Monatsarchiv für August 2014

 
 

Presserückschau (August 2014)

Indem die Berichterstattung über die Krisenherde Ukraine, Israel/Gaza und Syrien/Irak das diesjährige Sommerloch stopfte, hatten Flußmonster und Konsorten kaum Chancen auf mediale Öffentlichkeit. Die Meldungen des Augusts handeln von den Erfolgen der beiden Rheindurchschwimmer, alten Straßenkurvennamen und Lachsen, einer rasenden Plattform und einem Wärememodell:

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Eine 40 Tonnen schwere schwimmende Bauplattform mit zahlreichen Geräten (Hebebock, Generator, Seilwinde) hat sich in Rossboden bei Chur bei starker Strömung aus ihrer Stahlseil-Verankerung gelöst und trat eine unaufhaltsame Reise mit rund 15 Stundenkilometern Richtung Bodensee an: “Auf ihrem Weg zwischen Chur und Hard touchierte sie mehrere Brückenpfeiler. Auf Schweizer Seite kam es laut der St. Galler Kantonspolizei zu fünf Kollisionen. Dabei verlor der Ponton einige Geräte.” (Südostschweiz) Von Passanten erstellte Videos im Netz zeigen wie das 9 mal 15 Meter messende Geschoß die Pfeiler der Vaduzer Holzbrücke ohne Berührung passiert, dafür mit gewaltigem Rumms auf andere Brückenfüße prallt. Die für den Brückenrückbau eingesetzte Plattform erreichte schließlich den Bodensee, wo Seepolizei und Feuerwehr die Bergung einleiten konnten.

2
Die Kehren des San Bernardino-Passes erhalten Namensschilder. Dies berichten einige Schweizer Zeitungen, am ausführlichsten jedoch die Website des Parc Adula: “Wie die Hinterrheiner Häuser alle ihren Namen haben, so von früher her auch die Kehren auf der Passstrasse, welche ehemals für die Existenz der Tal- und Dorfbevölkerung von äusserster Wichtigkeit war. Man musste sich genau darüber verständigen können, wovon man sprach, wenn man zum Beispiel als Ruttner oder Postpferdehalter etwas weiterzuleiten hatte – eine Schwierigkeit auf dem Weg, die Meldung über einen Unfall, ein Unglück. Der Unterhalt der Strasse war gerade im Winter eine grosse Herausforderung, manchmal ein Wagnis. Ein Lawinenunglück ereignete sich im Winter 1939 zwischen dem Obersten und dem Tschensch-Cheer. Der vordere Schlitten der passierenden Pferdepost wurde mitgerissen und verschüttet, der Postillion und ein Pferd verloren beim Unglück ihr Leben. Die herbeieilenden Helfer konnten nur eine Person lebend bergen.”

3
“Zwei schwere Wintersalme, die 1881 oberhalb von Rees gefangen wurden, kamen (…) in Berlin bei der Hochzeit des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., auf den Tisch” schreibt die Rheinische Post in Folge 21 ihrer vorbildlichen Sommerserie “Unser Rhein” mit Geschichten und geschichtlichen Rekursen über den Niederrhein im Großraum Düsseldorf und stromabwärts, in diesem Fall über die Umgestaltung des “Schnellen Brüters Kalkar” zum Vergüngungspark: “Wo Besucher im “Wunderland Kalkar” Achterbahn fahren und Pommes essen, gingen die legendären Rheinfischer bis vor circa 100 Jahren ihrer harten Arbeit nach. Häfen wie Grieth, heute Ortsteil von Kalkar, lebten von Fischerei und Schifffahrt. Der Name Grieth geht zurück auf “Gritt”, was Kies bedeutet. Und eben jene Kiesbänke, die zur Rheinmitte abfallen, waren ideale Fanggebiete für die Fischer, die ihre langen Netze dort leicht auslegen und einholen konnten und meist stattliche Lachse, genannt Salme, aus dem Rhein holten. Auf Stromkilometer 834,6 befand sich eine der besten Lachsfangstellen am Rhein. In Körben mit Eisstücken wurden die schönsten Exemplare an die Herrscherhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland geliefert.”

