Rheinische Tierwelt (18)

Konkretes über Kleinlebewesen, die als Neozoen in den Rhein eindringen, ist der Tagespresse selten zu entnehmen. Weil wir es genauer wissen wollten, scannten wir das Netz und stießen auf die Dissertationsarbeit “Der Einfluss einwandernder Amphipodenarten auf die Parasitozönose des Europäischen Aals” (Universitätsverlag Karlsruhe, 2006) von Frankie Thielen.

Literarizität
Bei der Lektüre fielen uns zunächst einige quasi-literarische Komponenten der Arbeit ins Auge. Selten beachtet wird die Schönheit vieler spezifischer Namensbezeichnungen von Tieren, die der Laie allenfalls grob zu bestimmen vermag, weswegen viele Bezeichnungen weitgehend im Verborgenen blühen. So bietet beispielsweise die Welt der Falter oder der Wanzen (eine Unterordnung in der Bezeichnungshierarchie “Gliederfüßer – Sechsfüßer – Insekten – Fluginsekten – Schnabelkerfe”, die sich wiederum in sieben Teilordnungen mit mehreren Familien und tausenden von Arten splittet) geradezu poetische Namenseinfälle für einzelne ihrer Vertreter. Auch die wissenschaftliche Prosa mit ihren Fachbegriffen und ihrer Präzision läuft bisweilen zu literarischen Qualitäten auf: “Der Aal ist ein unverwechselbarer katadromer Wanderfisch, der die meiste Zeit seines Lebens im Süßwasser verbringt, sich jedoch nur im Meer fortpflanzen kann. Es handelt sich um einen bodenorientierten Fisch, der sich tagsüber zwischen Wurzeln, Wasserpflanzen, Steinen und ähnlichen Unterschlüpfen versteckt. In der Dämmerung wird der räuberische Aal aktiv und geht auf Nahrungssuche. Die Nahrung setzt sich hauptsächlich aus aquatischen Wirbellosen zusammen. Einige Aale spezialisieren sich zusätzlich auf Fische und Fischlaich und wachsen schneller heran. Im Rheinsystem ist der Aal weit verbreitet und zudem häufig. Trotzdem wird diese Art als stark gefährdet angesehen, da seit mehreren Jahren ein konstanter Rückgang der Glasaalvorkommen an europäischen Küsten beobachtet wird.” (Aus der Dissertation)

Elektrofischerei
Der Aal gilt im Rhein als einer der Hauptwirte für Parasiten. Um ihn zu untersuchen, muß er gefangen werden. Der Aalfang wird heute mit der Elektrofischereimethode betrieben. Thielen: “Mit Hilfe eines Generators wird dabei ein Gleichstrom generiert, welcher über die Anode und Kathode ein elektrisches Feld im Wasser erzeugt. Da Fische einen geringen Hautwiderstand besitzen, können sie elektrische Felder gut wahrnehmen und zeigen spezifische Reaktionen wenn elektrischer Strom fließt. Gelangt ein Fisch in ein elektrisches Gleichspannungsfeld, so greift er mit seiner Körperlänge eine gewisse Spannung ab. Diese Spannung stimuliert den Muskelapparat des Fisches dazu, seinen Körper in Richtung Anode hin auszurichten und auf diese zu zuschwimmen. Da die Anode in Form eines Käschers gebaut ist, kann man so die Fische leicht dem Wasser entnehmen. Diesen Vorgang bezeichnet man als anodische Reaktion oder auch als Galvanotaxis. Es handelt sich dabei nicht um ein gewolltes Verhalten, sondern um einen Reflex.”

