Monatsarchiv für November 2014

 
 

Presserückschau (November 2014)

1
Gefährliches Angeln: Beim Nachtangeln im Rhein verschwunden ist Anfang des Monats ein Mann in Bonn wie der General-Anzeiger berichtet: “Auf den glitschigen Steinen einer Buhne ist ein 37-jähriger Angler in der Nacht gegen 2 Uhr ausgerutscht und in den Rhein gefallen. Sein Begleiter hatte noch versucht, den Mann aus dem Wasser zu ziehen – ohne Erfolg. Der Nichtschwimmer trieb im Rhein ab. Trotz der Suche mit Booten, am Ufer und mit einer Wärmebildkamera konnte der Mann bisher nicht gefunden werden.”

2
Karneval und Internet: Der Auslandssender Deutsche Welle berichtet vom Hauptereignis des Novembers an der rheinischen Heimatfront: “Jedes Jahr wird am 11.11. um 11 Uhr 11 der Karneval eingeläutet, der im Februar beim Straßenkarneval seinen Höhepunkt hat. Den größten Andrang hat die Party im karnevalsverrückten Köln. Bei milden Temperaturen haben sich auf dem Heumarkt in der Kölner Altstadt gut 70.000 Jecke eingefunden (…). Das Motto in diesem Jahr lautet “social jeck – kunterbunt vernetzt” und zeigt, dass Internet und soziale Medien nun auch im traditionellen Kölner Karneval angekommen sind. (…) Auch Düsseldorf startet mit einem großen Fest in die Session: Auf dem Marktplatz feiert das närrische Volk das Erwachen des Erzschelms “Hoppeditz”. Der klettert aus einem Fass und hält den Düsseldorfern eine bitterböse Eröffnungsrede. (…) In Mainz hat der traditionelle “Mainzer Carneval-Verein” (MCV) das närrische Grundgesetz verkündet. Tausende Karnevalisten konnten den Sternenmarsch der Garden verfolgen, sowie das Auftauchen der “Schwellköpp”, die Figuren mit den riesigen Köpfen, die zum Wahrzeichen des Mainzer Karnevals geworden sind.”

3
Süßer Rhein: Der SWR meldet die Essenz der Forschungsergebnisse von Andreas Fath, der im verstrichenen Sommer als einer von zwei Rheindurchschwimmern für Schlagzeilen gesorgt hatte. Auf seinem 28-tägigen Schwimmtrip hatte der Chemieprofessor, begleitet von einem Tross Studenten, Wasserproben aus dem Rhein entnommen: “Neben vielen mikroskopisch kleinen Kunststoffen fand er Arzneimittel und vor allem – das überraschte ihn selbst – Süßstoffe. (…) Tagtäglich nahmen die Forscher Wasserproben und untersuchten den Rhein auf insgesamt 600 unterschiedliche Stoffe. Ergebnis: Auch Kupfer, Blei, Titan oder Chrom schwimmen im Rhein herum, allerdings wurden stets sogar die Trinkwassergrenzwerte unterschritten.”

4
Fischgleichnis und Apokalypse: Von der Wiedereröffnung der Schatzkammer der Stadtbibliothek Trier berichtet der Volksfreund: “Entstanden ist quasi ein neues kleines Museum, das die alte Schatzkammer im Nachhinein wie ein unwirtliches Kabuff erscheinen lässt: (…) Mit dabei Exponate, deren Namensnennung alleine schon reicht, um die Fachwelt in Entzücken zu versetzen: Handschriften wie die Trierer Apokalypse, das 1200 Jahre alte Evangeliar aus der Trierer Abtei St. Maria ad Martyres (das erstaunliche Parallelen zum Dubliner Book of Kells aufweist), das Mainzer Catholicon, der weltweit einmalige Fischkalender aus der Zeit um 1493, Originalhandschriften von Nikolaus Cusanus, Friedrich Spee, Johann Wolfgang von Goethe und Karl Marx.”

