Monatsarchiv für März 2015

 
 

Presserückschau (März 2015)

1
Tod durch Bahnlärm: “30.000 Todesfälle und 75.000 zusätzliche Erkrankungen jährlich – so viele Opfer soll die Lärmbelastung durch den Schienengüterverkehr entlang des Rheins kosten. Die Zahlen stammen aus einer Studie des Bremer Epidemiologen Eberhard Greiser (…). Besonders belastend für die betroffenen Anwohner sei es, dass der Schienengüterverkehr vor allem nachts abgewickelt werde (…). Auf der Rheinstrecke verkehrten Züge oft im Intervall von drei bis acht Minuten. Teilweise liege der von Güterzügen verursachte Lärmpegel um das Zehnfache über dem vom Flugverkehr verursachten Krach. (…) Dabei wurden Effekte wie die von den Zügen verursachten Erschütterungen noch nicht einmal bei den Berechnungen berücksichtigt. (…) Die Dauerbelastung durch Bahnlärm rund um die Uhr führt laut Studie bei Anwohnern zu einem drastischen Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenproblemen, Depressionen und Psychosen.” (Kölnische Rundschau)

2
Calciumchlorid: “Die Behörden des Rhein-Maas-Beckens planen derzeit die Einleitung von Calciumchlorid-Rückständen aus der Salzindustrie Lothringens über eine Pipeline in den Rhein. Mittels dieser Pipeline sollen jährlich 990.000 Tonnen des Salzes eingeleitet werden. Hauptverantwortliche Unternehmen, die diese Rückstände verursachen werden vom trinationalen Parlament der Oberrheinregion aufgefordert, diese Rückstände an der Quelle zu beseitigen. Derzeit werden drei Varianten geprüft, wie mit dem Calciumchlorid umgegangen werden soll. Hierbei werden Einleitungen in die Mosel, Einleitung in den Rhein unterhalb von Straßburg und Aufbereitung der Salzeinleitungen geprüft.” (Metropolregion Rhein-Neckar News)

3
3Land: Ein trinationaler Stadtteil namens 3Land ist im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz in Planung. Dort sollen ungefähr 10.000 Arbeitsplätze für noch einmal soviele Einwohner entstehen: “Den Anstoß für die Vision 3Land hat die Hafenentwicklung Basel gegeben, in deren Zug sich Basel dann an die Nachbarn gewandt hat. 2011 folgte der städtebauliche Entwurf „Entwicklungsvision 3Land“, den Kritiker auch mit „Rheinhatten“ bezeichneten (…). Auf dem Rhein wurde im Herbst 2012 dann eine trinationale Planungsvereinbarung über die grenzüberschreitend abgestimmte Entwicklung des Gebiets rund um das Dreiländereck unterzeichnet, welche mit einem Zeithorizont von bis zu 30 Jahren ausgerichtet ist.” (Weiler Zeitung)

4
Wasserqualität: Eine gemeinsame Untersuchungsstation, die den Rhein rundum überwacht, betreiben die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz, wie die Frankfurter Rundschau berichtet: “Aufgabe der Untersuchungsstation in Mainz ist es, Tag für Tag die Wasserqualität zu dokumentieren und die Konzentration von Schadstoffen zu beobachten. Für den Main übernimmt das vor der Mündung eine Station in Bischofsheim. Rund 300 Substanzen haben die Experten dort pro Monat im Blick.” Demnach gehe es dem Rhein in chemischer Hinsicht gut, die mikrobiologische Belastung sei aber insbesondere nach Regenfällen (und entsprechend überlasteter Kanalisation) so hoch, daß das Rheinwasser weder zum Trinken noch zum Baden geeignet sei.

5
Rheinangeln in NRW: “Mehr als 30.000 Hobbyangler pro Jahr geben 34 Euro für einen Angelschein aus und dürfen dafür ihre Rute in den Rhein auswerfen. Studien hätten gezeigt, dass diese Nutzung für den Fischbestand unbedenklich sei (…). Bis auf den Aal könnten alle knapp 50 Fischarten bedenkenlos verzehrt werden, Probleme mit Schadstoffen gebe es nur punktuell. Derzeit seien zwar noch rund 15 Genehmigungen für Berufsfischerei mit Netz und Reusen erteilt, jedoch würden die höchstens im Nebenerwerb genutzt. „Nur noch zwei oder drei Fischer legen Netze im Rhein aus. Das ist auch sehr gefährlich”. (…) Die Fischereirechte für den Rhein teilen sich in NRW etwa 25 Inhaber – darunter Privatleute, die Kirche, Industrieunternehmen aber auch Städte, Land und Bund.” (Aachener Zeitung)

