Tim Bergkamp steigt in den Regionalzug und fährt an den Mittelrhein

Morgens am Bahnhof zu stehen hat etwas Verschobenes, besonders dann, wenn er noch sein Abendgewand trägt. Es streifen noch ein paar Nachtschwärmer umher und kleben an den Kaffeeständen wie die Mücken an einem Limonadenfleck oder wanken mit den Armen wild fuchtelnd umher. Seltsame Beleuchtung. Bergkamp steht an einem Kaffeeautomaten und zieht sich einen. Er hat herausgefunden, dass der Kaffee, der hier sonst gereicht wird, durch alle Raster fällt. Der Schluck beweist, dass es keinen Grund gibt in lauten Jubel zu verfallen. Es gilt: etwas Warmes braucht der Mensch. Vorsichtig geht er die Treppe zum Gleis hoch, denn die Rolltreppe ist defekt und versperrt durch eine schlafende Person. Oben empfängt ihn der Bahnsteig mit einer geradzu abweisenden Funktionalität. MAN SOLL HIER KEINE WURZELN SCHLAGEN. Ein paar Tauben laufen aufgeregt umher. Ein Mann durchwühlt die Mülleimer nach Pfandflaschen. Jemand bettelt. Der Zug hat Verspätung. Dann kommt er. Jemand klatscht Beifall.

Der Regionalzug ist überfüllt, die meisten stört das, aber Tim Bergkamp mag es. Vielleicht entspringt es aus dem Mangel der gewohnten körperlichen Nähe. Er steht beim Eingang ordentlich eingequetscht zwischen den anderen Reisenden. Oder nennt man das Ausgang? Zugtüre ist besser, weil neutraler.

Sie schnauben wie scheue Tiere. Das Zugfahren widerstrebt der menschlichen Natur. Es gibt dort sogar noch zwei Klassen. Das Zugfahren ist eine Offenbarung der eigenen Armut. Die Angst kein Auto fahren zu können, es sich nicht zu leisten; die Angst nicht fliegen zu können (klassische und angewandte Flugangst), es sich nicht zu leisten. Tim Bergkamp ist sich dieser Dialektik bewusst.

Es gibt eine leise Vibration, man spürt die Kraft übertragen durch die Füße und die Hand, die eine in Folie eingeschweißte Stange umfasst. Zugfahren ist pervers. Nicht auszumalen, wenn die Schuhsohlen die brackige Nässe der Städte auf den Zugboden stempeln.

Es gibt etwas sehr Gutes. Liegewagen. Was würde er geben, wenn er sich in die Horizontale begeben könnte? Er giert danach. Liegewagen. Sich lang machen, ausstrecken, die Schuhe von den Füßen streifen, sich betten, das Kissen zupfen, nein, es darf kein Kissen geben, die Jacke ballen, Jauchzen.

Liegen heißt siegen. Im Großraumabteil wird ein Platz frei. Bergkamp nimmt den Platz ein. Die Fahrgäste sind wie eingefroren. Im Zugfahren gibt es die Angst vor den Dauerquatschern, die sich Gehör verschaffen. Deshalb verhält man sich möglichst unauffällig. Er macht es sich bequem und linst ab und an durchs Fenster, die Fahrt geht vorbei an einem brennenden Chemiewerk. Orange lodern die Flammen. So richtig scheint es niemand zu stören. Na und? Da brennt es eben. Schließlich sitzt man im Zug. Es ist noch immer gut gegangen.

So langsam wird die Umgebung romantischer, keine Industrie, aber dafür gibt es Burgruinen, Rebstöcke, Kirchen und organisch gewachsene Häuser. Gerade der letzte Eindruck begeistert ihn.

In Wurstwesel steigt er mit ein paar anderen Wandersleuten aus dem Fuhrwerk. Die Reste von einem Stadttor fest im Blick. Umsäumt wird der Weg von ein paar Holzbuden, leere Weinflaschen stehen auf schulterhohen Tischen und zeugen von gestrigen Weinfreuden, die bestimmt bis in die frühen Morgenstunden gingen, bis eben erst, bis das Licht zu grell wurde und sich die fröhlichsten und frechsten Zecher in einen Weinkeller zurück gezogen haben. Um dort im Kerzenschein, in aller gebotenen Ruhe noch einen Schoppen zu zelebrieren.

