Monatsarchiv für April 2015

 
 

Presserückschau (April 2015)

1
Über Sicherheitsprobleme auf dem Rhein spekuliert die FAZ: “Vor allem aufgrund der Osterweiterung der Europäischen Union, insbesondere der Öffnung des Arbeitsmarkts, strömen viele osteuropäische Matrosen und sogar einige Kapitäne auf den Rhein, die nicht mehr ausreichend eine der offiziellen Rheinsprachen Französisch, Deutsch oder Niederländisch beherrschen. Auch mit Englisch sieht es oft nicht besser aus. Zudem haben die zuständigen Behörden große Schwierigkeiten, zu überprüfen, ob die ihnen vorgelegten Fahrtenbücher und ähnliche Dokumente echt sind. Es gilt als ein offenes Geheimnis in der Branche, dass man sich zur Zeit in Osteuropa alle Dokumente kaufen kann, die man haben möchte. Es besteht daher die Gefahr, dass unerfahrenes oder gar unfähiges Personal die Schiffe führt.”

2
Düsseldorf bietet nicht nur die größte, sondern auch die kleinste Kirmes am Rhein, berichtet die WDR-Lokalzeit. Erstere findet alljährlich im Juli in Oberkassel statt, letztere befindet sich permanent im Stadtteil Flingern in einem Vorgarten der Beethovenstraße: “Kornelis Biron hat (…) eine kleine Kirmes aufgebaut, die inzwischen das Ausflugsziel ganzer Kindergartengruppen geworden ist. Kettenkarussell, Riesenrad, Hubschrauber und ein kleines Krokodil hat sich der Tierarzt in seinen Vorgarten gestellt. Besonders im Frühjahr kommen viele Kinder zur “kleinsten Kirmes am Rhein” – und abends fahren auch schon mal Junggesellenabschiede eine Runde.”

3
“Schnapsfläschchen, Marmeladengläser, Plastikflaschen – selbst einen hohlen Kürbis hat Joachim Römer schon aus dem Rhein gefischt. Alle Gefäße haben eines gemeinsam: in ihnen versteckt sich eine Nachricht. Meist handgeschrieben, manchmal auch gemalt. (…) Römer hat sie alle geöffnet und gelesen. Nun stellt er sie im rheinland-pfälzischen Bingen am Rhein aus. Im Museum am Strom zeigt der Kölner Künstler 1001 Stücke seiner Flaschenpost-Sammlung. Fein säuberlich aufgestellt und hinter Glas gesichert können sich Besucher das Treibgut mit Nachrichten ansehen. Die Botschaften in der Flasche anfassen darf aber niemand – sie bleiben in den Behältern. Briefe hat Römer abgetippt, Bilder hat er beschrieben. Zu jedem Fundstück können Besucher die passende Botschaft in einem Katalog nachlesen.” (Handelsblatt)

4
“Der Lippeverband hat (…) eine Million Larven der selten gewordenen Fischart Quappe in die neue Lippe-Mündungsaue bei Wesel eingesetzt. In dem flachen Wasser auf kiesigem Grund finden die Jungfische ideale Bedingungen um heranzuwachsen und sich in Rhein und Lippe auszubreiten. Gelingt der Plan, könnte die Quappe sogar die gefräßige, eingewanderte Grundel in Schach halten, die viele Arten bedroht. Die Quappe war „früher“, d. h. vor allem vor der Industrialisierung, in Lippe und Rhein weit verbreitet. Durch die starke Verschmutzung in den 1940er bis 1970er Jahren ist die Quappe im Rhein ausgestorben, in der Lippe gingen die Bestände ebenfalls stark zurück, überlebten aber im Ober- und Mittellauf des Flusses.” (Wasserportal von Emschergenossenschaft / Lippeverband)

5
Das Bild eines spektakulär mit der Heckhälfte über dem Rhein schwebenden Reisebusses auf dem Duisburger Rheindeich begleitet eine Meldung des Fernsehsenders n-tv zu einem glimpflich verlaufenen Wendemanöver, bei dem einmal mehr das Beachten eines Navigationssystems eine unrühmliche Rolle spielte: “Schrecksekunde für insgesamt 43 Schulkinder und Betreuer aus Dänemark: Ihr Reisebus kam bei einem Wendeversuch auf dem schmalen Rheindeich nahe Duisburg dem Fluss näher als gedacht. Bei einem Fahrmanöver in der Nacht (…) rutschte die Hinterachse des Busses an der abschüssigen Rheinseite ab und hing schließlich in der Luft. (…) Feuerwehrleute konnten bei ihrer Ankunft am Unfallort allerdings Entwarnung geben. Der Bus war standfest und es bestand keine Gefahr, dass er in den Rhein stürzt. Ein Abschleppdienst zog den Bus komplett zurück auf die Fahrbahn. (…) Nachdem der Fahrer von der gesperrten A 40 fahren musste, wurde er von seinem Navigationssystem zu einer Umleitung geführt. Erst dort bemerkte er, dass der Rheindeich viel zu schmal für einen Reisebus ist.”

Bemerkung über den wahren Lauf des Rheins, und über die physischen Ursachen seiner Dauer.

