Monatsarchiv für Dezember 2014

 
 

Aaremündung: Es verliert sich nichts (2)

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Im Strom der Zeit in die Jahre gekommen eine ordnende Kraft ein Zufluss eingebettet

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Marianne Büttiker: Blick vom Ufer Felsenau Richtung Koblenz AG und Waldshut; “Im Strom”: Gouache auf Papier.

Presserückschau (Dezember 2014)

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Grenzüberschreitende Straßenbahnlinie: “Das Gemeinschaftsprojekt der Basler und Weiler Verkehrsbetriebe ist vollbracht. (…) Die neue Tramlinie wird künftig die zwei benachbarten Städte Weil am Rhein und Basel verbinden. Zahlreiche Basler strömen jeweils über die Grenze zum Einkaufen. Nach Weil, zum günstigen Konsumtempel. (…) Für die Weiler selbst hat die Tramverbindung wiederum eine andere Bedeutung. Jeder dritte Arbeitnehmer ist in der Nordwestschweiz angestellt. “Diese haben jetzt die Möglichkeit, mit dem Tram zur Arbeit zu fahren”, sagt (der Weiler Oberbürgermeister; Anm.: rheinsein) Dietz. Nicht zu unterschätzen sei zudem, dass viele Weiler beispielsweise das Basler Kulturangebot nutzen. Mit dem Tram ist dieses bald unkompliziert erreichbar.” (Tageswoche)

2
Gastronomische Straßenbahnlinie: “90 Jahre lang rollte die U76 mit einem Speisewagen (…). Doch am Tag vor Heiligabend kam das Aus für die Kultbahn, die ständig zwischen Düsseldorf und Krefeld pendelte. Letzte Fahrt, Pächterin Doris Ridders („Es rechnet sich nicht mehr.“) hat das Handtuch geschmissen: Die Rheinbahn aber noch lange nicht. Sie will den Bistrozug retten, dieses wunderbare Stück Rheinbahngeschichte aufrecht halten. (…) Seit 1924 gibt es diese Tradition. Damals fuhr der erste Wagen zwischen Düsseldorf und Krefeld. Ein Speisewagen im öffentlichen Nahverkehr, das war eine Sensation. So was gab es in Deutschland nur in Düsseldorf. Und das soll auch so bleiben.” (Express)

3
Der Rhein als Inspirationsquelle für einen Gedichtband: “Der Altenheimer Jochen Heidt hat sein Erstlingswerk veröffentlicht: den Gedichtband “Abendsymphonie”. Vor allem dem Rhein ist der 45-Jährige sehr verbunden. (…) Abends, wenn das Wetter es zulässt, ist er oft am Rhein. (…) “Ich bin in Leutesheim aufgewachsen. Wir waren als Kinder schon ständig am und im Fluss.” Zum Rhein zurückzukehren sei für ihn wie Nachhausekommen. Die Liebe für “Vater Rhein” zeigt sich nicht nur in Heidts Gedichten. Wenn er von den Sonnenuntergängen in den Rheinauen spricht und deren “ganz eigene Magie” hervorhebt, ist zu spüren, wie wichtig der Fluss ihm ist. So ist nachvollziehbar, dass dort auch alles mit der Dichtung begonnen hat. An den Rheinauen, wo er immer am selben Platz sitzt – “da ist man einfach bei sich selbst” – seien ihm irgendwann Reime eingefallen, erzählt er.” (Lahrer Zeitung)

4
Fackelschwimmen: In Bonn institutionalisiert sich ein neuer Adventsbrauch, das Kaltwasserschwimmen mit Pechfackeln: “Schon seit neun Jahren treffen sich die (…) Sportler am dritten Advent, um diese etwas andere Art besinnlicher Vorweihnachtsstimmung gemeinsam zu genießen. Auf dem Parkplatz vor dem Blauen Affen herrscht zu Anfang noch Trubel – mit meist breitem Grinsen werden in der Kälte die Winterklamotten durch Neoprenanzüge ersetzt. (…) Um die neun Kilometer pro Stunde fließt der Strom zurzeit. Die Stimmung ist einzigartig, die Geräusche werden dicht über der Wasseroberfläche seltsam gedämpft, es plätschert leise, und man vernimmt fast nur die Atemgeräusche der Anderen, während das Bonner Rheinpanorama gemächlich an der Gruppe vorüberzieht.” (General-Anzeiger)

