Jahresarchiv für 2015

 
 

Presserückschau (Dezember 2015)

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Daß unter verschiedenen Umständen Personen- und Lastkraftwagen in den Rhein gesteuert werden, haben wir in dieser Rubrik gelegentlich dokumentiert. Nun meldet der Schweizer Blick den Sturz einer Pferdekutsche in den Rhein bei Weite SG: “Der Fuhrmann war (…) mit seinem Einspänner auf der Naturstrasse dem Rhein entlang in Richtung Sevelen unterwegs (…). Im Bereich einer Holzhütte sei das Fuhrwerk auf mehrere Hunde getroffen, die sich jedoch ruhig verhalten hätten. Trotzdem sei das Zugpferd erschrocken und habe versucht, Kehrt zu machen. Dabei sei es rückwärts gestolpert und schliesslich mitsamt der Kutsche die Steinböschung hinunter ins Wasser gestürzt. Der Kutscher, der sich mit einem Sprung gerettet hatte, sei dem Gespann sofort hinterher geeilt und habe das Pferd aus der Beschirrung befreit. Das Tier habe sich in der Folge auf eine nahe gelegene Sandbank begeben, von wo es schliesslich wieder habe auf den Weg zurückgebracht werden können. (…) Die Kutsche habe durch einen Abschleppdienst aus dem Rhein geborgen werden müssen.” Der Klassiker ereignete sich kurz darauf in Remagen, wo sich ein Auto selbständig in Richtung Rhein auf den Weg begab, wie der Radiosender RPR1 vermeldet: “Nach rund 200 Metern versank der Wagen in den Fluten. Menschen befanden sich nicht im Auto. Ein Zeugin hatte den Vorfall an Heiligabend beobachtet und die Feuerwehr gerufen. Die hat das Auto inzwischen geborgen. Warum sich der Wagen selbständig machte, muss noch geklärt werden.”

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Nach Erkenntnissen von Wissenschaftlern der Universität Basel gehört der Rhein zu den weltweit am stärksten mit Plastikteilchen verunreinigten Gewässern. Da kaum ein Unternehmen Umweltverschmutzungen freiwillig zugebe, stünde nun an herauszufinden, woher die Kontaminationen stammten. Der Kölner Stadt-Anzeiger summiert: “Der Rhein sei der erste große Meereszufluss, der auf Plastikabfall untersucht wurde (…). (Im Artikelverlauf wird von vorherigen Untersuchungen der Donau auf Plastikpartikel berichtet; Anm. reinsein.) Andere Forschende hätten zuvor Ozeane, Seen und kleinere Flüsse unter die Lupe genommen. Die Wissenschaftler entnahmen bis zur Rheinmündung nahe Rotterdam an elf Standorten insgesamt 31 Proben an der Flussoberfläche. Dabei wurde Mikroplastik in einer durchschnittlichen Konzentration von 892 777 Partikeln pro Quadratkilometer gefunden. Zwischen Basel und Mainz waren es 202 900 Partikel. In der Gegend um Köln 714 053 und im Rhein-Ruhr-Raum im Mittel 2,3 Millionen Partikel. Der Spitzenwert von 3,9 Millionen Partikeln pro Quadratkilometer wurde in Rees gemessen, rund 15 Kilometer vor der niederländischen Grenze. Weiter meerwärts sanken die Mikroplastik-Werte wieder.”

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“Eine Leiche am Rheinboulevard, eine möglicherweise Verdächtige, die in einem Penthouse unmittelbar am Deutschen Sport- und Olympia-Museum wohnt, eine Mittagspause mit Blick auf den Rhein und Kamera-Flüge über die Kranhäuser: Im Kölner „Tatort“ (…) ist der Rhein rein optisch ein Hauptdarsteller. Die Dreharbeiten für die aktuelle Folge „Benutzt“ fanden bereits im Oktober/November 2014 statt – also weit vor der offiziellen Eröffnung der Freitreppe des Rheinboulevards am 13. Juli dieses Jahres. Die Baustelle rings herum ist trotz der Dunkelheit während der Szene, in der Ballauf und Schenk die angespülte Leiche des Unternehmers Martin Lessnik begutachten, gut zu erkennen. Auch das Geländer ist noch nicht in seinem heutigen Zustand und wirkt wie ein Provisorium. Bei einem weiteren Besuch des Leichenfundorts, diesmal bei Tage, sind eindeutig die Bauarbeiten zu hören, es wirkt sogar, als ob sich Bauarbeiter etwas zurufen, ganz so, als ob sie sich nicht von den Dreharbeiten des „Tatort“-Teams stören ließen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

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Der Rhein in Wien: “Ihre „Weihnachtskonzerte“ (…) widmeten die Wiener Symphoniker diesmal ganz dem Rhein, und zwar in seinen romantischen Facetten. Zunächst beschwor man die subjektive Liebe zum Gewässer mit Robert Schumanns Dritter Symphonie in Es-Dur, sodann mit drei Ausschnitten aus Richard Wagners „Götterdämmerung“ sozusagen die mythologische Rolle des längsten deutschen Flusses. Die, chronologisch gesehen, letzte der vier Symphonien Schumanns, die sogenannte „Rheinische“, spiegelt die Anziehungskraft wider, die der Strom auf den Komponisten bis zum gescheiterten Selbstmordversuch ausübte. (…) Durchwegs dramatisch gestaltete sich der zweite und weitaus spektakulärere Teil des Abends, wobei man sich die Pointe versagen musste, dass Richard Wagner im ersten Teil seines „Rings des Nibelungen“ den Rhein in derselben Tonart strömen lässt wie Robert Schumann. Stattdessen erklangen „Siegfrieds Rheinfahrt“, „Trauermusik“ und „Schlussszene“ aus der „Götterdämmerung“.” (Die Presse)