Nach Emiland Estienne’s Aufsatz im 2ten Bande der Annales de Statistique S. 14

Man ist in Frankreich ganz allgemein der Meinung, dass der Rhein am Gotthardsberge entspringt: das ist ein Irrthum. Wenn man sagt, dass man über den Gotthardsberg geht, so versteht man, wie Saussure und alle Alpenbewohner, jenen erhabenen Rücken, welcher das Thal Urseren von dem Thale Levantine, zwischen dem Dorfe l’Hopital gegen Norden, und dem Dorfe Ayrolo gegen Süden scheidet. Nun, die berge, auf welchen die Quellen des Rheins liegen, sind vom Gotthardsberge ganz unterschieden, welcher wenigstens drey Myriameter (beynahe 6 Meilen) von der nächsten Rheinquelle entfernt ist.
Der Rhein, lateìnisch Rhenus, entspringt auf den Bergen von Graubünden, wo er drey unterschiedliche Quellen hat, welche aber durch die regelmässige Schmelzung des Eises und durch die Herabsenkung der Wolken, die der Wind dahin treibt und der beeiste Gipfel dieser hohen Berge anzieht, ihre Entstehung und Dauer erhalten.
Die erste dieser Quellen , oder vielmehr jene, die am meisten gegen Norden liegt, ist unter dem deutschen Namen Vorderrhein, Nieder- und Unterrhein bekannt; diese Quelle entsteht aus vielen kleinen Bächen, welche durch ihre Vereinigung einen Gussbach formiren, in einer Spalte des Cima del Badur, welches der höchste von allen jenen Bergen ist, die zusammen das, was man Crispalta nennet, das ist, jene Gebirgskette ausmachen, welche gegen Westen Graubünden von dem Thale Urseren scheidet.
Die zweyte Quelle, welche den Namen Mittel-Rhein fUhret, kömmt vom Cadelin, der einen Theil des schrecklichen Luch- Mannier ausmacht.
Nach einem Laufe von sieben bis acht Meilen fällt diese Quelle in den Unter-Rhein, nahe bey der Abtey Disenty. Endlich die dritte Rheinquelle, oder der Hinter-Rhein (hohe Rhein), welche am meisten gegen Süden, und eben desswegen von seiner Mündung am weitesten entfernt liegt, entspringt am Vogelberge, Colme dell’Uccello, und vereiniget sich mit den andern zwey Aesten bey dem Schlosse und der Brücke Reichenau, von wo der Rhein seinen natürlichen Lauf gegen Coire nimmt, wo er anfängt schiffbar zu werden, das Rheinthal von Tyrol scheidet, und sich in den Konstanzersee ergiesst, bey Stein aus diesem See herausgeht, von hier seinen Lauf gegen Westen nimmt, dann bey den Mauern von Diessenhofen und Schaffhausen vorbeyfliesst, eine kleine Weile unterhalb dieser letzten Stadt den berühmten Wasserfall zu Lauffen bildet, wo das Wasser bey 15 metres hoch sich mit sehr grossem Geräusch zwischen Felsen hinabstürzt, Waldshut, Lauffenbourg, Seckingen und Rheinfelden bewässert, nach Basel kömmt, welches er in zwey sehr ungleiche Theile vertheilet, dann die Sçhweitz verlässt und indem er seinen Lauf nach Norden richtet, Frankreich von Deutsehland scheidet bis auf die Gränzen Bataviens, wohin er noch bis drey Kilometres über die Schenkenschanz hinausgehet.
Kaum kommt der Rhein in das Batavische Gebieth, so theilt er sich in zwey Arme , einen südlichen und einen nördlichen, mittels eines Kanals (der, neue Kanal genannt) der im Anfange des letzten Jahrhunderts bey Panderen, einem beylaufig einen Myriameter oberhalb Niwegen gelegenen Dorfe, errichtet worden ist.
Der südliche Arm, oder der Waal, nach einen Lauf von einigen Meilen über Niwegen, Thiel und Bommel, vereinigt sich bey Fort André mit der Maas, und bildet durch diese Vereinigung die Insel Bommel, unterhalb welcher der Waal und die Maas sich neuerdings vereinigen und unter dem Namen der Merwe fortfliessen, die sich nachdem sie bis unterhalb Gorcum gekommen, südlich in eine grosse Anzahl Aeste ausbreitet, welche eine Menge kleiner unter dem flamandischen Namen Waarden bekannter Inseln machen, hernach fliesst dieser Fluss nordwestlich gegen Rotterdam, wo er den Namen Maas wiederum annimmt, und gegen Briel geht, und sich da in das Meer ergiesst. Der nördliche Arm erhält den Namen Rhein. Kaum kömmt er auf die Höhe von Arnheim, dem vornehmsten Orte des batavischen Départements von Geldern, so zertheilt er sich neuerdings, um den neuen Yssel zu formiren, der seinen Lauf nördlich gegen Doesburg richtet, wo der alte Yssel, der von den westphälischen Gebirgen herabkömmt, sich mit ihm zu einem einzigen Flusse vereiniget, welcher dann in den Zuiderzée fällt.
Der zweyte Theil des Rheins aber theilet sich bey Utrecht wieder in zwey Arme, deren einer sich gegen Norden unter dem Namen Vecht wendet, und bey Veesp und Muyden vorbeyfliesst, und in den Zniderzée fällt.
Der andre Arm, der den Namen Rhein behält, geht seinen natürlichen Lauf durch Woerden, und entladet sich, ehe er nach Leiden kömmt, eines beträchtlichen Theils seines Wassers, das durch drey verschiedene Gänge iu den Harlemersee ausfliesst.
1) Durch den Heimans-Water, einen Kanal, welcher beym Dorfe Oudshorn N. Oe. von Alpher anfängt, und an den Drasemersee endet, der mit dem Harlemer durch einen eine halbe Meile langen Kanal verbunden ist.
2) Durch den Does, einen andern Kanal, der westlich eine Meile von Leyden anfängt, und gleichfalls an den Brasemersee endet.
3} Endlich durch den Kromezyl bey Leyden, der in das Kager-Meer, oder in den Kagersee fällt, welcher ein Busen oder eine Ausdehnung des Leydnersees ist, der einen Theil des grossen Harlemersees ausmacht.
Also geht der Rhein, nachdem er 0,900 seines Wassers vertheilet, nach Leyden, und verliert fich in den Catwykschen Sandhügeln, deren Entstehung im Jahre 860 den Aussluss dieses Flusses ins Meer zerstöret hat.