Les orpailleurs du Rhin

“L’idée d’un chercheur d’or évoque volontiers à l’imagination un aventurier, risquant tout pour s’enrichir du jour au lendemain et dépensant facilement les sommes que le hasard lui a livrées. Ah! qu’on est loin de ce type légendaire quand on regarder travailer les ”orpailleurs” du Rhin!
Là, ce sont les pauvres diables qui se livrent à cette recherche, au milieu des bancs de gravier, à Niffern, à Nambsheim, ou entre Rhinau et Kiehl, et ils n’acceptent ce travail que lorsqu’ils n’ont pas d’autres occupations. Songez que leur bénéfice, quand tout va pour le mieux, atteint à peine deux francs par jour! C’est que là, il n’y a pas à espérer la rencontre de grosses pépites ni même de petits grains, mais seulement de menues paillettes, qui atteignent au plus… un millimètre! Rarement la richesse des dépôts dépasse 6 grammes pour 10,000 kilogrammes de gravier aurifère! Et quelles peines pour arriver à recueillir les précieuses parcelles! Il est vrai que les orpailleurs du Rhin n’ont à leur disposition que des moyens très primitifs. L’orpailleur enlève le sable à la pelle, et il y a bien des pelletées inutiles. A côté du gisement d’exploitation, l’orpailleur installe une table inclinée longue de deux mètres recouverte d’un drap de laine. C’est quatre à cinq cent fois par jour que le travailleur charge la table de lavage. Quand il a recueilli le sable qui est présumé contenir de l’or, ce sont encore bien des opérations successives de filtrage avant qu’il le triture avec un peu de mercure et qu’il ne le soumette à la distillation. En ces dernières années, les orpailleurs du Rhin n’ont pas réussi à trouver pour plus de quarante mille francs d’or. Et ils étaient nombreux, ceux que la misère contraignait à cette besogne au salaire dérisoire. On voit que chacun d’eux n’a guère réussià gagner sa vie. Ces chercheurs d’or là ne ressemblent guère aux mineurs californiens : ils n’ont pas besoin de défendre leur gain à coups de révolver!”

(Jean Frollo : La diminution de l’or, Le petit parisen n°5776, 20 août 1892)

Leuchttürme des Rheins: der Westwall

Nur unterbrochen vom stolzen Münsterberg zu Breisach, der sich wie ein Wellenbrecher in den mächtigen Strom schiebt, zieht der Alte König Rhein sich pfeilgerade durch sein weitläufiges Delta, das sich wenige Dutzend Kilometer nördlich des Rheinknies zu Basel, auffächert.

Zum Bedauern und Nachteil aller geradlinigen und anständigen Zeitgenossen, tummeln sich allerlei Nachtschattengewächse auf dem altehrwürdigen Gewässer. Namentlich die Flusspiraten stellen ein großes Ärgernis und argen wirtschaftlichen Schaden dar.
Zudem sitzt auf dem abendlichen (das ist das westliche -) Ufer der WELSCHE, welcher ein Volksstamm fremder Zunge und Lebensart, mit dem seit urvordenklichen Zeiten in unschöner Regelmäßigkeit allerlei Fehde und Raufhändel vor sich geht.

Aus diesem Grund sah sich die weltliche Obrigkeit genötigt, den betreffenden Stromabschnitt aufs Sorgfältigste zu befestigen und zu sichern.

Auf der ganzen Länge bis weit nördlich der Festung Straßburg, schlussendlich bis auf Höhe des Badischen Jerusalems, der Erzresidenz seiner Markgräflichen Magnifizenz, des Markgrafen höchstselbst, der Planstadt Karlsruhe, zieht sich eine Perlenschnur trutziger Wehrtürme.

Denn dort sind nicht nur Leucht-Vorrichtungen installiert, sondern jeder Turm ist vom Fundament bis zum dachseitigen Wetterhahn mit fortschrittlichsten Waffen-Installationen versehen. Weil im Inneren jeweils ein elektroid-mechanischer ewiger Paternoster seine Bahn zieht, nennt man sie auch die Westwall-Maschinentürme.

Manch einem Flusspirat, der sich plötzlich im Lichtkegel eines Westwall-Turmes wiederfand, pfiffen im gleichen Moment Projektile um seine ungesetzlichen Ohren… und mancher Welsche, mit einschlägigen Absichten „gesegnet“, musste angesichts der herabhagelnden Granaten von seinem Schandwerk ablassen und sich in seinen heimischen Graben oder Bunker verziehen –

Dank unseres hochwohllöblichen Markgrafen, seiner erlauchten Magnifizenz Ludwig, steht der Wall, Turm an Turm, ein jeder in kunstgerechter Entfernung zwecks Benutzung optischer Telegraphen, und die pflichteifrigen Besatzungen halten den Strom von Befleckung durch Schandbuben rein und schützen unsere Ufer vor den Tückebolden aus dem Welschenland –

(Ein Gastbeitrag und zwölfter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Rhein-Meditation: Rezension (2)

Unter dem Titel Alles fließt ist heute auf dem Literaturportal fixpoetry eine weitere, ausführliche Besprechung der Rhein-Meditation erschienen: Ursula Teicher-Maier stellt Vergleiche mit Eva Demskis Flußbetrachtung Mama Donau an und geht insbesondere auf strukturelle Aspekte der Textkomposition ein, die ihr “wie ein Zwitter zwischen Erzählung und Langgedicht” erscheint. Die Rezensentin unterscheidet zwischen inhaltlichen und assoziativen Textebenen und assoziiert selber über dem Text, wenn sie die Figur der Mara mit einigen ihrer zahlreichen, im Buch nicht explizit erwähnten Namensbedeutungen in Verbindung bringt, etwa sinnigerweise mit dem “Verführer, der Gautama Buddha der Legende nach von der Erleuchtung beim Meditieren abhalten wollte”. Auch die komischen Aspekte der Meditation kommen zur Sprache, ihren besonderen Fokus legt Teicher-Maier auf die Tempo- und Perspektivwechsel: so schnell rausche an manchen Stellen der Text, daß sie beim Lesen immer wieder abdrifte und sich “wie beim Meditieren, dauernd zurückrufen muss, zurück zum Text, der mich in Gedankenstrudel zieht und wieder daraus entlässt”. Der Erzähler wiederum sei “ein Kind seiner Zeit, dem Wikipedia genau so vertraut ist wie YouTube oder japanische Anime-Filme (…); die Meditation am Fluss führt ihn immer wieder vom Alltäglichen der Wahrnehmung dessen, was ihm begegnet, zu Gedanken, die die Ebenen des Mystischen, des “Erhabenen” streifen. Alles wird in größere Zusammenhänge gestellt, und dies geschieht vor allem durch die Langlebigkeit, die Größe des Rheins, der “vom All betrachtet (…) eine unwesentliche Narbe unter vielen dieses Planeten” ist.”

