Bacharach: petites misères

Bei Bacharach wurde für mich die Flagge aufgehisst mit R.D.S. bezeichnet; Buchstaben, die Rheinisches Dampfschiff bedeuten, vom Schiffsjungen aber witzig genug in “Rette Dich selbst” ausgelegt wurden – und alsbald erschien der Nachen, welcher mich hier ans Land führen sollte. Der in Regen ausgeartete Nebel fiel jetzt gerade in dichten Strömen, und so befand ich mich denn bald in meinem kleinen Fahrzeuge in der trostlosen Lage, mich ohne irgend eine Hilfe bis auf die Haut durchnässt zu sehen. Wenn dergleichen petites misères gar zu toll kommen, so erregen sie bei mir immer Humor, und so kam ich auch an jenem Tage ganz nass und daher ganz heiter in der alten berüchtigten Stadt an, in der ich in meinem wirklich merkwürdigen Aufzuge noch die Lachmuskeln einiger in ihren Haustüren stehender Bacharacher reizte.

Das beste Gasthaus liegt in einer engen übelriechenden Straße und liefert ein Essen, dem man mit einem Seufzer zuruft: Gott gebe, dass ich das verdaue. Das Rindfleisch und die ängstlich darum liegenden Bohnen waren ganz geeignet, meinen Humor in einen Alp zu verwandeln, dem der Krätzer, der mir dazu gereicht wurde, wahrhaftig nicht hindernd in den Weg trat. Der fortdauernde Regen ließ mich nicht einmal durch Bewegung eine Erleichterung finden, und so ergab ich mich als frommer Christ in mein Schicksal und lege dem freundlichen Leser vor, was ich aus meinem Fenster sah, und wonach er mir eine Träne der Rührung gewiss nicht versagen wird.

Am Nachmittag störte mich plötzlich aus meinen Träumereien ein furchtbarer Kinderlärm; Kinder können in diesem Punkt etwas leisten, wie Du, glücklicher Familienvater, aus Erfahrung weist; was aber die Kinder von Bacharach anbetrifft, so glaube ich nicht, dass andere Rangen mit diesen leicht konkurrieren können. Der Lärm näherte sich mehr und mehr, und ich hörte sogar eine Art von Melodie heraus, in der ich auch endlich die Wörter “Weck und Speck” zu verstehen glaubte. Ich lief nach dem Hofe und erblickte nun einen Haufen menschlicher Sprösslinge beiderlei Geschlechts von 4 bis 8 Jahren, denen ein Junge eine Art Erntekranz vortrug, während die anderen folgenden auf alten Säbeln drei bis vier Wecken – Semmeln – und oben ein Stück Speck bis ans Heft gespießt hatten, und die Mädchen dieselben Nahrungsmittel, nur noch durch Eier und Butter vermehrt, in Schalen und Körben nachschleppten. Alles stellte sich dann im Halbkreise um den Aufseher der Bande herum, und vollführte den oben erwähnten Höllenlärm, bis endlich von dem Wirt meines Hotels – passez-moi l’expression – der Zauberstab erhoben wurde und der Schwarm zerstob und Luft ward. Ganz aber waren doch wohl diese Ohrenpeiniger noch nicht vertilgt; denn ich hörte bald darauf aus einer andern Gegend denselben Chor, dieselbe Weise herüberschallen.

Es rührt diese Komödie von einem alten Gebrauch her, dessen Ursprung sich, wie der Dichter sagt, “in der Nacht der Zeiten verliert”. Die Stadt hat nämlich vier Brunnen; wenn nun einer derselben gereinigt wird, so versammeln sich die Kinder des Stadtviertels, worin derselbe liegt, reich und arm, keines darf sich ausschließen, und tragen Brunnenkranz auf jeden Hof, wo sie dann die oben erwähnten Esswaren und auch Geld erhalten. Alles dies wird beim Brunnenmeister abgeliefert, der ihnen am nächsten Tage davon einen kleinen Schmaus gibt, und ihnen dicken Brei und gelbe Schnittchen macht, an denen sich das kleine Volk gütlich tut.

Wie reich und originell Bacharach in seiner Bauart ist, zeigt vorliegende Straßenansicht und seine Kirche. Das Volk ist gemütlich, kleinstädtisch, und ich verbrachte die Abende ganz gut mit der Nobilitas des Ortes, mit dem Bürgermeister, Baumeister und Gott weiß was für Meistern sonst noch, und zwei Militärpersonen, deren Existenz bei uns in Berlin fast ins Reich der Mythe gehört: zwei Gendarmen.

(Ludwig Loeffler: Skizzenbuch in Worten und Bildern. Aus Westfalen, dem Rheinlande, der Schweiz, Baiern und Sachsen. Leipzig 1852; zitiert nach dem Goethezeitportal)


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