(Archiv für Geographie und Statistik, ihre Hülfswissenschaften und Litteratur mit vorzüglicher Rücksicht auf die österreichischen Staaten: Verfasset von einer Gesellschaft Gelehrten u. Hrsg. Von Joseph Marx Freiherrn von Liechtenstern, Wien 1802)

Neues Flußalter

Bisherige Einschätzungen, die wir zum Alter des Rheins finden konnten, widersprachen sich teilweise vehement. Als zehnmillionsten Flußgeburtstag setzten wir daher mit Georg Joachim Schmitt den 23. September 2009, ein in seiner Willkürlichkeit dem Rhein und seiner (Prä)Historie überaus angemessenes Datum, wobei sich “die Fachliteratur” in den letzten Jahren, soweit zu uns vorgedrungen, tatsächlich bei einem Flußalter von ca. zehn Millionen Jahren einpendelte. Das blauäugige Verhalten der Fachwelt in Hinsicht auf die Rheinlänge, einer ähnlich dem Rheinalter letztlich wohl kaum präzise bestimmbaren Größe, sollte jedem Zahlengläubigen Anlaß genug sein, von Experten ausgemachten Wahrheiten in gesundem Maße zu mißtrauen.
Nun stießen wir in den gut gemachten, uns jüngst erst zugeflogenen Rheinische Heimatpflege-Heften des Rheinischen Vereins, einer Publikation, die der Öffentlichkeit leider vorenthalten bleibt, in der Ausgabe 4/2012 auf einen Beitrag von Bruno P. Kremer, der davon spricht, daß das “von der Fachwelt” bei zehn Millionen Jahren angesiedelte Alter des Rheins nun überraschenderweise nach oben korrigiert werden müsse:
“”Steine des Anstoßes” zur neuen Einschätzung der Altersstellung des frühesten nachweisbaren Rheins waren die vergleichende Untersuchung von Fossilfunden. (…) Zum Fundgut (…) gehören neben einem hornlosen Nashorn mehrere Vertreter der Elefantenartigen (“Rheinelefanten”) (…). Von Belang für die stratigraphische Einordnung der Fundschicht mit den Großsäugerresten sind Funde von verkieseltem Holz aus der Verwandtschaft der Zypressengewächse. In deren Erhaltungszustand zeigt sich ein bedeutsamer Wechsel im Sedimentationsgeschehen, der in das Mittel-Miozän (vor etwa 15 Mio. Jahren) anzusetzen ist. (…) Die Basis der Dinotheriensande (Eppelsheim-Formation) repräsentiert damit die ersten bekannten Flussablagerungen und somit die ältesten Rheinsedimente. Wegen deren Altersstellung muss der Beginn des Proto-Rheins, der das Fließwassersystem des Oberrheingrabens erstmals mit der Niederrheinischen Bucht verknüpfte, um rund 5 Mio. Jahre auf einen Zeithorizont um 15 Mio. Jahre vorverlegt werden.”
Wie lange sich diese Einschätzung halten wird, bleibt, womöglich über Generationen hinaus, abzuwarten. Ein paar weitere Gedanken zum Rheinalter lassen sich unterdessen hier verfolgen.

Rheinzitat (27)

„[…] ich tauchte meine Rechte in den Rhein und bekreuzigte mich. Welch göttlicher Strohm! Diese Breite! Diese Ufer! Diese Strömung!“

(Kronprinz Friedrich Wilhelm im Juli 1815, im Alter von 19 Jahren bei seiner ersten Begegnung mit dem Fluß)

Rolandseck

In Rolandseck träumte ich auf dem grünen Ufer
Die Nonne Rolands auf der Insel Nonnenwerth
Schien ihr Alter unter den kleinen Mädchen zu verlieren

Die sieben Berge träumten wie Tiere
Endlich müde die legendären Prinzessinnen
zu bewachen
Und träumend wartete ich auf die
rechteckige Fähre

Vom Berge kamen Leute um
den Fluss zu überqueren
Drei Damen mit hannoverschem Akzent
Blätterten grundlos Rosen in den Rhein
Der eine Ader deines so edlen Körpers
zu sein scheint

Auf der mit Schatten befleckten Strasse
am Fluss entlang
Flohen vor Furcht zitternd
Die Autos wie unwürdige Reiter
Während sich auf dem Band des Rheins
Dampfschiffe entfernten

(Guillaume Apollinaire, übertragen von Ernst Meister)

Rheindenken

Selbstdrehende Litfaßsäule mit Werbung für die Kölner Werbeagentur Rheindenken.

Auf dem Rhein

Es fährt das Schiff im Morgenglanz hinauf den dunkelgrünen Rhein,
Vorbei an Städten voll Geläut, an Burgen hochumkränzt mit Wein,
An jenen Bögen, draus hervor der Silberarm der Mosel wallt,
Und an der Lurlei schwarzem Fels, von dem das Echo dreifach hallt.

Und sieh! Am Mast des Schiffes steht gelehnt ein fröhlicher Gesell,
Die Wange brennt ihm gar so tief, das Auge blitzt ihm gar so hell,
Und wie empor aus hohem Schlot des Dampfes schwarzer Wirbel zieht,
Da singt er in der Räder Takt mit lauter Stimm´ ein frisches Lied:

“So sei gegrüßt, du schöner Strom, so klar und tief und doch so wild.
Fürwahr, du bist in deiner Pracht des deutschen Sinnes schönstes Bild,
Drum, wer das Auge nur versenkt in deine Flut, gewalt’ger Rhein,
Der denket unbewußt mit Stolz des Glücks, ein deutscher Mann zu sein.

O heil’ger Strom, behüt’ dich Gott! 0 deutsches Reich sei stark und eins,
So weit das deutsche Wort erklingt, so weit man trinkt des deutschen Weins,
Halt’ fest zusammen, doch nicht wie ein Bettlermantel bunt geflickt,
Nein, einem Banner sei du gleich, in dreißig Farben froh gestickt.

Kein Haufen sei von rohem Stein, der formlos sich zusammenfand,
Nein, ein Gebäude stolz und hoch gefügt von eines Meisters Hand,
Mit Giebeln und Altan geschmückt, mit Bögen, Erkern, Zinn’ und Thurm,
Auf sichern Pfeilern aufgeführt zum Trotz dem Wetter und dem Sturm.

