Monatsarchiv für Oktober 2014

 
 

Rheintöchter (5)

two rhinemaidensIn mehreren Sprachen bündig und nicht immer ganz präzise kommentierte “Romantische Loreleyfahrten” bietet die Bingen-Rüdesheimer Fahrgastschifffahrt. Die aus fünf Ausflugsschiffen bestehende Flotte passiert im Schlaufenverkehr Orte und Hänge, Burgen und Türme der Mittelrheinstrecke mit ihren weltbekannten Postkartenanblicken. Sobald in der Nähe des Loreleyfelsens die Silcher-Melodie vom Band erklingt, knubbeln sich chinesische Touristengruppen auf dem Oberdeck, fotografieren wild in die Hänge und lichten sich schließlich gegenseitig vor dem gemeinten, von einem Loreley-Schriftzug markierten Felsen ab. Als rarer Beifang solcher Ausflugstouren gilt das Erscheinen der Rheintöchter, der berühmten Wagnerschen Wassernixen, die vor allem in der Nachsaison bisweilen den Touristen bzw ihren eigenen Gedanken nachschauen sollen. Wir hatten in den letzten Oktobertagen Glück: der Schnappschuß siedelt am unbewohnten Ufer zwischen Oberwesel und Bacharach.

Presserückschau (Oktober 2014)

Von der Bananenstellung bei Robben, der Anziehungskraft von Müllhalden, Ingenieursproblemen beim grenzüberschreitenden Verkehr, einer haarigen Rettungsaktion, keinem Geschwindigkeitslimit und einem mysteriösen Todesfall handeln die Rheinmeldungen des Oktobers:

1
Nachdem wir vergangenen Monat in Ermangelung von Sommerlochmonstern Meldungen über eine Robbe im Rhein bei Düsseldorf im Frühjahr 2003 (ein angebliches “zoologisches Jahrhundertereignis”) ausgegraben hatten, berichten Anfang des Monats verschiedene Medien über eine weitere in Düsseldorf gesichtete Robbe: “Sie ist das Gespräch in der ganzen Stadt und mittlerweile auch offensichtlich eine Reise an den Rhein wert. (…) Einige Spaziergänger versuchten sogar die Robbe mit Fischen anzulocken, doch das kleine Tier blieb unbeeindruckt. Vielleicht ist die Robbe mittlerweile auch wieder auf dem Rückmarsch. „Das geht ganz schnell“, sagt Tierärztin Janine Bahr, die das Robbenzentrum auf der Nordseeinsel Föhr gegründet hat. Robben könnten rasch große Strecken zurücklegen. Das Tier im Rhein ist nach Einschätzung der Expertin kein Jungtier mehr: „Die Robbe ist fast ausgewachsen und so, wie ich es auf den Fotos gesehen habe, liegt sie in der Bananenstellung. Ein Zeichen, dass es dem Tier sehr gut geht.“ (…) Die Schiffe stellten übrigens keine Gefahr für das Tier da. Und überleben kann das kleine Säugetier auch im Süßwasser prima. (…) In Finnland gebe es sogar Süßwasserseen, in denen die Robben leben und sich vermehren. Auch im Rhein wäre das möglich, so Bahr.” (Der Westen)

2
Ausführlich mit der Duisburger Möwenpopulation beschäftigt sich ein schöner Artikel in Der Westen. Die Möwen, eigentlich Küstenvögel, sorgten in Duisburg für Urlaubsstimmung, heißt es in der Überschrift. Mehrere tausend Möwen, darunter Lach-, Silber-, Herings- und Sturmmöwen, lebten in der Stadt, allerdings seien sie “nicht mehr so stark vertreten wie noch in den 1960er und 1970er Jahren. Damals gab es reichlich offene Mülldeponien, auf denen sich die Tiere wohlfühlten und vermehrten”. Bei den Vögeln handele es sich um echte Duisburger: “Die meisten Möwen überwintern in Duisburg, sind also wirklich heimisch. Kein Wunder: Als Allesfresser finden sie selbst bei Eis und Schnee noch ausreichend Futter. An Rhein und Ruhr betätigen sie sich als „Fischer“ oder sammeln Krebse und Muscheln ein. Ansonsten plündern sie gerne Abfalleimer und bedienen sich an weggeworfenen Imbissresten der Menschen.”

