Monatsarchiv für Oktober 2014

 
 

Rheintöchter (5)

two rhinemaidensIn mehreren Sprachen bündig und nicht immer ganz präzise kommentierte “Romantische Loreleyfahrten” bietet die Bingen-Rüdesheimer Fahrgastschifffahrt. Die aus fünf Ausflugsschiffen bestehende Flotte passiert im Schlaufenverkehr Orte und Hänge, Burgen und Türme der Mittelrheinstrecke mit ihren weltbekannten Postkartenanblicken. Sobald in der Nähe des Loreleyfelsens die Silcher-Melodie vom Band erklingt, knubbeln sich chinesische Touristengruppen auf dem Oberdeck, fotografieren wild in die Hänge und lichten sich schließlich gegenseitig vor dem gemeinten, von einem Loreley-Schriftzug markierten Felsen ab. Als rarer Beifang solcher Ausflugstouren gilt das Erscheinen der Rheintöchter, der berühmten Wagnerschen Wassernixen, die vor allem in der Nachsaison bisweilen den Touristen bzw ihren eigenen Gedanken nachschauen sollen. Wir hatten in den letzten Oktobertagen Glück: der Schnappschuß siedelt am unbewohnten Ufer zwischen Oberwesel und Bacharach.

Presserückschau (Oktober 2014)

Von der Bananenstellung bei Robben, der Anziehungskraft von Müllhalden, Ingenieursproblemen beim grenzüberschreitenden Verkehr, einer haarigen Rettungsaktion, keinem Geschwindigkeitslimit und einem mysteriösen Todesfall handeln die Rheinmeldungen des Oktobers:

1
Nachdem wir vergangenen Monat in Ermangelung von Sommerlochmonstern Meldungen über eine Robbe im Rhein bei Düsseldorf im Frühjahr 2003 (ein angebliches “zoologisches Jahrhundertereignis”) ausgegraben hatten, berichten Anfang des Monats verschiedene Medien über eine weitere in Düsseldorf gesichtete Robbe: “Sie ist das Gespräch in der ganzen Stadt und mittlerweile auch offensichtlich eine Reise an den Rhein wert. (…) Einige Spaziergänger versuchten sogar die Robbe mit Fischen anzulocken, doch das kleine Tier blieb unbeeindruckt. Vielleicht ist die Robbe mittlerweile auch wieder auf dem Rückmarsch. „Das geht ganz schnell“, sagt Tierärztin Janine Bahr, die das Robbenzentrum auf der Nordseeinsel Föhr gegründet hat. Robben könnten rasch große Strecken zurücklegen. Das Tier im Rhein ist nach Einschätzung der Expertin kein Jungtier mehr: „Die Robbe ist fast ausgewachsen und so, wie ich es auf den Fotos gesehen habe, liegt sie in der Bananenstellung. Ein Zeichen, dass es dem Tier sehr gut geht.“ (…) Die Schiffe stellten übrigens keine Gefahr für das Tier da. Und überleben kann das kleine Säugetier auch im Süßwasser prima. (…) In Finnland gebe es sogar Süßwasserseen, in denen die Robben leben und sich vermehren. Auch im Rhein wäre das möglich, so Bahr.” (Der Westen)

2
Ausführlich mit der Duisburger Möwenpopulation beschäftigt sich ein schöner Artikel in Der Westen. Die Möwen, eigentlich Küstenvögel, sorgten in Duisburg für Urlaubsstimmung, heißt es in der Überschrift. Mehrere tausend Möwen, darunter Lach-, Silber-, Herings- und Sturmmöwen, lebten in der Stadt, allerdings seien sie “nicht mehr so stark vertreten wie noch in den 1960er und 1970er Jahren. Damals gab es reichlich offene Mülldeponien, auf denen sich die Tiere wohlfühlten und vermehrten”. Bei den Vögeln handele es sich um echte Duisburger: “Die meisten Möwen überwintern in Duisburg, sind also wirklich heimisch. Kein Wunder: Als Allesfresser finden sie selbst bei Eis und Schnee noch ausreichend Futter. An Rhein und Ruhr betätigen sie sich als „Fischer“ oder sammeln Krebse und Muscheln ein. Ansonsten plündern sie gerne Abfalleimer und bedienen sich an weggeworfenen Imbissresten der Menschen.”