5
Aal-Taxi: “Aale aus der Lahn sind jetzt per Taxi an den Rhein gelangt. Was kurios klingt, ist eine Hilfe für die Fische bei der 7000 Kilometer langen Reise zu ihren Laichplätzen. (…) An der Lahn gibt es allein von Marburg bis zur Mündung in den Rhein bei Lahnstein 29 Wasserkraftanlagen, wie das Regierungspräsidium (RP) in Gießen mitteilt, das die Aal-Aktion koordiniert hat. Nur selten seien an den Anlagen technische Vorrichtungen vorhanden, die den Aalen den Weg stromabwärts freimachen – etwa sogenannte Bypässe, die die Fische um die Turbinen herumleiten. Oft tödliche Verletzungen der Tiere sollen so vermieden werden.” (mittelhessen.de)

Aaremündung: Es verliert sich nichts

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Im Rauschen ein Flimmern die Spiegelung die Zeit das Ufer der Wind in den Ästen

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Marianne Büttikers Arbeiten zum Basler Rhein hatten wir bereits vorgestellt. Nun schickt sie uns, passend zum Übergang zwischen den Jahren, eine neu entstandene Text-Bild-Serie über die Aaremündung, oder besser gesagt: zum Zusammenfluß von Rhein und Aare. Denn die Aare gilt als der wasserreichere Fluß, in der Regel ein Indikator für den Vorrang bei der Namensgebung. Daß der Rhein hinter Koblenz AG weiterhin Rhein und nicht Aare heißt, kann als geschichtliche Fügung oder Willkür aufgefaßt werden und wird als Tatsache allgemein hingenommen. Marianne Büttiker spricht in diesem Zusammenhang lieber von “Begegnung”: ihre Beobachtungen gelten den poetischen Momenten des Ineinanderfließens beider Ströme. rheinsein freut sich, die unter dem Sammeltitel “Es verliert sich nichts” entstandenen Gouachen und Zeilen in einer kleinen Serie präsentieren zu dürfen.
Den Auftakt macht ein Blick von Felsenau auf Konstanz AG, die zugehörige Gouache ist betitelt: “Es verliert sich nicht”.

Auf den Spuren Willy Brandts (2)

Digital StillCameraZur diffusen, vom Hörensagen an uns herangedrungenen Theorie, daß Orte, Straßen, Plätze, die nach Willy Brandt benannt wurden, stets von ausgesuchter Trostlosigkeit bis Häßlichkeit geprägt seien, fiel uns zuletzt angesichts der Avenue Willy Brandt in Lille/Frankreich, die mitten im Stadtzentrum von der riesigen Shopping Mall Euralille und diversen besprayten Gebäuderückseiten flankiert in ein stark befahrenes Übergangsgebiet mündet, auf, daß das Benennungskonzept, so es denn tatsächlich existiert, nicht auf Deutschland beschränkt, sondern grenzüberschreitend, womöglich einer wenig bekannten EU-Vorgabe folgend, ausgerichtet sein könnte. Was wirklich an der Theorie dran ist, können wir nur stichprobenhaft überprüfen und hier ausschließlich für Orte entlang des Rheins dokumentieren. So stießen wir in Ettlingen auf eine Willy-Brandt-Straße. Sie wird verlängert von einer vornamenlosen Schröderstraße und reiht sich in ein Straßenensemble mit Altkanzlernamen. Die ästhetische Bewertung fällt schwer. Parkplätze dominieren. Linkerhand befinden sich ein stattlicher Schulkomplex mit geometrisch betonierten Wasserflächen, sowie ein Bürogebäude mit noch mehr Parkflächen; rechterhand reihen sich durch Privatwege abgetrennte Wohnblöcke. Der Blick am Ende der Straße geht übers freie Feld in Richtung der Bundesautobahn 5.

