Monatsarchiv für Februar 2015

 
 

Presserückschau (Februar 2015)

1
Mensch vs. Tier: “Im Kampf gegen die Mücken am Oberrhein wollen die Schnakenjäger demnächst auch eine ferngesteuerte “Drohne” einsetzen – wenn die Behörden grünes Licht geben. Das Fluggerät solle bei der Bekämpfung auf kleineren Flächen wie Regenrückhaltebecken verwendet werden und in diesen Fällen Flüge mit dem Hubschrauber überflüssig machen.” (morgenweb.de) Allerdings steht die Bewilligung noch aus: laut behördlichen Vorschriften dürfen Drohnen nicht schwerer als 25 Kilogramm sein. Die Kabs (Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage) möchte jedoch ein Fluggerät einsetzen, das 60 Kilo Kampfmittel tragen kann.

2
Mensch vs. Tier (2): Unter der boulevarddadaistischen Überschrift “Ein neues WALzeichen fürs Revier” berichtet BILD von einer geplanten Skulptur, die rund 50 Jahre nach seinem Besuch an den Belugawal im Rhein erinnern soll und ergeht sich in weiteren Wortspielen: “Walkommen, Rhineheart: Dem weißen Wal, der 1966 vor den Ufern Duisburgs gesichtet worden war, will der Oberhausener Künstler Jörg Mazur jetzt ein Denkmal setzen.” Die Aufstellung der Stahlskulptur soll via Crowdfunding finanziell abgesichert werden und laut Mazur daran erinnern, daß das Auftauchen des Wals das Umweltschutzgesetz zur Renaturierung des Rheins ausgelöst habe: “Reinhart heißt nicht nur mein Vater, es bedeutet auch ,weiser Ratgeber‘ – und auf englisch wird es zum Herzen des Rheins…”

3
Abyss: “Von der Rheinbrücke bei Rees sind zwei junge Leute (…) in die Tiefe gestürzt. Sie hatten Glück: Beide landeten nicht im Fluss, sondern etwa vier Meter tiefer auf einem Vorsprung. Die jungen Leute mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. (…) Zum genauen Unfallhergang konnte die Polizei zunächst keine Angaben machen.”(Rheinische Post)

4
Noch ein Sturz: “Auf einem Tankschiff im Rhein ist (…) der Kapitän ums Leben gekommen. (…) Der 54-Jährige war in einen drei Meter tiefen Tank gestürzt, der Benzol enthalten hatte. Das Schiff lag in Höhe des Worringer Hafens vor Anker.” (Kölner Stadt-Anzeiger) Unklar war zunächst, ob der Niederländer an den Sturzfolgen oder an Giftdämpfen gestorben ist. In einer ersten Meldung hatte es geheißen, das Schiff sei bei Dormagen auf dem Rhein getrieben.

5
Mensch vs. Tier (3): “Platzverweis für Tiger in Not” war eine Woche vor Beginn des Straßenkarnevals eine Kölner Polizeimeldung überschrieben, die das Boulevardblatt EXPRESS als Steilvorlage aufnahm: “Über Notruf 110 wurde (…) ein hilfloser Tiger am Rheinufer gemeldet. Erwartungsvoll und mit Unterstützung der Feuerwehr näherten sich die Polizisten vorsichtig dem Einsatzort. Doch statt tierischer Laute klang betrunkenes Rufen entgegen… (…) Ein Jeck im Tigerkostüm hatte nachts auf seiner Trommel gespielt, als plötzlich ein Drumstick den Abflug machte. Katzenartig sprang er hinterher, kam aber die Böschung nicht wieder hochgekraxelt. Um sein Kiesbett herum strömte der Rhein. (…) Der Tiger soll nicht gefaucht haben…”