3
Über die rhein- und somit grenzüberschreitenden Straßenbahnenlinien von Weil am Rhein und Kehl berichtet die Badische Zeitung: “Die beiden einzigen grenzüberschreitenden Straßenbahnlinien Richtung Deutschland wird es in Südbaden geben: in Weil am Rhein und in Kehl über den Rhein. Und solche sinnvolle Nahverkehrsprojekte haben nicht nur politische und finanzielle Hürden, sondern auch verkehrstechnische und rechtliche. In Deutschland ist die “BO Strab”, die Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung, maßgebend. Verlangt wird ein Betriebsleiter, auch wenn die Strecke auf deutscher Seite nur 1,6 Kilometer wie in Weil oder gar nur 600 Meter wie in Kehl im ersten Abschnitt lang ist.” Sieben Jahre lang habe ein deutscher Ingenieur in Weil die entsprechenden Bestimmungen der Schweiz und Deutschlands aufeinander angepaßt: “Das begann mit den grünen Fahrzeugen der Basler Verkehrsbetriebe (BVB), die in der Schweiz weder Bremslichter noch Warnblinker haben und für den Verkehr auf der Linie 8 nach Baden entsprechend ausgerüstet werden mussten. Weil “das Tram”, wie die Schweizer sagen, in den Nachbarländern grundsätzlich Vorfahrt hat, in Deutschland aber nicht, wurden die Kreuzungen mit dem Autoverkehr mit Signalanlagen und Andreaskreuzen ausgestattet.”

4
Auf ein Boot im Rhein wurden am 21. Oktober Passagiere der Kölner Seilbahn nach einer technischen Panne abgeseilt. Der Spiegel weiß: “In Köln sind (…) mehrere Gondeln der Seilbahn stehen geblieben, die den Fluss überquert. In einer der blockierten Kabinen saß seit dem späten Nachmittag eine Familie mit einem Säugling, die mehreren Medienberichten zufolge am späten Abend gerettet wurde: Als Erste erreichten ein Säugling und sein Vater ein Rettungsboot auf dem Rhein (…) Aus einer weiteren Gondel konnten der Feuerwehr zufolge (…) zwei Amerikaner von Höhenrettern in Sicherheit gebracht werden, auch sie wurden abgeseilt. Starker Wind und die Dunkelheit erschwerten die Rettungsarbeiten. Techniker des Seilbahnbetreibers und Feuerwehrleute versuchen, die über dem Fluss hängende Gondel wieder in Gang zu bekommen, um sie dann manuell an eine Station am rechtsrheinischen Ufer ziehen zu können.”

5
Zahlreiche informativ und flüssig geschriebene Artikel zu diversen Rheinthemen bietet seit einigen Monaten die Rheinische Post. Über den Beruf des Wasserschutzpolizisten schreibt das Blatt: “Wer die Ausbildung hinter sich hat, muss mindestens fünf Jahre an Land Dienst getan haben, bevor er in NRW aufs Wasser darf. Und dort geht dann das Lernen wieder los. Mindestens drei Jahre dauert die Weiterbildung, zu der auch das Rheinpatent gehört. 16 Mal sind Dausch (ein interviewter Polizist; Anm. rheinsein) und seine Kollegen dafür zwischen Koblenz und dem offenen Meer hin- und hergefahren – das schreibt das Gesetz innerhalb von zehn Jahren vor. Mal eben aus Düsseldorf nach Konstanz zu wechseln, ist für einen Wasserschutzpolizisten deshalb nicht drin. Er müsste dann zuerst noch sein Rheinpatent für den oberen Rheinabschnitt machen. Regelmäßig gehen die Wasserschutzpolizisten übrigens auch in die Luft: Als Gewässeraufsicht kontrollieren sie den Rhein vom Hubschrauber aus auf Verschmutzungen. Werden Verunreinigungen festgestellt, suchen die Polizisten den ganzen Rhein nach dem Verursacher ab – meistens mit Erfolg. “Fahrerflucht ist auf dem Rhein ein eher seltenes Delikt.”" Daß der Rhein zum Badesee verkomme, zitiert derselbe Artikel einen Binnenschiffer und listet einige neuere Verkehrsmittel sowie -regeln auf: “Jachten, Sportboote, Wasserskifahrer, Segler und sogar Surfer sind auf dem Rhein unterwegs. Erlaubt ist fast alles – streng verboten ist Kitesurfen – aber nicht überall. Gesetzliche Verordnungen über den Freizeitverkehr gab es schon lange, seit einigen Jahren werden es mehr; 1995 etwa kam die Wassermotorrad (=Jetski)-Verordnung dazu, seit 2000 ist eine für Rib-Boote (motorisierte Schlauchboote mit festem Rumpf) notwendig geworden. Sie alle müssen sich an Regeln halten, von denen die erste lautet: Die Großschifffahrt hat Vorrang. Bei den kleineren Gefährten gilt “Windkraft vor Motorkraft”, und was die Schnelligkeit angeht, gibt es kein Limit. Nur der Wellenschlag, den ein Wasserfahrzeug erzeugt, darf nicht so stark sein, dass er andere beeinträchtigt.”