Der volle Wortlaut der Besprechung ist hier nachzulesen.

Das Wasser von Benfeld

„Je me trouvais à Benfeld, petite ville du Bas-Rhin, le 21 Mai 1826, quand j’appris, pour la première fois, de M. le docteur Dürwel, l’un des plus anciens médecins de cette ville, et de divers particuliers, qu’il existait, auprès du moulin de Rhinau, une fontaine sulfureuse froide, de laquelle on m’avait apporté, pour me les faire voir, des feuillages qui, par leur séjour dans cette eau, s’étaient imprégnés d’une couche blanche qui donnait l’odeur distincte du soufre dans la combustion, et de laquelle on espérait quelque médication dans les maladies de peau ; on ajoutait que des enfans, ayant bu de l’eau de cette fontaine par curiosité, avaient éprouvé des coliques, et en avaient été gravement incommodés. Je me décidai sur le champ à aller visiter cette fontaine, éloignée de Benfeld d’environ quatre lieues. Arrivé au moulin, dont le propriétaire, M. Wachenheim, s’est prêté à toutes mes recherches avec la plus grande honnêteté, je reçus de lui la confirmation de tout ce que j’avais appris à Benfeld ; j’appris de l’un de ces fils qu’il y avait environ sept ans qu’il connaissait la fontaine, et l’on me présenta une fiole de cette eau, puisée depuis un mois, qui n’avait plus ni goût ni odeur. Manquant de réactifs, je m’avisai d’en préparer d’extemporanés ; je râpai dans de l’eau la pelure rouge du radis qui lui donne une couleur violette, qui se change en rouge avec les acides, et en vert avec les alcalis, et que je sais par expérience être un bon réactifs ; je fis préparer une forte lessive de cendres filtrées, et je me munis d’un vinaigre très-fort ; après quoi nous nous dirigeâmes vers la fontaine.

Elle est située à douze ou quinze pas du moulin, entre un petit bras du Rhin et un canal tiré de ce fleuve pour mouvoir le moulin. Cet espace est formé d’anciens fascinages exécutés, il y a environ quarante ans, pour se mettre à l’abri des innondations. La surface de cette espèce d’île est recouverte d’une couche épaisse de chenevottes provenant du moulin, qui est en même temps moulin à farine, à chanvre et à huile. L’eau dite minérale sort du pied de ce fascinage et coule dans le fleuve ; elle a son origine du côté de l’est, par conséquent d’où vient le canal. Ce lieu est situé dans une vaste plaine sablonneuse, produt des alluvions du fleuve, éloignée de toute montagne et de toute roche. En approchant de la source, on sent une odeur hépatique désagréable, et l’on voit l’eau couler sur un fond noirâtre, garni de débris de petits morceaux de
bois charbonnés, de feuilles, et de roseaux enduits d’une couche blanche à la surface. Odeur d’hydrogène sulfuré ; saveur idem, mais moins prononcée que l’odeur ; couleur naturelle et diaphane. Une pièce d’argent, jeté au fond de la fontaine, a d’abord jauni, puis noirci ; la teinture violette n’en a éprouvé aucune altération ; la lessive de cendres n’a produit aucun précipité ; l’acide acétique, mêlé et agité avec cette eau, a donné une très-légère pellicule, en produisant de l’onctuosité sur les doigts qui y étaient trempés, et l’odeur du gaz a été neutralisé. J’ai répété les mêmes expériences avec l’eau du canal dérivé du Rhin : il n’y pas eu de différence avec la teinture violette et la lessive de cendres : mais l’acide acétique n’y a produit aucune altération.

L’on m’avait dit au moulin que les poissons qu’on jetait dans la source y étaient asphyxiés, et je priai M. Wachenheim de répéter l’expérience; il y en eut effectivement plusieurs, gros et petits, qui, y ayant été jetés en ma présence, étant très-vivaces, commencèrent d’abord à souffrir, et avoir des mouvemens convulsifs, puis ils cessaient de se mouvoir, et se renversaient, reprenant insensiblement la vie dès qu’on les retirait de cette eau pour les plonger dans celle du Rhin, et la perdant derechef quand on les rejetait dans l’eau sulfureuse, ce qui fut répété un grand nombre de fois. Après avoir achevé ces expériences, je rempli dans la source une bouteille propre, qui fut bien bouchée, pour la transporter à Strasbourg, et l’examiner ultérieurement. (…) Nous sommes en droit de conclure (…), que cette eau, dite minérale, n’est autre chose que l’eau filtrée du canal voisin, imprégnée, à sa surface, d’un haz hydrogène sulfuré et darboné, qu’elle abandonne aussitôt qu’elle est exposée à l’air libre, et qu’elle doit ce gaz à la décomposition lente des substance végétales à travers lesquelles elle a passé dans un trajet oblique de dix à douze mètres seulement. (…)

