rhein-Meditation (5)


“Zur Rechten und zur Linken tat sich das Postkartenpanorama des Mittelrheintals auf. Hunderte Male hatte ich die Strecke zuvor mit dem Zug passiert, ausländische Mitreisende hatte ich auf Höhe des Loreleyfelsens im Großraumwagen gelegentlich respektvoll Heine im Original zitieren hören, während deutsche Mitreisende am Mobilfon lautstark ihre Position mit „hier sind lauter Tunnel und so ein Fluß, wahrscheinlich die Elbe“ und ähnliche Desorientiertheiten durchgaben. Nun auf dem Schiff wirkte die Schönheit des Tals ins Quadrat gesetzt, schien der Fluß sich an Bergwänden zu stauen, um sich in fotogenen Biegungen erneut zu öffnen. Befestigungsanlagen und Burgen, die Rheinpfalz vor Kaub sonnten sich im warmen Morgenlicht, an den Hängen experimentierten Wald- und Weinlaub mit geschmackvollen Herbstfarben. Auf kleinen Felsinseln im Fluß breiteten die Kormorane ihr metallisch glänzendes Gefieder. Bojen wippten gemächlich entlang der Fahrrinne. Die Schiffsreisenden hielten ihre Tablets in Kopfhöhe, auf zahlreichen Displays setzte sich die Landschaft in persönlich gewählten Ausschnitten neu zusammen. Die groben, mehrsprachigen Informationshäppchen aus dem Bordlautsprecher erinnerten daran, dass diese genuin-zaubrische Umgebung im Allgemeinen zum Synthetikum verklärt, zum Multimedia-Mythosraum geronnen ist.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.

Nacht im Schwarzwald

Die wunderliche runde Kuppe fällt
In drohender Schwärze auf das enge Tal;
Das grünlich fahle Licht des Mondes glänzt
Auf fernen Tannengipfeln filigran.

In tiefer Finsternis ruhn rings
Des Flußbetts undurchdringlich dunkle Wände.
Des zauberhaften Horizontes Schimmer
Reckt blasse Häusergiebel in die Sternenwelt.

Verlassen weint an meiner Seite
Ein Wesen fremder Art und schwierigen Charakters
Und eine unfaßbare grause Furcht
Läßt mich das Vorspiel unseres Untergangs erahnen.

(Aus Rudolf Schlichter, Drohende Katastrophe, Gedichte 1931-1936, mit sieben Zeichnungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Dirk Heißerer. 1997. 56 Seiten. Format 17,5 x 26 cm. Pappband, fadengeheftet. 14 Euro. Erschienen im und exklusiv erhältlich über den Verlag Ulrich Keicher, einen kleinen Lyrikverlag mit großartigem Programm.)

Rheinstrom unterm Drachenfels

rheinstromDer Rhein als Energiefluß dargestellt, auf dem Drachenfels ein angesäuselt wirkender Drache mit Burgruine in Flaschenform

Erpel

Von Unkel weiter südwärts streunend erreichen wir Erpel, die nächste Ortschaft mit ulkigem Namen. Anders als in Unkel begegnen uns in Erpel keine Touristen. Die Menschen auf der Straße grüßen. In den vergangenen Jahrhunderten scheint sich eine eigenartige Dunkelheit auf oder unter dem Boden des Städtchens destilliert zu haben, die nun die Straßenfluchten des Zentrums grundiert, das dem Fluß den Buckel zuwendet. Die mittelalterliche Substanz fügt sich in Blätterndes, Wesendes, langsam vor sich hin Arbeitendes – wo Unkel wie Kulisse wirkt, wirkt Erpel echt. Auf der Terrasse seines Restaurants “Om Maat” versorgt der dicke Pitter, der wie die Hauptglocke des Kölner Doms heißt, seine Kundschaft mit Bier und Speisen, ein Ort, der genuin rheinisches Flair besitzt, auch wenn der Fluß, vielleicht 200 Meter entfernt, von hier nicht zu erblicken ist.