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Über den Brückenschluß der länderverbindenden Trambrücke zwischen Kehl und Strasbourg berichtet Baden Online: “Ein blauer Himmel und frühlingshafte Temperaturen waren (…) ein Grund mehr, um auf die Europabrücke zu gehen. Viele Schaulustige hatten sich dort und auf der Besucherterrasse am deutschen Rheinufer zur Mittagszeit versammelt, um den Brückenschluss der Tram-Brücke genau zu beobachten. Ein Mann mit Rollator und einer Kamera um den Hals ließ sich das Spektakel auch nicht entgehen. (…) Gegen 13 Uhr war es dann soweit: Der Brückenschluss erfolgte. Aber später als erwartet. Die Stadt teilte auf ihrer Homepage mit, dass der Wasserstand des Rheins mit Hilfe des Stauwehrs des französischen Stromversorgers EDF angehoben werden musste, damit das Einschwimmen des zweiten Trambrückenteils überhaupt vonstatten gehen konnte. Um 13.30 Uhr folgte ein weiterer symbolischer Moment: OB Toni Vetrano aus Kehl und Roland Ries aus Straßburg trafen sich mit ihren ersten Beigeordneten Alain Fontanel und Harald Krapp in der Mitte der Tram-Brücke. Nach einem Händedruck nahmen sich die beiden Oberbürgermeister sogar herzlich in den Arm – zwei Städte, die nun enger verbunden sind.”

Tiel

Tiel, am rechten Waalufer, war im 10. und 11. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte in den Niederlanden, Handelsstadt mit gutem Draht nach Köln, Hansestadt auf Dauer. Auch wenn solche Vorrangigkeit der Stadt im Laufe der Jahrhunderte abhandengekommen ist, kann ihre Existenz vielen Niederländern kaum egal sein, sei es nur, weil das BKR dort seinen Sitz hat.

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Unauffällig in einem Gewerbegebiet versteckt, benötigt das Gebäude von bestenfalls mittelmäβiger Architektur Fahnen um auf sich aufmerksam zu machen, aber kaum ein Niederländer möchte dort allzu lange verweilen, zumindest nicht seine Daten verweilen lassen. Das BKR ist die niederländische Schufa: Nahezu jeder niederländische Kredit wird dort verzeichnet, und, wie bei der Schufa der Fall, gerät man in Tilgungsschwierigkeiten, wird die eigene Kreditwürdigkeit weit herabgestuft, für mindestens fünf Jahre. Hat man sich doch wieder über Wasser gerettet, muss man schon achtgeben, dass das eigene Verzeichnis tatsächlich gelöscht wurde. Dem ist nicht immer so.

Tiel hat glücklicherweise auch noch einen etwas fröhlicheren Ruf, wenngleich allmählich weniger bei der jüngeren Generation. Es gab jedoch Zeiten, da fuhren junge Niederländer auf die Abenteuer einer sprechenden Himbeere mit Kochmütze ab. Das war Flipje, das städtische Maskottchen, Hauptfigur einer Comicstripreihe, die für die Tieler Marmeladefabrik De Betuwe warb. Die Firma gibt es schon seit zwanzig Jahren nicht mehr, aber Flipje und Tiel sind wohl auf ewige Zeiten unzertrennlich: Es wehen Flipje-Fahnen, Bänke sind mit Flipje-Comicfragmenten ausgestattet, und am Marktplatz gibt es eine Statue, die noch immer die Freude der Knirpse nach sich zieht.

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Die Figur war auch für die niederländische Literatur nicht ganz ohne Gewicht. Der Comic wurde ab den frühen 1930ern gezeichnet von Eelco ten Harmsen van der Beek, zu gereimten Texten seiner Ehefrau Freddie Langeler, beide übrigens nie selber in Tiel wohnhaft. Das Paar hatte eine liebe Tochter Fritzi, die gerne beim Ausmalen der Zeichnungen behilflich war. Aus dieser fleiβigen Bleistiftzauberin wurde eines der wirklichen Originale der niederländischen Literatur. Auch wenn das Gesamtwerk dieser Fritzi Harmsen van Beek vom Umfang her überschaubar ist (zwei Lyrikbände und eine Handvoll kürzerer Prosabände, insgesamt gute 250 Seiten), hatte ihr grotesker, auf ständiges Abschweifen bedachter Sinn für Humor beim Ersterscheinen in den 1960/70ern in der niederländischen Literatur kaum seinesgleichen. Später haben von ihr beeinflusste Autorinnen wie Charlotte Mutsaers und D. Hooijer der zerstörerisch anarchischen, unterschwellig morbiden Kraft besonders ihrer Prosa nie das Wasser reichen können, sei es nur, weil deren Sprache sich kurzen, knappen Formulierungen unterwarf. Von solcher Eindeichung sich zu lösen fiel dem Fluβ, der Fritzi Harmsen van Beek hieβ, weit weniger schwer, so wie hier:

So, sagte, der Henker, gefragt nach seinen Ansichten zu der sagen wir mal hartherzigen Art seines Berufes, denn Beruf, bei Gottes Gnaden, wenn irgendwo die Rede sein kann von Beruf im Sinne also von Dienstleistung wider besseres Wissen abhängigen Privatpersonen gegenüber, die nicht mehr im Geringsten ein noch aus wissen, so doch gewiss in dieser undankbaren Branche, wir mir scheint, wobei man auf die Schnelle auch damit zu rechnen hat, dass demjenigen, der dieses Handwerk verübt, jegliche Form der Arbeitsfreude im Vor- und Nachhinein aberkannt ist, in seiner Arbeit kann sich so einer nicht verausgaben, so wie dies andere Männer allesamt tun und wodurch sie sich dann als nützlich und glücklich, ja ausgeglichen empfinden werden. Wie ein älterer, kränkelnder Henker einmal trauernd bemerkte: Man kann sich überhaupt nicht ausleben, mit anderen im Begriffe sich auszuleben, und so ungefähr ist es eben, eine ungesunde Sachlage insgesamt, was sich wohl an der Tatsache erkennen lässt, dass Henker, gibt man ihnen auch nur für einen Moment die Chance, gleich allerhand läppische Krankheiten und Schmerzen zu bejammern anfangen, die sich im Vergleich zur peine capitale, die manch ein anderer zu erleiden hat, fraglos als ziemlich lächerlich abheben, was darauf hinweist, dass auch die geistige Gesundheit unter diesem Fach zu leiden hat.