Wenn Quader fest an Quader schließt, so steht die Burg durch Gottes Kraft,
So brauchen wir nicht Frankenthum und nicht Baschkirenbrüderschaft;
Nur fülle jeder seinen Platz, und wer zum Eckstein nicht ersehn,
Dem sei’s der Ehre schon genug, als Mauerstein im Bau zu stehn.

Ihr Fürsten, denen Gott verlieh des Purpurs und der Krone Zier,
0 dämmet nicht am Strom der Zeit, die Zeit ist mächtiger, als ihr,
Nein, weis’ und mäßig steuernd nutzt, indem ihr sie beherrscht, die Flut,
Gebt frei das Wort! Vertraut dem Volk! Fürwahr das Volk ist treu und gut.

(Emanuel Geibel, 1841)

Rheinromantik

Kähne in steter Fahrt
Und Ausflugsboote
Beladen mit allem was
Die Wirtschaft in Schwung hält
Und das Gemüt

Die bunten Wimpel
Von launigen Winden zerfressen
Verbleichende Namen
Wie die von ersoffenen Lieben
An Schleusenwänden abgescheuert

Die Kiesel am Ufer schmerzhaft
In der leeren Hand
Irrlichternd detoniert der Himmel
Einmal im Jahr
Immer nie wieder

(Ein Gastbeitrag von Amir Shaheen. rheinsein dankt!)

Bad Honnef

Fassade der Bad Honnefer Diskothek Rheinsubstanz, die 2014 wegen eines mysteriösen Todesfalls in den Blickpunkt geriet

Die Rhein-Meditation vorzustellen, waren wir vergangenen Donnerstag nach Bad Honnef unterhalb des Siebengebirges gefahren. Eingeplant war ein ausführlicher Stadtrundgang vor Veranstaltungsbeginn. Aufgrund des Kölner Feierabendverkehrs, der uns nur unwillig aus seinen Klauen entließ, wurde es ein kurzer. Zuletzt hatten wir das Kurstädtchen vor sechs Jahren betreten und waren bei unseren Erkundungen in einer scheinbar endlos sich wiederholenden Villengegend steckengeblieben. Tatsächlich ist Bad Honnef etwas ungewöhnlich strukturiert. Stadtzentrum und Rhein sind durch besagtes (diesmal überschaubar wirkendes) Villenviertel, sowie die B 42 getrennt, der Fluß mit der als Park ausgestalteten Insel Grafenwerth direkt nur über zwei Fußgängerbrücken, die eine über die Bundesstraße, die andere, an deren Laternenpfählen Edward Snowden-Sticker-Portraits Richtung Drachenfels blickten, über einen stillen Flußarm erreichbar. Auch am Nordrand der Stadt führt eine Fußgängerbrücke an den Fluß, im Süden eine Straßenbrücke. Dazwischen klaffen, von der mittleren Brücke betrachtet, ansehnliche Anbindungslücken, weswegen wir die Existenz der ein oder anderen Unterführung vermuten. Die Trennung von Stadt und Rheinader jedenfalls wirkt markant und tatsächlich erweckt die Rheininsel mit ihren Grünflächen und dem Biergarten den Eindruck eines Freizeitparks, einer eigenen Welt mit immer noch teilgültigen Blickwinkeln auf die alten, düsterromantischen Rheinschinken von Turner und Konsorten. Wo also im Regelfall die Unterstadt mit Arbeiter- und Handwerkerstraßenzügen aufwartet, stehen in Bad Honnef erwähnte Villen, oberhalb derer der vom Rhein kommende Besucher nicht unbedingt mehr ein Zentrum erwartet, das jedoch existiert, inklusive Fußgängerzone, Gastronomiezeile und zur Nacht, um Punkt zehn Uhr, zu den Glockenschlägen von St. Johann Baptist erlöschenden Fassadenstrahlern. Auffällig in der Gastronomie die Bezugname auf die Stadtregierung: Altes Rathaus, Ayuntamiento (spanisch für Rathaus), Burgermeisterei. Unterhalb des Neuen Rathauses hatten wir geparkt; im rundumverglasten Kunstraum, ebenfalls ans Neue Rathaus gekoppelt, sollte die Lesung stattfinden. Neben dem Kunstraum angebracht eine Stele mit “bedeutenden Besuchern” der Stadt:

Besonders gefielen uns neben den Auslassungen für die Lebensdaten bei den noch Atmenden die Schlußkommata und Absatzgrößen. Wenigstens in Bad Honnef ist der Gedanke an eine Zeit nach Angela Merkel nicht nur möglich, sondern sogar in Marmor gehauen. Eigentlich hätten wir, z.B., Guillaume Apollinaire auf solch einer Honnefer Stele erwartet, der von 1901 auf 1902 ein ganzes Jahr in der Stadt zubrachte und dort seine Rhénanes verfaßte, doch die  Stele beherbergt als “Persönlichkeiten” ausschließlich Politiker in höchsten Staatsämtern ab der Ägide Adenauers. Wir sahen desweiteren: Magnolien in den Vorgärten blühen und die Steinskulptur eines betrunkenen, an eine Straßenleuchte sich klammernden Rheinländers im Zentrum. Mehr Zeit war nicht gegeben, auf die Minute pünktlich erreichten wir unsere Veranstaltung, die in die Umgebung einer noch nicht eröffneten Ausstellung von Hilmar Röner eingebettet war. Als besonderer Eyecatcher wachte somit über Bühne und Publikum ein Ladyjesus in verschiedener Ausfertigung: Bilder, von denen heilige Strahlung in die Dämmerung hineindimmte und unsere Meditation mit vertrackten Signalen unterspülte. Teilen des Bad Honnefer Publikums waren wir übrigens nicht ganz unbekannt: eine Dame erzählte, daß sie uns im Februar im WDR-Radio aus der Meditation habe vortragen hören, ein weiterer Besucher zeigte sich mit rheinsein vertraut. Von Rathaus zu Rathaus beschlossen wir den Abend auf der Marktterrasse des Ayuntamiento, bekannt als “der Mexikaner” und letzte Innenstadthoffnung, nach St. Johann Baptists wunderbar scheppernd-mahnendem 10-Uhr-Nachtglockenschlaghagel noch ein Getränk serviert zu bekommen. Unser Wagen war da bereits längst im Parkhaus eingeschlossen.