Krebstiere
Parasiten werden von Zwischenwirten auf den Aal übertragen. Dabei handelt es sich häufig um Krebstiere (Crustaceen). Thielens Untersuchung weist folgende Crustaceen-Arten im Rhein nach: Asellus aquaticus (Wasserassel), Proasellus coxalis (eine Wasserasselart ohne deutsche Namensbezeichnung), Jaera istri (eine pontokaspische Donauassel), Corophium curvispinum (ein aus Osteuropa stammender Schlickkrebs), Dikerogammarus villosus (Großer Höckerflohkrebs), Dikerogammarus haemobaphes (eine Schwesterart des Großen Höckerflohkrebses ohne deutsche Eigenbezeichnung, und wie D. villosus ursprünglich aus dem Schwarzmeerraum), Echinogammarus berilloni (Igelflohkrebs, ursprünglich in Spanien verbreitet), Echinogammarus ischnus (Stachelflohkrebs), Echinogammarus trichiatus (ein weiterer igelig-stacheliger Flohkrebs aus dem pontokaspischen Raum), Gammarus fossarum (Bachflohkrebs), Gammarus pulex (Gewöhnlicher Flohkrebs), Gammarus roeseli (Flußflohkrebs), Gammarus tigrinus (eine nordamerikanische Flohkrebsart), Orchestia cavimana (ein Strandflohkrebs aus der Mittelmeergegend). Hinzu kommen zwei Arten, die in der Alb gefunden wurden: Mysis relicta (Relikt- oder Spaltfußkrebschen, eine Schwebegarnelenart) und Atyaephyra desmaresti (Europäische Süßwassergarnele). Somit ergibt sich eine hübsche Sammlung präzise spezifizierter Rheinbewohner, die außerhalb von Fachpublikationen kaum Erwähnung finden.

Niederes Gewürm
Noch geringer dürfte die allgemeine Aufmerksamkeit für die Parasiten selber ausfallen, von den Thielen folgende Arten listet, die er an befallenen Rheinaalen feststellen konnte: Trypanosoma granulosum (ein Geißeltierchen), Ichthyophtirius multifiliis (ein Wimperntierchen), Myxobolus kotlani (vermutlich, die Wissenschaft ist sich da nicht ganz einig, ein Nesseltierchen), ein nicht näher spezifizierbare, zur Argulus- und zur Ergasilus-Familie gehörende Krebstierchen und weitere Parasitenarten mit folgenden Bezeichnungen: Myxidium giardi, Pseudodactylogyrus anguillae, Pseudodactylogyrus bini, Diplostomum, Anguillicola crassus (Schwimmblasenwurm), Daniconema anguillae (ein Fadenwurm), Acanthocephalus anguillae, Acanthocephalus lucii, Echinorhynchus truttae, Paratenuisentis ambiguus, Pomphorhynchus laevis (letztere fünf allesamt Kratzwürmer, zu denen sich noch eine weitere, nicht näher zu spezifizierende Acanthocephale gesellte), Camallanus lacustris, Paraquimperia tenerrima, Pseudocapillaria tomentosa, Raphidascaris acus, Spinitectus inermis (Fadenwürmer), Bothriocephalus claviceps und Proteocephalus macrocephalus (Bandwürmer).


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2 Kommentare zu “Rheinische Tierwelt (18)”

  1. Anmerkungsgenerator
    22. November 2014 um 11:23

    “Limnomysis benedeni war die erste Schwebegarnele, die 1973 für Österreich in der Donauniederung zwischen Wien und Hainburg entdeckt wurde. Von hier aus hat sie sich flussaufwärts über den Main-Donau-Kanal bis in die Niederlande und nach Frankreich verbreitet. Erstmals wurde sie im Sommer 2006 im Bodensee festgestellt. Im Jahr 2007 kam die Art im gesamten Obersee vor und bildete Schwärme von mehreren Millionen Tieren. Die Schwebegarnele zählt damit zu den sich am schnellsten ausbreitenden Neozoen im Bodensee.” (Wikipedia)

  2. Anmerkungsgenerator
    22. November 2014 um 13:49

    “Der aus dem Schwarzmeergebiet stammende parasitisch lebende Fischegel Caspiobdella fadejewi wurde im Oktober 2010 erstmals im Bodensee nachgewiesen. Es gelang ein Einzelfund eines adulten Egels bei Öhningen-Stiegen. Obwohl Caspiobdella aus dem Hochrhein bei Hemishofen seit dem Jahre 2000 bekannt war, gelang der erste Nachweis im Seebereich erst 10 Jahre später.” (neozoen-bodensee.de)

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