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So schlimm wird der Herr, der sich in der Tieler Einkaufsstraβe gerne ablichten lassen wollte, sich dann lächelnd als “der grösste Halunke der Stadt” bezeichnete, ohne dies erörtern zu wollen, wohl nicht gewesen sein: Kurz darauf wollte er mir zu Hilfe kommen, scheute aber zurück, als ich von einer rasenden Mutter so gut wie zusammengeschlagen zu werden drohte, auf den Verdacht hin, ich fotografiere ihre beiden wunderbaren Töchter, sich auslebend an Spielgeräten, aus pädophiler Absicht: “Da können Sie froh sein, dass mein Mann nicht dabei ist!”
Ich werde hier das eine, von mir noch gerettete Bild mal nicht ins Netz stellen (man weiβ ja nie), aber mir kommt schon die Frage, wie die andere groβe literarische Bezugsperson aus Tiel sich gegenüber der weit um sich greifenden Versessenheit mit Kinderpornografie verhalten hätte.

Ich meine jetzt den von Thomas Mann verehrten Menno ter Braak (1902-1940), der, als das Himbeermaskottchen noch nicht erschaffen worden war, in der Flipje-Hochburg das Gymnasium besuchte. Dessen damaliger Sitz umfasst jetzt kooperative Eigentumswohnungen, die Fassade bezeugt aber immer noch die protestantische Strenge, der ter Braak sich zu entziehen wusste.

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Es ist ihm gewiss behilflich gewesen, dass die Stadt sich keiner absonderlichen Glaubensrichtung verschrieben hatte, sondern eher liberal und weltoffen war, was beim von der eigenen Familie beim Onkel in Pension gegebenen Jüngling aus dem eher engstirnigen Achterhoek wohl sehr gut ankam. Im Titelstück seines Essaybandes Afscheid van domineesland („Abschied vom Land der Vikare“) berichtet er von der Langeweile beim Konfirmandenunterricht, sowie von seinen sonntäglichen Streifzügen entlang den breitgefächerten Glaubensrichtungen in der Stadt. Diese Erfahrungen begründeten seinen Widerstand gegen den Kanzelton auf jeder nur denkbaren gesellschaftlichen sowie kulturellen Ebene: Denn wenn man schon aufs Höhere abzielen muss, dann doch gefälligst über den Weg der Alltagssprache.

Ter Braak zog damals an erster Stelle gegen eine Generation ausgesprochen protestantischer Autoren zu Felde, aber seine Position hat die niederländische Literatur bis auf den heutigen Tag entscheidend mitgeprägt, auch wenn sich seine Nachfolger hin und wieder selber eines Kanzeltons bedienen. Da wird auf die Schnelle übersehen, dass ein wichtiges Essay wie Demasqué der schoonheid („Die Enttarnung der Schönheit“) auf die Apologie einer Sprachauffassung hinausläuft, die darauf bedacht ist, sich groβen Risiken auszusetzen, sich als grundsätzliche Grenzerfahrung versteht, dauerhaft auf des Messers Schneide. Ter Braak (Mitgründer auch der einfluβreichen Zeitschrift Forum) war insgesamt viel zu sehr ein Hegelianer um auf klar definierte Schwarz-Weiβ-Gegensätze reduziert werden zu können. Sein Essay Het carnaval der burgers (1930) ist immer noch eine leidenschaftliche und überwältigend geschriebene, gleichzeitig dialektisch ausgeglichene Kritik an jeglicher moralisierenden Eindeutigkeit, für die übrigens das Kind immer eine zu zähmende Bedrohung bildet: “Das Kind ist tot, es ist überwunden; wer Kind geblieben ist, ist kindisch…”

Nicht von ungefähr entwickelte sich Menno ter Braak als einer der entschiedensten Gegner des Nationalsozialismus in den Niederlanden, zu einer Zeit, als die Politik dem groβen Nachbarn kaum etwas entgegenzusetzen wagte, deutschen Flüchtlingen 1938, noch nach der Kristallnacht, sogar die Einreise untersagte. Ter Braak war die wichtigste Stimme derjenigen, die dagegen protestierten, so wie er sich auch für die deutsche Exilliteratur breitmachte. Im Endeffekt lag es für ihn nahe zu befürchten, ganz oben auf der Liste der zu inhaftierenden Personen zu stehen, als Nazi-Deutschland die Niederlande überrollte. Am 14. Mai 1940 wählte er den Freitod.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal den Ort Tiel, in dem einige verschwiegene niederländische Rockmusiker leben sollen. Die Henker-Passage dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Debut Fritzi Harmsens van Beeks in deutscher Sprache vorstellen. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

Unterdessen, einst, zwischen Rheinufer und Mayagebieten

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Mannheim

“Zu Karlsruh’ ist die Residenz, / in Mannheim die Fabrik. / In Rastatt ist die Festung / und das ist Badens Glück.” (Aus dem Badnerlied)

Elztal

Tannenbestandene Hänge rahmen das Elztal mit seinen wenigen Ortschaften, in denen die Reklameschilder für Metzgereien und von Schwarzwaldmarien angepriesenes Schäufele, so will es bei der Durchfahrt erscheinen, beinahe Kirchturmhöhe erreichen. Zwischen den Ortschaften siedeln Supermärkte an der Landstraße, Feuerwehren, Gewerbegebäude in Kastenform, in Planen verpackte Heuballen mustern die Wiesen.

Die Elz, einer der Schwarzwälder  Rheinzuflüsse und Namensgeberin des Tals, ist von der Durchgangsstraße nur an wenigen Stellen sichtbar. Rauchschwaden steigen in die Posterlandschaft. Irgendwo droben in den Hügeln haust seit Jahrhunderten das Glasmännlein, das den Sonntagskindern, die es zu rufen verstehen, drei Wünsche gewährt.

elztal_speedscapeWährend wir an ihr vorüber und durch sie hindurch jagen, kräuseln sich Teile der Landschaft, Wiesen und Äcker intensivieren ihre Farben, die sich einzeln und in abstrahierten Ausschnitten wesentlich moderner präsentieren als das figurative Ensemble, das sie zusammenhalten.

Aus dem Schwarzwald entronnen umfließt die nun kanalisierte Elz (hier bei Denzlingen) den Kaiserstuhl, driftet nach Norden und quert das Gelände der Touristenattraktion Europa-Park, hinter dem sie in den Oberrhein mündet.