Was! (Ein Skandal zu Straßburg)

“Doch es war an dieser Zerstreuung und Zerstückelung meiner Studien nicht genug, sie sollten abermals bedeutend gestört werden; denn eine merkwürdige Staatsbegebenheit setzte alles in Bewegung und verschaffte uns eine ziemliche Reihe Feiertage. Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich, sollte auf ihrem Wege nach Paris über Straßburg gehen. Die Feierlichkeiten, durch welche das Volk aufmerksam gemacht wird, daß es Große in der Welt gibt, wurden emsig und häufig vorbereitet, und mir besonders war dabei das Gebäude merkwürdig, das zu ihrem Empfang und zur Übergabe in die Hände der Abgesandten ihres Gemahls auf einer Rheininsel zwischen den beiden Brücken aufgerichtet stand. Es war nur wenig über den Boden erhoben, hatte in der Mitte einen großen Saal, an beiden Seiten kleinere, dann folgten andere Zimmer, die sich noch etwas hinterwärts erstreckten; genug, es hätte, dauerhafter gebaut, gar wohl für ein Lusthaus hoher Personen gelten können. Was mich aber daran besonders interessierte und weswegen ich manches Büsel (ein kleines damals kurrentes Silberstück) nicht schonte, um mir von dem Pförtner einen wiederholten Eintritt zu verschaffen, waren die gewirkten Tapeten, mit denen man das Ganze inwendig ausgeschlagen hatte. Hier sah ich zum erstenmal ein Exemplar jener nach Raffaels Kartonen gewirkten Teppiche, und dieser Anblick war für mich von ganz entschiedener Wirkung, indem ich das Rechte und Vollkommene, obgleich nur nachgebildet, in Masse kennen lernte. Ich ging und kam und kam und ging, und konnte mich nicht satt sehen; ja ein vergebliches Streben quälte mich, weil ich das, was mich so außerordentlich ansprach, auch gern begriffen hätte. Höchst erfreulich und erquicklich fand ich diese Nebensäle, desto schrecklicher aber den Hauptsaal. Diesen hatte man mit viel größern, glänzendern, reichern und von gedrängten Zieraten umgebenen Hautelissen behängt, die nach Gemälden neuerer Franzosen gewirkt waren. Nun hätte ich mich wohl auch mit dieser Manier befreundet, weil meine Empfindung wie mein Urteil nicht leicht etwas völlig ausschloß; aber äußerst empörte mich der Gegenstand. Diese Bilder enthielten die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa und also ein Beispiel der unglücklichsten Heirat. Zur Linken des Throns sah man die mit dem grausamsten Tode ringende Braut, umgeben von jammervollen Teilnehmenden; zur Rechten entsetzte sich der Vater über die ermordeten Kinder zu seinen Füßen, während die Furie auf dem Drachenwagen in die Luft zog. Und damit ja dem Grausamen und Abscheulichen nicht auch ein Abgeschmacktes fehle, so ringelte sich hinter dem roten Samt des goldgestickten Thronrückens, rechter Hand, der weiße Schweif jenes Zauberstiers hervor, inzwischen die feuerspeiende Bestie selbst und der sie bekämpfende Jason von jener kostbaren Draperie gänzlich bedeckt waren. Hier nun wurden alle Maximen, welche ich in Oesers Schule mir zu eigen gemacht, in meinem Busen rege. Daß man Christum und die Apostel in die Seitensäle eines Hochzeitgebäudes gebracht, war schon ohne Wahl und Einsicht geschehen, und ohne Zweifel hatte das Maß der Zimmer den königlichen Teppichverwahrer geleitet; allein das verzieh ich gern, weil es mir zu so großem Vorteil gereichte: nun aber ein Mißgriff, wie der im großen Saale, brachte mich ganz aus der Fassung, und ich forderte, lebhaft und heftig, meine Gefährten zu Zeugen auf eines solchen Verbrechens gegen Geschmack und Gefühl. – »Was!« rief ich aus, ohne mich um die Umstehenden zu bekümmern: »ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen worden, bei dem ersten Schritt in ihr Land so unbesonnen vors Auge zu bringen! Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren, Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen! Ist es doch nicht anders, als hätte man dieser schönen und, wie man hört, lebenslustigen Dame das abscheulichste Gespenst bis an die Grenze entgegen geschickt.« – Ich weiß nicht, was ich noch alles weiter sagte; genug, meine Gefährten suchten mich zu beschwichtigen und aus dem Hause zu schaffen, damit es nicht Verdruß setzen möchte. Alsdann versicherten sie mir, es wäre nicht jedermanns Sache, Bedeutung in den Bildern zu suchen; ihnen wenigstens wäre nichts dabei eingefallen, und auf dergleichen Grillen würde die ganze Population Straßburgs und der Gegend, wie sie auch herbeiströmen sollte, so wenig als die Königin selbst mit ihrem Hofe jemals geraten.”

(Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit. Siehe auch: Marie Antoinette auf dem Rhein)

→ in unkel am rhein

auch lag eine große Schlaflosigkeit im Flattern der Tauben
Christine Kappe

»Also hier«, dacht ich.
Adelbert von Chamisso

kein schwafeln ∙ kein wenndann ∙ kein witz
→ in unkel am rhein

tänzelt ein schatten
knapp heut nach mittag
durch schwer gestreßte gassen
wir sehn ihn ∙ er blutet ∙ abwegig weit
letzte braunglassplitter greifen
massenweis besetzte plastikstühl (rings ums
café haas) stehn blitzlings zack all leer

leut ( die eben noch zu tafeln hatten )
sind stillunauffällig weggegangen — — —
schwülwind um die eck – jetzt lacht das gewitter :
ungeheuer ∙ dunkel ∙ graulich
ein backfisch schwänzelt mit gymnastikreifen
schreit einmal knallschrillaut
sehr unvermutet : feuer

doch nun ( wann sonst ) zum rest vom fest :
denn – hinter vierfachfensterstreifen
ruhn stumm
wutbürgerlich    unmenschlich
viele fraun
und
schaun

(Das Gedicht aus dem postwillybrandtschen Unkel ist ein Gastbeitrag von Theo Breuer. rheinsein dankt!)

