Seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil…

Rüttlinger-1823Eine Reisebeschreibung des Auswanderers Johann Jakob Rüttlinger
(1790-1856) aus Wildhaus / Toggenburg / Schweiz.

Wie umständlich das Reisen vor bald 200 Jahren war, berichtet das Tagebuch des ärmlichen Schulmeisters und Volksdichters J. J. Rütlinger aus dem Schweizer Toggenburg, der im Frühling 1823 mit seiner Frau nach Nordamerika auswanderte. Zu Fuß und ein Stück weit im Postwagen gelangte das Paar mit einem Reisebegleiter nach Basel. Hier sollte ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden.

Auszug aus dem:
„Tagebuch auf einer Reise nach Nordamerika im Jahr 1823 von J.J.Rüttlinger“
Schweizer Memoirenbibliothek, Orell Füßli Verlag Zürich, 1925

Rüttlinger schrieb:
„Es war der 9. Mai. Da spazierten wir durch das Volksgewimmel über die Rheinbrücke, als gerade die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen auf den glatt dahin schleichenden Rhein senkte und die vergoldeten Turmspitzen der Stadt wie blitzende Leuchter anzündete. Da erblickten wir am andern Ufer zwei neu angekommene Schiffe, von welchen die Waren ausgeladen wurden. Nach dem Platz hineilend, erkundigten wir uns nach ihrer Bestimmung. Es hieß, morgen früh fahren sie ab nach Straßburg; sie würden uns mitnehmen, die Person für 4 Taler. Wir zeigten dazu große Lust. Aber unser Begleiter hatte noch keinen gültigen Pass. Heute war das Büro schon verschlossen und morgen ging es vor acht Uhr nicht auf. Wir meinten ein wenig, in einer fatalen Lage zu sein. Entweder mussten wir ihn verlassen, oder die Mitfahrgelegenheit versäumen. Wir überlegten nicht lange und wählten das Letztere, weil uns ein solcher Reisegesellschafter zu wichtig schien. Trotzdem schliefen wir diese Nacht ruhig und unbesorgt denn wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Nun holte unser Begleiter seinen Pass von der Polizei, und dann projektierten wir, wie wir weiter reisen wollten. Unser Mitwanderer schlug vor, einen eigenen Kahn zu kaufen um selbst damit zu fahren. So gerne ich auch weiter gewesen wäre, so hatte ich doch keine besondere Lust dazu, mich so einem „dreifach zusammengenagelten Brette“ anzuvertrauen. Der Gedanke aber an mein schweres Felleisen (Rucksack) und die Vermutung, dass es doch zu lange dauern würde, bis wir wieder Gelegenheit fänden zu fahren, entschieden mich zur Einwilligung. Meiner Frau war das ganz recht, und unser Freund als ein unternehmungslustiger Glarner, prahlte damit, schon mehr solche Wagestücke eingegangen zu sein. Ob dem so war, weiß ich nicht; doch fand ich, dass er mit dem Kahn ein wenig besser umspringen konnte als ich. Genug, es wurde ein neues Fahrzeug für eine Dublone gekauft. Man kann leicht denken, dass es kein Kaufmannsschiff war. Wir richteten uns also zur Abfahrt ein, luden unsere kleinen Equipagen ein und nahmen noch einen Mann mit bis Neuenburg, weil es dort für Unkundige eine gefährliche Stelle ist.
Nun schwankt der Kahn dahin. Bei der geringsten Bewegung verliert er sein Gleichgewicht und droht, uns bald rechts und bald links auszuleeren. Jetzt schwimmen wir über die Grenze unseres lieben Vaterlandes. In stummem Stillschweigen die vorige, gegenwärtige und künftige Lage durchphantasierend, kamen wir in Neuenburg an, ohne auf unsere Umgebung geachtet zu haben. Wir bezahlten unseren Schiffsmann und entließen ihn dann. Wir dachten auf jeden Fall unseren Kahn nur dann zu benutzen, wenn wir sonst keine andere Gelegenheit hätten, vorteilhafter und unbesorgter zu fahren. Hier trafen wir mehrere Männer an, welche beschäftigt waren, ein Bretterfloß einzurichten, um damit bis nach Straßburg zu fahren. Wir ließen nicht ermangeln, sie anzusprechen, um uns mitzunehmen. Sie waren dazu bereit, wenn wir bis zum nächsten Morgen warten würden. Wir übernachteten also hier bei einem sehr freundlichen und billigen Wirt, der uns vom Auswandern abraten wollte. Wir schliefen aber dessen ungeachtet, ruhig. Der Morgen kam, und nun sahen wir erst recht, wo wir waren. Die Stadt steht auf einer Anhöhe. Unten stürzt ein Teil des majestätischen Rheins donnernd über ein Felswuhr. Nun sahen wir, dass wer dort den Weg auf dem Fluss verfehlt, eine Beute des Todes ist. Der Wirt erzählte uns, dass hier vor ein paar Jahren ein ganzer Kahn voll Menschen verunglückte, welcher sich der starken Strömung nicht mehr entziehen konnte und ohne Rettung den Fall hinunter stürzte. Es sollen auch Auswanderer gewesen sein. Soeben, als wir den neuen Wasserschwimmer betraten, stieg die Sonne links dem Rhein golden über die mit Schneestreifen g1änzenden Elsässergebirge herab, indem rechts die anmutigen badischen Rebenhügel noch im Schatten lagen. Sanft gleitet das Floß niederwärts zwischen den einförmigen Ufern des Rheins, wo Weidengesträuch zu beiden Seiten in die Fluten herabschwankt und wo nur dann und wann die Turmspitze eines entlegenen Dorfes über das Wald Grün hinausragt. Jetzt präsentiert sich prächtig, nachdem das Floß um eine Ecke sich gewendet hat, Breisach auf zwei Hügeln in blauer Ferne. Dieser heitere Tag entschleiert uns schon das hohe Münster in Straßburg, als wir noch sieben Stunden davon entfernt sind. In Kehl nahmen wir Nachtherberge, und da es den Abend ziemlich unruhig zuging im Wirtshause von allerlei Volks, es war heute Sonntag, so gingen wir ins Freie und weideten unsere Augen an dem freundlichen Untergang der Abendsonne. In dieser so feierlichen Szene dachten wir an unsere Heimat und an unsere dort zurückgelassenen Lieben und Freunde mit innigem Gefühl. Die gleiche Sonne geht uns allen unter; der gleiche blaue Himmel umspannt uns alle; ein Vater im Himmel ist’s, welcher uns alle beschützt und erhält, so lange es sein Wille ist, seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil, dieses war der hoffnungsvolle Ausfluss unserer bewegten Herzen, mitten im lärmenden Gewühle der Welt.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)


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