Il se présente une difficulté, celle de savoir pourquoi il y a des eaux qui perdent leur gaz aussitôt qu’elles sont exposées à l’air, et pourquoi d’autres les conservent long-temps. Ne peuton croire que (…) celles du moulin de Rhinau, n’en ayant été chargées que pendant un trèscourt trajet, n’ont pas eu le temps de s’en impreigner complètement, et qu’il y est resté
superficiellement, au lieu que, dans un très-long trajet, le mélange est beaucoup plus complet? Cette analyse, de quelque peu de conséquence qu’elle soit, m’a prouvé, par les comparaisons que j’ai dû faire, que l’eau du Rhin, lorsqu’elle n’est pas trouble, est très-pure, et n’a pas la propriété qu’on lui attribue, de donner naissance au goître ; tumeur dont la cause occasionnelle réside plutôt dans les brouillards, si fréquens sur les rives du fleuve, et auxquels sont presque continuellement exposés les habitans de ces lieux. Quant à la propriété médicatrice des maladies de peau, qu’on s’était imaginé de pouvoir donner à cette eau gazeuse, je la crois entièrement nulle, puisque les gaz s’évapore aussiôt, et que les matières qu’il dépose sont en trop petites quantité ; aussi ai-je dissuadé le maître du moulin d’y faire aucune établissement, comme je crois qu’on le lui avait insinué.“

(François-Emmanuel Foderé : Notice. Sur une fontaine contenant du gaz hydrogène sulfuré et carboné, qui est située sur les bords du Rhin, au moulin de Rhinau, avec quelques réflexions sur la gazification des eaux. Dans : Journal de la société des sciences, agriculture et arts, du département du Bas-Rhin, Strasbourg 1826)

Rheinbedingte Ortsverschiebungen

“Damals war der Rhein ziemlich gross, und frass zu Rheinau die Stadt sehr hinweg, und kam so weit dass es den Herren von Honau (denen vor etlichen Jahren ihr Stift zu Honau der Rhein hatte hinweggefressen) damals der Rhein wiederum hinwegfrass, also dass die Häuser und Kirche, alles in den Rhein fiel. Deshalben seien sie gezwungen worden zu weichen. Sie kamen in die Stadt Strassburg, setzten sich zum Alten S. Peter mit Bewilligung des Bischofs, und machten ein Stift daraus; brachten S. Amandus Heiligthum mit ihnen her. S. Michel war ihr Patron, deshalben nannten sie das Stift zu S. Michen und S. Peter, wie es noch heisst. Ist jetzund noch ein Stift; sie essen noch alle im Refectorium. Aber jedermann sagte, es wäre eine Strafe Gottes, dass sie der Rhein also plagte, denn sie nicht also fromm waren, wie ihren alten Vorfahren.”

(Les collectanées de Daniel Specklin, chronique strasbourgeoise du seizième siècle / fragments recueillis par Rodolphe Reuss, Strasbourg 1890)

***

“On connaît la constante variabilité du cours du Rhin, et on peut se faire une idée de changement qu’il a dû subir dans nos parages depuis le quatrième siècle. Il paraît bien avéré que son cours, dans les temps passés, était bien plus rapproché de nos murs. Des restes de vieux lits et d’anciens trous de gravier du Rhin en sont une preuve irréfragable, et l’un de nos quartiers, en face de l’hôpital civil, est encore aujourd’hui désigné par le nom de coin du Rhin (Rhineck), ce qui ne laisse nul doute sur l’ancienne proximité du fleuve. (…) L’inconstance du Rhin est attestée par des évènements très remarquables. Le vieux Brisach était autrefois incontestablement sur la rive gauche du fleuve ; ce fut en 1296 qu’étant extraordinairement gonflé, il se forma un nouveau lit, et Brisach se trouvasur la rive droite. En 1292, des prêtres écossais construisirent un monastère assez considérable près de Rhinau, qu’ils abandonnèrent en 1390, parce que le Rhin, qui, de ces côtés surtout, changeait fréquemment de lit, menaçait d’engloutir leur établissement, ce qui arriva en effet la même année. Depuis cet évènement et long-temps après, lorsque les eaux étaient très-basses, on apercevait des restes du bâtiment. M. Hochstætter, arpenteur à Colmar, en découvrit encore au milieu du Rhin en 1752 ; il en leva même le dessin, qui est rapporté dans un manuscrit de Silbermann. Ce dernier se rendit lui-même sur les lieux en 1766 ; il reconnut qu’alors ces ruines n’étaient plus au milieu du fleuve, mais dans un très-grand rapprochement de la rive droite.“

(Antoine-François-Xavier de Kentzinger, Strasbourg et l’Alsace, ou Choses mémorables des vieux temps, Strasbourg 1824)

Von der Wasserqualität am Oberrhein

“L’opinion à Strasbourg et dans quelques localités est contraire à l’usage de l’eau du Rhin ; on l’accuse d’être indigeste, de produire le goître et le crétinisme, la fièvre intermittente et d’occasionner des diarrhées. Mais cette opinion populaire s’applique moins à l’eau prise dans le fleuve même, dont l’usage est trop exeptionnel pour avoir une influence étendue, qu’à l’eau des puits alimentés par le Rhin.”