Unkel (2)

unkel_willy brandt gedenktafelPetrifizierter Bundeskanzler (Holozän)

Von Unkel war uns bis dato hauptsächlich bekannt, daß Willy Brandt (auf dessen Spuren wir uns für rheinsein gelegentlich begeben) (1) dort seinen letzten Wohnsitz nahm. Wir erreichten das Städtchen, dessen Name nach einer märchenhaften Mischung aus Unke und Onkel klingt, von Rheinbreitbach kommend über den lauschigen Fußpfad entlang des Flußufers, der in Unkel in ummauerte Parkanlagen und die lokale Rheinpromenade mündet. Kurz vor Erreichen Unkels fielen zahlreiche wild an Bäume und Pfähle geklebte Fahndungszettel ins Auge, die ohne nähere Begründung zu Informationen über eine durchschnittlich aussehende, durchschnittlich alte Frau mit normal aussehendem Schäferhund aufriefen, die einen Tag zuvor am Rheinufer erblickt worden sein soll. Auf Unkeler Gebiet wurden die sauber angefertigten, privaten Denunziationsaufrufe ergänzt um städtische Schilder voller Eigenlob für die Um- und Weitsicht der Lokalpolitik. Auf der Unkeler Promenade fand gerade ein Kunst-Handwerk-Design-Markt statt, stark bevölkert von durchschnittlich aussehenden Frauen durchschnittlichen Alters. Die Promenade, mithin die schönste Passage Unkels, ist, das war auffällig, nicht nach Willy Brandt benannt, sondern nach Konrad Adenauer, der während der NS-Herrschaft ebenfalls für einige Monate in Unkel wohnte. Eine Willy-Brandt-Straße fanden wir in Unkel nicht, wohl aber ein Willy-Brandt-Forum, eine Willy-Brandt-Gedenktafel vor dem Rathaus und den Beethoven-Freiligrath-Brandt-Brunnen mit Bronzeschädeln der genannten, wobei Beethoven für Universalität, Freiligrath (2) für Freiheit und Brandt für Frieden einstünde. Ein wenig Fachwerk, gelecktes Pflaster, Petunien auf den Fensterborden und die Speisekarten der Gastronomie vermittelten den schnellen Gesamteindruck, daß Unkel mit seiner gepflegten Kulisse, dem Von-allem-nicht-zuviel-und-nicht-zu-wenig, dem zeitnah aktualisierten, in gedeckten Farben transportierten Geschmack eine ganz feine Nuance oberhalb des Massengeschmacks womöglich ein in der Brigitte-Redaktion entworfenes Städtchen vorstellen könnte, eine von störender Individualität (3) und Gegenwart befreite Gesamtfassade für einen perfekten Tag neutralen Glücks, am besten abgerundet mit dem Genuß einer Raffaello-Kugel. Als Ort, den man gesehen haben, an dem man gewesen sein muß, wurde Unkel noch in den Jugendjahren unserer Eltern bezeichnet – womöglich die letzte Generation mit dieser Einstellung.
unkel_gefängnisturm Laminierte Zeichnung am Gittertor des historischen Gefängnisturms, der in den Sommermonaten alle zwei Wochen für zwei Stunden zur Besichtigung geöffnet wird

(1) “In Unkel, wo Anfang der fünfziger Jahre Rotbäckchen, der erste Kinderfruchtsaft der Nation, erfunden wurde und bis heute weit über das Rheinland hinaus getrunken wird, hatte Willy Brandt am Rheinufer sein Häuschen. “Unkel Willy”, so nannte man Brandt am Ende seines Lebens.” (Gisbert Baltes: Rheinland, Hamburg 2012)
(2) “Fahr am Rheine auf und nieder / geh’ zu Fuße kreuz und quer; ein Unkel findest du nicht wieder – / ein solches Plätzchen gibt´s nicht mehr.” (Freiligrath)
(3) Affirmative Individualität: Beim Kleen, ehemals guinessbuchoffiziell kleinste Kneipe der Welt

Wie der Drachenfels schrittweise in den Diminutiv verfällt

drachenfels_2

Digital StillCamera

Oh, Königsdrachen!

Oh! Ticketvergessen brühlausgestiegen,
Frühknospenzwitscherallee.
Oh! Astwerktonsur parkpfleggeschnitten
(…ist ihm passiert noch nie…).
Nun! Ticketgezogen brühleingestiegen,
Sitzplatz gefunden, wie schön!
Nebenmann, jung, bärtig, liest „Economist“
mit Hornbrille & Frisur per Föhn.

Godesberg, Bahnhofumbau, Alubrücke,
villenumschlummert Entzücken.
Zum Rhein: & gegenüber Drachenfels!
Wozu noch in die weite Welt?
Ufer, nach John J. McCloy benannt, aha,
wer das? Weiß Wikipedia…
Fahnenseilklappern, wachwerdend Wiesen,
Maulwurfhügel auf diesen.
Lastschiffmotorengebrumm. Containerschrift:
www-punkt-irgendwasdingens-de.

Hochwasserleichtumspülter Sägebaumstumpf,
darauf ein Erpel sonnend,
der lässt den Peters- einen guten Berg sein.

Bei Stromkilometer sechs-fünf`n-vierzich
„nicht davor und nicht dahinter“
Luft nach Bootsdiesel würzig.