6
Den mysteriösen Todesfall eines 19-Jährigen Bonners rekonstruiert in ungewöhnlicher Ausführlichkeit der General-Anzeiger. Demnach hatten die Eltern den jungen Mann vor rund einem Jahr bei einem Schulfreund in Mehlem abgesetzt: “Der hatte Geburtstag und wollte daheim mit den alten Freunden des Abiturjahrgangs ein bisschen feiern. Später fuhr die zehnköpfige Geburtstagsgesellschaft mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bad Honnef, um in der Diskothek “Rheinsubstanz” in unmittelbarer Nähe der Endhaltestelle der Stadtbahnlinie 66 weiter zu feiern. 16 Tage später (…) teilte die Polizei den Eltern mit, dass die Leiche ihres Sohnes im Rhein gefunden wurde. Gut 50 Kilometer flussabwärts, in Stammheim im Nordosten Kölns.” Die journalistische Rekonstruktion des Todesabends wirft Ungereimtheiten in der polizeilichen Ermittlungsarbeit auf und läßt zahlreiche Fragen unbeantwortet. Die Polizei geht bis heute von Suizid aus, während die journalistische Aufarbeitung des Falls auf ein Verbrechen weisen könnte.

Riesbeck über das Mittelrheintal

Als wir unsre Augen auf dem prächtigen und lachenden Rheingau geweidet hatten, fuhren wir in das Dunkel des engen Tales hin, welches sich unter Bingen öffnet und dessen ganzen Boden der gedrängte Rhein einnimmt. Der Abstich tat unsern Augen unbeschreiblich wohl. Die Berge, welche sturzdrohend in diesem Tal über dem Fluß herhangen, sind bald mit dem mannigfaltigsten Grün bedeckt, bald nackte Felsen, hie und da blauer oder roter Schiefer und oft auch harter Urfels. Ihre Gestalten, ihre Einschnitte, ihre Verkettung, ihre Bekleidung, ihr verschiedener und seltsamer Anbau hie und da und die beständigen Krümmungen des Stromes machen die Aussichten alle Augenblicke abwechseln. Ungeachtet der größern Beschwerden sind die Ufer dieses Tales doch ungleich stärker angebaut und bewohnt als die Ufer der Donau in irgendeiner Gegend. Fast alle Stunde hat man eine Stadt vor sich. Fast jeder Berg ist mit den Trümmern eines alten Schlosses gekrönt, worin ehedem ein deutscher Ritter hausete. Die Lage dieser Städte und Flecken hätte die erhabenste Phantasie nicht romantischer und malerischer angeben können. Wir hatten einen Schottländer bei uns, der über Suez und über Italien aus Ostindien kam. Der Mann tat oft wie rasend. Er hatte hie und da Ähnlichkeiten mit Gegenden seines Vaterlandes gefunden, und da sprang er immer mit gleichen Füßen in die Höhe und schrie: “Das ist die Küste von N.! – Das ist die Bucht von N.!” Und da nennte er allezeit einen Ort im Schottischen Hochland, welcher der Partie der Rheinlandschaft, die wir vor uns hatten, ähnlich sein sollte. Die Liebe zu seinem Vaterland, von dem er zehn Jahre entfernt war und nach welchem er sich so heftig sehnte, griff ihn beim Anblick dieser Ähnlichkeiten wirklich mit gichterischen Zückungen an. Ich hatte Bosheit genug, ihn einigemal zu erinnern, wie weit er noch von seinem Vaterland entfernt sei, welches er auf dem Rhein zu sehen glaubte. Als uns hie und da Weinberge zu Gesicht kamen, fragte ich ihn, ob diese Landschaft auch Ähnlichkeit mit einer Bucht in Schottland hätte. Anfangs tat er böse; endlich ward er sehr beredt darüber, um mir zu beweisen, daß der Anblick der Weinberge der traurigste in der ganzen Gegend wäre, die wir durchfahren hätten. Er behauptete, die Regelmäßigkeit der gepflanzten Weinstöcke und ihre Einförmigkeit habe so was Ekelhaftes und Beklemmendes, daß er die Augen wegkehren müsse, um sie auf den kahlen und abstürzigen Felsen oder dem wilden und dicken Grün der gegenüberstehenden Berge weiden zu lassen. Das verkünstlende Gewühl der Menschenhände, sagt’ er, wäre höchstens nur deswegen in dieser Landschaft zu dulden, um die Reize der schönen und unverzierten Natur umher auffallender zu machen. Ich antwortete ihm auf seine lange Rede mit einem Glas roten Aßmannshäuser, welches ich ihm zubrachte und den er sehr trinkbar fand.

