Rolandseck

In Rolandseck träumte ich auf dem grünen Ufer
Die Nonne Rolands auf der Insel Nonnenwerth
Schien ihr Alter unter den kleinen Mädchen zu verlieren

Die sieben Berge träumten wie Tiere
Endlich müde die legendären Prinzessinnen
zu bewachen
Und träumend wartete ich auf die
rechteckige Fähre

Vom Berge kamen Leute um
den Fluss zu überqueren
Drei Damen mit hannoverschem Akzent
Blätterten grundlos Rosen in den Rhein
Der eine Ader deines so edlen Körpers
zu sein scheint

Auf der mit Schatten befleckten Strasse
am Fluss entlang
Flohen vor Furcht zitternd
Die Autos wie unwürdige Reiter
Während sich auf dem Band des Rheins
Dampfschiffe entfernten

(Guillaume Apollinaire, übertragen von Ernst Meister)


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Ein Kommentar zu “Rolandseck”

  1. Stan Lafleur
    26. April 2015 um 09:24

    Prof. Dr. Kurt Roessler, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Rhein!, präsentiert auf der Website des Kreises Ahrweiler eine zweite, persönlichere, notizenhaftere Fassung des Gedichts aus Apollinaires Tagebuch Journal intime:

    Erinnerung

    Rolandseck in der Ferne träumte ich auf dem grünen Ufer.
    Die Nonne der Rolandssage auf der Insel
    Nonnenwerth
    Schien mir alt auszusehen unter den
    spielenden Mädchen von heute
    Die sieben Berge da drüben schliefen wie Tiere
    Und ich träumte und Dampfschiffe
    zogen vorbei voll von singenden Studenten
    Ich träumte von dir die du jetzt in London bist: Annie!
    Rhein du blaue Ader eines Frauenkörpers:
    Europa
    Annies Körper mit blauen Adern
    war noch vornehmer
    Und ich wartete auf die Fähre wo in einem kleinen Verschlag
    Der Fährmann ein Kruzifix mit einem
    mürrischen Christus aufgehangen hatte
    Damen mit hannoverschem Akzent trugen
    Rosensträuße
    Die sie unsinnig in den Rhein blätterten.
    Ein Radfahrer auf der Fähre winkte mit seinem Taschentuch
    Nach einem Kammermädchen das unter seiner weißen Schürze schwarze Kleider trug
    Wie die Nonne der Rolandssage
    die auf Nonnenwerth umherirrte
    Und der Fährmann der auch eine Kneipe
    betrieb sagte mir:
    »In meiner Wirthschaft giebt es ein Klavier
    Und meine Töchter sind schön alle vier.
    - Jawohl, vier Töchter sind acht Arschbacken…«
    Und der Rhein floss dahin

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