3
Über die rhein- und somit grenzüberschreitenden Straßenbahnenlinien von Weil am Rhein und Kehl berichtet die Badische Zeitung: “Die beiden einzigen grenzüberschreitenden Straßenbahnlinien Richtung Deutschland wird es in Südbaden geben: in Weil am Rhein und in Kehl über den Rhein. Und solche sinnvolle Nahverkehrsprojekte haben nicht nur politische und finanzielle Hürden, sondern auch verkehrstechnische und rechtliche. In Deutschland ist die “BO Strab”, die Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung, maßgebend. Verlangt wird ein Betriebsleiter, auch wenn die Strecke auf deutscher Seite nur 1,6 Kilometer wie in Weil oder gar nur 600 Meter wie in Kehl im ersten Abschnitt lang ist.” Sieben Jahre lang habe ein deutscher Ingenieur in Weil die entsprechenden Bestimmungen der Schweiz und Deutschlands aufeinander angepaßt: “Das begann mit den grünen Fahrzeugen der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), die in der Schweiz weder Bremslichter noch Warnblinker haben und für den Verkehr auf der Linie 8 nach Baden entsprechend ausgerüstet werden mussten. Weil “das Tram”, wie die Schweizer sagen, in den Nachbarländern grundsätzlich Vorfahrt hat, in Deutschland aber nicht, wurden die Kreuzungen mit dem Autoverkehr mit Signalanlagen und Andreaskreuzen ausgestattet.”

4
Auf ein Boot im Rhein wurden am 21. Oktober Passagiere der Kölner Seilbahn nach einer technischen Panne abgeseilt. Der Spiegel weiß: “In Köln sind (…) mehrere Gondeln der Seilbahn stehen geblieben, die den Fluss überquert. In einer der blockierten Kabinen saß seit dem späten Nachmittag eine Familie mit einem Säugling, die mehreren Medienberichten zufolge am späten Abend gerettet wurde: Als Erste erreichten ein Säugling und sein Vater ein Rettungsboot auf dem Rhein (…) Aus einer weiteren Gondel konnten der Feuerwehr zufolge (…) zwei Amerikaner von Höhenrettern in Sicherheit gebracht werden, auch sie wurden abgeseilt. Starker Wind und die Dunkelheit erschwerten die Rettungsarbeiten. Techniker des Seilbahnbetreibers und Feuerwehrleute versuchen, die über dem Fluss hängende Gondel wieder in Gang zu bekommen, um sie dann manuell an eine Station am rechtsrheinischen Ufer ziehen zu können.”

5
Zahlreiche informativ und flüssig geschriebene Artikel zu diversen Rheinthemen bietet seit einigen Monaten die Rheinische Post. Über den Beruf des Wasserschutzpolizisten schreibt das Blatt: “Wer die Ausbildung hinter sich hat, muss mindestens fünf Jahre an Land Dienst getan haben, bevor er in NRW aufs Wasser darf. Und dort geht dann das Lernen wieder los. Mindestens drei Jahre dauert die Weiterbildung, zu der auch das Rheinpatent gehört. 16 Mal sind Dausch (ein interviewter Polizist; Anm. rheinsein) und seine Kollegen dafür zwischen Koblenz und dem offenen Meer hin- und hergefahren – das schreibt das Gesetz innerhalb von zehn Jahren vor. Mal eben aus Düsseldorf nach Konstanz zu wechseln, ist für einen Wasserschutzpolizisten deshalb nicht drin. Er müsste dann zuerst noch sein Rheinpatent für den oberen Rheinabschnitt machen. Regelmäßig gehen die Wasserschutzpolizisten übrigens auch in die Luft: Als Gewässeraufsicht kontrollieren sie den Rhein vom Hubschrauber aus auf Verschmutzungen. Werden Verunreinigungen festgestellt, suchen die Polizisten den ganzen Rhein nach dem Verursacher ab – meistens mit Erfolg. “Fahrerflucht ist auf dem Rhein ein eher seltenes Delikt.”" Daß der Rhein zum Badesee verkomme, zitiert derselbe Artikel einen Binnenschiffer und listet einige neuere Verkehrsmittel sowie -regeln auf: “Jachten, Sportboote, Wasserskifahrer, Segler und sogar Surfer sind auf dem Rhein unterwegs. Erlaubt ist fast alles – streng verboten ist Kitesurfen – aber nicht überall. Gesetzliche Verordnungen über den Freizeitverkehr gab es schon lange, seit einigen Jahren werden es mehr; 1995 etwa kam die Wassermotorrad (=Jetski)-Verordnung dazu, seit 2000 ist eine für Rib-Boote (motorisierte Schlauchboote mit festem Rumpf) notwendig geworden. Sie alle müssen sich an Regeln halten, von denen die erste lautet: Die Großschifffahrt hat Vorrang. Bei den kleineren Gefährten gilt “Windkraft vor Motorkraft”, und was die Schnelligkeit angeht, gibt es kein Limit. Nur der Wellenschlag, den ein Wasserfahrzeug erzeugt, darf nicht so stark sein, dass er andere beeinträchtigt.”