Auf den Spuren Willy Brandts (4)


Die Willy-Brandt-Allee in Andernach als ausgemacht häßlich zu bezeichnen würde den Punkt nicht treffen. Sie ist nicht häßlicher als benachbarte Straßen des mit historischen Bauten und heimeligen Ecken ebenso wie mit einer riesigen Brachfläche im Zentrum gesegneten Rheinstädtchens, das zu den ältesten Deutschlands zählt. Bemerkenswert ist vielmehr ihre Länge und Lage, vor allem im Vergleich zur Konrad-Adenauer-Allee, der in Andernach wesentlich größere Bedeutung zukommt. Die kurze, nach Willy Brandt benannte Allee zweigt von der zentralen, rheinseits die gesamte Innenstadt flankierende, nach Adenauer benannten Achse in die Randlage eines Wohngebiets. Auf die Konrad-Adenauer-Allee stoßen Andernachs Besucher unweigerlich, die Willy-Brandt-Allee müssen sie finden. Ihr Alleegedanke manifestiert sich in wenigen, vom Straßenrand zurückgenommenen Bäumchen, die als karge Schattenspender für die auffällige Parkplatzreihe dienen. Schilder weisen die Allee als Spielstraße aus, doch ihr Spielwert wirkt bescheiden. In der Frühjahrssonne machte sie einen für Neubausiedlungen typischen, depressiven Eindruck: zu clean die Fassaden, zu glatt der Asfalt, zu hell der Tag, angemischt mit bedrückender Leere unter Baumgerippen – eine von Melancholie bereinigte Starktristesse, die nicht einmal für ein Gemälde  im Stile Edward Hoppers taugte.

Vom Rhein zum Rhein


Vom Rhein über die Rheinanlage kommend, führt zwischen dem Hotel Rheinkrone und dem Rhein-Hotel in Andernach das Rheintor auf die Rheinstraße, wo wir am helllichten Nachmittag einen Blick in dieses spelunkendunkle Etablissement erhaschten, in dem zwei Schatten aus einer mythisch-vergangenen Zeit den Tresen zu bevölkern schienen.

Leverkusen (3)

leverkusen_3

Nuit Rhénane

Mon verre est plein d’un vin trembleur comme une flamme
Écoutez la chanson lente d’un batelier
Qui raconte avoir vu sous la lune sept femmes
Tordre leurs cheveux verts et longe jusqu’à leurs pieds

Debout chantez plus haut en dansant une ronde
Que je n’entende plus le chant du batelier
Et mettez près de moi toutes les filles blondes
Au regard immobile aux nattes repliées

Le Rhin le Rhin est ivre où les vignes se mirent
Tout l’or des nuits tombe en tremblant s’y refléter
La voix chante toujours à en râle-mourir
Ces fées aux cheveux verts qui incantent l’été

Mon verre s’est brisé comme un éclat de rire

(Guillaume Apollinaire)

Der Rheinfall in Koblenz

rheinfall in koblenz
“vermarktbar ist der flecken allemal” heißt es in einem unserer Rheinfall-Gedichte, hier nachzulesen in einer kleinen, vergleichenden, postkartentauglichen Textzusammenstellung mit Rheinfall-Betrachtungen durch die Jahrhunderte. Nun hat die Vermarktbarkeit des Rheinfalls Koblenz erreicht, wo sich das Mittelrheinmuseum des Themas annimmt wie wir jüngst einer Litfaßsäule am mittelrheinischen Ufer entnahmen, die zugleich die 3. Mayener Grillmeisterschaft bewarb, worin wir – der Rhein als Kreislaufsystem führt solche Kapriolen stets im Schilde – einen weiteren Bezug zu unserem Rheinfallgedicht entdeckten, denn beim “schnitzel danach” mündet die erhabene, mittlerweile kameragestützte Naturbetrachtung endgültig, wenngleich wiederum nicht dauerhaft, ins Materielle, das der Mensch der Schönheit, wo er sie antrifft, früher oder später stets überblendet.

Baummusik

Die alljährliche Rheinbegehung mit Frankreich-Chefkorrespondent Roland Bergère fand heuer erneut in Köln statt und führte durch die vom aktuellen Hochwasser etwas sumpfigen Wiesen des Niehler Ufers. Zwei Kanadagänse übten auf dem Rhein das Trompeten, als wir, bevor wir losmarschierten, als einzige Gäste des just öffnenden Schwimmbad-Biergartens den traditionellen Auftaktkaffee zu uns nahmen. Die Kölner schienen die Osterferien am Meer oder in den Bergen zu verbringen – außer vereinzelt anzutreffenden Anglern war der Uferstreifen entvölkert. Im Rücken des Cranachwäldchens gerieten wir unvermittelt in eine stattliche Schafherde, die sogleich in polyfones Geblöke ausbrach.

Es gelang uns, einige besonders mutige Tiere beim Trinken aus dem Rhein zu fotografieren, ein gefährliches Unterfangen (für die Tiere), denn Schafen wird nachgesagt, daß sie, sobald sich ihre Wolle beim Trinken in Flüssen mit Wasser vollsaugt, zu schwer für die Fortbewegung würden und untergingen. Ob auf dem Rheingrund Schaffriedhöfe liegen? Ein aufmerksamer Hütehund trieb das erkundungsfrohe Häuflein zur Herde zurück. Als der grau bedeckte Himmel aufbrach, hatten wir die Sandbuchten oberhalb des Hafengeländes erreicht. Inspiriert von der frischen Frühlingssonne, der französisch-deutschen Geschichte und Seruni Bodjawatis wayang-lastigen Kunstfilmen, unter interessierten Blicken erfolgloser Angler, improvisierten wir us d’r Lamäng ein Schattentheaterstück:

asterix vs siegfried_roland_2 Asterix vs Siegfried – Showdown am Rhein, mit Anklängen an Murnaus Nosferatu – Symfonie des Grauens.