Neptunstein

Digital StillCameraZur Geschichte des Ettlinger Neptunsteins kursieren zahlreiche Versionen. Der obere Teil aus Buntsandstein ist römischer Herkunft, die Inschrift “IN H(ONOREM) D(OMUS) D(IVINAE) / D(EO) NEPTUNO / CONTUBERNO / NAUTARUM / CORNELIUS / ALIQUANDUS / D(E) S(UO) D(EDIT)” besagt, daß Cornelius Aliquandus den Neptun und dem Kaiserhaus geweihten Stein für die Albschiffer gestiftet hat. Daß es einst eine Albschifffahrt gab, mutet heute beinahe sagenhaft an. Leichter vorstellbar ist jedenfalls Albflößerei. Die Herkunft des Steins wird auf das zweite oder dritte Jahrhundert nach Christus datiert. Gefunden wurde er 1480 nach einem Albhochwasser vom Ettlinger Bürger Andreas Hauer, wovon der Sockeltext auf hellem Sandstein, ursprünglich geschrieben von Kaspar Hedio (1494-1552), einem Ettlinger Humanisten und Reformator, erzählt: “Es geschah im Jahres des Erlösers Jesus 1480, daß die Alb wie eine Sintflut über die Ufer trat und Ettlingen und die umliegenden Felder unterspülte und zerstörte. Als die Ländereien wieder trockneten, wollte Andreas Hauer ein Stadion unterhalb der Stadt, unweit der Ruinen des Lagers Fürstenzell, jetzt Burgstall genannt, den Teich reinigen. Da fand er dieses Neptunbildnis mit einigen anderen weiblichen Statuen, die vielleicht Thetis, seine Gattin oder Wassernymfen darstellen sollten.” Der Fundort läßt sich heute nicht mehr sicher zuordnen, wahrscheinlich handelt es sich um Busenbach, ein wenig talaufwärts.
Für Spekulationen sorgte vor allem Hedios Eingangssatz, in dem er behauptet, daß Ettlingen 1111 v. Chr. gegründet worden sein soll. Seither wird ein Trojaner namens Phorzys in unbelegten Quellen als Stadtvater angeführt*, dieweil die Passage “ANTE MCXI ANTE CHRISTUM NATUM ETTLINGIACUM CONDI PRIMUM ET INHABITARI COEPIT, SED MULTUM VETUSTATIS INTER RHENUM ET NICRUM, AC INTERMEDIIS LOCIS, BADENAE, DURLACI, PHORCENAE QUUM INVENIAS” glaubwürdig mit “Im Jahre 1111 vor Christi Geburt wurde Ettlingen zuerst gegründet und fing an, bewohnt zu werden; aber ein hohes Alter hatten auch die zwischen Rhein und Neckar liegenden Orte Baden, Durlach und Pforzheim” übersetzt werden kann. Trojanische Wurzeln lassen sich daraus nur mit reich blühender Fantasie ableiten. Neben Ettlingen wird im Übrigen auch Xanten bisweilen als Trojanergründung behauptet, eine “rheinische Trojaklammer” Ettlingen-Xanten fehlt jedoch in der Literatur, ein Indiz für jeweilige lokalpatriotische Geschichtsklitterung.

*Die Behauptung stammt ursprünglich, soweit bekannt, von Franziskus Irenicus, einem weiteren Ettlinger Humanisten und Zeitgenossen Hedios, sodaß sich gut vorstellen läßt wie die beiden Schriftkundigen gemeinsam Ideen ausheckten, die Stadtlegende aufzuhübschen.