Die schönsten Gegenden in diesem romantischen Land sind die um Bacharach und Kaub, welche Städte beinahe grade einander gegenüberliegen, um St. Goar und um Koblenz. Die Lage von Bacharach ist, wie der Ort selbst, finster und schauerlich schön. Der Berg, an dessen Fuß das Städtchen liegt, hängt senkrecht drüber her und ist zum Teil mit Reben bekleidet, die einen der besten Rheinweine liefern. Die Lage von Kaub ist offener und lachender und macht mit dem entgegengesetzten Bacharacher Ufer einen unvergleichlichen Kontrast, besonders da sich die Häuser dieses Ortes durch ein lichtes Weiß im tiefen Grün seiner Gegend und im Abstich mit der ehrwürdigen Schwärze von Bacharach ungemein stark ausnehmen. Mitten im Rhein zwischen beiden Städten liegt auf einem Felsen, der kaum über die Oberfläche des Wassers emporragt, ein dicker, hoher und fester Turm, die Pfalz genannt, wie er denn auch, samt den beiden Städten, dem Kurfürsten von der Pfalz zugehört und vom gemeinen Volk für das eigentliche Stammhaus der Pfalzgrafen gehalten wird. Eigensinniger und malerischer kann in einer Landschaft nichts gedacht werden als die Lage dieses Turms, wenn man ihn in einiger Entfernung sieht. Die Gegend um St. Goar ist von ganz andrer Natur. Das rechte Ufer des Rheines ist hier ganz wild. Auf einem der hohen und fast senkrecht abgehauenen Berge, die es bilden, der sich durch seine majestätische Gestalt stark ausnimmt, liegt sehr romantisch ein festes Schloß, welches man noch zu erhalten sucht. Das linke Ufer, worauf die Stadt liegt, ist noch steiler, aber zum Teil mit unbeschreiblicher Mühe angebaut. Man hat auf kleinen Terrassen, wie zu Rüdesheim, auf dem abstürzigen Felsen Weinberge angelegt, die eine ungeheure hohe Treppe bilden. Der Raum zwischen dem Strom und den Felsen ist so enge, daß die Einwohner sich zum Teil in den Fels selbst hineinbauen. Über der Stadt ragt die Festung Rheinfels, von welcher ein Ast des hessischen Hauses den Namen trug, die aber nach Absterben desselben samt dem dazugehörigen beträchtlichen Lande dem Landgrafen von Hessen-Kassel zugefallen ist, majestätisch empor. Die Stadt selbst ist ziemlich lebhaft und die beste zwischen Bingen und Koblenz. Die Einwohner scheinen ein sehr fleißiges Volk zu sein. Ein wenig über der Stadt verursachen die kurzen Krümmungen des gedrängten Rheines einen Wirbel, der unter dem Namen der St. Goarer Bank sehr verschrien ist. Von beträchtlichen Unglücksfällen hört man sehr selten; allein wir waren Augenzeugen davon, daß der Ruf dieses Platzes kein leerer Popanz wieder des Donauwirbels ist. Ein großes kölnisches Schiff fuhr eben neben uns herauf. Es hatte von St. Goar einen alten erfahrnen Steuermann mitgenommen, der an der gefährlichen Stelle sehr weit in den Strom hineinstach. Die Pferde zogen stark an. Auf einmal ward der Steuermann von der Gewalt des Stromes so sehr überwältigt, daß das Schiff in einem Augenblick an dem linken Ufer des Flusses lag, ob es schon beinahe 150 Schritt davon entfernt war. Zum Glück stand eben da an der Spitze eines Felsen ein großer Kahn, der wie ein Hut zusammengedrückt ward, ohne den aber das Schiff vielleicht eine große Wunde bekommen hätte. Es saß demungeachtet auf dem Felsen auf und mußte mit Winden und Hebeln gelichtet werden.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

In weißen Schiffen

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In Bacharach, einem frei erfunden wirkenden Städtchen, das den Inbegriff des Mittelrheingedankens (eine gnadenlose Mischung aus Römer-, Mittelalter- und Romantiknachlässen, Weinbau und Tourismus) vorzustellen scheint, ist Lyrik im kopfsteingepflasterten Straßenbild omnipräsent. Gasthäuser und Weingüter, fast ausschließlich Fachwerkbauten, zieren einfach gereimte Sinnsprüche und Vierzeiler à la “Der Wein, der Wein ist Goldes wert / Er lindert alle Schmerzen / Er macht die Dummen oft gelehrt / Und bessert böse Herzen”. Dichterworte Goethes, Schillers, Brentanos und anderer Romantiker finden sich auf Tafeln und Plakaten, hin und wieder verirren sich auch Verse von Zeitgenossen zwischen diejenigen der längst begrabenen und kanonisierten Dichter. So stießen wir an Bacharachs Uferpromenade auf ein Gedicht von Friedrich G. Paff, der rheinsein bereits als Gastbeiträger mit Ansichten des Mittelrheins beehrte – und auch in der Schulgasse sind, ein wenig versteckt, Zeilen Paffs “fürs Rabegretsche” angebracht. In den Parkanlagen des Rheinufers befindet sich ein “Platz der Poesie”, an dem Victor Hugo mit Heinrich Heine und Clemens Brentano, alle drei in lustigen Tiergestalten, zecht – eine Bronze von Liesel Metten. Schließlich fand sich in einer kaum frequentierten dunklen Gasse ein Schaufenster, das komplett mit einem kunterbunt-süßlichen “Manifest für die Poesie” aus Versen und kleinskulpturalen Fantasiegebilden ausgestattet war, dessen Urheber uns durch die Lappen gerutscht ist.