(In unserer Übersetzung: “In Straßburg und einigen Ortschaften ist man gegen den Gebrauch von Rheinwasser; es wird für unbekömmlich gehalten und soll Kröpfe, Kretininsmus, Wechselfieber und Durchfallerkrankungen verursachen. Aber diese verbreitete Meinung bezieht sich weniger auf das direkt dem Fluß entnommene Wasser, das viel zu selten verwendet wird um größeren Einfluß auszuüben, als vielmehr auf Brunnenwasser, das aus dem Rhein gespeist wird.”)

(Victor Stoeber, Gabriel Tourdes: Hydrographie médicale de Strasbourg et du département du Bas-Rhin, Strasbourg 1862)

Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley

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Die Rheinkulisse, insbesondere der Mittelrheinabschnitt, diente in den 60er und 70er Jahren gleichsam als eigenständiger, die Handlung zusammenhaltende Darsteller in Spielfilmen, die einen Humor pflegten, der seither freiwillig in seinem deutschen Käfig verharrte, und wenn er nicht gestorben ist, noch heute vor sich hinröchelt. Ein Beispiel solch eines monumentalen Humorzombies findet sich derzeit auf Youtube, wo Quirin Steiners Wenn’s juckt wird gejodelt (Alternativtitel: Zwei Rebläuse auf dem Weg zur Loreley) von Zehntausenden abgerufen wird. Das Kinoportal Moviepilot faßt den Plot der mit gelegentlichen Nacktszenen frisierten Heimat- und Sittenkomödie wie folgt zusammen: “Wenn sich zwei trottelige Burschen und ein notgeiler Priester auf den Weg machen, nach den unehelichen Söhnen eines alten Kapitäns zu suchen, kann das nur schief gehen. Wenn sich dann aber zu allem Überdruss noch herausstellt, dass die gesuchten Söhne in Wahrheit Töchter sind, dann kommt’s erst recht zu allerhand Verwicklungen und Reibereien. Eine wilde Fahrt durchs Rheinland beginnt, in der ziemlich viel gekuppelt und geknüppelt wird.” Bayerische Binnenschiffer treffen auf einen rheinischen Doppel-Tünnes und Schäl, eine resolute schwäbische Haushälterin auf strunzdumme Blondinen. Dialektgebrauch, schauspielerische Armut und Maske vorschlaghämmern grob gearbeitete Gags ins Panorama, das sich an einigen Stellen bis heute nicht davon erholt zu haben scheint.

Märchen vom Murmelthier

Die böse Frau Wierx entführt das Königstöchterlein von Burgund samt seinem Badwännlein aus dem Schloss am Rhein in ihr Haus nach Hessen ins Gebirge. Frau Wierx und ihre Tochter Murksa rufen das Kind später Murmelthier. Denn wenn die Königstochter als Dank für ihr Tagwerk von Murksa Schläge bekommt, murrt sie. Einmal reist Frau Lureley über Land. Als die Nixe des Abends einen Brunnen zum Übernachten sucht, zeigt ihr Murmelthier, das die Schafe hütet, einen Brunnen. Dafür wird das Mädchen von der Lureley mit Perlen, Edelsteinen und einem silbernen Kleid belohnt. Die böse Schwester nimmt dem Murmelthier das Kleid und den Schmuck weg. Aber zum Glück hilft Frau Lureley dem armen Mädchen weiter. Über die Nixe lernt das Murmelthier den Biber kennen. Der wiederum steht ihr gegen den grausamen Müller Kampe bei. Vom Müller erhält das Murmelthier neben ihrem Mehl einen Blumenstrauß. Der Biber gesteht dem Mädchen, er sei Fischer gewesen, habe Biber geheißen und wäre von dem garstigen Müller in ein Tier verwandelt worden. Murmelthier erwidert, es müsse ihn nur mit dem Strauß berühren. Dann werde er wieder Fischer. Einmal muss Murmelthier Birnen pflücken. Ein schöner Jäger reitet vorbei und kauft ihr die Birnen für gutes Geld ab. Der Jäger nimmt sogar im Hause der Frau Wierx Quartier. Auf seinem Zimmer möchte er ein Fußbad nehmen. Murmelthier muss dem gut zahlenden Gast auf Geheiß der bösen Mutter jenes Badwännlein bringen. Am Wappen an dem Wännlein und an einem Muttermal am Hals von Murmelthier erkennt der Jäger, das ist sein Glückstag: „Ich bin dein Zwillingsbruder. Dein Vater war König von Burgund.“ Der Bruder Konrad nimmt die Prinzessin auf seinem Pferd mit nach Burgund. Die Königin Mutter stirbt vor Freude. Wierx und Murksa verbrennen in Hessen ihr Haus und schleichen sich in Burgund bei Hofe ein. Die gutmütige Prinzessin verzeiht den beiden Hessinnen alle Garstigkeiten und ernennt Frau Wierx zur Obersten Hofmeisterin und Murksa zur Ersten Hofdame. Bruder Konrad, der König von Burgund, sucht den Rhein nach dem Biber ab. Als er ihn bei Biberich findet, bringt er ihn zur Prinzessin. Konrad, zu Pferde, durchschwimmt zuletzt den Rhein und erreicht das Schloss. Der Biber folgt ihm. Die Prinzessin berührt den Biber mit ihrem Strauß und das Tier wird sogleich ein schöner junger Fischer. Konrad hat sich bei der Rheinüberquerung erkältet und stirbt. Zuvor gibt er dem Fischer die Schwester zur Frau. Nach dem Wunsche des Sterbenden soll das Paar Burgund regieren. Gesagt, getan. Frau Wierx spinnt eine Intrige. Die böse Frau legt dem Fischer ihre Tochter Murksa ins Brautbett, damit diese Königin werden soll. Das Ränkespiel misslingt. Murksa kommt zu Tode und Wierx bringt sich daraufhin um. Das burgundische Volk lässt sich nicht so leicht regieren. Das Königspaar verlässt sein Königreich für immer und ewig. Es begibt sich nach Biberich. Dort lebt der Biber als Fischer. Murmelthier bringt ein Mädchen zur Welt. Das Paar nennt es Ameleychen.