5
Die Schweiz beendet den Kalten Krieg am Rhein: “Switzerland has disarmed the last bridge over the Rhine river on its border with Germany, removing the last defensive traps built to stop an invasion by Communist armies during the Cold War (…). The Swiss army had since the 70s planted explosives under all large bridges over the Rhine that connect it with Germany in case its neighbour fell to armies of the Warsaw pact (…). The last bridge was disarmed on October 16. It was a historical wooden structure connecting the Swiss town of Stein with Bad Saeckingen in Germany. As late as 2005, the army hid TNT in a new motorway bridge connecting the neighbouring countries without knowledge of German authorities (…).” (Europe Online)

6
Tierische Invasion: “In Flüssen wie zum Beispiel dem Rhein leben eine Menge Tierarten, die da eigentlich gar nicht hingehören. Zum Beispiel bestimmte Fische, Muscheln, Schnecken oder Krebse. Sie alle kamen dort bis vor einigen Jahren noch überhaupt nicht vor. Die Tiere stammen aus anderen, oft fernen Ländern. Fast jeden Tag landen neue, fremde Tierarten im Wasser des Rheins”, schreibt die Thüringer Allgemeine und eröffnet damit ein Szenario von Pi mal Daumen 300 neuen Arten pro Jahr, von denen der Artikel halbwegs konkret allerdings nur die länger schon bekannten Grundeln aus dem ponto-kaspischen Raum nennt. Zahlreiche Arten, die häufig in Wassertanks von Schiffen eingeführt würden, überlebten die neue Umgebung nicht, heißt es weiter. Andere Arten brächten Krankheiten, die sich verheerend auf die heimische Fauna auswirkten.

7
Wildschweine vs Intercity: “Ein Intercity der Deutschen Bahn ist (…) bei Budenheim am Rhein mit einer Rotte von Wildschweinen zusammengestoßen. Dabei wurde der Zug so stark beschädigt, dass er nicht mehr weiterfahren konnte (…). Die rund 100 Passagiere mussten ihre Reise mit Taxen und einem Ersatzzug fortsetzen. Durch den Zwischenfall (…) kam es auf der Strecke von Koblenz nach Mainz zu massiven Behinderungen im Bahnverkehr. Verletzt wurde niemand”, meldet die Welt und dürfte dabei geflissentlich den ein oder anderen Verwundeten auf Seiten der Wildschweine übersehen haben.

8
Verwaltung vs Deiche: Langsame Verwaltungsarbeit behindert den Deichbau am Niederrhein, berichtet Der Westen: “2014 sollte alles fertig sein, eigentlich – alle Deiche zwischen Düsseldorf und Emmerich stabil, sicher und auf dem technisch neuesten Stand. Die Sanierung der Hochwasserschutzanlagen am Rhein hinkt jedoch mächtig hinterher. 85 Kilometer Deichlinie müssen noch hergerichtet werden, weitere 33 sind noch nicht einmal untersucht. (…) Bei einer Konferenz (…) in Rees hatten Vertreter von Deichverbänden ihrem Ärger Luft gemacht. „Wenn bei uns der Deich bricht, liegt das daran, dass hier 20 Jahre geschlampt und geschlafen wurde“, meinte etwa der Emmericher Deichgräf Herbert Scheers. Allein am Rhein in Nordrhein-Westfalen werden ca. 1,4 Millionen Menschen sowie Sachwerte in Höhe von 125 Milliarden Euro durch Hochwasserschutzanlagen geschützt.”

Asciburgium

In das Umfeld der gallotrojanischen Legendenbildung am Niederrhein gehört auch der Mythos der bei Tacitus erwähnten Gründung des Ortes Asciburgium (Moers-Asberg) durch Odysseus, den es auf seinen Irrfahrten an den Rhein verschlagen haben soll.

„Ceterum et Ulixen quidam opinantur longo illo et fabuloso errore in hunc Oceanum delatum adisse Germaniae terras, Asciburgiumque, quod in ripa Rheni situm hodieque incolitur, ab illo constitutum nominatumque; aram quin etiam Ulixi consecratam, adiecto Laertae patris nomine, eodem loco olim repertam, monumentaque et tumulos quosdam Graecis litteris inscriptos in confinio Germaniae Raetiaeque adhuc extare.“

„Übrigens meinen einige, dass auch Odysseus, auf seiner langen und sagenhaften Irrfahrt in jenen Ozean verschlagen, die Küsten Germaniens betreten habe und dass das am Ufer des Rheins gelegene Asciburgium, das noch heute bewohnt wird, von ihm begründet und benannt sei; ja, es sei sogar ein Altar, der von Odysseus unter Beifügung seines väterlichen Namens Laertes sei, an eben jener Stelle einst gefunden worden.“

(Wikipedia)

Altstadtfrühling

Vorm urigen Brauhaus
eine afrikanische Tanzgruppe
zu Trommelklängen
per Schmacht-phone auf Video
aufgenommen sowie
russischsprachig kommentiert.