Der Rabbi von Bacherach

Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen, mit ihren abenteuerlichen Burgruinen, sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstre, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttürmchen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufischer, und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen: so daß sie sämtlich nach außen, zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen Raubadel, fest verbunden standen, nach innen aber, wegen streitender Interessen, in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg Sareck, und wie sein Falke schoß er herab wenn man ihn rief und auch manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählig verdrängte Körperschaft war die kleine Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen und späterhin, während der großen Judenverfolgung, ganze Scharen flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.

Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hülfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten, halbnackte Männer und Weiber, die zur Buße sich selbst geißelnd und ein tolles Marienlied singend, die Rheingegend und das übrige Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andre Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen: daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums, und ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen Kindermords verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfemte Haus eines Juden heimlich hineinschwärzten, und dort nächtlich die betende Judenfamilie überfielen; wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen durch das vorgefundne tote Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger, und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießender Pfeiler und Steinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an einem heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andre große Kirchen errichtet, und unzählige Juden getötet oder mißhandelt. Dies geschah im Jahr 1287, und auch zu Bacherach, wo eine von diesen Sankt-Wernerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden. (…)

(aus Heinrich Heine: Der Rabbi von Bacherach, 1840)

Rheinmöwen (2)

Möwensinfonie (Zoobrücke, Köln)

Möwen posieren vor Leverkusen

Rheinmöwen

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Spiegelung

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Ein Flussblau im gelben Schimmer mehrere Zeichen aus dem Nichts in den Fluss gegossen eine Farbigkeit von Ufer zu Ufer gehen wir über Wolken

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rheinsein präsentiert Marianne Büttiker: Une traversée de Bâle / Au bord du fleuve, in der wirklichen Welt noch bis zum 8. November 2014 zu sehen in der Galerie Hilt, St. Alban-Vorstadt 52, Basel.

Das vierte Text-Bild-Paar unserer kleinen Serie beschäftigt sich mit dem Blick über den Rhein vom Großbaseler zum Kleinbaseler Ufer. Marianne Büttikers ”Plan der Formen” (30 x 30 cm, Enkaustik, Farbstift und Gouache auf Papier) entnimmt der flußdominierten Landschaft efemere Flächen, die sich aus Licht, Himmel, Wasseroberfläche und Menschenbauten zu ergeben scheinen und hält sie als Landkarte des Vorübergehenden/Vorübergegangenen fest.

The Battle of Skeletons

The smoke and terror of the great struggle had surged over Oppenheim. A battle had been fought there, and the Swedes and Spaniards who had contested the field and had been slain lay buried in the old churchyard hard by the confines of the town. At least many had been granted the right of sepulture there, but in a number of cases the hasty manner in which their corpses had received burial was all too noticeable, and a stranger visiting the churchyard confines years after the combat could not fail to be struck by the many uncoffined human relics which met his gaze.

But an artist who had journeyed from far to see the summer’s sun upon the Rhine water, and who came to Oppenheim in the golden dusk, was too intent on the search for beauty to remember the grisly reputation of the town. Moreover, on entering the place the first person by whom he had been greeted was a beautiful young maiden, daughter of the innkeeper, who modestly shrank back on hearing his confident tones and, curtsying prettily, replied to his questions in something like a whisper.

“Can you recommend me to a comfortable hostelry, my pretty maid, where the wine is good and the company jovial?”

“If the Herr can put up with a village inn, that of my father is as good as any in the place,” replied the maid.

“Good, my pretty,” cried the bold painter, sending the ready blood to her face with a glance from his bright black eyes. “Lead the way, and I will follow. Or, better still, walk with me.”

By the time they had reached the inn they felt like old friends. The girl had skilfully but simply discovered the reason for the young artist’s sojourn in Oppenheim, and with glowing face and eyes that had grown brighter with excitement, she clasped her hands together and cried: “Oh, the Herr must paint my beloved Oppenheim. There is no such place by moonlight, believe me, and you will be amply repaid by a visit to the ruins of the old church to-night. See, a pale and splendid moon has already risen, and will light your work as the sun never could.”

“As you ask me so prettily, Fräulein, I shall paint your beloved abbey,” he replied. “But why not in sunlight, with your own sweet face in the foreground?”

“No, no,” cried the girl hastily. “That would rob the scene of all its romance.”

“As you will,” said the artist. “But this, I take it, is your father’s inn, and I am ready for supper. Afterward — well, we shall see!”