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“Der Schweizer Extremsportler und „Wasserbotschafter“ Ernst Bromeis hat es geschafft: Innerhalb von 44 Tagen – einschließlich Ruhezeiten – durchschwamm der 46-Jährige den gesamten Rhein. (…) Gestartet war er am 7. Juli im Lago die Dentro am Lukmanierpass (Kanton Graubünden), dem von der Nordsee am weitesten entfernten Punkt des Rheins. Mit seiner Schwimmaktion über 1247 Kilometer warb der Schweizer für die Umsetzung des Menschenrechts auf sauberes Wasser. Im Mai 2012 hatte er einen ersten Versuch nach rund 400 Kilometern aufgegeben – unter anderem weil ihm die seinerzeit niedrigen Wassertemperaturen zu schaffen machten. Zudem erwiesen sich die damaligen Tagesetappen von 40 Kilometer als zu anstrengend.” (Hessische/Niedersächsische Allgemeine)

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Und auch der zweite Rheinschwimmer, Andreas Fath, hat im August seine letzte Etappe durchschwommen und die Nordsee erreicht: “Bei 17 Grad Wassertemperatur und neun Grad kalter Luft war er (…) zunächst zehn Kilometer bis zum Rotterdamer Hafen geschwommen und dort auf ein Boot der Hafenbehörde umgestiegen. Bei Hoek van Holland legte er dann die letzten fünf Kilometer bis zur Nordsee schwimmend zurück. Ende Juli hatte der 49 Jahre alte Chemieprofessor (…) seinen Schwimm-Marathon begonnen. In den 28 Tagen hatte ihn ein Team auf Booten auf der 1.231 Kilometer langen Strecke von der Quelle bis zur Mündung begleitet und Wasserproben entnommen. “Kein Tag war wie der andere”, sagte Fath nach seiner Ankunft. Überall hätten ihm Menschen zugejubelt und ihn ermutigt. Aufgeben sei für ihn nie eine Option gewesen: “Manchmal musste ich mich extra motivieren, aber das muss man ja manchmal auch, wenn man morgens zur Arbeit geht.”" (SWR) “Fath schilderte auch Eindrücke vom Rhein, die den meisten verborgen bleiben. “Unheimlich laut” sei der Strom, vor allem unter Wasser. Fortwährend rausche der Kies auf dem Grund, das klinge wie ein riesiges Glas voll Murmeln.” (Schwarzwälder Bote)

6
“Ein neues Wärmemodell für den Rhein von Basel bis Köln soll ein massenhaftes Fischsterben wie im Jahr 2003 verhindern. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) stellte (…) in Karlsruhe ein entsprechendes Gemeinschaftsprojekt mit Hessen und Rheinland-Pfalz vor. “Wassertemperaturmanagement” nennt sich das Vorhaben, mit dem bei Bedarf steuernd eingegriffen werden soll bei zu hohen Temperaturen. Für den Neckar gibt es ein solches Monitoring bereits seit Sommer 2005, für den Oberrhein bis Worms seit 2011″, schreibt die Badische Zeitung. Kühlere Wassertemperaturen sollen dabei durch Drosselungen der Kraftwerke und Auflagen für die Großindustrie entlang des Rheins erreicht werden. So könne allein die BASF Ludwigshafen als größter Wärmeeinleiter in Rheinland-Pfalz die Rheintemperatur um ein Grad Celsius beeinflussen.