6
Maximallängentourismus: “Flusskreuzfahrten im „Fünf-Sterne Segment“ bietet laut Duisburg-Marketing (DMG) der Anbieter Scenic Cruises, der ausschließlich Gäste aus dem angelsächsischen Sprachgebiet (Australien, Kanada, USA, Großbritannien) an Bord habet. Die luxuriösen Schiffen tragen allesamt Namen von Edelsteinen (Jewel, Pearl, Diamond oder Jade) und sind 15 Tage auf der „Romantic Rhine & Moselle River Cruise“ von der Schweiz bis nach Amsterdam und entgegengesetzt auf Tour. Die Schiffe für die Kreuzfahrt auf Rhein und Mosel sind zwischen 2009 und 2015 erbaut worden, jeweils 135 Meter lang (die erlaubte Maximallänge auf dem Rhein) und haben drei Decks, zudem Lounges, Bars und Restaurants. Die Schiffe bieten 169 Passagieren Platz – viel Platz.” (Der Westen)

7
Kein Zustand: “Der Oberbürgermeister von Bingen Thomas Feser spricht sich für den Bau einer weiteren Rheinbrücke aus. Diese soll Bingen mit Rüdesheim verbinden. Feser reagiert damit auf das aktuelle Verkehrschaos rund um die Schiersteiner Brücke. Es sei kein Zustand, dass der Rhein im 21. Jahrhundert eine Grenze darstelle, die man nicht überwinden könne. (…) Auch eine Mautbrücke hält Feser nicht für ausgeschlossen. Kritik übte der Binger Oberbürgermeister an Umweltschützern, die sich gegen den Bau aussprechen. Er sei davon überzeugt, dass Flora und Fauna sich sehr schnell auf Veränderungen einstellen könnten.” (SWR)

Kölner Dom (6)

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Vor gut anderthalb Jahren haben wir Johannes Schröers Dombilder auf rheinsein vorgestellt. Vergangenen Herbst gab es die erste Ausstellung in einem Kölner Frisiersalon, begleitet von einem Interview im Kölner Stadt-Anzeiger. Schröer fotografiert weiterhin beinahe täglich den Dom, Kölns Sakralgebirge, und gewinnt dem Bau und seiner Umgebung immer wieder neue und erstaunliche Perspektiven ab. Wir zeigen in loser Folge ausgewählte Motive aus Schröers Dombetrachtungen und danken dem Fotografen fürs freundliche Überlassen des Bildmaterials.

Wispertal und Loreley

“Adelheid war die liebenswürdigste Wirtin, die Gäste in der besten Laune, und so fragt sich’s, ob die Kammermühle im Wisperthal je wieder eine fröhlichere, poetischere Gesellschaft unter ihrem Dache beherbergt hat. Aber der Abend sollte allem erst noch die Krone aufsetzen. Von Lorch aus fuhr die Gesellschaft, der sich auch Adelheid angeschlossen, im Nachen stromunter. Es war einer der heißesten Tage dieses heißen Sommers gewesen, und nun sank die Sonne in einem Glutmeer von unbeschreiblicher Pracht. Himmel, Berg und Strom, der Nachen und die Menschen drin, die Tropfen, die von den Hudern fielen, alles war eitel Purpur; dahin glitt der Kahn durch die goldne Herrlichkeit, und in andachtsvoller Stille schauten alle hinein. Dann aber machte sich die Begeisterung in lautem Jubel und Gesang Luft. Die Dichter wurden aufgefordert, zu Ehren des unvergleichlichen Abends etwas zu improvisieren und diesem Wunsche wurde auch bereitwillig entsprochen, und Longfellow begann, worauf F. fortfuhr: Die Gläser klangen, und „hoch, hoch!” tönte es von der Lurlei nieder, deren riesige schwarze Masse jetzt über dem kleinen Boote ragte, und da die goldige Beleuchtung längst erloschen war und der mächtige Fels einen unheimlichen Schatten auf den Strom warf, so ergriff es manch zaghaftes Herz im Boote, wenn auch nicht mit „wildem Weh,” so doch mit stillen Grauen. Fest hielt Frau Ida die Hand ihres Gatten, denn für ihn fürchtete sie die Tücke der Lurlei. Aber unbeschädigt stiegen sie alle in St. Goar ans Land, und unvergeßlich blieb ihnen der Tag.“

(Ida Freiligrath über einen Dichterausflug Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann Ferdinand und dem amerikanischen Gast Longfellow im Nachen rheinab. Diegleiche Passage bereisten wir im Oktober vergangenen Jahres, weniger dichterisch umgeben und abenteuerlich, doch bietet die berühmte Strecke bis heute prägnante, bleibende Eindrücke.)