Durmersheim

Eine Fotoserie mit dem Titel “Brettern durchn Oberrheingraben”, den wir auch für ein Gedicht verwendet hatten, lagert seit einigen Jahren in unseren Archiven und wächst mehrmals jährlich um wenige Aufnahmen, Speedscapes, d.h. bei hoher Fahrtgeschwindigkeit entstandene Bilder, an, die durch Straßenbahn-, Zug- oder Autofenster die Landschaft einfangen. Weit abseits der Schwarzwaldkette, die das Rheintal im Osten begrenzt, stehen diese gestaltwandelnden Hügel, die an eine irritierende, viel zu helle Vulkanlandschaft erinnern. Sie gehören zum Durmersheimer Kieswerk Stürmlinger, über dessen Betriebsgelände die Schnellbahntrasse zwischen Karlsruhe und Basel führt.

Rhein-Meditation: Lesungsbericht

Unter dem Titel Finale in Weiß berichtet Thomas Linden in der gestrigen Print-Ausgabe der Kölnischen Rundschau über die Abschlußlesung der Edition 12 Farben am Nikolaustag im Kölner Literaturhaus. Mit Dorian Steinhoffs Die dunkle Jahreszeit war jüngst der zwölfte und letzte Band der Reihe erschienen, die ausgewählte Erzählungen und Schreibpositionen rheinischer AutorInnen versammelt. Im Literaturhaus lasen, moderiert von Bettina Hesse, die im Gespräch Fragen nach den Hintergründen der jeweiligen Werke stellte, neben Steinhoff und mir auch Ulrike Anna Bleier und Roland E. Koch aus ihren 12 Farben-Bänden. Zum Vortrag aus Rhein-Meditation äußert sich Linden wie folgt:

“Wasser und die Kraft seiner Metaphern spielen bei Stan Lafleur eine zentrale Rolle. Aus seiner “Rhein-Meditation” las er brillante Passagen zum Mythos der Quelle. Ironie und Beobachtung verschmelzen dabei in jedem Satz. Dass ihm die Rolle des Mythen-Betrachters zufällt, leitet Lafleur mit bestechender Konsequenz aus einer geschilderten Szene am Rheinufer ab, wenn es da heißt: “… die Sonne zückt ihr Schwert und zielt mit der Spitze quer über den Fluss auf meine Nasenwurzel.”"

Die Schweiz am Meer

Auch das Berner Oberland ist die Heimat des Rheins. Ein großer Teil der Schweiz ist es. Die Aare kommt in den Oberrhein nicht weniger mit ungebrochener glänzender Flut als dieser; sie ist sein Geschwister, doch das nachgereihte. Welches Welterlebnis hat bis zu diesem Zusammenfluß der weit ausgreifende und verloren gewesene Rhein schon hinter sich! Die Aare faßt in einem Fächer wie ein Leuchter mit vielen Armen die Flammen lichtglänzender Seen, die von Schattenwänden umstellten Landmeere zusammen, sie flicht in ihre Wellen, was die Wannen vor Thun und Brienz, vor Biel, vor den Vierwaldstätten und vor Zürich an fließenden Wassern, an entgleitenden, wippenden Flüßchen abgeben. Schon bei Aarau, ehe sie Reuß und Limmat in sich aufgenommen, ist sie ein starkes, eilendes und grünlichfarbenes Gewässer. Köstlich, zwischen den festungsähnlichen, weißen Quader-Toren des Brückenanfanges von der Kettenbrücke, die von Reitern, locker marschierenden Soldaten, langsam rollenden Fuhrwerken bebt, auf die enggefügten Schindeln des Flusses hinabzuschauen, der ohne Geräusch in dunkelgrünen hohen Ufern zu Tal reist. Hier ist die ländliche Allee mit sommertiefen Schatten, der eingeschlafene Arbeiter mit offenem Brustlatz auf der Ruhebank; aus der Verborgenheit eines Bergtals knattert es verschwenderisch von den Schießständen. Drüben baut sich die Stadt empor, warm besonnt, mit staubfarbenen Bürgerhäusern, schwarzbraunen Dächern, grünen Fensterläden, darin der breite alte Kirchturm übereck mit dem indigoblauen Zifferblatt und dem hohen goldstrahlenden Knauf. Diese Stadt in ihrer untersetzten Bauart, mit ihren herabgezogenen Giebelhauben, mit ihren starkfarbigen und heraldisch derben Bürgerwappen an den Wänden der Gassen, mit manchem modernen Gebäude, das die großen Aufgaben der Post und der Kantonsverwaltung, den gefestigten Reichtum der Großbanken, den welterfahrenen Geschmack villenbewohnender Herrschaften erkennen läßt, bewahrt an ihrer breitesten Straße unter schwärzlich schattenden Bäumen neben dem Standbild des vergessenen Zschokke einen Steinfindling, groß und glatt wie ein Seehundsrücken, namenlos und ohne Inschrift, nichts als ein Denkmal für die Arbeit des Wassers in den aufgerissenen Tälern der Vorschweiz. Die Brücke wirft ihr Rautenmuster als ein kurzes Gitter von Schatten auf den Fluß; ein wenig abwärts in der offenen buschigen Landschaft ist eine Kribbe wie ein Stab quer in den Fluß gelegt. An ihrer Spitze, fast in Wassersmitte, steht eine Gruppe Knaben mit nackten Beinen und weißen Aermeln, mit der ausgestreckten Angel. Der Himmel ist weit und vom hellsten Blau. Der Fluß rinnt, unendlich sanft anschwellender Schimmer, der sich gleichmäßig und unaufhaltsam einer unbekannten Ferne hingibt. Lebendiges Geschenk, an wen? An alle, die auf tausend Meilen abwärts auf dem Festland wohnen. Bis Germersheim ist der Rhein fast nichts anderes als das Seenwasser der Schweiz, dann erst beginnen die Zuströme von den deutschen Gebirgen ihn zu mischen. Und im Sommer reicht die Schweiz mit dem Wasser ihrer Schneewände fast unvermischt bis an das Meer. Von den hundert Millionen Raummeter Wasser, die täglich im riesigen Behälter an Köln vorüberströmen, kommt aus der Schweiz noch fast die Hälfte, wenn der Strom nicht übermäßig hoch und nicht niedrig ist.

(Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Für Paquet galt Heinrich Zschokke als vergessener Autor; für rheinsein ist er das natürlich nicht: im großen Elektromosaik, das rheinsein vorstellt, findet sich auch ein Zschokke-Baustein, eine Beschreibung des Kantons Graubünden aus dem Roman Die Rose von Disentis. Unterdessen dürfte Paquet, auf den wir über die Spezialistinnen des Arbeitskreises zur Erforschung der Moderne im Rheinland stießen, weitgehend als vergessener Autor gelten.

Zwischen den Linien der Betuwe

Zwischen Kesteren und Ochten, im Landstrich die Betuwe, kreuzen sich zwei Linien, beide mit Bezug zu Deutschland, wenngleich gegensätzlich bewertbar. Die eine, die eher traurige, heiβt Betuwelinie und ist wesentlich älter als die zweite, die Betuweroute. Erstere ist der mittlere Teil des Verteidigungsgürtels, der sich einst vom IJsselmeer bis hin zur niederländisch-belgischen Grenze erstreckte. Jene Mischung aus Inundationsmöglichkeiten und Kasematten entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts, erlebte eine erste Höchstzeit, als die Niederlande sich in der Bismarck-Zeit von Preuβen bedroht sahen.
In den 1930ern wurde sie bei der erneuten Gefahr aus dem Osten weiter ausgebaut. Auch wenn diese Arbeit beim deutschen Überfall Mai 1940 noch nicht vollendet war, trug sie doch zu einer (wenn auch hauchdünnen) Verzögerung des Aufmarsches bei. 1944 wurde sie dann wieder bei der Abwehr gegen den Alliierten ins Spiel gebracht. In der heutigen Landschaft lässt sich die alte Trasse kaum noch erkennen; vor allem stehen hie und da noch Betonbunker, wie dieser eine aus den 1930ern in der Nähe von Kesteren.

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Dahinter zeigt sich einer der vielen Baumzuchtbetriebe der Region, die es dort nicht von ungefähr gibt. Die Betuwe ist von jeher das führende Obstanbaugebiet der Niederlande, auch wenn sich dessen Anblick seit den 1980ern erheblich geändert hat: Die althergebrachten Hochstammbäume wurden allmählich von gezüchteten Niedrigstammbäumen ersetzt, die bei der Ernte weniger Arbeitseinsatz erforderten und sich daher mehr rentierten. Leider wurde somit der Fortbestand mindestens einer Vogelart gefährdet: Der Pirol hält sich gerne in traditionellen Obstbaumplantagen auf, wo er es sich echt ungestört gut schmecken lassen kann. Seine Zahlen sind mittlerweile rückläufig. Seit ich 2012 im rumänischen Donaudelta einen Pirol habe erleben dürfen, liegen mir diese Hochstammobstbäume am Herzen: Zu Ehren seines melismatischen Gesangs und des knallgelben Blitzes seiner machtvollen Erscheinung habe ich ein ganzes Jahr lang einen solchen alten Baumgarten in der Nähe der eigenen Wohnung fotografiert. Aber auch in der Betuwe gibt es noch (und erneut) solche Baumgärten, sogar unmittelbar neben Baumgärten der neueren Sorte. Vielleicht fühlt sich der Pirol in der Betuwe auf Dauer dann doch wieder ungefähr so gut aufgehoben wie hier Stute und Fohlen.

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Am südlichen Ende der einstigen Betuwelinie genieβen Menschen die umfassende Sicherheit ihres Autos: Da, bei Ochten (das beim alliierten Aufmarsch so gut wie vollends zerstört wurde; dann später, 1995, kurz Weltruhm erlangte, als es, von Hochwasser und Deichdurchbruchsgefahr bedroht, evakuiert werden musste), dient eine breite Buhne der Waalbühne zur Tribüne. In besinnlicher Ruhe wird Ausblick gehalten übers unaufhörliche Bewegen der Schifffahrt. Dabei geht es wohl nicht immer so ruhig zu, wie ich es erleben durfte.

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Am Anfang des Abstiegs vom Deich her verkündet ein Schild, dass die Besucher selber ihre Abfälle mitnehmen sollen, da die Mülleimer aufgrund ständiger Verwüstung entfernt wurden. Irgendwas, so lässt sich denken, muss die Jugend in einem streng protestantischen und auch von der Nachkriegsarchitektur her erschreckend langweilig daherkommenden Ort wie Ochten doch unternehmen, um ihr Alter überhaupt zu spüren.
Einst konnte man wenigstens auf dem Rad oder zu Fuβ mit der Fähre in die Kneipen vom katholischen Ort Druten am anderen Ufer. Das ging auf dem Heimweg sogar nachts. 1975 war Schluss damit: Da wurde einige Kilometer westlich die Willem Alexanderbrücke eröffnet, die Fähre trotz groβem Ochtener Widerstand aus der Fahrt genommen, und nach Krimpen aan de IJssel verkauft, wo sie immer noch fährt. Am Kopfende des ehemaligen Ochtener Fährhafens befindet sich jetzt eine Cafeteria:

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Sie brüstet sich damit, nur vom Feinsten zu liefern, und wenn die Qualität der von mir verzehrten Fritten mit Erdnusssauce maβgeblich ist, kann ich sie nur herzlich empfehlen, umso mehr wo sie sich gegen die McDonald’s-Filiale gegenüber zu behaupten hat, am anderen Ortsende nahe der anderen kreuzenden Linie.
Zuerst aber fahren wir noch eine kurze Strecke westwärts. Nicht ganz zur Brücke hin, sondern zu einem Übernachtungsort: Kein Hotel, sondern ein Hafen. Entlang des Waal gibt es seit 2008 drei Übernachtungshäfen, da es beim zunehmenden Verkehrsaufgebot immer gefährlicher wurde, bei geworfenem Anker im Fluβ zu übernachten.

