Sonnenfinsternisse

Zur partiellen Sonnenfinsternis über Köln am Vormittag des 20. März begaben wir uns in Ermangelung einer Schutzbrille ans Niehler Ufer, um das Naturschauspiel auf der Rheinoberfläche gespiegelt zu betrachten – ein alter, augenschonender und vor allem wenig bekannter Observationstrick: das ausgedehnte und normalerweise gut frequentierte Ufer gehörte uns an diesem Tag beinahe alleine. Im Vorfeld des Ereignisses hatte es verzweifelte Jagden nach den viel zu wenigen im Handel vorrätigen Schutzbrillen gegeben. Dieses Auftaktszenario war uns aus dem Jahr 1999 (als eine totale Sonnenfinsternis stattfand) im Gedächtnis geblieben. Angebot und Nachfrage hatten damals wie heute dafür gesorgt, daß die Preise für einen Fetzen zertifizierter Folie in die Höhe schossen. Allerdings war Köln zum Auftakt der Finsternis von diesigen Himmeln überzogen, einer reichlich bekannten, mißmutig-weißgrauen Suppe, die genau zwischen Stadt und Weltall vor sich hindampfte. Würde der Dunst sich rechtzeitig vor dem Schauspiel verziehen?

1999 hatten wir das von den Zeitungen Sofi getaufte Fänomen auf einem pfirsichbestandenen Hügel im badischen Weingarten mit gutem Blick über das Oberrheintal beobachtet. Auch seinerzeit war der Himmel bewölkt, die Wolkendecke jedoch zerrissen. Abertausende, wenn nicht Millionen legten in Deutschlands Südkorridor zwischen Saar und Isar erwartungsvoll in tai chi-artiger Kongruenz ihre Häupter in den Nacken. Wir hatten Glück: erst flippten die Vögel aus, dann fegte mit sensationeller Geschwindigkeit und bedrohlich wie eine massenauslöschende Wunderwaffe der Mondschatten über das Rheintal hinweg, die Temperaturen fielen rapide ab und wir vor Staunen rückwärts in ein Feuerameisennest. Im Nachhinein faßten die Boulevardblätter das kuriose Verhalten einiger Menschen und Tiere während der Finsternis zusammen, die somit in ein kollektives Erlebnis mündete, das für die meisten wegen schlechter Sichtverhältnisse enttäuschend verlaufen war.

Unser Foto dokumentiert den Höhepunkt der Sonnenfinsternis vom 20. März 2015 um 10.38 Uhr am Niehler Ufer in Köln

Diesmal verzog sich der Dunst nicht, zumindest nicht in Köln. Einige Minuten vor dem errechneten Höhepunkt, der maximalen, ungefähr 80-prozentigen Abdeckung der unsichtbaren Sonne durch den unsichtbaren Mond, wirkte – immerhin! – der Bodendunst am Niehler Ufer eine fast schon merkliche Nuance dunkler, in etwa so als wäre es gerade mitten im März noch einmal kurz Februar geworden. Die Vögel verhielten sich in der herrschenden Suppe ganz unauffällig. Ein nennenswertes Ereignis fand statt, als überraschend ein losgeleinter Hund in unserem Rücken vorüberpreschte, um unter Gebelle ein ufernah dahindümpelndes Entenpaar (siehe Foto) zu scheuchen. Aufregenderes hatte nicht einmal der Liveticker des Kölner Stadt-Anzeigers zu bieten, obgleich dort stundenlang die fehlende Sicht kommentiert und mit allerlei Gedankenspielen aufgewogen worden war.


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