Rheinmöwen (5)

Anflug auf Köln

Digital StillCamera Check-in, Altstadt Köln

Leuchttürme des Rheins: das Große Delta

Nördlich des Rheinknies windet sich der gewaltige Strom durch ein wildes, fast grenzenloses Delta, bei genauer Betrachtung zieht es sich bis weit hinter den Zusammenfluss mit dem Neckar, wenn sich bald das vereinigte Paar Rhein und Neckar durch die felsigen Klüfte und Abgründe Rheinhessens windet…
Kundige erinnern sich, der geniale Konstrukteur und Ingenieur Tulla habe in der markgräflichen Gewerbeakademie zu Mannheim einen Entwurf erarbeitet, den Fluss nördlich des Rheinknies bis weit hinter die markgräfliche Residenzstadt in ein künstliches Bett zu zwingen, einerseits wegen besserer Beschiffbarkeit, andererseits um weitere Flächen für Bevölkerung, Landwirtschaft, Industrie und allgemeines Gewerbe zu gewinnen – allein, ein unglücklicher Ehrenhändel, der im Tod des genialen Konstrukteurs ausging, habe das kühne Projekt verhindert – bis heute wagte sich niemand mehr an eine derartige Herausforderung…
Ein Weniges hinter dem Rheinknie sitzt der Pralle Hans-Erwin, der erste einer langen Reihe mächtiger Leuchttürme, die, aufgereiht wie eine Perlenschnur, die mäandrierende Fahrrinne ausweisen und sowohl dem Fracht- wie dem Personenschiffer den Weg weisen, im Besonderen zur Nacht, wenn die Orientierung im konfusen Delta sonst praktisch unmöglich –
Das nächste Schifffahrtszeichen ist dem weiblichen Geschlechte gewidmet – die Dulle Greet steht in einer Entfernung, die den Austausch lichttelegraphischer Zeichen ermöglicht, ein weiterer Gewinn neben dem alleinigen Stromverkehre –
Die Leuchttürme sind mit einem auffälligen Gewirr dicker und dickster elektrischer Stränge verbunden, muss doch die Elektrizität im Historischen Kraftwerk zu Rheinfelden-Lauffenburg gewonnen werden und vermittels Überlandleitung an ihren Einsatzort transportiert werden, am Prallen Hans-Erwin wird sie eingespeist und in der Folge von Turm zu Turm weitergereicht.
Stromabwärts reihen sich in sinnfälliger Folge der Fidele Hanspeter; der Lässige Kasper; die Grüne Minna; der Heilige Sei-Bei-Uns; der Helle Gunki; die Fette Metze; der Horige Hudeli; und am Ende der Stromtrasse Fidelia mit den breiten Schenkeln; dort sind wir schon auf Höhe Hardtheims – aber das ist eine andere Geschichte…

(Ein Gastbeitrag und zehnter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Kleine Trilogie vom Niehler Ufer

Kaiserlich deutscher Humor

rheinfall_Abschiedvostellung_kladderadatsch1870 Napoleon III. und sein Sohn Lulu überqueren den Rheinfall (Karikatur aus dem Kladderadatsch vom 7. August 1870 anläßlich des Deutsch-Französischen Krieges)

Von unten auf!

Ein Dämpfer kam von Bieberich: – stolz war die Furche, die er zog!
Er qualmt’ und räderte zu Thal, daß rechts und links die Brandung flog!
Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut:
Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut!

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt!
Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt!
Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin
Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin!

Nach allen Seiten schaut’ umher und winkte das erhabne Paar;
Des Rheingau’s Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar!
Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: – wie war das Schifflein doch so nett!
Es ging sich auf den Dielen fast, als wie auf Sanssouci’s Parket!