Leuchttürme des Rheins: die Wacht zu Bregenz – Hüterin des Deltas

Erhaben stürzt der Strom von den Ausläufern des Alpengebirges – kurz verlässt er die Gefilde der Eidgenossenschaft und quert die Bezirke der Ostmark.
„Brigantium“ nannten die Söhne Roms die Ansiedlung, wo der Rhein sich vielfältigst verzweigend in den Bodensee – auch gerne schelmisch „das schwäbische Meer“ genannt – ergießt.
Heute benennt man sie „Bregenz“.
Aber schon der weise und weltgewandte Römer wusste, viel halblebiges Gelichter nutzt das Gebirg für seine Zwecke – Versteck und Hinterhalt – zu schweigen von weglosem Sumpf und trügerischem Morast, wo nur Tier und Pflanz ihr Auskommen finden – aber keines Menschen Fuß zu setzen ist, respektive ist selbiger verloren, so er es wider allen Sinn und Verstand versucht -
Vom Berg her kommt der Zwerg. Klein an Gestalt, grenzenlos in seinem Hass wider die Sterblichen. Hass und Verblendung. Vom Sumpf herauf steigt der seelenlose Untote nebst dem Wiedergänger. Und ungezählt und namenlos ist alles Gelichter dazwischen – Blutsauger, Wechselbalg, Höllenbrut und überhaupt alle Kostgänger des Leibhaftigen -
Schon vor der Ankunft der Söhne der Wölfin hielt man am Alpenabgang Wacht gegen die Geschöpfe der Nacht. Manch Zeichen ward geschlagen, manch zaubermächtiger Spruch gesagt und und nicht wenige Jünglinge und Jungfrauen zur Abwehr des Bösen im Sumpf versenkt…
Der Römer als solcher war stets auf der Hut gegen alles, was sich gegen sterbliche Menschen und die ewigen Götter verschworen – mancher Turm und Mauer ward errichtet -
Als das Reich der Mittelmeerkinder im Westen fiel, blieb den Hintersassen nichts, als die Füße in die Hand zu nehmen – vor der Mitternacht noch geweihten Boden zu gewinnen …
Erst als wieder Recht und Ordnung Einzug gehalten – unter dem zu lobenden Landesherren Freimut Ritter zu Bürzelpracht – belehnt vom seinerzeitigen Kaiser Otto dem Schleimnasigen – wurde ein mächtiger Turm mit einem großen Licht errichtet – die Kleinhirnigen tönten voll des Spottes, man wollten den Flößen, Schaluppen und Kähnen einen gar zu großen Leuchtturm errichten – da, wo der noch jugendliche Strom vom Gebirg herabströmt, seinen Verzweigungen im Dickicht der Niederungen zum Schwäbischen Meere hin – aber die, mit den großen Gehirnen Gesegneten, wissen – es geht nicht darum, dem Fahrensmann und Schiffer den Weg zu weisen, sondern das Gelichter des Derherrseibeiuns in seine Schranken…

(Ein Gastbeitrag von Bdolf. rheinsein dankt!)

Virtueller Rhein (3)

Andreas Gurskys Fotografie Rhein II (aus einer Serie von sechs Rheinbildern) zeigt den knapp unterhalb der Bildmitte horizontal dahinfließenden Niederrhein. Eingefaßt ist der metallisch-graue Fluß von parallel verlaufenden Grünstreifen. Die Grünstreifen im Vordergrund dürften einen grasbewachsenen Deich vorstellen, den ein geteerter Radweg durchzieht. Der Hintergrund dürfte aus Weide- oder Feldgrün bestehen. Darüber verläuft ein mattgrauer Himmel. Gurskys Rheinlandschaft besteht also aus sechs Streifen im jeweiligen Wechselspiel Grün-Grau. Das Bild eignet etwas Lebloses, Technisches, Formales und beläßt Fragen hinsichtlich des zu Sehenden; tatsächlich handelt es sich nicht um eine ursprüngliche Aufnahme. Mittels Bildbearbeitung wurden Spaziergänger mit Hunden und Gebäude aus dem Ensemble herausgerechnet. Gursky erklärte dazu sinngemäß, daß paradoxerweise eine fiktive Konstruktion erforderlich sei, um ein genaues Bild eines modernen Flußes zu liefern. Bei einer Auktion in New York wurde das “digitale Gemälde” 2011 mit einem Verkaufspreis von 3,1 Millionen Euro zur teuersten Fotografie der Geschichte. Das Bild können wir hier nicht zeigen – es ist im Netz ohne weiteres zu finden. Seine Berühmtheit führte zu zahlreichen Pastiches, einschließlich Darstellungen des “ursprünglichen” Aufnahmeorts. Was ein moderner Fluß sei, vermag allerdings auch das teuerste Foto der Welt nicht zu klären, zumindest nicht die Antworten komplett auf sich zu vereinen. Im schnieken, neugestalteten Kölner Rheinauhafen übernehmen unterdessen die Gebäude eine permanente Bildbearbeitung der fysischen Landschaft und passen den Fluß visuell den Bedürfnissen ihrer Nutzer an:

galerie gerdineGalerie Gerdine im Rheinauhafen: Außenfassade mit Brückenkörper als Werbeträger

Rheinflexion: Zusätzliche, wohlgestauchte Flußschlaufe im Rheinauhafen

Warum ein Basler “Basiliskenbrünnli” nach Neuenburg am Rhein kam

Vorweg: Basler und Neuenburger Bürger sind stolz auf ihr hervorragendes Trinkwasser, was sie auch mit ihren vielen Brunnen in den jeweiligen Stadtgebieten zum Ausdruck bringen.