Supper over, the painter sat for some time over his pipe and his wine, and then, gathering together his sketching impedimenta, quitted the inn and took his way toward the ruins of Oppenheim’s ancient abbey. It was a calm, windless night, and the silver moon sailed high in the heavens. Not a sound broke the silence as the young man entered the churchyard. Seating himself upon a flat tombstone, he proceeded to arrange his canvas and sketching materials; but as he was busied thus his foot struck something hard. Bending down to remove the obstacle, which he took for a large stone, he found, to his horror, that it was a human skull. With an ejaculation he cast the horrid relic away from him, and to divert his mind from the grisly incident commenced to work feverishly. Speedily his buoyant mind cast off the gloomy train of thought awakened by the dreadful find, and for nearly a couple of hours he sat sketching steadily, until he was suddenly startled to hear the clock in the tower above him strike the hour of midnight.

He was gathering his things preparatory to departure, when a strange rustling sound attracted his attention. Raising his eyes from his task, he beheld a sight which made his flesh creep. The exposed and half-buried bones of the dead warriors which littered the surface of the churchyard drew together and formed skeletons. These reared themselves from the graves and stood upright, and as they did so formed grisly and dreadful battalions — Swedes formed with Swedes and Spaniards with Spaniards. On a sudden hoarse words of command rang out on the midnight air, and the two companies attacked one another.

The luckless beholder of the dreadful scene felt the warm blood grow chill within his veins. Hotter and hotter became the fray, and many skeletons sank to the ground as though slain in battle. One of them, he whose skull the artist had kicked, sank down at the young man’s feet. In a hollow voice he commanded the youth to tell to the world how they were forced to combat each other because they had been enemies in life, and that they could obtain no rest until they had been buried.

Directly the clock struck one the battle ceased, and the bones once more lay about in disorder. The artist (who, it need hardly be said, gave no more thought to his picture) hastened back to the inn and in faltering accents related his experiences. When the Seven Years’ War broke out, not long afterward, the people of Oppenheim declared that the apparition of the skeletons had foretold the event.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)

he was literally a child of the Rhine, his father being a water-monster

In the middle of the fifth century arose the powerful dynasty of the Merovingians, one of the most picturesque royal houses in the roll of history. In their records we see the clash of barbarism with advancement, the bizarre tints of a semi-civilization unequalled in rude magnificence. Giant shadows of forgotten kings stalk across the canvas, their royal purple intermingling with the shaggy fell of the bear and wolf. One, Chilperic, a subtle grammarian and the inventor of new alphabetic symbols, is yet the most implacable of his race, the murderer of his wife, the heartless slayer of hundreds, to whom human life is as that of cattle skilled in the administration of poison, a picturesque cut-throat. Others are weaklings, fainéants; but one, the most dread woman in Frankish history, Fredegonda, the queen of Chilperic, towers above all in this masque of slaughter and treachery.

Tradition makes claim that Andernach was the cradle of the Merovingian dynasty. In proof of this are shown the extensive ruins of the palace of these ancient Frankish kings. Merovig, from whom the race derived its name, was said to be the son of Clodio, but legend relates far otherwise. In name and origin he was literally a child of the Rhine, his father being a water-monster who seized the wife of Clodio while bathing in that river. In time she gave birth to a child, more monster than man, the spine being covered with bristles, fingers and toes webbed, eyes covered with a film, and thighs and legs horny with large shining scales. Clodio, though aware of the real paternity of this creature, adopted it as his own son, as did King Minos in the case of the Minotaur, giving him the name Merovig from his piscatory origin. On Clodio’s death the demi-monster succeeded to the throne, and from him sprang a long line of sovereigns, worthless and imbecile for the most part.

Childeric, the son and successor of Merovig, enraged his people to such a degree by his excesses that they drove him from throne and country. One friend alone remained to him, Winomadus, who, having no female relations to suffer by the king’s attentions, did not find the friendship so irksome as others; indeed, had been a partner in his licentious pleasures. He undertook to watch over the interests of Childeric during his enforced absence in Thuringia at the court of Basinus, king of that country. The Franks had elected Aegidius, a Roman general, to the sovereignty over them, but as he proved himself no better than Childeric, whom they had deposed, they once more essayed to choose another ruler. This was made known to Childeric through his friend Winomadus. He rapidly returned to the shores of the Rhine and, reinforcing his following as he proceeded on his march, appeared before Andernach at the head of a formidable force, composed of many of his former subjects, together with Thuringian auxiliaries. The people of Andernach, unable to resist this overwhelming argument, again accepted Childeric as their king.