Auf der Mauer der Niehler Hafeneinfahrt schließlich die verdiente Rast. Sie mit geschlossenen Augen zu begehen käme gewiß einer Passage durch den berühmten Tunnel zur Ewigkeit gleich. Die Sonne unterdessen lockte daheimgebliebene Kölner samt ihrer Hunde nun doch in Scharen ans Flußufer. Kataraktisch sprudelte der Rhein über die Gipfel der Kribbengebirge. Enten beim Paarungskampf. Linkisch einherhüpfende Wacholderdrosseln. Auf einem Sockel mitten im Strom spross ein karges Bäumchen denkmalgleich vor sich hin. In den Uferbäumen zerrissene Fahnen aus Abfallbeuteln. Das Geschwemmsel: Elektromüll, Löffel, Verpackungen. Dann der Fund des Tages: ein Baumstück in Form einer Musikwalze, deren Muster wiederum als Partitur angelegt schien. Der Dokumentation des Fundes folgte seine Bearbeitung: Monsieur Bergère legte, gewürzt mit einer Spur Willkür, die passenden Notenlinien über das Baumstück

baummusikund las die solcherart entstandene Komposition in seinen Rechner ein, welcher seine ihm eigenen Algorhythmen beisteuerte. Et voilà: ein zweiminütiges Stück rheinischer Baummusik!

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Lechts- und rinksrheinisch

Durch das linke Fenster des Rheinschiffes fällt der Blick von Backbord auf das linksrheinische Andernach, im rechten Fenster zu sehen sind Häuser aus dem rechtsrheinischen Leutesdorf. Was sehen die Passagiere auf der Steuerbordseite des Schiffes?

Nie ankommen – Köln Poem

Vergangenes Jahr hat der Sprungturm Verlag Jens Hagens Köln-Poem Nie ankommen herausgegeben, ein geschmackvoll schlicht gestaltetes Buch, dem eine CD mit vom Autor eingesprochenen Gesamttext beiliegt – für lyrische Publikationen eine gute, beinahe schon zwingende Idee.

Das erzählerische Langgedicht ist in vier eigenständig lesbare Teile gegliedert. Der erste davon, Dann geh ich mit Picasso in den Park, läßt sich als Grundanstrich betrachten. Mit Köln hat er leidlich wenig zu schaffen, scheint vielmehr überwiegend in Frankreich angesiedelt, zumindest tauchen als konkrete Ortsangaben einzig ein Kernkraftwerk an der Loire, der Boulevard périphérique und das Meer bei Trévignon auf. Auch das Personal verweist zu Teilen auf den südwestlichen Nachbarn, der immerhin 20 Jahre lang (von 1794 bis 1814) die Kölner Geschicke bestimmte: neben diversen Rock- und Jazzgrößen, Till Eulenspiegel und Richard Wagner, Brutus und General Custer tauchen die drei Musketiere samt d’Artagnan, Arthur Rimbaud, Victor Hugo und der Enkel von François Villon auf. Es könnte sich bei diesem Auftakt um einen Traum handeln, der Geschichten und Geschichte durcheinanderwirft und auf die einsetzende Postmoderne verweist, einen raschen Irrlauf durch einen Hippie-Bezugspunkteparcours, in dem die apokalyptischen Reiter in Limousinen vorfahren, ein für den Entstehungszeitraum typischer Bewußtseinsstrom, der das Fegefeuer, Werbeplakate, Betonterrassen, Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten, Motocrossmaschinen, Liveauftritte bei der Fernsehfasenacht, strahlende Substanzen und bekannte Songzeilen der Beat-Ära mit sich reißt, durcheinanderwirbelt und wieder ausblendet, um schließlich den Vorhang zu lichten für den zweiten Teil:

Fragmente vom Rudolfplatz. Der Platz mit der Hahnentorburg, an der berüchtigten Ringstraße gelegen, zugleich Knotenpunkt für über- und unterirdische Stadtbahnlinien steht für das Abenteuer Großstadt, Autos gegen Menschen, Wasserwerfer gegen Demonstranten, erotisch geladene Straßenszenen. Wieder blendet Jens Hagen geschichtliche Epochen übereinander: Mittelalter, preußische Herrschaft, Drittes Reich, das 1960er-Ganovenmilieu an den Ringen und die studentischen Feminismusdebatten der 80er-Jahre. Das Personal besteht nun aus Gestalten des Kölner Stadtgedächtnisses: Die heilige Ursula, Albertus Magnus, Stephan Lochner, Thomas von Aquin, Jacques Offenbach, Orgels-Palm und Rolf Dieter Brinkmann tauchen auf, Jens Hagens Freund, der Straßenmaler und Musiker Manni Löhe, geleitet „im sozialen Netz von Schnaps und schalem Biergeruch“ als kölnisiertes Mischwesen zwischen Dantes Vergil und dem Rattenfänger von Hameln tanzend und flötend durch die Assoziationsstränge. Der Rhein erreicht den Platz in selbstbezüglicher Karnevalsverkleidung („Am Rhein nur / Tschingpeng / Rrammtamm / Geborrrarängtschingwummplängsein…) und verliert sich im umgebenden Ambiente des Gemüsemarkts, der Kaufhäuser, Spielhallen, Nachtbars. Heißes Pflaster Köln hieß ein Film Ernst Hofbauers von 1967 über die Kriminellenszene an den Ringen. Direkt diesem Film entsprungen scheint Hagens Rudolfplatz-Protagonistin Pretty Woman, eine Prostituierte, die ihre Einnahmen an Zuhälter abliefert und Schläge kassiert, um erneut übers Pflaster zu stöckeln. Das tausendjährige Kölle präsentiert sich als mosaikartiges, aus durcheinandergewürfelten Momentaufnahmen diverser Asfaltwahrheiten bestehendes, von Zitaten Jim Morrisons oder der Rolling Stones durchsetztes Fresko, zusammengestaucht aus Spiegelbildern innerer Filme, einem Hechtsprung in die Hinterlassenschaften der Kallendresser oder dem sonnenbeschienenen Totentanz eines handelsüblichen Nachmittags.

