Vision

Am Weg, der nußbeschattet
Zum Rheinfels führt empor,
Da trat ich jüngst ermattet
Hin an ein eisern Tor.
Die Pforte war’s zum Acker,
Der abtut alle Not;
Drauf seiner Garben wacker
Hinwirft der grimme Schnitter Tod.

Die Dämm’rung kam verstohlen;
Ihr Wehn in Gras und Baum,
Der Rhein, die Nachtviolen -
Es gab mir alles Traum.
Bis jach ein langsam Schreiten
Mich weckte, da ich sann;
Im Festkleid andrer Zeiten
Trat auf mich zu ein eigner Mann.

Sein Hut war breit von Krempe,
Sein Mantel reich an Staat;
Am Gurt hing ihm die Plempe,
Doch schien er nicht Soldat.
Sein Antlitz war wie Erden;
Sein Auge matt doch stet.
Ich dachte: “Was will werden?”
Da sprach er leise: “Grüß Gott, Poet!

“Ich war in meinen Tagen
Ein Dichter weit genannt;
Ich habe frisch geschlagen
Die Leier durch das Land.
In wüsten Kriegesläuften
Mut singend stand ich da,
Ach, in der blutersäuften
Der zitternden Germania.

“Als sie zur Gruft mich brachten
Nach sturmgetriebner Fahrt,
Da war zu Gang das Schlachten,
Das dreißigjährig ward.
Mir fand ich Kampf beschieden,
Dir fiel die Ruhe zu:
Im dreißigjähr’gen Frieden
Übst deine freud’gen Saiten du.

“Dich stört kein Schwedenjagen
Bei Lied und bei Sonett,
Kein springender Pulverwagen,
Kein krachend Falkonett!
Dich irrt auf deinen Wegen
Kein wallensteinisch Volk!
Dir kreuzen nicht die Degen
Der Weimar und der wilde Holk!

“Doch in die Zukunft spähen
Die Schläfer in der Gruft;
Ein Wechsel wird geschehen,
Und Krieg ist in der Luft!
Gleichwie von zieh’nden Heeren
Erbebt mein Grab schon heut!
Nicht lang mehr wird sie währen,
Die überlange Friedenszeit!

“Schon geht ein feindlich Scheiden
Und Sondern durch die Welt;
Bald suchen sich die Schneiden
Wohl auch im offnen Feld!
Ade dann träumend Sinnen!
Ade, zwei Banner wehn!
Im Kampfe mitten drinnen
Wirst dann auch du bei einem stehn!

“Ich sang in jenem Streite:
Drum gehet tapfer an!
Trittst du auch auf die Seite
Der Freiheit als ein Mann!
Kriegsweisen wolle schmettern!
Was Tod, was Acht, was Bann!
Sing’ in den kommenden Wettern -
Auch du: drum gehet tapfer an!” -

Ich sprach: “Nah ist die Fehde,
Und kampfbereit bin ich!
Doch du, mit dem ich rede,
Zinkgref wohl hieß man dich?
Wo du dein Weib erworben
In diesem Sankt Goar
Bist nachmals du gestorben.” -
Er sprach zurück: “Du redest wahr!”

Da wollt’ ich rasch ihm fassen
Die Hand, doch er entwich;
Hinschwebend in dem blassen
Stromdunst verlor er sich.
Er schwebt’, als hätt’ er Flügel.
Nachließ er keine Spur,
Wie längst sein grüner Hügel
Spurlos verloren ging der Flur.

(Ferdinand Freiligrath, 1843)


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