Vor ihm verkündet ein Schild den alpinen Kletterweg. Tim lässt sich nicht lumpen. Er trabt brav die Steigung nach oben und blickt auf eine Jungfrau. So nennt man die Felsen, die bei Niedrigwasser aus dem Rhein ragen. Diese Landschaft ist, das hatte er bei der letzten Tour festgestellt, üppig und lüstern. Es reichen Felsen, ein Strom und der Wein aus, es fehlt noch der Mensch und schon ist die Mixtur fertig angerührt. Noch verzichtet er auf die Weinschorle. Er wird einen Blick nehmen auf den Felsen, auf dem er im letzten Jahr stand und nach unten blickte.

Krass felsa blicka. Er muss dabei ein wenig über sich selbst schmunzeln. Einsamkeit ist ein Taschenrechner auf einem frisch gewischten Tisch. Besser wäre es, wenn er einen Wein hätte. Bewusst oder nicht, er betrachtet eindringlich die Trauben, die wie große grüne Tränen von den Weinparzellen auf die Gärung warten. Er lässt Wasser hinter einem Busch. Der Weg zeigt langsam sein wahres Gesicht. Es geht fast senkrecht nach oben. Nicht wirklich spektakulär, aber immer noch so sensationell, dass man damit prahlen kann. Mit der Digicam ein Foto aufnehmen, als ewigen Beweis, dass man die Rheiner Nordwand bezwang. Die Welt will nicht betrogen werden, die Welt schreit danach. Selbst eine in den Fels eingelassene Leiter findet sich hier vor Ort. Ein wenig Missmutig steigt er sie hinauf und ganz in der Nähe befindet sich ein Tisch, an dem drei Männer zechen. Unbeschreiblich präzise schimmert die Sonne durch eine Weinflasche und lässt dahinter eine neue, kleine Sonne entstehen. Die drei Personen bewegen sich in Zeitlupe, die Schoppen und die zweifache Sonne lassen eine solche Ruhe zu.

Tim gibt sich alle Mühe, denn er möchte nicht gehetzt wirken. Er weiß nicht, ob ihm das gelingt. Die Strecke geht ihm auf den Zeiger. Ochsentour, Nackenschweiß, schon wieder geht es eine Leiter hinauf. Dieser Weg ist anstrengend, überhaupt: war nicht die Rede von einer leichten Tour. Und mittlerweile ist er schweißgebadet, muss trocken gehen, weil er es verpasst hat, sich eine Flasche, von der Reblaus gemolken, zu besorgen. Anhalten, Wasser trinken, hinterm Busch Wasser lassen. Gut, allzu viel ist hier nicht los, selten begegnen ihm abgehetzte andere Wandersleut, denen die Sorge ins Gesicht geschrieben steht. Die sich an Drähten fest klammern, um nicht in die Fluten zu fallen. Und sind es nicht… Oh weia, die Kilometerzahl ist noch im Zehnerbereich. Jetze ja nicht umknicken! Drohend hebt er den Zeigefinger in die Höhe. Wurde nicht unweit von hier die Bergwacht gerufen? Rettete sie nicht zwei verunglückte Bergwanderer vor dem sicheren Untergang? Friedlich sind die Ortschaften. Dort brutzeln goldene Schnitzel in Gusspfannen, Spundkäse leicht wie Federn, formvollendete Brezeln, vom Wein ganz zu schweigen. Und hier die reine Gefahr. Das Happy End wird hier veranschlagt. Der Pakt mit sich selbst geschlossen. Er, Tim, wird sich in der nächsten Ortschaft Sankt Core den Strahl geben, aus nie versiegenden Fässern. Dort steht der berühmte Spruch in Stein gemeißelt:

Wanderer, kommst du nach Sankt Core, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

(Der Stift will es so! ist ein Blog ansonsten nicht näher bezeichneter Autorschaft, das sich aus der Straßenperspektive mit Landschaften, Gegenwart und Mythen der Rheinlande auseinandersetzt. rheinsein freut sich, daß der Stift es so will, daß wir die vorangegangenen Ausschnitte seiner Niederschriften an dieser Stelle präsentieren dürfen!)


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