Wernerkapelle

Endlich musste ich mich gegen das alte Bacharach selbst wenden. Der Ort hat das Gepräge hohen Altertums – sein Name schon Ara Bachi deutet auf römischen Ursprung – dann aber die Menge verfallener Türme an den Stadtmauern – das höchst besondre wunderliche Bauwesen der Häuser mit ihren braunen Gebälk, ihren vorgebauten Stockwerken, überall von Wein umrankt, die alten Kirchen, wie das alles so in die enge nach dem Rhein geöffnete Talschlucht hineingelagert ist, es gibt einen höchst eigentümlichen Anblick.

Längst nun war ich durch früher betrachtete Abbildungen gespannt, die merkwürdigen Ruinen der Wernerikirche zu sehen, und ich ließ es deshalb meinen ersten Gang sein, um noch bevor der Abend tiefer herabsänke mich an diesen alten Baulichkeiten zu weiden.

Aus enger Straße durch ein altes Kirchhofpförtlein manche Stufen hinauf, kam ich erst auf den kleinen Kirchhof der mit vielem Anbau alter Kapellen umgebenen und mit einem alten durch byzantinische Bogenstellung verzierten Turm geschmückten Stadtkirche, und vor mit lagen auf naher mittler Anhöhe, am Fuße eines viel höhern wieder mit Burgruinen gekrönten Felsens die öden Mauern der Wernerikirche, durch deren leere, nur noch mit den zierlichsten steinernen Rosetten versehenen Fenster die Luft zog, während die Wolken von oben frei auf den grasbewachsenen Boden der ehemaligen Kirche hereinsahen. Schnell stieg ich die Stufenreihe bis dahin noch hinan, durchging die Räume der nicht großen, aber den besten Stil des 14. Jahrhunderts verratenden, und aus einem festen roten Wasgauer Sandstein gebauten Kirche und suchte mir dann einen Standpunkt aus, von welchem ich zeichnend eine bleibende Erinnerung an diese außerordentliche Umgebung mitzunehmen vermöchte.

Wie ich nun da oben stand, die im reinsten Verhältnis geschwungenen hohen gotischen Bögen mit den reichen Fensterverzierungen sich in den Abendhimmel erhoben, die glatten Strebpfeiler und zierlichen Spitzsäulen in den eigentümlichen, gesättigten braunroten Ton ihres Gesteins, und noch so scharf, als wären sie erst eben aus der Hand des Steinmetzen gekommen, das späte Tageslicht wiederschienen, dahinter aber das gelbliche Mauerwerk des Stadtkirchenturms mit seinen rundbogigen Fenstern und hoher schiefergedeckten Turmspitze aufragte, als ich weiterhin über der tiefer unten liegenden Stadt mit ihren alten Wehrtürmen, und durch die Fensterbögen der Ruine den von hohen Bergesabhängen eingeschlossenen Rhein erblickte, und als nun das sonore, den morgenden Sonntag ankündende Abendläuten näher und ferner erklang, da ergriff mich ein Gefühl tiefer nachhaltiger Rührung; ich gedachte an Dante:

“Era già l’ora che volge’l disio
A’ naviganti, e’ntenerisce’l cuore
Lo di c’án detto a’ dolci amici: a Dio;
E che lo nuovo peregrin, d’amore
Punge, se ode squilla di lontano,
Che paia’l giorno pianger, che si muore”

Gewiss ich gestehe ein so sonderbares, so neues und doch so heimatliches Gefühl nie gehabt zu haben! Es war mir als habe ich nun erst ein Vaterland, mein Vaterland gefunden!

Hier ist ja dasselbe, was uns in Italien so mächtig ergreift: eine großartige Natur, ein weltgeschichtlicher Boden, und bedeutende Monumente, in deren Fortbildung wie in deren Zerstörung mannigfaltige vorübergegangene Perioden einer großen Zeit ihre tiefsinnigen Lettern gegraben haben!

Ja mir ist es mehr als Italien, denn es ist mein Land, es ist Deutschland, und nimmer werden römische Bauwerke so zu unserm Geiste sprechen, als der unserm Volke ganz eigene, in ihm geborene, mysteriöse reine Stil, wie er in diesen Bögen noch atmet, und in der kleinsten Fensterrose sich spiegelt!

Und tönt nicht selbst in dem sonoren Klange dieser Abendglocken das reine Silber wieder, welches in jenen Jahrhunderten das gläubige Volk zu Glockenspeise herzubrachte, wenn eine neue Glocke gegossen werden sollte? ja ist nicht am Ende gerade die Pietät, wann und wo wir sie gewahr werden, das was uns am Menschen das Herrlichste bleibt, und ist sie es nicht deren Nachgefühl hier noch heute beiträgt, dem aus vergangenen Zeiten stammenden Glockenklange eine geheime Anziehung zu unserm Geiste zu verleihen!

Als ich meine Zeichnung vollendet, und tiefe Abenddämmerung eingetreten war, stieg ich hinab zur Stadt, und wanderte noch durch eins der verfallenen Epheu- und Wein-umrankten Tore zum Rhein. Da lagen nun die großen Rheinschiffe, der Fluss wallte so ruhig an die flachen Ufer, so dunkel und hoch streckten hüben und drüben die Bergrücken sich längs des Stroms, ruhend von der Arbeit und in ihren Gesprächen vertieft saßen oder standen die Leute des Orts vor ihren gebrechlichen Häusern, über welchen überall die Trümmer aus vergangenen Jahrhunderten aufragten, kurz alles alles stimmte zu einem einzigen großen Moll-Akkord zusammen, und erregte mir die seltsamsten Gedankenzüge.

Noch musste ich es als den Schlussstein dieses mir für mein Leben merkwürdigen Tages und Abends betrachten, als ich, eingetreten in meine Wohnung, gerade gegenüber dem Fenster der Treppe zu meinem Zimmer, noch einmal die hohen Fensterbögen der Wernerikirche auf dem Grunde des Sternenhimmels in ihrer völligen Reinheit und Zierlichkeit erblickte.

Ich werde Euch nicht vergessen!

(aus: Carl Gustav Carus: Paris und die Rheingegenden. Tagebuch einer Reise im Jahre 1835, Leipzig 1836; zitiert nach dem Goethezeitportal, das eine schöne Text- und Bildzusammenstellung zu Bacharach im 19. Jahrhundert als “Ort kultureller Erinnerung” aufweist.)


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