Alb

ka_sültemeyer albbalancenEntlang der Alb auf Karlsruher Stadtgebiet, bis der Weg, knapp zwei Kilometer vor der Mündung, in Schlamm aufgeht. Rasche Wechsel zwischen natürlichem, renaturiertem und gelenktem Flußlauf. Parkanlagen, Straßen, Hafenindustrie säumen das Flüßchen, das durch natürliche, renaturierte und kanalisierte, belehrpfadete Bettabschnitte dem Rhein zufließt. Am Ufer Höhe Europahalle sind auf einer mählich verwitternden Stellwand Fotos des Balance-Experten Eckhard Sültemeyer angebracht: “Ich werde ganz Fluß / im Schauen, Hören, Schweigen / und eine Melodie entsteht in mir.” Dazu Fotos von frei stehenden, schwerpunktausgeloteten Steinmännchen, die längst wieder zu Flußgrund mutiert sind. Weitere Gedichtzeilen, diesmal aus Eichendorffs Frühlingsmarsch, prangen, sorgfältig gesprayt, an der Mauer einer der zahlreichen Unterführungen, deren Fluchten teilweise als Wohnorte dienen. Ein faunischer Albnix markiert den Übergang zwischen Beton- und Naturpassage.Stiere mit Giacomettigliedmaßen bewandern den Traumbeton einer Albunterführung.

Ansichten des Rheins, 1804

So drehet man sich immer rechts und links in den Krümmungen des Rheins herum, sucht in neugieriger Ungewissheit rückwärts den Eingang, und vorwärts den Ausgang aus diesem Wasserschlunde, bis einem Bacharach mit seinen Bergen den Weg zu versperren, und den Rhein unter seinen Häusern aufzunehmen scheint.

Dieses alte Städtchen hat eine romantische Lage. Es rühmt sich Römischen Ursprungs zu sein, und leitet seinen Namen von einem nahen Felsen im Rheine her, welchen man Bacchi ara oder Bacchus-Altar nennt. Bei hohem Wasser ist er nicht zu sehen, aber in den Jahren 1654, 1695, 1719 und 1750 hat ihn die seichtere Flut dem Auge bloß gegeben. Ein untrügliches Zeichen von einem guten Weinjahre.

Die Ansicht von Bacharach ist nicht ganz freundlich. Es trägt zu viel Spuren der Verwüstungen verflossener Kriege. Die untern Häuser sind dicht an den Rhein gebaut, und scheinen senkrecht aus dem Wasser hinauf zu streben. Über ihnen erheben sich die Kirchtürme. Seine alten Ringmauern ziehen sich hoch über die Stadt an die Ruinen der Feste Staleck, und umschließen Gärten und Weinberge, welches alles einen malerischen Kontrast hervorbringt.

Hier wächst der berühmte Muskateller, welcher schon den Gaumen des Kaisers Wenzel und des Papstes Pius II. reizte. Bacharach gegenüber ist die Grenze des schönen Rheingaues, und zwei Galgen stehen neben einander als schreckliche Marksteine da, jeden Räuber warnend.

Wenn man nun von oben herab gen Bacharach zu kommt, glaubt man in einem von Felsen umschlossenen Schweizer-See zu sein. Man denkt hier anhalten oder zurückkehren zu müssen; allein auf einmal dreht sich der Nachen wieder rechts, und schnell kommt er durch einen neuen Strudel, das wilde Gefährd genannt, in einen neuen See, auf dessen Mitte ein gerüstetes Kriegsschiff [die Pfalz] zu schwimmen scheint.

(Nicolaus Vogt: Ansichten des Rheins, Frankfurt/Main 1804. Gefunden auf dem Goethezeitportal)

Marksburg (2)

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“Ein jeglich Landt und ohrt der Welt / Sein Gwonheit hat, die ihm gefelt: / also ein Landt gleicher gestalt / Ist warm, hingegn das ander kalt.”

(Aus dem Thesaurus Philo-Politicus von Daniel Meisner und Eberhard Kieser, 1623)

Die Grenze von Rhein und Meer

die grenze von rhein und meer_finn_klFür rheinsein gemalt von Finn (9).

Leuchttürme des Rheins: die HEROLDe zu Rheinfelden

Die Törichten bezichtigen den Hochrhein als nicht schiffbar.