basiliskenbrunnenSeit dem Jahr 1993 gibt es in Neuenburg am Rhein einen “Basler Platz”. Dieser befindet sich vor dem Eingang des früher so genannten Doktorhauses an der Basler Straße 3. Die offizielle Einweihung vollzogen Bürgermeister Joachim Schuster und der damalige Basler Regierungsrat Dr. Christof Stutz, der von der “Basler Zeitung”, zu einem der zehn einflussreichsten Basler der Gegenwart gewählt wurde. Als Gastgeschenk hatte der Eidgenosse ein Basler Original im Voraus-Gepäck, ein “Basiliskenbrünnli”. Seit 120 Jahren findet man diese etwa sechs Zentner schweren Fantasiebrunnen in der Schweizer Stadt am Rheinknie. Mit Hilfe der originalen Holzmodelle, diese lagern unter Verschluss bei den “Industriellen Werken Basel” (IWB), werden von Zeit zu Zeit streng limitierte Nachgüsse hergestellt. Für die urnenförmige Säule und das reich verzierte Becken wird Grauguss verwendet. Der pro Tag ca. 2,5 Kubikmeter wasserspeiende Basilisk, ein im Mittelalter gefürchtetes Mischwesen aus Hahn und Schlange, ist aus Bronze gefertigt. Am Brunnenfuß ist ein zierliches Trinkschälchen angebracht, welches stets frisches Wasser für Vierbeiner bereithält. Interessant ist die Positionierung der Brunnen: bis auf eine Ausnahme am Basler Münster blicken alle Untiere in Richtung Rhein. Unter der Leitung des Basler Brunnenmeisters Rudolf Kämpf, werden die aktuell 28 “Basiliskenbrünnli” mit großer Liebe und Sorgfalt gewartet. Um Funktionalität und Aussehen zu erhalten, werden jährlich zwei der Brunnen komplett ausgetauscht und aufwändig restauriert. Es stehen immer mindestens fünf Ersatzbrunnen im Depot des Brunnenmeisters, werden es weniger erfolgt ein baldiger Nachguss. Nicht so komfortabel hat es sein Kollege in Neuenburg am Rhein, Wassermeister Wilhelm Kößler, der mit seinen Mitarbeitern das fast 20 Jahre alte “Basiliskenbrünnli” gut in Schuss hält, obwohl auch er schon mit Vandalismus-Schäden konfrontiert wurde. In aller Regel wird der vor zwei Jahren neu lackierte Brunnen einmal pro Woche gereinigt. Der Grund zur damaligen Schenkung war eben die passende Ausgestaltung des neu angelegten Basler Platzes, aber auch um der einstmals engen Beziehungen beider Städte zu gedenken. Beispielsweise daran, dass sich 1272 die Neuenburger Bürger in den Schutz des Basler Bischofs begaben, weil sie die Grafen von Freiburg nicht als ihren Stadtherren akzeptieren wollten. Höhepunkt der Auseinandersetzung war die Belagerung Basels. Etwa 20 Jahre später wurde Mathias von Neuenburg geboren, ein bedeutender Chronist des Mittelalters, der später auch als Rechtsberater in Basel wirkte. Erwähnt wurde auch das Jahr 1527, als der Basler Ratsherr und Jurist Bonifacius Amerbach, Martha Fuchs, die Tochter eines Neuenburger Bürgermeisters heiratete. Als Gäste dabei waren der berühmte Basler Stadtarzt Paracelsus, sowie der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam. Es war in der Zeit, als die Neuenburger ihr prächtiges Münster in den Rheinfluten versinken sahen, um trotz allem, wenige Jahre später, dem Basler Domkapitel als Tagungsort zu dienen. Fast wehmütig wurde daran erinnert, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, eine wöchentliche Schiffsverbindung zwischen Neuenburg und Basel existierte. Die Hauptinitiative, sowie die mehrjährige Vorarbeit zur Realisierung der Platzeinweihung, gingen vom Neuenburger Stadtchronisten Winfried Studer aus, der bis heute die Kontakte nach Basel pflegt. In Deutschland besitzen nur die Gemeinde Hausen im Wiesental, als Geschenk der Basler Hebelstiftung, und eben Neuenburg am Rhein einen dieser exklusiven Brunnen. Die baseltypischen Wasserspender wurden in der Vergangenheit aus historischen Gründen und darum mehrheitlich im lokalen Umfeld vergeben. Eine weltweite Verbreitung erfahren sie erst, seit dem die Kantonsverantwortlichen erkannten, dass die Brunnen perfekt in die Philosophie der “Basel. City of Vision” passen. So findet man heute die “Basiliskenbrünnli” sogar in China und aktuell auch in Russland.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Geschichten von doazmol: Leben und Landschaft am Alpenrhein