(Lewis Spence, Hero Tales and Legends of the Rhine, London; New York: 1915)

Souvenir du Rhin

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Yorick am Rheinfall

yorick1aLudwig Kamm: Yorick am Rheinfall 1 (II. Biennale, Istanbul 1989)

yorick2Ludwig Kamm: Yorick am Rheinfall 2 (Calcogalerie, Köln 2001)

Auf ein Ereignis im Frühjahr 1969 – dem Jahr der Überführung von Laurence Sternes Skelett (oder dem, was als seine Knochen identifiziert wurde) auf den Friedhof von Coxwold – rekurrieren diese beiden Installationen von Ludwig Kamm. Seinerzeit fand auf beiden Rheinfall-Felsen eine deutsch-französische Doppel-Performance statt, eine dem damaligen Zeitgeist entsprechende Krawallaktion, die in Publikumsausschreitungen mündete, die von der Lokalpresse als “Auseinandersetzungen zwischen alkoholisierten Jugendlichen” weitergegeben wurde. Kramm, heute 88 Jahre alt, war bei der Performance im Publikum anwesend gewesen. Sie habe zunächst auf banale Weise reduziert von den wechselhaften Beziehungen Deutschlands und Frankreichs gehandelt, schließlich seien jedoch noch Momente “shakespear’schen Ausmaßes” und wohl auch ein paar Takte Schweizer Regionalkultur ins Geschehen eingeflossen. Kurz nachdem er der Aktion mit heiler Haut entronnen war, schreibt uns Ludwig Kamm, sei ihm die Idee einer installativen Umsetzung gekommen, das frisch erlebte Spektakel um seine persönliche Sicht der abendländischen Geschichte zu erweitern, doch habe sein damaliger Galerist die Idee für reaktionär und unwert befunden und stattdessen “etwas mit Ärschen und Titten” gefordert. Erst 20 Jahre später ergab sich die Möglichkeit einer ersten Umsetzung von “Yorick am Rheinfall” während der Istanbuler Biennale.

Tim Bergkamp steigt in den Regionalzug und fährt an den Mittelrhein

Morgens am Bahnhof zu stehen hat etwas Verschobenes, besonders dann, wenn er noch sein Abendgewand trägt. Es streifen noch ein paar Nachtschwärmer umher und kleben an den Kaffeeständen wie die Mücken an einem Limonadenfleck oder wanken mit den Armen wild fuchtelnd umher. Seltsame Beleuchtung. Bergkamp steht an einem Kaffeeautomaten und zieht sich einen. Er hat herausgefunden, dass der Kaffee, der hier sonst gereicht wird, durch alle Raster fällt. Der Schluck beweist, dass es keinen Grund gibt in lauten Jubel zu verfallen. Es gilt: etwas Warmes braucht der Mensch. Vorsichtig geht er die Treppe zum Gleis hoch, denn die Rolltreppe ist defekt und versperrt durch eine schlafende Person. Oben empfängt ihn der Bahnsteig mit einer geradzu abweisenden Funktionalität. MAN SOLL HIER KEINE WURZELN SCHLAGEN. Ein paar Tauben laufen aufgeregt umher. Ein Mann durchwühlt die Mülleimer nach Pfandflaschen. Jemand bettelt. Der Zug hat Verspätung. Dann kommt er. Jemand klatscht Beifall.

Der Regionalzug ist überfüllt, die meisten stört das, aber Tim Bergkamp mag es. Vielleicht entspringt es aus dem Mangel der gewohnten körperlichen Nähe. Er steht beim Eingang ordentlich eingequetscht zwischen den anderen Reisenden. Oder nennt man das Ausgang? Zugtüre ist besser, weil neutraler.

Sie schnauben wie scheue Tiere. Das Zugfahren widerstrebt der menschlichen Natur. Es gibt dort sogar noch zwei Klassen. Das Zugfahren ist eine Offenbarung der eigenen Armut. Die Angst kein Auto fahren zu können, es sich nicht zu leisten; die Angst nicht fliegen zu können (klassische und angewandte Flugangst), es sich nicht zu leisten. Tim Bergkamp ist sich dieser Dialektik bewusst.

Es gibt eine leise Vibration, man spürt die Kraft übertragen durch die Füße und die Hand, die eine in Folie eingeschweißte Stange umfasst. Zugfahren ist pervers. Nicht auszumalen, wenn die Schuhsohlen die brackige Nässe der Städte auf den Zugboden stempeln.

Es gibt etwas sehr Gutes. Liegewagen. Was würde er geben, wenn er sich in die Horizontale begeben könnte? Er giert danach. Liegewagen. Sich lang machen, ausstrecken, die Schuhe von den Füßen streifen, sich betten, das Kissen zupfen, nein, es darf kein Kissen geben, die Jacke ballen, Jauchzen.

Liegen heißt siegen. Im Großraumabteil wird ein Platz frei. Bergkamp nimmt den Platz ein. Die Fahrgäste sind wie eingefroren. Im Zugfahren gibt es die Angst vor den Dauerquatschern, die sich Gehör verschaffen. Deshalb verhält man sich möglichst unauffällig. Er macht es sich bequem und linst ab und an durchs Fenster, die Fahrt geht vorbei an einem brennenden Chemiewerk. Orange lodern die Flammen. So richtig scheint es niemand zu stören. Na und? Da brennt es eben. Schließlich sitzt man im Zug. Es ist noch immer gut gegangen.

So langsam wird die Umgebung romantischer, keine Industrie, aber dafür gibt es Burgruinen, Rebstöcke, Kirchen und organisch gewachsene Häuser. Gerade der letzte Eindruck begeistert ihn.