Doch höret des HERRN Wort: „Verdammnis und Verderbnis aller Körpersäfte, sintemalen der Fortpflanzungssubstanz, den KLEINGLÄUBIGEN…!“, ja so spricht der HERR und hat Recht – dem munteren Fahrensmann ist auf dem Hochrhein soviel Wasser unter dem Kiel wie dem Kleingeist kurz vor Rotterdam – Rheinfelden, das für Banausen, Ignoranten, Idioten, Kleingeister, Schwachköpfe und Querulanten das Ende der „Schiffbarkeit“ markiert, hin oder her – wer das Pergament und die heiligen Tätowierungen seines Kapitänspatentes auch nur für drei Groschen würdig ist, befährt ohne Schuld und Angst den Hochrhein, der Loter lotet so oder so die Wassertiefe und wer es wert ist, ein Steuerruder in seinen verschwielten Händen zu führen, der segelt dortselbst wie in der Gnadenmutter Schoß – so sicher und unangefochten wie zwischen Bingen und St. Täublein – der Rest mag sich mit Wanderungen zu Lande aufhalten –

Diffiziler als Wasserstand und Flachwassernavigation ist allerdings die Schwierigkeit der Wirklichkeit.

Die Klugen wissen es: unzählig ist die Zahl der Welten, die sich parallel zueinander schmiegen – und manchmal verwechselt es, gerade im Zuge der Bewegung, den Strang, auf dem man sich beweget, lebet – gefährliche, ja höchst verderbliche Wechsel mögen vorkommen, Verhängnis, ja Verdammnis liegt im Wesen dieses Phänomens –

Justament vor Rheinfelden gabelt sich die Wirklichkeit – ostwärts wie westwärts – und mehrere parallele Welten schmiegen sich an den noch jugendlichen Rhein …

Zu warnen den Fahrensmann und die Fahrensfrau, so wurden errichtet die stolzen Leuchttürme „HEROLD OST“ im Westen und „HEROLD WEST“ im Osten, jeweils exakt fünf dreiviertel archimedäische Meilen vom Stromkilometer Sechsundsechzig, angezeigt durch einen Monolithen aus kaschubischem Obsidian auf dem Pier des Flachwasserhafens von Rheinfelden.

Nur wer die Lichtzeichen rechtzeitig achtet, bleibt auf dem ihm angestammten Pfad durch Realität und Existenz, den schaurigen Rest holen die Flußnymphen – so ist es eingerichtet seit der Zeit vor der Zeit von unserem HERRN und der Gnadenmutter höchstselbst –

(Ein Gastbeitrag und achter Teil der Exklusivserie “Leuchttürme des Rheins” von Bdolf. rheinsein dankt!)