Karin Lehner betreibt mit Doazmol eine Art Miniatur-rheinsein zur Region Werdenberg im St. Galler Rheintal und hat uns schon mehrfach mit Gastbeiträgen vom Alpenrhein versorgt. Parallel zu ihrer Website, die das Leben im Werdenberg in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts dokumentiert, hat sie ihre Forschungen auch in einer Buchreihe niedergelegt, die just mit Band 5 (von Frauen aus der Region erzählte Anekdoten und Geschichten) abschloß. Karin Lehner hat die folgenden Ausschnitte eigens für rheinsein zusammengestellt. Wir freuen uns über ausgewählte Stimmen zur Werdenberger Landschaft mit Fluß, insbesondere über die im Text integrierte Tondokumentation im Rheintaler Dialekt zum auf der gegenüberliegenden Rheinseite verheerenden Hochwasser von 1927, in dessen Zuge halb Liechtenstein Land unter meldete:

„Doazmol gab es beim Rheindamm zwei Seeli, auch ein Tannenwäldchen und der schöne Erlenwald reichte bis nach Buchs.“ „Im Tannenwäldchen wurden in der Sonntagsschule die Ostereier versteckt.“ „Ringsedumi ischt eigentli nur Streui gse.“ „Im Frühling, bevor sie mit den Schafen auf die Alp gingen, waren diese dort in der Rheinau.“ „Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen: Hatte ich im Kreuz abends die Fenster geöffnet, hörte man Frösche quaken, Grillen zirpen und die Schafe in der Au blöken.“

„Unser Gebiet zum Spielen war in der Rheinau. Es stand später auch eine Hütte vom Natur- und Vogelschutzverein dort.“ „Di junge Haager hend denn no e Schiffli g’macht, dass me het chönne uf dem Seeli umegöndele.“ „Mit dem Schiff Libelle fuhren sie auf dem oberen Seeli umher. Es hatte dort auch eine kleine Insel.“ „An Sonntagen spazierten wir häufig dorthin mit den Kinderwagen und ‛hend det bröötlet’.“ „Als dann die Industrie kam und wegen des Baus der Autobahn musste die Naturschutzgruppe umziehen und baute ihre Hütte dann im Waro-Wäldli.“

oberes seeli in der rheinauOberes Seeli in der Rheinau

„Wenn der Rhein hoch war, wurden die Schleusen geöffnet und Wasser in die Auen gelassen.“ „Da iusse im Wald isch denn alles volle Wasser gse.“ „Es schwemmte viele Fische in die Seelein. Das obere Seeli war ein sehr tiefes, türkisfarbenes Gewässer, dort gab es auch Hechte. Weiter oben war noch ein Gewässer, ‛dr Hechtgunta’.“ „Sobald das Wasser abgeflossen war, wurde der Kies weggeführt und der fruchtbare Schlamm in die Äcker gebracht, um diese zu düngen.“ „Südlich der Brücke gab es viel Letten. Durch den Grundwasserdruck des Rheins entstanden in diesem Letten wie kleine Vulkane, aus denen das Wasser heraussprudelte.“

„1927 isch de Rhii so platzet voll gse, dass mer Angscht ka het, er gaht drüberuus und chäm in Haag duri – mir hend jo e schwachi Stell im Damm ka. Wo dia schwache Stelle gse sind, hend alli g’wüsst. Mer sind denn als Boba go luege, wenn de Rhii hoch gse ischt: bi de Schwächene het’s blooteret, s’Wasser het denn uii druggt. I sebem Jahr hend d’Haager g’mont, si müsend flüche mit em Väh. De Ätti het emool verzellt, do hend’s echli Soue ka und e paar Schwänz Väh und denn hegend’s dia Soue uufglaade und sind uf Sax ui, s’Väh hend’s uitriibe. Bis s’Wasser duri gse ischt. Es ischt denn tatsächli überuus, aber is Liechtestei.“