Vis a Vis ein Mann
der sich wider die Schwerkraft
nur auf einen Stock gestützt
in der Luft zu halten scheint
oder gar hält,
während ein ganz anderer
mit Glitzerstieraugen vorbeihechtet
mit irgendwie eckigen Bewegungen
gedankensprünglich: wie auf Chrystal Meth-Entzug.

Bibeln und Korane werden kostenlos verteilt
jeweils von freundlich wirkenden Menschen
- angebotshalber, ohne Aktivaufdrängung -
gedankensprünglich: demnächst wird die
Kirchensteuer automatisch abgebucht,
falls Zinserträge vorhanden.
Ein Umstand, der die “Guten Tag” sagenden
Menschen mit dezent entgegengestreckten leeren
Kaffeepappbechern mutmaßlich eher nicht
betrifft, in Begleitung gepflegter Hunde.
Auch die Seniorin nicht, mit ordentlich
aufgesteckter Frisur, die aus einem Mülleimer
eingangs der Bolker Str. eine Bierflasche
zieht, aus Glas. Pfand: 8 cent.

(Ein Gastgedicht über die Düsseldorfer Altstadt von GrIngo Lahr; rheinsein dankt!)

The Fall of the Aar – Handec

FROM the fierce aspect of this River throwing
His giant body o’er the steep rock’s brink,
Back in astonishment and fear we shrink:
But, gradually a calmer look bestowing,
Flowers we espy beside the torrent growing;
Flowers that peep forth from many a cleft and chink,
And, from the whirlwind of his anger, drink
Hues ever fresh, in rocky fortress blowing:
They suck, from breath that threatening to destroy,
Is more benignant than the dewy eve,
Beauty, and life, and motions as of joy:
Nor doubt but HE to whom yon Pine-trees nod
Their heads in sign of worship, Nature’s God,
These humbler adorations will receive.

(William Wordsworth, Memorials of a tour on the continent, 1820)

Indolente Weinbauern und ein privilegierter Bettler

In Bacharach und Kaub, wo wir ausstiegen und auf einer bedeckten Galerie längs der ganzen Stadtmauer hin an einer Reihe ärmlicher, verfallener Wohnungen fortwanderten, vermehrten die Untätigkeit und die Armut der Einwohner das Widrige jenes Eindrucks. Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern ließ, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher, oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stimmung ist, empörender, dass zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schiff trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte: das Straßenbetteln sei zu Gunsten der Reisenden von Obrigkeitswegen verboten. Seltsam, dass dieser privilegierte Bettler hier die Vorüberschiffenden, die nicht einmal aussteigen wollen, belästigen darf, damit sie nicht auf den möglichen Fall des Aussteigens beunruhigt werden!

In diesem engeren, öderen Theile des Rheintals herrscht ein auffallender Mangel an Industrie. Der Boden ist den Einwohnern allerdings nicht günstig, da er sie auf den Anbau eines einzigen, noch dazu so ungewissen Produktes, wie der Wein, einschränkt. Aber auch in ergiebigeren Gegenden bleibt der Weinbauer ein ärgerliches Beispiel von Indolenz und daraus entspringender Verderbtheit des moralischen Charakters. Der Weinbau beschäftigt ihn nur wenige Tage im Jahr auf eine anstrengende Art; bei dem Jäten, dem Beschneiden der Reben usw. gewöhnt er sich an den Müßiggang, und innerhalb seiner Wände treibt er selten ein Gewerbe, welches ihm ein sicheres Brot gewähren könnte. Sechs Jahre behilft er sich kümmerlich, oder antizipiert den Kaufpreis der endlich zu hoffenden glücklichen Weinlese, die gewöhnlich doch alle sieben oder acht Jahre einmal zu geraten pflegt; und ist nun der Wein endlich trinkbar und in Menge vorhanden, so schwelgt er eine Zeitlang von dem Gewinne, der ihm nach Abzug der erhaltenen Vorschüsse übrig bleibt, und ist im folgenden Jahr ein Bettler, wie vorher.