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So wurde auch eine ehemalige Sandabgrabung zwischen Ochten und dem Dorf IJzendoorn zu einem Hafen umfunktioniert. Als ich da bin, an einem Wochentag gegen vier am Nachmittag – allmählich tritt die Dunkelheit ein – , haben drei Schiffe festgemacht. Reichlich wenig, so scheint es, von der zuständigen Behörde erfahre ich später aber, es gäbe Nächte, besonders am Wochenende, wo gute fünfzig Schiffe anlegen. Der Hafen droht damit schon an seine Grenzen zu reichen.
Die Vögel sehen das ganz anders. Nicht nur beschreiben sie ihre wunderbaren Runden überm Hafenzugang,

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später sehe ich auch, wie sich Hunderte von ihnen auf den Landungsstegen tummeln. Im Hintergrund zeigen sich die Windturbinen, denen man sich nähert, sobald man sich auf der Brücke über jener anderen Linie in westöstlicher Richtung befindet: Das heiβt, es sind eigentlich zwei. Zur einen Seite die Autobahn A15, zur anderen die Bahntrasse namens Betuweroute. Sie führt nach Deutschland, um u.a. den Autobahn-Nachbarn beim erheblich zugenommenen Transportaufkommen ab Rotterdam zu entlasten. Aus mehreren Gründen war die Linie schon von Anfang der Planung an höchst umstritten, hat dann beim Bau den ursprünglichen Etat weit überschritten, hinkt jetzt in vollendeter Form auf mehreren Ebenen den technischen Erfordernissen hinterher, und immer noch ist der Anschluss ans deutsche Bahnnetz nicht so wie er eigentlich gedacht worden war.

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Es drohte allenthalben ein gleiches Debakel wie bei der Köln-Mindener Bahntrasse, die einst Hamburg und Paris über Wesel und Venlo zu verbinden hatte, jenem Anspruch aber nie gerecht wurde. So schlimm wird es aber nicht kommen: Seit 2011 ist das Gebrauchsvolumen endlich dabei auf den geplanten Stand zu geraten. Und an dem Tag, an dem ich dort war, habe ich tatsächlich einen Zug darüber hinweg fahren sehen. Da war ich zwar noch zu weit entfernt vom Viadukt zwischen Kesteren und Ochten, zwischen McDonald’s und Windturbinen, aber, so sieht man, es geht also doch.

(Ein Gastbeitrag von Lucas Hüsgen, der für rheinsein den Waal erkundet: diesmal den Landstrich Betuwe, dessen Name sich von den alten Batavern ableiten soll. Mehr über den niederländischen Autor und Übersetzer auf seiner Website.)

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Weiter sind in Leyden zu sehen ein schönes Spital für alte verlebte Leute, wie auch eines für die Fremden, imgleichen das Tollhaus, Findelhaus, Zucht= und Waisenhaus, welches letztere an Schönheit und Sauberkeit viele Fürstliche Häuser übertrift, daß also seines gleichen in den ganzen Niederlanden nicht mehr anzutreffen. Es fehlet auch dieser Stadt keinesweges an guter Anstalt für die Armen, indem schon öfters über 11000. Personen zugleich darinnen sind versorgt worden, ohne diejenigen, die sich in gedachtem Waisenhaus befunden haben. Wie denn in solchem mehrentheils bei 700. Kinder umsonst erhalten und erzogen werden. Ueber das tragen die Holländer durchgehends für die Verpflegung der Armen die herrlichste Vorsorge.

Von den weltlichen Gebäuden ist das Rathaus, als ein neues, grosses und zierliches Werk, in Augenschein zu nehmen. Ueber dem Eingang stehen schöne holländische Verse, welche auf die Belagerung, Hungersnoth und Erlösung der Stadt des Jahres 1574. verfertigt sind. In der Bürgermeister=Kammer sind sehr kostbare Gemälde, worunter das jüngste Gericht, durch Lucas von Leyden gemalt, ein so kunstreiches Stück ist, daß Kaiser Rudolph der Zweyte für solches soviel Ungarische Ducaten geboten, als zu dessen Bedeckung nöthig wäre. Auf dem Thurm dieses Rathhauses hängt ein schönes Glockenspiel, auf welchem vier Tage in der Woche unterschiedene Psalmen gespielt werden. (…) Die Glocken werden mit einem grossen eisernen Draht gezogen, welcher die Claves der Glocken mit einem hölzernen Hammer schlägt, und dieselbigen rührt, daß sie ihren ordentlichen Ton geben, und kan solches ein Knabe spielen. Die dasige sogenante Burg, oder alte Schloß, so ungefehr mitten in der Stadt neben der St. Pancratius=Kirche, am Ufer des Rheinstroms auf einem Hügel stehet, ist ein rundes und altes Gebäude, so von den Römern, oder wie andere wollen, von dem oben gedachten angelsächsischen Herzog Hengst soll seyn erbauet worden. Es begreift im Umkreis 500. Ruthen und ist mit einer sehr starken Mauer umgeben, liegt anbey so hoch, daß man davon alle umliegende Oerter deutlich übersehen kan. Es gehen bequeme Staffeln von unten bis oben hinauf, vermittelst welchen man auf einen Gang von Blumen und Laubwerk gelangt. In dessen Mitte ist ein Irrgarten und ein sehr tiefer Brunnen, der aber nun ohne Wasser ist, es sind jedoch von dieser Burg nur noch die Mauern übrig. (…)

(aus Dielhelm: Rheinischer Antiquarius)

Rheinzitat (30)

Quand Paris boyra le Rhin
Toute la Gaule aura sa fin.