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„Mein Vater war Rheinholzer – hatten wir Mädchen jeweils Angst, wenn es wieder so weit war. Das war eine gefährliche Arbeit und dann gingen sie auch noch nachts. Mit Wurfhaken oder langen Stecken fischten sie nach dem hertreibenden Holz und versuchten es ans Ufer zu ziehen. Vater machte dies nicht aus Abenteuerlust, wir brauchten das Holz zum Feuern.“ „Es wurde ganz unterschiedliches Holz dahergeschwemmt: Manchmal ganze Bäume, zum Teil aber auch gesägte Bretter, welche es im Bündnerland weggeschwemmt hatte.“ „Die alten Haager waren richtig ‛aagfrässe’.“ „Mein Grossvater war ein leidenschaftlicher Rheinholzer, obwohl er nur einen Arm hatte. Er nahm seine Töchter mit, damit er nicht alleine war, falls etwas passiert.“

Auch die Einarmigkeit des rheinholzenden Großvaters hat natürlich eine Geschichte: „Sie lebten alle gemeinsam in Vaduz, wo Grossvater Postautochauffeur war. Dann ereignete sich ein folgenschwerer Unfall. Die Bremsen wurden doazmol an der Aussenseite des Autos bedient. Auf dem engen Strässchen von Malbun herunter musste er mit einem entgegenkommenden Auto kreuzen, dabei hat es ihm den Arm, den er zum Bremsen benutzen musste, abgedrückt. Dieser Arm wurde amputiert und mit nur einem Arm durfte er nicht mehr Postauto fahren. Die Häuser in Haag waren doazmol billig und so kauften sich meine Grosseltern dort ein günstiges Haus. Sie betrieb ein Lebensmittellädeli und er eine Velowerkstatt.“

Die Doazmol-Frauengeschichten können wie auch die anderen vier Bände über Karin Lehners Website bestellt werden. Eine erste Rezension zum Abschlußband gibt es in der Regionalzeitung Werdenberger & Obbertoggenburger.

Niehler Hafen

niehler hafen_paletten
niehler hafen_trassenNiehler Hafen. Tanks, Container, Lagerhalle mit Palettenstapel, Transporttrassen, Heizkraftwerkkühlturm. Die mächtigen (Auf)Bauten wirken verlassen und selbstorganisierend, ein Zeitlupenland, durch das gelegentlich eine gigantische Maschine irrt, um in technoider Seelenruhe Container umzusetzen. Die Spezies Mensch ist auf dem Hafenareal, das einem Zoogelände für Transportwesen gleicht, kaum zu erblicken. Lediglich hinter der Scheibe eines Speditions-Pförtnerhäuschens nahmen wir eine kurze Bewegung wie vom Rucken eines menschlichen Kopfes wahr.

Meanwhile, the Rhine River appears as squiggly lines

klee_rhein bei duisburg

Das Metropolitan Museum of Art stellt seine Bestände in einer Online-Sammlung zur Ansicht und teilweise auch Weiterverbreitung zur Verfügung. Die Suche nach rheinbezogener Kunst ergibt aktuell 188 Treffer. Darunter dieses Gemälde von Paul Klee: Der Rhein bei Duisburg, kommentiert von den Museumsexperten:

“Here, Klee inventively transforms the industrial city of Duisburg into an upbeat pictogram. A seascape, with boats, a shoreline, and rippling waves, is abbreviated into outlines set against muted tones of mauve, green, peach, rose, and buff. Klee uses open geometric forms for the houses and boats in the upper half of the picture, where one color plane blends into another. Meanwhile, the Rhine River appears as squiggly lines. This work may evoke the happy years Klee spent in the nearby city of Düsseldorf from 1931 to 1933.”

Köln in Köln (5)

Digital StillCamera Digital StillCamera Digital StillCamera Digital StillCamera

Rijngedichten

reno di lei

kostbare druppel
italiaans water
hield zich sterk

overleefde de val
liet zich niet drinken
droeg naar vermogen

passeerde
passeerde
passeerde

ronde
de drachenfels
liet zich wijden
ging weer te water

druppel
danste de rijn af

bereikte de hoek
dreef af

meed de zeeschoot
rolde het duin in

minde

***

vergeten de alp
vergeten de rotswei
valt
valt

loonwater ploetert plichtmatig
schopt schepen voort

loreleyt niet
nibelingt niet
stookoliet
het rheingold

halverwege
is het alleen met de nacht
voedt zich met angsten

wat bevatten die vrachten
drenk ik al die steden
verdrink ik al dat vuil
vul ik al die havens en monden

welke stroom nog te kiezen
welke takken te mijden

ik hunker zo diep naar een schoot
wacht die zee wel op mij?

