Abschied von Sankt Goar

(Abschiedsworte an Ferdinand Freiligrath)

Wie flog im Land des Rheines
So rasch die Sommerzeit,
Schon dunkelt blauen Scheines
Die Traube weit und breit;
Es färbt das Laub sich gelber,
Der Kranich zieht dahin;
Mit zieh’ ich, weil ich selber
Ein Wandervogel bin.

Fahr wohl, von Walnußbäumen
Umrauscht mein Sankt Goar!
Das war ein süßes Träumen
In deinem Schoß, fürwahr,
Wie oft im Tal der Grindel
Ward mir die Luft Gesang,
Wenn die kristallne’ Spindel
Der Wasserfei erklang!

Fahr wohl, du Lei der Lore
An wilder Strudel Schwall!
Noch tönt in meinem Ohre
Gedämpft dein Klagehall;
Er rief mir tief im Sinne
Die düstre Sage wach
Vom Herzen, das die Minne
Mit ihrer Falschheit brach.

Ihr Türm’ und Burgen droben,
Ich grüß’ euch tausendmal;
Von euerm Grün umwoben,
Wie schaut’ ich gern zu Tal!
Ich sah mit trunknem Geiste
Die Sonne dort verglühn,
Und mein Gedanke kreiste
Wie euer Falk’ so kühn.

Fahrt wohl, ihr sonnigen Weiler,
Mein Bacharach so traut,
Wo um Sankt Werners Pfeiler
Voll Glanz der Himmel blaut;
Und Kaub voll rosiger Dirnen,
Und Wesel grün von Wein;
Ich denk’ an euern Firnen
Fürwahr noch weit vom Rhein.

Und du, fahr wohl, mein Dichter,
Du Mann so jugendgrün,
Und mag dir immer lichter
Das Herz von Liedern blühn!
Wohl sänge dir Besseres gerne,
Der dieses sang und schrieb:
Doch sei’s – und halt auch ferne
Wie hier am Rhein ihn, lieb!

(Emanuel Geibel)


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