Ich weiß, es gibt einen Gesichtspunkt, in welchem man diese Lebensart verhältnismäßig glücklich nennen kann. Wenn gleich der Weinbauer nichts erübrigt, so lebt er doch sorglos, in Hoffnung auf das gute Jahr, welches ihm immer wieder aufhilft. Allein, wenn man so räsoniert, bringt man die Herabwürdigung der Sittlichkeit dieses Bauers nicht in Rechnung, die eine unausbleibliche Folge seiner unsicheren Subsistenz ist. Der Landeigentümer zieht freilich einen in die Augen fallenden Gewinn vom Weinbau; denn weil er nicht aus Mangel gezwungen ist, seine Weine frisch von der Kelter zu veräußern, so hat er den Vorteil, dass sich auch das Erzeugnis der schlechtesten Jahre auf dem Fasse in die Länge veredelt, und ihm seinen ansehnlichen Gewinn herausbringen hilft. Man rechnet, dass die guten Weinländer sich, ein Jahr ins andre gerechnet, zu sieben bis acht Prozent verinteressieren, des Misswachses unbeschadet. Es wäre nun noch die Frage übrig, ob dieser Gewinn der Gutsbesitzer den Staat für die hingeopferte Moralität seiner Glieder hinlänglich entschädigen kann?

(Georg Forster. Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790, zitiert nach dem Goethezeitportal)

Collection des grands humoristes

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Leuchttürme des Rheins: Skyppy, der Furtwächter zu Waldshut

Aus dem Bodensee, Richtung Nordsee, vorbei am Rheinfall zu Schaffhausen, bald die arge Furt zu Waldshut.
Wohl tuet dem Schiffer, so er rechtzeitig gewarnt, vor den Untiefen der Furt.
Warnen tut das Leuchtfeuer des anmutigen Leuchtturmes „Skyppy“, Hüter der Furt.
„Skyppy“, weil auf dem Halbinselchen vor dem Bauwerke sich der Künstler Kippenberger dermaleinst selbst in eine gewaltige Wanne mit Alabaster-Gips gestürzet und solange er noch der Regung mächtig war, aus sich selber eine Staue geformet: Skyppy, das Buschkänguru.
So steht er nun im Angesicht der Furt für alle Zeit, des Nachts geisterhaft angestrahlt vom Leuchtwerke des Leuchtturmes. Der alte, eigentliche Name ist längst vergessen, der Volksmund, den Schönen Künsten nicht sehr aufgeschlossen, verfolgte mit Hohn und Spott die Handlungen des Künstlers, so der Martin Kippenberger eingegipset ward und langsam am Erstarren, in seiner Gestalt als Skyppy, das Buschkänguru, so wollt niemand Hilfestellung leisten, so man der Meinung ward, ein Künstler weniger, oh, wie das spart Steuergelder und man müsse sich nun nicht mehr streiten mit dem Maestro um kühlen Trunk, suchte dieser doch gerne die Spelunken, Ausschänke und Volksbelustigungen auf und genehmigte sich dort manchen Schoppen auf ander Leuts Kosten -
so schnell ward denn der Name des Leuchtturmes vergessen, auch wenn er noch stehen soll auf einem Pergament aus unvordenklicher Zeit, was schlummern soll, vergessen, in irgeneinem Winkel des Schultheiss-Amts zu Waldshut, mag so sein, oder auch nicht.
Weiß gischtet das Schnellwasser in der Furt und der Schiffer und Fahrensmann ist wohlberaten, dem Fingerzeig des Leucht-Gebäudes zu folgen, sagen doch manche, das Licht wäre ein Fingerzeig des Wahren Seins-Gottes geheiligt und gepriesen sein Name.

(Ein Gastbeitrag von Bdolf. rheinsein dankt!)