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimmenden Pracht,
Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht;
Da schafft in Ruß und Feuersgluth, der dieses Glanzes Seele ist;
Da steht und schürt und ordnet er – der Proletarier-Maschinist!

Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein –
Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein!
Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er steh’n,
Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Weh’n!

Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und Alles geht und Alles paßt;
So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast.
Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck;
In seiner Fallthür steht er da, und überschaut sich das Verdeck.

Das glüh’nde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme roth erhitzt,
Mit der gewölbten haar`gen Brust auf das Geländer breit gestützt –
So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu:
“Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst Du!

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoos,
Tief unten, von der Noth gespornt, da schür’ und schmied’ ich mir mein Loos
Nicht meines nur, auch Deines, Herr! Wer hält die Räder Dir im Takt,
Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt?

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, 0 König, ein Titan!
Beherrsch’ ich nicht, auf dem Du gehst, den allzeit kochenden Vulkan?
Es liegt an mir; – Ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist,
Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem Du die Spitze bist!

Der Boden birst, aufschlägt die Gluth und sprengt Dich krachend in die Luft!
Wir aber steigen feuerfest aufwärts an’s Licht aus unsrer Gruft!
Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat,
Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat!

Dann schreit’ ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit
Ein neuer Sankt Christophorus, trag’ ich den Christ der neuen Zeit!
Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin’s, durch den zum Siegesfest
Ueber den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!”

So hat in seinen krausen Bart der grollende Cyklop gemurrt;
Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr, und stocht und purrt.
Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm in’s Gesicht,
Der Dampf rumort; – er aber sagt: „Heut, zornig Element noch nicht!’

Der bunte Dämpfer unterdeß legt vor Kapellen zischend an;
Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan.
Der Heizer auch blickt auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht,
Lacht er: “Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!”

(Ferdinand Freiligrath)

Protest

Solang ich noch ein Protestant,
Will ich auch protestieren,
Und jeder deutsche Musikant
Soll’s weiter musizieren!
Singt alle Welt: Der freie Rhein!
So sing doch ich: Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt freier sein -
So will ich protestieren.

Kaum war die Taufe abgetan,
Ich kroch noch auf den Vieren,
Da fing ich schon voll Glaubens an,
Mit Macht zu protestieren,
Und protestiere fort und fort,
O Wort, o Wind, o Wind, o Wort,
O selig sind, die hier und dort,
Die ewig protestieren.

Nur eins ist not, dran halt ich fest
Und will es nit verlieren,
Das ist mein christlicher Protest,
Mein christlich Protestieren.
Was geht mich all das Wasser an
Vom Rheine bis zum Ozean?
Sind keine freien Männer dran,
So will ich protestieren.

Von nun an bis in Ewigkeit
Soll euch der Name zieren:
Solang ihr Protestanten seid,
Müßt ihr auch protestieren.
Und singt die Welt: Der freie Rhein!
So singet: Ach! Ihr Herren, nein!
Der Rhein, der Rhein könnt freier sein
Wir müssen protestieren.

(Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen, 1841)

C. G. Jung bringt den Rhein ins Spiel

„Symbole sind schon vor dem Bewußtsein da. Das ist der Grund, warum wir uns unserer eigenen Riten zutiefst unbewußt sind. Viele von ihnen sind unerklärlich. Ist jemand hier, der mir eine befriedigende Erklärung für unseren Weihnachtsbaum geben könnte? Nehmen wir an, ein Chinese käme vorbei und fragte Sie, was er bedeutet. Sie würden sagen: «Es ist zum Gedenken an den Tag, an dem unser Erlöser geboren wurde.» – «Aber ist das in Ihren heiligen Büchern vorgeschrieben? Gibt es irgendeinen Beleg, daß in einem Stall in Bethlehem ein solcher Baum war?» Wir sind genauso dumpf und dumm wie der Primitive, der die aufgehende Sonne begrüßt.
In meiner Heimatstadt Basel kommen jedes Jahr am 13. Januar drei maskierte Tänzer, ein Vogel Greif, ein Löwe und ein wilder Mann, auf einem Floß den Rhein heruntergefahren; sie legen an und tanzen in der Stadt umher, und niemand weiß warum. Das ist eine wunderliche Sache in einer modernen Stadt. Derartiges ist früher als der Verstand und das Bewußtsein entstanden. Am Anfang war die Tat, und erst später entwickelten die Menschen Meinungen darüber oder ein Dogma, eine Erklärung für ihr Tun.“
(C. G. Jung, Gesammelte Werke: Traumanalyse. Nach Aufzeichnung des Seminars 1928-1929, 4. Seminarsitzung, 30 Oktober 1929)