Großes Schubschiff aus Holland, majestätisch
(leistungsstarkes Volk, deich- & seenah, stetig).

So könnte ein Gedicht im Gedicht beginnen.
Sich dann rhythmuswechselnd auf Prosa besinnen.
Gleichwohl poetisch bleiben.
Das Geschäft des Schauens weiter betreiben.

Etwa so:
Die nördliche Peripherie, Oberdollendorf, von Godesberger Seite betrachtet,
wirkt architektonisch aufgerüstet, durch funktional erscheinende,
doch solvenzvoraussetzende Neubauten mit breiten Balkonfensterfronten.

Gruppenhaptisch eisessende Jungmanntruppe bladerrollt vorüber,
wähnend kommende Geschäfte & Schlachten, vorausahnend fiebrige Siege.

Ein mittelalter Passant, Lyrikfragmente in ein Notizbuch kugelschreibend,
den Blick der Drachenburg zugewandt, wird angesprochen.
„Was schreiben Sie denn da?“
„Ich tippe in mein Smartphon,… Sie verstehn?“
Andere wähnen ihn kundig, vermeintlich wissend.
Paar, Anfang 40, mit Hund. Sie blond, der Vierbeiner gemischt.
Womöglich aus der Gegend von Hannover, denn der Er fragt akzentfrei:
„Verzeihen Sie, ist das da drüben auf der anderen Rheinseite Königswinter?“
„So isses“, bestätigt der Dichter.
„Bitte?“ fragt höflich der Herr, die Dame an der Hand, den Hund an der Leine.
„So ist es.“
„Ich danke Ihnen!“, sagt der Herr herablassungsfrei, gar beglückt wirkend.

Der gut besuchte Imbiss am Fähranleger zu Mehlem
wird durch ein oberhalb der Fahrbahn installiertes Kabel
stromversorgt. Eine Taubengruppe hat es sich angewöhnt
von dort aus kontemplativ den Asphalt zu düngen,
quasi in gerader Linie.

Acheron und Rhein unterscheiden sich in vielem.
Unter anderem lässt sich hier ein Hochgenuss erzielen,
wenn man für 1 € 20 dem Fährmann sich anvertraut
und sich an schwebegleicher Überfahrt erbaut.
Der Rocker fährt die Harley Davidson spazieren,
eine Dame im Porsche beginnt sich zu frisieren.
Familienväter, Fahrradfahrer. Momentan fehlt nur ein Trecker.
Dem Schiffer ist dies Taggeschäft, die Poesie hüpft merklich kecker.

Um doch gleich wieder eine weitere Impression
samt Oberfläche und Unterströmung aufzuschnappen:
Während die Straßenbahnlinie 66 vorbeigrünt
und das stahlgewundene Tau der Fähre
sich in wenigen Augenblicken zielsicher um den
Haltepolder der Landebrücke zu legen im Begriff ist,
schiebt sich die Kirchturmspitze von St. Remigius
vor den Petersberg, als wolle sie ein Überdenken der
ein oder anderen dort oben getroffenen staatsmännischen
Entscheidungen anregen.

Der über Hundertdreißig Jahre alte Zahnraddrachen speit kein Feuer;
unter freundlichem Hupen transportiert er Passagiere den steilen Berg hinauf.

Früh im Jahr weiden die Augen im überschaubaren Immergrün der noch blattlosen Siebengebirgswälder. Bald werden die braunen Äste überwältigend Frischgrün gekleidet sein.

Über schwarzfelligen Eseln am Hang
bricht der Frühling heuschnupfend aus.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr, exklusiv für rheinsein. Die Firma dankt!)