(Zusammenfassung einer zu Lebzeiten des Autors unveröffentlicht gebliebenen Märchenerzählung von Clemens Brentano. Quelle: Wikipedia)

Der Rhein als Spiegel: Industriefotografien von Dirk Schatz

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Rhein mirror

In der weiten Welt der sozialen Netzwerke stießen wir auf die Fotografien von Dirk Schatz. Der Rhein doppelt als Spiegel die mächtigen Anlagen zu seinen Ufern, die lange nach Sonnenuntergang eingefangenen/inszenierten Landschaften entheben sich ins Fantastische, gemalt aus Industrielichtern. Auf seinem Blog beschreibt der Fotograf ausführlich die Voraussetzungen und Schwierigkeiten bei seinen Aufnahmen.

Für rheinsein hat Dirk Schatz vier seiner beeindruckenden Bilder zur Verfügung gestellt. Von oben nach unten zu sehen sind:
- die Rheinfront der BASF Ludwigshafen,
- Block 8 des Großkraftwerks Mannheim,
- die Bogenbrücke im Mannheimer Hafen vor dem Großkraftwerk und
- das Rheinhafendampfkraftwerk in Karlsruhe.

Wir empfehlen einen Besuch auf der Website von Dirk Schatz, auf der neben Industriefotografie auch Alben mit Landschafts- und Städtebildern zu durchblättern sind sowie seine Präsenz bei der Fotocommunity 500px.

Sonnenfinsternisse

Zur partiellen Sonnenfinsternis über Köln am Vormittag des 20. März begaben wir uns in Ermangelung einer Schutzbrille ans Niehler Ufer, um das Naturschauspiel auf der Rheinoberfläche gespiegelt zu betrachten – ein alter, augenschonender und vor allem wenig bekannter Observationstrick: das ausgedehnte und normalerweise gut frequentierte Ufer gehörte uns an diesem Tag beinahe alleine. Im Vorfeld des Ereignisses hatte es verzweifelte Jagden nach den viel zu wenigen im Handel vorrätigen Schutzbrillen gegeben. Dieses Auftaktszenario war uns aus dem Jahr 1999 (als eine totale Sonnenfinsternis stattfand) im Gedächtnis geblieben. Angebot und Nachfrage hatten damals wie heute dafür gesorgt, daß die Preise für einen Fetzen zertifizierter Folie in die Höhe schossen. Allerdings war Köln zum Auftakt der Finsternis von diesigen Himmeln überzogen, einer reichlich bekannten, mißmutig-weißgrauen Suppe, die genau zwischen Stadt und Weltall vor sich hindampfte. Würde der Dunst sich rechtzeitig vor dem Schauspiel verziehen?

1999 hatten wir das von den Zeitungen Sofi getaufte Fänomen auf einem pfirsichbestandenen Hügel im badischen Weingarten mit gutem Blick über das Oberrheintal beobachtet. Auch seinerzeit war der Himmel bewölkt, die Wolkendecke jedoch zerrissen. Abertausende, wenn nicht Millionen legten in Deutschlands Südkorridor zwischen Saar und Isar erwartungsvoll in tai chi-artiger Kongruenz ihre Häupter in den Nacken. Wir hatten Glück: erst flippten die Vögel aus, dann fegte mit sensationeller Geschwindigkeit und bedrohlich wie eine massenauslöschende Wunderwaffe der Mondschatten über das Rheintal hinweg, die Temperaturen fielen rapide ab und wir vor Staunen rückwärts in ein Feuerameisennest. Im Nachhinein faßten die Boulevardblätter das kuriose Verhalten einiger Menschen und Tiere während der Finsternis zusammen, die somit in ein kollektives Erlebnis mündete, das für die meisten wegen schlechter Sichtverhältnisse enttäuschend verlaufen war.

Unser Foto dokumentiert den Höhepunkt der Sonnenfinsternis vom 20. März 2015 um 10.38 Uhr am Niehler Ufer in Köln

Diesmal verzog sich der Dunst nicht, zumindest nicht in Köln. Einige Minuten vor dem errechneten Höhepunkt, der maximalen, ungefähr 80-prozentigen Abdeckung der unsichtbaren Sonne durch den unsichtbaren Mond, wirkte – immerhin! – der Bodendunst am Niehler Ufer eine fast schon merkliche Nuance dunkler, in etwa so als wäre es gerade mitten im März noch einmal kurz Februar geworden. Die Vögel verhielten sich in der herrschenden Suppe ganz unauffällig. Ein nennenswertes Ereignis fand statt, als überraschend ein losgeleinter Hund in unserem Rücken vorüberpreschte, um unter Gebelle ein ufernah dahindümpelndes Entenpaar (siehe Foto) zu scheuchen. Aufregenderes hatte nicht einmal der Liveticker des Kölner Stadt-Anzeigers zu bieten, obgleich dort stundenlang die fehlende Sicht kommentiert und mit allerlei Gedankenspielen aufgewogen worden war.