Teil 3, City Poem, entfaltet sich in einer Klammer aus Haikus über den abendlichen und morgendlichen Rhein. Radiosounds, gewiß aus dem WDR-Programm, Liedfetzen und Nachrichtenschnipsel erklingen, das Geraune geht über in typisches Alltagsgeschehen der Innenstadt, ein von kleinen Leuten bevölkertes Panorama mit Currywurst-Geruch und seitlichen Einflüsterungen: „Wollen wir fernsehen? / MTV bei C&A / Auf sechzehn Monitoren?“. Der Text widmet sich den wandelnden Massen der Fußgängerzone und Altstadt, lupt auf einzelne Passanten und ihre Hunde: „Dackel sind verrückt.“ Das Personal besteht nun aus anonymen Gestalten, Tieren und Verlierern: dem Schlurfer mit dem weißen Mantel, dem Einbeinigen, der immer Zigarettenstummel sucht, der Zwangsverschickerin vom Ausländeramt, einem durchtrainierten deutschen Oberunterfifi, dem Ratten- und dem Taubenpack, den Streifenbullen und Fisternöllchen, dem Yogi auf dem Warmluftschacht. „Gesellschaftskunde gucken“ heißt das in City Poem, wenn Börsenmeldungen, Protestsongs und Werbebotschaften auf Stadtflaneure treffen: „Am Tage sind die Straßen hier Vollstress / Aber nachts gehört die City unsereins“. Unter dem Kölner Pflaster liegen in Abwandlung eines berühmten Sponti-Spruchs das Breitbandkabel und Agrippinas, der Stadtmutter, Kanapee, auf dem sie mit wer weiß schon wem alles rumfummelte. Zwischenzeitlich geht der Gaul mit dem Dichter durch, sein Parlando gerät in Endreime oder den Sog des Rhythmus von Carl Perkins Blue Suede Shoes, um sich schließlich wieder zu beruhigen und auf leisen Sohlen in eine Chargesheimer-Ausstellung zu entführen, dessen Schwarzweißfotos das Kölnklischee maßgeblich prägten. Zum endgültigen Herunterkommen dient die Überquerung der Lebensader: „Die Brücke, morgens. / Nach langem Gehen hellwach, / Schau ich auf den Rhein.“

Zeitwärts, ufernah, der letzte Teil, ist bei fortgesetzter Plakativität der intensivste, spirituellste. Er handelt von Aufbruch-, Sehnsuchts- und Fluchtbestrebungen der Kriegs- und Nachkriegsgeborenen in eine bessere Welt wie sie in Liedern, Träumen, Geschichten, Kindheitserinnerungen, in der Nacht, im Rausch der „Säfte des Waswärewenn“ millionenfach vorkommt. Den Bombeneinschlägen entronnen, verlegt sich das Entkommenwollen auf das Nazinachfolgeland, es gilt der herrschenden normiert-numerierenden Spießigkeit, dem Versauern bei dumpfer Fabrikarbeit, dem Krieg in den Medien, dem Haste-was-biste-was-Denken, wichtigtuerischen Geschwafel und Einig-tschland-Wufftata, dem Karrierezwang Paroli zu bieten. Die Seitwärtszeituhr des Erfinders Stolk schlägt dem Erzähler den Takt und hilft ihm, in die Utopien fördernde Kindheit zurückzureisen: „Erforschten in Rinnsalen die Quellen des Nils, / Schossen Liebesperlen aus Pistolen“, der Rhein mutiert flugs zum Mississippi Huck Finns oder zu Stevenson’schen Schauplätzen: „An Wolkenrändern / Im Dunst überm Fluss schweben / Schatzinselmöwen.“ Den Sehnsüchten linker Jugendjahre verschnitten präsentiert das Gedicht deren gerechte Ergebnisse, Beispiele für inneren Wertewandel „vom Kreml ins Weiße Haus“, „von Al Fatah zum Muttertag“, „vom Schwarzen Block ins Blumenkästchen“, „von Dobermann auf Schäferhund“. Ob sich Glück mit einer Kurve nachzeichnen läßt? Nie ankommen oder: Ein Atheist im Kreuzgang sollte der vierte Teil ursprünglich heißen, in dem der Fluß für die Möglichkeiten des Unmöglichen auch noch im Jetzt das Bild liefert: „Am Rhein hier weit weg / Der Schiffe Tuckern erzählt / Von allem und nichts“

Nie ankommen ist ein lyrisches Konzeptalbum mit vier Longsongs im Sound der 70er-Jahre. Bei der ersten Lektüre haben wir die Verse in Zimmerlautstärke skandiert, das Schriftbild forderte dazu auf: Klanglichkeit und Rhythmus stellen tragende Komponenten der Textkomposition vor. Jens Hagens Vortrag auf CD wirkt bei den ersten drei Teilen, die im Studio eingesprochen wurden, gelassen, beim letzten, einem Livemitschnitt, getrieben. Seine Worte sprechen von den Träumen einer Generation, die im Geflecht der Zeitalter längst von moderneren Trieben überwuchert werden, so wie in Nie ankommen rückblickend-vorausschauend „die Halbwertszeit der Mandelblüte“ berechnet wird, deren essentielle Eigenschaften in Schönheit, Kürze und Wiederkehr bestehen.

Jens Hagen: Nie ankommen. Köln Poem, Sprungturm Verlag, Köln, Hardcover, Leineneinband, 19 x 14 cm, 104 Seiten plus Audio-CD, 19.90 Euro, ISBN: 978-3-9815061-8-1