„Das «Vaterland» bedeutet Grenzen, das heißt bestimmte Lokalisation, der Boden aber ist mütterliche Erde, ruhend und fruchtbar. Der Rhein ist ein Vater, wie der Nil, wie der Wind, Sturm, Blitz und Donner. Der Vater ist auctor und Autorität, daher Gesetz und Staat. Er ist das in der Welt sich Bewegende, wie der Wind, das mit unsichtbaren Gedanken – Luftbildern – Schaffende und Lenkende. Er ist der schöpferische Windhauch – pneuma – Spiritus – atman, der Geist.“
(C. G. Jung, Gesammelte Werke: Zivilisation im Übergang, Seele und Erde)

Normierung

Menschen sitzen mit
seelischen Radiergummis
in Bus & Bahn
und wischen
Arten von Gehirnfilmen
durch verstöpselte Ohren
in ihre Köpfe.

Wie normal war er
dagegen selbstbefindlich:
Strommasten & rheinische Autobahnen
waren einst seine Gebärmutter.

Norm aber:
Wissen- & Irgendwasschaftler
die den Begriff verwenden,
sind sie nicht verdächtig?
Auch wenn sie
nobelpreis-
sind?

(Ein Gastgedicht von GrIngo Lahr; rheinsein dankt!)

Notizen von unterwegs (4)

Der erste Winterabend. Über den Gropiusbauten des Dammerstocks, in die Karlsruher Himmel eingefügt, flachdachflache airbrushne Sonnenuntergänge aus dem Fantasygenre. Dann, wenige hundert Meter weiter, beim Schulterblick zurück vom Schwarzwaldkreuz, das den Verlust von Johnny’s P.S. Stube, dem legendären Wellblechimbiß an der südlichen Stadteinfahrt, mit der kalten Trauer einer ewigen Baulücke kompensiert, entzündet sich die frisch gewendete Sonne komplett. Autos fliehen vom Land Richtung Stadt, fädeln ein in die Bahnunterführung. Rechter Hand grüßt, 40 Meter hoch, Pimmel mit Hut, Wegweiser zum Straßenstrich, der ausrangierte Wasserturm. Der Weg ins Stadtzentrum seit Jahren verstellt von Bauzäunen. Dahinter wird Nacht produziert und in die Luft gepumpt. Innert zehn Minuten ist der Sonnenuntergang vertrieben. Durch das Dunkel über die Bauzäune hinweg fliegt ein Weihnachtsmann mit Rentierschlitten, aus dessen Auspuff Goldregen sprüht. Landet mitten auf dem Christkindlesmarkt. Es riecht nach Sauerkraut mit Zuckerwatte.

Rotterdam Journal

I
Rain in Rotterdam. Dusk. Environment.
Opening the hood, I raise the gate.
Four days later they bombed the city,
and the city was gone. Cities
not people and not hiding in the stairwell
during a downpour. Streets, houses
not converge in these cases, the mind
and, falling, do not call for vengeance.

II
The July afternoon. Drips from the wafer
on the trouser leg. Chorus of children’s voices.
Around – the huge new buildings.
In Corbusier something in common with the Luftwaffe,
Both have worked from the heart
over the variable shape of Europe.
What pozabudut furious Cyclops,
a sober finish pencils.

III
As the time nor healthily, but the stump,
seeing no means different from the goals,
smart. And the stronger – from a panacea.
Night. Three decades later,
We drink wine with big old star
in an apartment on the twentieth floor -
at the level achieved already
soaring here once on the air.

Joseph Brodsky (St. Petersburg, 1992)