Vision

Am Weg, der nußbeschattet
Zum Rheinfels führt empor,
Da trat ich jüngst ermattet
Hin an ein eisern Tor.
Die Pforte war’s zum Acker,
Der abtut alle Not;
Drauf seiner Garben wacker
Hinwirft der grimme Schnitter Tod.

Die Dämm’rung kam verstohlen;
Ihr Wehn in Gras und Baum,
Der Rhein, die Nachtviolen -
Es gab mir alles Traum.
Bis jach ein langsam Schreiten
Mich weckte, da ich sann;
Im Festkleid andrer Zeiten
Trat auf mich zu ein eigner Mann.

Sein Hut war breit von Krempe,
Sein Mantel reich an Staat;
Am Gurt hing ihm die Plempe,
Doch schien er nicht Soldat.
Sein Antlitz war wie Erden;
Sein Auge matt doch stet.
Ich dachte: “Was will werden?”
Da sprach er leise: “Grüß Gott, Poet!

“Ich war in meinen Tagen
Ein Dichter weit genannt;
Ich habe frisch geschlagen
Die Leier durch das Land.
In wüsten Kriegesläuften
Mut singend stand ich da,
Ach, in der blutersäuften
Der zitternden Germania.

“Als sie zur Gruft mich brachten
Nach sturmgetriebner Fahrt,
Da war zu Gang das Schlachten,
Das dreißigjährig ward.
Mir fand ich Kampf beschieden,
Dir fiel die Ruhe zu:
Im dreißigjähr’gen Frieden
Übst deine freud’gen Saiten du.

“Dich stört kein Schwedenjagen
Bei Lied und bei Sonett,
Kein springender Pulverwagen,
Kein krachend Falkonett!
Dich irrt auf deinen Wegen
Kein wallensteinisch Volk!
Dir kreuzen nicht die Degen
Der Weimar und der wilde Holk!

“Doch in die Zukunft spähen
Die Schläfer in der Gruft;
Ein Wechsel wird geschehen,
Und Krieg ist in der Luft!
Gleichwie von zieh’nden Heeren
Erbebt mein Grab schon heut!
Nicht lang mehr wird sie währen,
Die überlange Friedenszeit!

“Schon geht ein feindlich Scheiden
Und Sondern durch die Welt;
Bald suchen sich die Schneiden
Wohl auch im offnen Feld!
Ade dann träumend Sinnen!
Ade, zwei Banner wehn!
Im Kampfe mitten drinnen
Wirst dann auch du bei einem stehn!

“Ich sang in jenem Streite:
Drum gehet tapfer an!
Trittst du auch auf die Seite
Der Freiheit als ein Mann!
Kriegsweisen wolle schmettern!
Was Tod, was Acht, was Bann!
Sing’ in den kommenden Wettern -
Auch du: drum gehet tapfer an!” -

Ich sprach: “Nah ist die Fehde,
Und kampfbereit bin ich!
Doch du, mit dem ich rede,
Zinkgref wohl hieß man dich?
Wo du dein Weib erworben
In diesem Sankt Goar
Bist nachmals du gestorben.” -
Er sprach zurück: “Du redest wahr!”

Da wollt’ ich rasch ihm fassen
Die Hand, doch er entwich;
Hinschwebend in dem blassen
Stromdunst verlor er sich.
Er schwebt’, als hätt’ er Flügel.
Nachließ er keine Spur,
Wie längst sein grüner Hügel
Spurlos verloren ging der Flur.

(Ferdinand Freiligrath, 1843)

Rheinmöwen (6)

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Ein Flecken am Rhein

Gruß dir, Romantik! – Welch ein prächtig Nest!
Mit seines schlanken Mauerthurmes Zinnen,
Mit seiner Thore moosbewachs’nem Rest!
Mit seiner Burg, so schartig und so fest,
Wie reißt es sieghaft meinen Geist von hinnen!
Gruß dir Romantik! Träumend zieh´ ich ein
In deinen schönsten Zufluchtsort am Rhein!

Drin weilst du noch! Im schlichten Nonnenkleid
Blickst Du mich an durch die bemalten Scheiben.
Es hat geächtet dich die Nüchternheit,
Ach, und die Klugheit dieser hast’gen Zeit;
Sie möchten gern dich ganz und gar vertreiben.
In kleinen Ufervesten, morsch und grau
Birgst du dich zitternd, wunderbare Frau!

Doch – ach, in Kirchen, die des Schmuckes baar,
Dort ist die Statt, wo deine Seele jammert!
In öden Kirchen, mit zerwehtem Haar,
In öden Kirchen knie’st du am Altar;
Und hälst mit Weinen brünstig ihn umklammert,
In seines Schattens ewigheil’ger Ruh’
Suchst eine Freistatt deinem Schmerze du.