(Aus: Antoine Le Roux de Lincy, Le Livre des proverbes français, précédé de recherches historiques sur les proverbes français et leur emploi dans la littérature du moyen âge et de la Renaissance (Ed. 2, tome I, Paris 1859))

Freiburg in Freiburg

In den rheinkieselgepflasterten Straßen der Freiburger Innenstadt

“Auch in Freiburg gibt es noch diese schmalen Durchfahrten und die geharnischten Denkmäler, die Martinskirche, freudig ausgemalt und gold geschmückt, das Münster mit seinem mürben Steingeäst und den dämmernden Altären, die von alter Blutbeziehung zu Basel Kunde geben. In den Sockel des Domes sind die Ellenlängen, Laibgrößen, Hohlmaße, Werkzeichnungen und Jahrestage für die Wiederkehr der Märkte eingeritzt, kleine Maßbestimmungen des Alltags, die doch nicht weniger als die kunstvoll gefaßte Größe des Turmgebäudes im gleichen gnomischen Anfang wurzeln. Es gibt dort zwischen den banalen und entstellten Straßenfronten noch ein paar der altgeschickten Häuser mit den poetischen Namen, aber reichlicher stehen sie in dem sauberen Basel und an den wohligen Gassen von Schaffhausen (…)”

(Aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Donau-Postkarte, erhalten am Nieuwe Rijn in Leiden

“Eine Postkarte.
Von oben sah die Donau inmitten von all dem grauen Schutt wie ein toter oder demnächst toter Regenwurm aus. An einer Stelle führte eine verlockend breite weiße Brücke hinüber. An beiden Ufern gab es kleine schwimmende Häuschen, außerdem, umgeben von viel Grün, eine Art Festung oder Kastell. Kalemegdan stand unten rechts auf dem Bild. Abgestempelt war das ganze in Belgrad.”

(aus Eduardo Halfon: Der polnische Boxer, München 2014)

Globalisierungsfänomene: Halfon, ein guatemaltekisch-amerikanischer Autor mit Wurzeln im Libanon, in Ägypten, Polen und Syrien schreibt über den Schwesterfluß des Rheins, die serbische Donau und wir lesen seine Zeilen einer imaginären Postkarte am Bruderfluß der Donau, am niederländischen Rhein, in Leiden, in einem Café, das auf und unter dem Wasser und in den verregneten Himmeln zugleich sich zu befinden scheint und gleichen also die Regenwurm-Donau mit dem plakettenartigen Firmenemblem ab, das sich, von oben betrachtet, aus den Linien der Rheine und sonstigen Leidener Wasserwege ergibt, ein Abzeichen, den Umrissen zufolge, wie es als Wappen zu einem britischen Traditions-Fußballclub paßte oder vielleicht der Grundriß eines etwas verqueren Karnevalsordens oder eines minimal aus der Zeit gefallenen Biosiegels, Assoziationen, aus denen sich Bedeutungen herleiten ließen, die in einer Welt, die sämtliche Querverbindungen akzeptiert, für bare Münze genommen werden dürften. Wen mag interessieren, inwiefern das Belgrader Schuttgrau mit dem Leidener Himmelsgrau korrespondiert und warum die eine Flußstadt mit der anderen so wenig offensichtliche und soviele nicht offensichtliche Gemeinsamkeiten teilt?

Rotterdam (6)

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Pyramidalpeilung: die zentrale Rotterdamansicht ist von den Boompjes, der Straße, die den alten Hafen von der Nieuwe Maas trennt, aufgenommen worden. Im linken Bildmittelgrund Bäume und Häuser der Maasinsel Noordereiland, dahinter ragt der 2013 fertiggestellte Hochhauscluster De Rotterdam von Rem Koolhaas empor. Rechts die Erasmusbrücke und dahinter der brachial-moderne, auf verfallenen Hafenflächen angelegte Stadtteil Kop van Zuid. Bild: Lucas Hüsgen.