In Wurstwesel steigt er mit ein paar anderen Wandersleuten aus dem Fuhrwerk. Die Reste von einem Stadttor fest im Blick. Umsäumt wird der Weg von ein paar Holzbuden, leere Weinflaschen stehen auf schulterhohen Tischen und zeugen von gestrigen Weinfreuden, die bestimmt bis in die frühen Morgenstunden gingen, bis eben erst, bis das Licht zu grell wurde und sich die fröhlichsten und frechsten Zecher in einen Weinkeller zurück gezogen haben. Um dort im Kerzenschein, in aller gebotenen Ruhe noch einen Schoppen zu zelebrieren.

Vor ihm verkündet ein Schild den alpinen Kletterweg. Tim lässt sich nicht lumpen. Er trabt brav die Steigung nach oben und blickt auf eine Jungfrau. So nennt man die Felsen, die bei Niedrigwasser aus dem Rhein ragen. Diese Landschaft ist, das hatte er bei der letzten Tour festgestellt, üppig und lüstern. Es reichen Felsen, ein Strom und der Wein aus, es fehlt noch der Mensch und schon ist die Mixtur fertig angerührt. Noch verzichtet er auf die Weinschorle. Er wird einen Blick nehmen auf den Felsen, auf dem er im letzten Jahr stand und nach unten blickte.

Krass felsa blicka. Er muss dabei ein wenig über sich selbst schmunzeln. Einsamkeit ist ein Taschenrechner auf einem frisch gewischten Tisch. Besser wäre es, wenn er einen Wein hätte. Bewusst oder nicht, er betrachtet eindringlich die Trauben, die wie große grüne Tränen von den Weinparzellen auf die Gärung warten. Er lässt Wasser hinter einem Busch. Der Weg zeigt langsam sein wahres Gesicht. Es geht fast senkrecht nach oben. Nicht wirklich spektakulär, aber immer noch so sensationell, dass man damit prahlen kann. Mit der Digicam ein Foto aufnehmen, als ewigen Beweis, dass man die Rheiner Nordwand bezwang. Die Welt will nicht betrogen werden, die Welt schreit danach. Selbst eine in den Fels eingelassene Leiter findet sich hier vor Ort. Ein wenig Missmutig steigt er sie hinauf und ganz in der Nähe befindet sich ein Tisch, an dem drei Männer zechen. Unbeschreiblich präzise schimmert die Sonne durch eine Weinflasche und lässt dahinter eine neue, kleine Sonne entstehen. Die drei Personen bewegen sich in Zeitlupe, die Schoppen und die zweifache Sonne lassen eine solche Ruhe zu.

Tim gibt sich alle Mühe, denn er möchte nicht gehetzt wirken. Er weiß nicht, ob ihm das gelingt. Die Strecke geht ihm auf den Zeiger. Ochsentour, Nackenschweiß, schon wieder geht es eine Leiter hinauf. Dieser Weg ist anstrengend, überhaupt: war nicht die Rede von einer leichten Tour. Und mittlerweile ist er schweißgebadet, muss trocken gehen, weil er es verpasst hat, sich eine Flasche, von der Reblaus gemolken, zu besorgen. Anhalten, Wasser trinken, hinterm Busch Wasser lassen. Gut, allzu viel ist hier nicht los, selten begegnen ihm abgehetzte andere Wandersleut, denen die Sorge ins Gesicht geschrieben steht. Die sich an Drähten fest klammern, um nicht in die Fluten zu fallen. Und sind es nicht… Oh weia, die Kilometerzahl ist noch im Zehnerbereich. Jetze ja nicht umknicken! Drohend hebt er den Zeigefinger in die Höhe. Wurde nicht unweit von hier die Bergwacht gerufen? Rettete sie nicht zwei verunglückte Bergwanderer vor dem sicheren Untergang? Friedlich sind die Ortschaften. Dort brutzeln goldene Schnitzel in Gusspfannen, Spundkäse leicht wie Federn, formvollendete Brezeln, vom Wein ganz zu schweigen. Und hier die reine Gefahr. Das Happy End wird hier veranschlagt. Der Pakt mit sich selbst geschlossen. Er, Tim, wird sich in der nächsten Ortschaft Sankt Core den Strahl geben, aus nie versiegenden Fässern. Dort steht der berühmte Spruch in Stein gemeißelt:

Wanderer, kommst du nach Sankt Core, verkündige dorten, du habest
uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.

(Der Stift will es so! ist ein Blog ansonsten nicht näher bezeichneter Autorschaft, das sich aus der Straßenperspektive mit Landschaften, Gegenwart und Mythen der Rheinlande auseinandersetzt. rheinsein freut sich, daß der Stift es so will, daß wir die vorangegangenen Ausschnitte seiner Niederschriften an dieser Stelle präsentieren dürfen!)