6
Den mysteriösen Todesfall eines 19-Jährigen Bonners rekonstruiert in ungewöhnlicher Ausführlichkeit der General-Anzeiger. Demnach hatten die Eltern den jungen Mann vor rund einem Jahr bei einem Schulfreund in Mehlem abgesetzt: “Der hatte Geburtstag und wollte daheim mit den alten Freunden des Abiturjahrgangs ein bisschen feiern. Später fuhr die zehnköpfige Geburtstagsgesellschaft mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Honnef, um in der Diskothek “Rheinsubstanz” in unmittelbarer Nähe der Endhaltestelle der Stadtbahnlinie 66 weiter zu feiern. 16 Tage später (…) teilte die Polizei den Eltern mit, dass die Leiche ihres Sohnes im Rhein gefunden wurde. Gut 50 Kilometer flussabwärts, in Stammheim im Nordosten Kölns.” Die journalistische Rekonstruktion des Todesabends wirft Ungereimtheiten in der polizeilichen Ermittlungsarbeit auf und läßt zahlreiche Fragen unbeantwortet. Die Polizei geht bis heute von Suizid aus, während die journalistische Aufarbeitung des Falls auf ein Verbrechen weisen könnte.

Riesbeck über das Mittelrheintal

Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Tales hin, welches sich unter Bingen öffnet und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich tat unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Tal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannigfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder roter Schiefer und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der größern Beschwerden sind die Ufer dieses Tales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt als die Ufer der Donau in irgendeiner Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bei uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann tat oft wie rasend. Er hatte hie und da Ähnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füßen in die Höhe und schrie: “Das ist die Küste von N.! – Das ist die Bucht von N.!” Und da nennte er allezeit einen Ort im Schottischen Hochland, welcher der Partie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich sein sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er zehn Jahre entfernt war und nach welchem er sich so heftig sehnte, griff ihn beim Anblick dieser Ähnlichkeiten wirklich mit gichterischen Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sei, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Ähnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs tat er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete, die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüberstehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt’ er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reize der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas roten Aßmannshäuser, welches ich ihm zubrachte und den er sehr trinkbar fand.

Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beinahe grade einander gegenüberliegen, um St. Goar und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her und ist zum Teil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender und macht mit dem entgegengesetzten Bacharacher Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beiden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und fester Turm, die Pfalz genannt, wie er denn auch, samt den beiden Städten, dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und malerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler, aber zum Teil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Teil in den Fels selbst hineinbauen. Über der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des hessischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazugehörigen beträchtlichen Lande dem Landgrafen von Hessen-Kassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu sein. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarer Bank sehr verschrien ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wieder des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beinahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Hut zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß demungeachtet auf dem Felsen auf und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

In weißen Schiffen

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In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.

Der Rabbi von Bacherach

Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen, mit ihren abenteuerlichen Burgruinen, sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttürmchen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufischer, und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen: so daß sie sämtlich nach außen, zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen Raubadel, fest verbunden standen, nach innen aber, wegen streitender Interessen, in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg Sareck, und wie sein Falke schoß er herab wenn man ihn rief und auch manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählig verdrängte Körperschaft war die kleine Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen und späterhin, während der großen Judenverfolgung, ganze Scharen flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.

Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hülfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, halbnackte Männer und Weiber, die zur Buße sich selbst geißelnd und ein tolles Marienlied singend, die Rheingegend und das übrige Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andre Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen: daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums, und ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindermords verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfemte Haus eines Juden heimlich hineinschwärzten, und dort nächtlich die betende Judenfamilie überfielen; wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen durch das vorgefundne tote Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger, und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießender Pfeiler und Steinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an einem heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andre große Kirchen errichtet, und unzählige Juden getötet oder mißhandelt. Dies geschah im Jahr 1287, und auch zu Bacherach, wo eine von diesen Sankt-Wernerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden. (…)

(aus Heinrich Heine: Der Rabbi von Bacherach, 1840)

Rheinmöwen (2)

Möwensinfonie (Zoobrücke, Köln)

Möwen posieren vor Leverkusen

Rheinmöwen

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