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Die belebten, nebeneinander liegenden Brücken von Rotterdam und die stolzen Häusertürme dieser Stadt sind die Torbogen des Rheines vor seinem Ende. Bis an den großen letzten Haken, den der Strom hier schlägt, schimmert die Merwede in dem weit auseinanderklaffenden Tiefland. Schönster Sport in Europa, auf dem dröhnenden Eis dieser klaren, freien Fläche hinzusausen, einen strengen Wind im Rücken, der das Segel des Schlittens wie einen Riß durch die Luft in zwanzig Minuten bis Dordrecht treibt. Auf den Deichen des majestätischen Stromstückes stehen saubere alte Städtchen, Häuser, deren Giebel umgestülpten Kähnen ähnlich sind, Ziegeleien, die chinesischen Dörfern gleichen. Kleine Wasserflächen strahlen als Fabrikhöfe in das Land, in der Ferne kriechen die Raupen windgekrümmter Alleen. Ländliche Kähne, mit Rüben beladen, liegen vor den Aeckern; hohe Schiffsrümpfe, mennigrot, ragen mit ihren schirmartig ausgespannten Gerüsten, im Rappeln der elektrischen Hämmer, hoch über das Baumgebüsch. Gewölbte Scheunen, untersetzte Windmühlen, deren Kreuze leer wie Gräten in die Luft starren, leicht wogende Binsenwälder, Arbeiterkolonien mit leuchtend roten Dächern, mit Alteisen und halbfertigen Schiffen gefüllte Werften, begonnene Uferbauten mit Kippwagenzügen und seichten Wasserflächen hinter dem Weidendickicht. Kleine schwarze Marktdampfer mit ländlichen Reisenden eilen dem von Masten und Türmen starrenden Horizonte zu. Mathematisch gebaute Fabriken, gläserne Dächer, sägenartig abgesetzte Profile neuer Arbeitshallen reihen sich enger, dann ordnen sich die Schlote und das Takelwerk der Seeschiffe zu Bündeln. Die Fensterreihen am Stromufer von Rotterdam schauen zu den Docks hinüber, sie beobachten das Anlegen und Wegfahren der Flußdampfer und der zugedeckten Kähne. Unablässiger Verkehr der Eisenbahnzüge, der Fußgängerscharen und der Lastwagen auf den Brücken und der quer gelenkten Fähren, von denen jede eine Versammlung von Seeleuten, Werftarbeitern, Angestellten, Drehorgelspielern und Hausiererkarren zum Ufer der Docks hinüberträgt. Die verwitterten Rheinboote im Hafen tragen am Heck ihre Heimatorte, die Namen von Heilbronn und Basel, von Antwerpen, Mülheim-Ruhr, Waspik, Homberg, Okriftel, Tiel, Straßburg, Mannheim, Oberwesel. Die Hütten der Holländerkähne sind grün und weiß lackiert wie Hochzeitstruhen oder glänzen dunkelgelb wie neue Möbel. Hundert offene Schiffsgefäße liegen unter den Seilen der Ladebäume vor haushohen, salzüberzogenen Dampferwänden. Aus den steifen Schläuchen, die über die Reling lehnen und in die tiefen Räume der Südamerikadampfer hinunterreichen, strömt das Getreide. Und die geschlossenen Schachteln der Kähne, die der kleine Dampfer stromauf schleppt, bringen den Margarinefabriken des Niederrheins die Palmkerne afrikanischer Wälder, den Schokoladefabriken von Köln und von Bern die mit Kakaobohnen gefüllten Säcke, sie führen Farbholz, Tabak, Kautschuk, Erze, Pflanzenfasern in den unermeßlichen Verbrauch. Aus den Fenstern des hohen Eckhauses am Stromufer schaut der Besucher über den Hafen. Hier oben in den stillen Sälen sind die alten Stadtpläne von Rotterdam mit den spitzen Bastionen an allen Ecken, die Modelle der Kauffahrteischiffe und der Kriegsfregatten, der javanischen Hausboote, der vergoldeten Staatsbarken, der modernen Schleusen, Bagger und Schiffsmaschinen. In diesem Museum sind die heroischen Marinen, die Gallionsfiguren, die Wimpel, alle die beiseitegestellten Dinge, in denen sich die ältere Beziehung Hollands zur See ausdrückt. Und drüben, jenseits des Wassers, hinter den aus Beton gebauten, mit Nummern bemalten Kolonnaden der Dockhöfe und der geschlossenen Speicher erheben sich die nüchtern hohen, ziegelroten Häuserblocks der Arbeiterviertel. Aus der griechischen Herberge “Peiraios”, aus dem Eiscreamgeschäft mit dem amerikanisch bemalten Schaufenster schallt Grammophongesang. Neben der Wirtschaft “Germania” sind die Läden von Hop Jee, Wong Sin und Kow Yun mit verstaubten Fischkonservendosen, mit chinesischen Zigaretten, Oel- und Saucenfläschchen in der Auslage und den gelben, insekthaft beschriebenen Speisezetteln an der Tür. Proletarisch gekleidete Chinesen stehen um das Billard im Kaffeehaus und hinter der Theke des Grünkramhändlers an der Ecke; ein paar rote Blusen und hochblonde Frisuren in der verschwiegenen Opiumluft eines Hausgangs verraten das übrige. Welche Stadt, bedrängt von allen Kräften der Gegenwart, genötigt, dem Problem der großen Verkehrsabwicklungen mit den weitesten Plänen zu begegnen. An den verworrenen, von Lärm erfüllten und altgewordenen Bau ihres Innern schließen sich die Massenquartiere des Randes. Das Wachstum dieser Stadt drängt sich unbestimmbaren Zielen der Weltwirtschaft entgegen, es ist ständig in Gefahr, in ein Chaos zu entgleiten. Der Gegensatz dieser motorischen Stadt zum übrigen Holland verlangt nach Ausgleich. Wie wird sie in zwanzig Jahren aussehen? In jenen Seestädten, die um das europäische Festland den Ring bilden, ist Rotterdam zwischen Hamburg und Antwerpen eine der kräftigsten. Das ganze Rheinland ist hinter ihr. Jede dieser Städte, am Ausgang ihres Hinterlandes gelegen, alle durch die Girlande der Schiffslinien miteinander verbunden, öffnet einem Ausschnitt des europäischen Raumes das Meer. Diese Seestädte strahlen ihre gewölbten Routen zu den Häfen des Erdballes über See. Das Salzwasser trägt alle Lasten leichter, Schiffe machen die Völker auch für andere Dinge bereit, deren Träger die Meerflut ist. Alle diese Städte, Empfänger und Sender in einem, stehen als die vordersten im Zeichen jenes Sehertums, das hinter dem Wettstreit der Volkswirtschaften die Einheit kommen sieht.

(aus Alfons Paquet: Der Rhein, eine Reise, Frankfurt/Main 1923)

Rhein-Meditation (6)

“Die Sohlen brennen, Möwen schreien. Aus einer alten Zeitung steigt der Morgendunst. Im Nacken spüre ich die Sonne ihre morgendlichen Dehnübungen absolvieren. Das Ende ist nah, weil alles immer wieder von vorne beginnt. Ich glaube zu verstehen. Weil ich von nirgendwoher komme. Deswegen gehe ich zu den Quellen, die am Ende des Piers liegen müssen. Weil die Analogien von Quellen und Geburt ebenso fragwürdig sind wie diejenigen von den Mündungen zum Tod. Weil auf dieser Welt alles und nichts stimmt und ich überallhin gehen kann, gerade deswegen gehe ich nirgendwo hin. Stattdessen kommt das Meer auf mich zu, mit geöffnetem Rachen. Die letzten Rheinmeter liegen im Frühdunst und ich gewinne das Gefühl, mich auf einer Verzweigungsader des Mündungssystems zu befinden, die direkt in eine der Verzweigungsadern des Quellensystems greift. Der Blick nach Norden ergibt die Sandwüste eines extrem breiten, endlosen Strandes, darüber dimmen milde lavendelfarbene Himmel, die am Horizont dem Meer sich einen. Der Blick nach Süden fällt auf Hafenkräne, -schlote und -tanks, die Silhouette eines schwarzen Industrieplaneten, gleichsam die Aufhebung des Blickes Richtung Nord. Nasreddin Hoca kommt mir in den Sinn wie er am Flußufer sitzt und sinnt, als vom gegenüberliegenden Ufer jemand ruft: „Wie komme ich denn auf die andere Seite?“ und der Hoca antwortet: „Du bist auf der anderen Seite!“ Es gibt keine andere Seite, und wenn doch, befinden wir uns bereits dort.”

Das Buch ist erschienen in der Edition 12 Farben bei rhein wörtlich, einer Reihe, die Prosatexte vornehmlich Kölner AutorInnen mit Poetologien in jeweils einem Band vereint. Die Rhein-Meditation läßt sich über das Kontaktformular bei rhein wörtlich oder über den Buchhandel bestellen.
Vorort-Buchvorstellungen finden sich in der Rubrik “Termine“.

Stan Lafleur: Rhein-Meditation, Edition 12 Farben, rhein wörtlich, Köln 2014/2015
112 Seiten, 13,5 x 20 cm, Klappenbroschur, 12 Euro
ISBN 978-3-943182-09-5