verward stormt het water
naar voren
dolt zich vast
in tolkamers
wijkt furieus terug

kalmeert
gaat te rade in bingen
biecht op te xanten
ontvangt teerkost
ten eeuwigen reize

achter hem
hurkt het rijndal
verheffen zich münsters en torens

voor hem
ligt open de delta

weidelijk
herstelt zich het water
verneemt al een zweem
van de zee

vloeit over
ooij

berent
belvédère
noviomagus

passeert
bommel en
waarden

passeert
grotius
slot

daar wenkt
een nauw voelbare
vloed

stroomt onder
desiderius
brug

daar trekt
een gebiedende
eb

nadert
botlek licht op

scheur en maas
vatten het water

de zee zwemt genadiglijk op
biedt haar schoot

verkwikt zoet haar het water

***

zéér oude rijn
verliet zich ten einde
op theems
ijzer maas schelde
bereikte calais

stuitte op ijswal graniet
keerde ten oosten

onvermoeibaar opnieuw
rijn zingt een wolgalied

***

het veer is verlaten
zwerfkeien troffen de veerlui

de stuurstand is foetsie
overvaarten verzonken

zee zuigt aan de monden
water glijdt over leegte

(Ein Gastbeitrag von B. Zwaal. rheinsein dankt!)

Rheinische Tierwelt (16)

kanadagänse auf dem rhein

kanadagänse_flug_kl

Kanadagänse gehören zu den “neuen Tierarten” am Rhein, ihre Formationszüge zu Luft und zu Wasser sind inzwischen vertraute Anblicke. Die Populationen in Europa sollen auf entflohene und ausgewilderte Bestände aus Ziergeflügelhaltungen zurückgehen, die Ansiedlung entlang des Rheins erstreckte sich über Jahrzehnte, seit Mitte der 90er Jahre sind feste Bestände dokumentiert: einige Scharen kommen (wie dieser Tage, als wir am Riehler Ufer von ihnen überrascht wurden) zum Überwintern, andere halten sich dauerhaft im Rheinland auf. Die Gänse lieben beim Fliegen und Schwimmen zu tröten, an ihren Stimmen erkennen sie sich individuell. Was genau sie mit ihren Rufen bezwecken, konnten wir in der Literatur bisher nicht ausfindig machen; die Möglichkeit, daß sie angesichts überwältigender Rheinlandschaften aus Vogel- und Schwimmvogelperspektive improvisierte Gänselyrik produzieren besteht ebenso wie die Möglichkeit (aero)nautischer oder schlicht schwatzhafter Konversation.

Rheinkiesel (18)

Fratze

maskenkieselMaske

Gespenst

Freunde

La mulette du Rhin

mulette
“La mulette du Rhin (Unio margaritifera, Brugn.). Grande coquille épaisse et d’une belle nacre, que l’on trouve dans le Rhin, la Loire et quelques autres rivières. On en retire des perles assez belles et qui sont utilisées. C’est probablement à cette espèce qu’il faut rapporter ce que dit Valmont de Bomares des perles de Lorraine pêchées dans la Vologne, dont le duc Léopold s’était réservé la propriété, et dont une abbesse de Mons s’était fait un collier. Une mulette bien connue est celle nommée moule des peintres, qui sert à recevoir les couleurs dont les artistes se servent.
Les perles sont très-recherchées des femmes pour leur parure ; mais on en fabrique un très-grand nombre de fausses avec de petites ampoules de verre enduites intérieurement de colle de poisson chargées d’essence d’Orient, tirées des écailles de l’ablette, et ensuite remplies de cire fondue. Ces fausses perles imitent très-bien les véritables, et leur fabrication forme aujourd’hui un art assez important.”