Notizen von unterwegs

Auf der namenlosen Landzunge im Rhein unterhalb des Loreleyfelsens. Am Nordende die Loreleystatue, Touristen in Kleinbusladungsstärke tauchen auf, zeigen mit Fingern auf das Monument, klettern daran empor, fotografieren, posaunen in Zuständen der Rührung, fast schon der Erlösung ihre Begeisterung, den üblichen Klatsch, ihre Bildungslücken heraus, machen sich vom Acker, indes ein neuer Schwung herantrabt, die Bronze zu betrachten. Etwas weiter entfernt, im Gebüsch, eine Kleingruppe, erst drei, dann vier Personen, männlich, weiblich, gemischtes Doppel, lose aufgereiht, Hohlkreuze, Fischmäuler, weit aufgerissene Augen, hoch konzentriert. So starren sie in die Landschaft. Nach einigen Minuten erschlaffen ihre Körper, hörbares Ausatmen, Lockerungsübungen. “Was machen Sie da?” “Wir trainieren.” (Einer der Männer führt sich als Gruppensprecher auf. Trägt eine Armbinde, mit einem “C” für Captain.) Auf Nachfrage: für die Weltmeisterschaft im Staunen trainierten sie, seien ein eingespieltes Team, erstmals Deutscher Meister geworden dieses Jahr auf Neuschwanstein, damit qualifiziert als Nationalteam gleichermaßen. “Und dann staunen Sie einfach so?” “Das wäre in der Tat zu einfach!” (Die anderen schauen ihm konzentriert bei der Erklärung zu:) “Staunen ist eine erlernbare Technik; ein unvorbelasteter Erwachsener braucht mehrere Jahre, bis er ein solides, brauchbares Grundstaunen hinbekommt, die Fähigkeit zum konzentrierten Dauerstaunen im Alltag.” Der Sport (der Sprecher nannte die Beschäftigung tatsächlich so) sei im Zuge des Deutungswandels aufgekommen, ein postmodernes Fänomen. “Anfangs, als die Bestrebungen in Geistesleben und Politik begannen, uns, salopp gesagt, ein X für ein U vorzumachen, und diese Umwertung tatsächlich von vielen Menschen, häufig aus Angst um den Arbeitsplatz, akzeptiert wurde – da staunten wir nicht schlecht.” (Mit “wir” meint er offenbar seine drei KollegInnen, um die er mit dem Kinn einen angedeuteten Kreis zieht.) “Wir kamen dann auf die Idee, unser Staunen zu verbessern, das Gefühl stärker auszuleben. Wir machten uns kundig und erfuhren, daß es in vielen Orten Gleichgesinnte gab. Wir sind ja aus dem Osten. Das war damals ein kleiner Standortvorteil.” Die ersten Vereine gründeten sich um das Neunzigerjahr, Ligabetrieb mit offiziellen Meisterschaften seit 1991. “Wir machen das nicht groß bekannt, aber bei uns auf dem Land hat längst jedes zweite Kuhdorf ein Team.” Es gibt mehrere Disziplinen. Hauptdisziplin ist, den Weltenlauf zu bestaunen und auf noch bestaunenswertere Weise zu interpretieren. Die Interpretation ist Sache der “Club-Literaten”. Dann gibt es das klassische Landschaftsbestaunen. “Das ist unsere besondere Teamstärke: hochgradig bekannte, millionenfach dokumentierte Landschaften und Sehenswürdigkeiten immer wieder neu zu bestaunen, ihnen sozusagen das letzte Quentchen inspirierender Kraft abzuringen. Der eigentliche Trick ist aber: gerade, wenn der Gedanke aufkommt, daß es nichts von Interesse mehr aus, sagen wir mal, diesem Loreleyblick hier herauszuquetschen gibt, daß dann die persönliche Überwindung einsetzt, um das Weiterstaunen zu ermöglichen, was uns letztlich in Zustände versetzt, die mit Trance, Traum oder auch Drogeninduktion vergleichbar sind, und da wird es dann richtig spannend und das ist, das muß klar gesagt sein, für labile Menschen nicht ungefährlich, und es ist mittlerweile zum Beispiel verbreitet, private Probleme auf das eigene Staunen abzuschieben. Im Verband sind wir derzeit dabei, Hilfestellungen auszuarbeiten und anzubieten.” Eine dritte Disziplin ist die umstrittenste, heiß geliebt von wenigen, vehement abgelehnt von der Mehrheit, gleichsam die Königsdisziplin: das Staunen über sich selbst. “Jedenfalls, die Loreley ist ein idealer Ort für Landschafts-Trainingslager. Da staunen Sie, was!” Verkneife mir das, so gut es geht, um möglichst neutral zu notieren. Ein paar Fragen beantwortet der Captain noch, bevor sie wieder loslegen. Sie trainieren nach der Arbeit, manche auch währenddessen. An Wochenenden bis zu 10 Stunden täglich. Der Ort, an dem die Weltmeisterschaften stattfinden, wird erst einen Tag im Voraus bekanntgegeben, der Überraschungseffekt soll die Leistungen im Staunen beflügeln. Unter sich nutzen sie einen Gruß, an dem sie sich erkennen: “Guck mal da!”

Alpstein: Faltensystem

alpstein(Auszug aus: Das Säntisgebirge. Vortrag von Prof. Dr. Alb. Heim in “Verhandlungen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft”, 1905)

Alpstein: kostspieliges Silberband des Rheines

appenzeller alpstein_2(Auszug aus “Der Appenzellische Alpstein. Streiflichter von J. B. Grütter – im Appenzeller Kalender 1891″ über die menschliche Gespaltenheit zwischen ideellen und materiellen Betrachtungsweisen)