Rheinbreitbach

rheinbreitbach_ortsschildDer Rhein ein breiter Bach? Nein, noch simpler: Rheinbreitbach verdankt seinen Namen dem Zusammenfluß von Rhein und Breitbach. Wir erreichten den kleinen Ort von Norden kommend zu Fuß, indem wir über einen Kreisverkehr mit einer durchlässigen, den Blick auf Industriegebiet und Siebengebirge freigebenden
rheinbreitbach_siebengebirge Siebengebirgsskulptur das Industriegebiet erreichten, welches den Eindruck erweckte, den Löwenanteil Rheinbreitbachs abzudecken und dessen Zaunschilder den fremden Wanderer vor “explosionsfähiger Atmosphäre” warnten. Hinterm Industriegebiet gerieten wir in eine Wohnsiedlung im tiefen Mittagsschlaf. Kurz bevor wir anbetrachts solch lidverschlußfähiger Atmosfäre einnickten, erblickten wir einen betagten einheimischen Herrn am Stock, in der kräftigen freien Hand einen Bierkasten schleppend, sich beharrlich über die Straße kämpfen. Nach Fortkommensalternativen befragt, antwortete unser Mann verschleppter Zunge in etwa, daß man von Rheinbreitbach aus schon überall hinkäme, wobei er häufiger “die Bej” erwähnte, die unverkennbar die Umgebung und ihre Fluchtwege dominierende Bundesstraße 42. Gegen den Rhein zu dünnte sich Rheinbreitbach denn sehr flugs aus und verschwand, um sich direkt am Ufer als riesiger, völlig entvölkerter Biergarten Rhein Air und übersichtliche, menschenleere Strandwiese mit Blick auf Rolandsbogen und Drachenfels in beinahe vollkommener Form erneut zu manifestieren. Ein von Vogelgezwitscher gesäumter Fußpfad führte von dort weiter auf Unkel zu durchs Grüne, linkerhand Gärten, rechterhand das leicht abschüssige, von Pappeln, Weiden und Gesträuch überwachsene, mehr oder minder verwunschene Gras-Sandufer, in dessen Bereich sich einer der letzten rund 70 Myriametersteine am Rhein finden läßt, sowie diese View I betitelte, funktionale und insbesondere bei Vögeln beliebte Skulptur von Klaus Hann aus dem Jahr 2009:

Die Brücke von Remagen (2)

remagen_brückeDie Brücke von Remagen (in Ermangelung ihrer selbst als unvollständiges Wunschbild von der Geschichte neu gespiegelt), aufgenommen auf der Fähre von Remagen, im Rahmen der Serie Remagen gegen Remagen

remagen_fährticketFairer Fährpreis

remagen_brücke_schauspiel“Auf Grund der großen Nachfrage wird das Theaterstück “Die Brücke” bereits im siebten Jahr im Eisenbahntunnel in Erpel aufgeführt. Geschichte am Originalschauplatz zu erleben, wird hier möglich gemacht, denn die Ereignisse vor 70 Jahren werden den Zuschauern in authentischer Kulisse von hervorragenden Schauspielern in Erinnerung gebracht.”

Königswinter (2)

Dunkel gehaltene, großflächige Rheinpanoramadarstellung am Empfangsgebäude des Bahnhofs mit beherrschender Weinsymbolik und Drachensignet. Kreidetafeln an der angeschlossenen Bahnhofsgaststätte künden mit verwischten Schriftzügen von Pappbecherkaffeepreisen. Das zerbrochene DB-Logo über dem Gebäude könnte einem Steinwurf zum Opfer gefallen sein. Zwei frühe Biertrinker bevölkern als einzige Menschen den gepflegten Bahnhofsvorplatz.

königswinter_madenAuf der Hauptstraße, der lokalen Einkaufsmeile, begegnen wir einem Königspudel, der, als wäre er einer hundert Jahre alten Karikatur entsprungen, stolzierend den Einkaufsbeutel seines Herrchens im Maul trägt. Zu kaufen gibt es mehrere Häuser der Straße und eher seltene Ware wie z.B. Bienenmaden.

An das Schaufenster seines Teppichladens hat Ali Mohit eine kurze selbstverfaßte Chronologie der vergangenen fünf Jahrzehnte geklebt. 1963 habe ihm Konrad Adenauer beim Aufbau eines Sportclubs in Bad Honnef geholfen. Königswinter habe damals geboomt: “eine tolle Stadt mit gemütlichen Tanzlokalen, schönen Cafés und vielen interessanten Geschäften mit hochwertigen Waren”. Überall Touristen. Kutschfahrten durch die Stadt, Weihnachtsschmuck, angesehene Bürgergestalten. Doch heute habe die Stadt ihr schönes Gesicht verloren und sterbe: “Man sagt, dass die Drachen von Königswinter weinen, weil sie das Reich verloren haben. Es wurde viel gebaut, dadurch entstanden wenige Parkplätze.” Wer die Schuld am Niedergang der Stadt trage, wisse man nicht genau.

Dem patriotischen Dichter Wolfgang Müller von Königswinter hat die Stadt ein Denkmal in passender Größe samt Bahnhaltestelle errichtet. In den Sockelmarmor gemeißelt seine knackigen Versbekenntnisse: “Ich hielt am deutschen Wesen / Ich hielt an deutscher Art”, “Ich lieb und ehr vor allen mein deutsches Vaterland”, “Wo ich bin / Wo ich gehe / Mein Herz / Ist am Rhein”. Weiter stadtauswärts der Gemüthlichkeitsbrunnen wurde mit einem anonymen Appell an die Mehrheit, der Gemütlichkeit abzuschwören bedacht.

Rheinauhafen

rheinauhafen_eingang parkhaus_2