Und bist dieselbe doch, die einst mit Lob
Und trunkner Scheu des Volkes Beste nannten;
Die Ludwig Tieck einst auf den Zelter hob,
Die keck den Forst der Poesie durchstob,
Arnim, Brentano deines Zugs Trabanten.
Die Waldung glühte, silbern sprang der Born,
Und wie ein Mährchen scholl das Wunderhorrn.

Das war vordem! – Jüngst ging ich am Gestad;
Grün floß der Strom: nicht Volker sah ihn reiner.
Ein Dampfboot zog vorüber seinen Pfad,
Tief in die Wellen griff es mit dem Rad,
Und auf dem Deck stand deiner Priester Einer:
Der jüngste wohl – und doch schon grauen Haars
Um die gewölbten Schläfen: Uhland war’s!

Wir kannten uns – wir grüßten uns. Vorbei
Mein einsam Städtchen schwamm er zu den Dänen.
Auf uns hernieder sah die Lorelei,
Im Hals erstickt’ ich einen Freudenschrei,
Doch in den Augen hatt’ ich helle Thränen.
Trüb klang ein Lied in meiner Seele Schrein;
Das hieß: „Drei Bursche zogen über’n Rhein!”

Ja, dieß der Rhein! Die Woge mit dem Hort,
In dessen Strahl sich Uhlands Wimper sonnte!
Und dort er selbst! die Sängerlippe dort,
Romantik, ach, die mit gefeitem Wort
All’ deinen Zauber noch verkünden konnte!
Das Auge dort, das tief im Elfenbusch
In deiner Bronnen Spiegel klar sich wusch!

Du wußtest es, daß er vorüberzog!
Aus Burg und Felsriß durch des Morgens Nässe
Sahst du hernieder, und ein Lächeln flog,
Ein sonnig Lächeln, als das Schiff sich bog,
Durch deiner Züge kummervolle Blässe.
Mit trüber Freude sahst du auf den Knie’n
Auf deinem Strome deinen Dichter ziehn.

Da flog er hin, der letzte Rauch verschwamm!
Da flog er hin, dein jüngster, reinster Kämpfer!
Dein Lächeln floh, trüb stand der Berge Kamm,
In meinem Herze pocht’ es wundersam:
Dein letzter Ritter – ach, und auf dem Dämpfer!
Dahingerissen von der neuen Zeit
Des Mittelalters fromme Trunkenheit!

Ein Gleichniß nur! – Doch kam es über mich,
Und nicht vermocht’ ich’s trotzig abzuweisen;
Daher die Trauer, die mich überschlich.
Du Stille, Bleiche, ja verhülle dich!
Die Zeit, o Herrin, ist für dich von Eisen!
Kalt unterwühlt sie dein vermorscht Asyl –
Ach, nicht allein mit ihrer Dämpfer Kiel!

Dein Reich ist aus! – Ja, ich versteh’ es nicht;
Ein andrer Geist regiert die Welt als deiner.
Wir fühlen’s Alle, wie er Bahn sich bricht;
Er pulst im Leben, lodert im Gedicht,
Er strebt, er ringt – so strebte vor ihm keiner!
Ich dien’ ihm auch und wünsch’ ihm frohen Sieg –
Doch warum dir, Verbannte, deßhalb Krieg?

Dir, deren prächtig Banner ohnehin
Einsam nur weht noch auf zerfallner Mauer!
Dir, der Entthronten! – Mit bewegtem Sinn
Zu deinen Füßen werf’ ich still mich hin,
Ein ernster Zeuge deiner Witwentrauer!
Ein Kind der Neuzeit, fiebernd und erregt,
Das um die alte fromm doch Leide trägt!

Nicht wie ein Knabe! – Diese Stunde nur
Zu deinen Füßen klagend will ich sitzen!
Der frische Geist, der diese Zeit durchfuhr,
Er hat mein Wort, ich gab ihm meinen Schwur,
Noch muß mein Schwert in jungen Schlachten blitzen.
Nur eine Stunde! Aber die auch ganz
An deiner Brust, in deiner Glorie Glanz.

(Ferdinand Freiligrath)

Rhein-Meditation (4)


“Wer kann schon mit Sicherheit behaupten, ob er noch am Leben ist oder bereits tot? Beim Betrachten des Stroms, unter einiger Kenntnis seines Verlaufs geht mir auf, dass mein Leben ebenso grob wie nuanciert verläuft, dass sämtliche Behauptungen dieses Lebens ihre Entkräftungen stets in sich trugen und tragen, insbesondere, wo ich vor 20 Jahren noch überzeugt das Gegenteil behauptet habe. Heute kann ich nur darauf hoffen, dass in 20 Jahren meine Erkenntnis ebenfalls weiter vorangeschritten sein wird, wobei auch ein täglich sich wiederholender Tod ein befriedigendes Leben vorstellen kann. Wie der Rhein bin ich ein Migrant, der auf der Stelle tritt. Der all das, was ihn erwartet, bereits in sich trägt. Der das, was er noch vor sich hat, bereits mitschleppt. Und der das, was er hinter sich hat, mit schwellendem Kamm und immer eindringlicher wiederholt. Eine Meditationsübung, die von der Last des Menschseins befreit, indem sie menschliche Laster durchexerziert. Ein Weg ins Nichts. Ein Trick, der nichts taugt.”

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5

Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen. Kommende Lesungen (demnächst in Bad Honnef und Düsseldorf) sind der Rubrik Termine zu entnehmen.