Nicolas-Jean-Baptiste-Gaston Guibourt, Histoire naturelle des drogues simples, ou Cours d’histoire naturelle professé à l’École de pharmacie de Paris. Tome 4 (Paris, 1869-1870)
Abbildung: Charles-Auguste Millet, Les merveilles des fleuves et des ruisseaux, 3e édition illustrée de 66 vignettes sur bois par A. Mesnel (Paris 1888)

“Die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) ist eine der großen Süßwasser-Muscheln, die im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts als vom Aussterben bedrohte Tierart gilt.
Die Flussperlmuschel kann nach neuesten Ergebnissen ein Alter von bis zu 280 Jahren erreichen. Größe und Alter nehmen nach Norden hin zu, so wird sie in Spanien meist nur 8–10 cm groß und etwa 60–70 Jahre alt, während sie in Schweden bis zu 280 Jahre alt und 14 cm groß wird. Ihre Vermehrung ist ein komplexer, da an anspruchsvolle Voraussetzungen gebundener, störanfälliger Prozess mit mehreren Zwischenstadien. Nachdem die winzigen Frühformen (Glochidien) der Muschel geschlüpft sind, benötigen sie als Wirt die Bachforelle, in deren Kiemenbereich sie zehn Monate parasitisch leben; andere Fischarten sind als Wirt nicht geeignet. Sie wachsen von ca. 0,05 mm zur 0,5 mm großen Jungmuschel heran. Etwa im Mai, wenn die Temperatur und das Bachbett stimmig sind, lassen sie sich im Flussbett zwischen die Kiesel und Steine am Gewässergrund fallen und graben sich dort ein. Dort leben sie versteckt und kommen erst nach etwa sieben Jahren, im ausgewachsenen Stadium und mit der inzwischen gebildeten harten Schale, an die Oberfläche des Gewässergrundes. Sie verbringen dann den Rest ihres Lebens weitgehend stationär. In der Strömung lassen sie das Wasser durch ihre Kiemen fließen und filtern dabei Nahrungspartikel heraus. In ökologisch intaktem Umfeld bildet die Flussperlmuschel Kolonien.
Man bezeichnet die großen Flussmuscheln, einschließlich der Flussperlmuschel, auch als Najaden. (…)
Zur Zeit der deutschen Kleinstaaten und Fürstenhöfe bis zum 18. Jahrhundert wurde sie teilweise gezielt angesiedelt und effektiv mit drakonischen Strafen (z. B. Abhacken der Hand) geschützt, so im Odenwald und in der Eifel nachweisbar. Das Recht zur Suche nach Perlen wurde als Perlregal bezeichnet. Von vor 300 Jahren sind Perlmuschelbänke mit mehr als tausend Tieren pro Quadratmeter bekannt.
Mit dem Einmarsch der Franzosen 1794 erlosch das Perlregal in weiten Teilen Deutschlands, wodurch ein Raubbau ermöglicht wurde. (…)
Es enthalten nur wenige Muscheln tatsächlich Perlen: Die Angaben reichen von 0,05 % bis zu 4 % (eine Perle auf 2.000 bzw. 25 Muscheln).
Die Flussperlmuschel ist heute in Deutschland sehr selten. Gründe für den Bestandsrückgang sind: Verschmutzung der Gewässer durch Überdüngung, Abwassereinleitung und Streusalz; Versandung der Bäche; Verdrängung der Bachforelle, die als Wirtstier der Muschel dient, durch die eingeführte Regenbogenforelle; Aussterben des Lachses, der als Wirtstier dient; Vernichtung ganzer Bestände durch Perlenräuber in früheren Zeiten; neue Fressfeinde durch die Neozoen Bisamratte und Waschbär”
(Wikipedia, Stand: 17. August 2014)

„You look like Lady Gaga at the Rhinefalls!“

Mischtechnik (Aquarell, Tempera, Nagellack, Wasserstoffperoxid, Wasserfestbuntstift, usw…) auf Leinwand – 30 x 24 cm

“Können Sie sich eine Künstlerin vorstellen, die in Stilwell, Kansas lebt?
In Stilwell, Kansas zu leben bedeutet: in Stilwell, Kansas zu leben.
Dank Gary Burrell kann heute jeder problemlos jeden finden, überall auf der Welt. Nichtsdestotrotz scheint niemand in der Lage Stilwell zu entdecken.
Um mir die Zeit in Stilwell zu vertreiben treffe ich mich häufig mit Chery, meiner allerbesten, meiner einzigen Freundin.
Wir spielen dann ein lustiges Spiel: Gegenseitiges Beschimpfen! Ein Match geht über viele Stunden. Je sinnloser, desto besser.
Manche Beschimpfungen gehen in mein künstlerisches Werk ein.
Letzte Woche fiel Chery folgendes ein: “Du siehst aus wie Lady Gaga am Rheinfall!” – ”

Alice Carol Smith (Stilwell, Kansas, USA) für rheinsein.