Monatsarchiv für Juni 2014

 
 

Presserückschau (Juni 2014)

Die Pfingsthitze brachte schwere Unwetter mit sich, die das Rheinland verwüsteten und in Köln, Düsseldorf, Krefeld und Essen sechs Menschenleben forderten. Neben der Hitze und hitzebedingten Unwettern beschäftigte über die Pfingsttage zudem ein 50 Kilometer langer Ölfilm Medien, Behörden und Krisenkräfte – Nachrichten, die sich in unregelmäßigen Abständen wiederholen. Aus der Reihe üblicher Katastrofenmeldungen fiel im Juni lediglich die Debatte über ein drohendes Gänsedebakel:

Weil die niederländische Provinz Gelderland diesen Sommer 30.000 Wildgänse zum Abschuß freigibt, befürchten Jäger des Kreises Kleve eine Massenflucht der Tiere über die Grenze. Gänse seien hochintelligent, nach dem ersten Schuß würden sie Reißaus nehmen, 30.000 Vögel abzuschießen sei somit unrealistisch, verlauten die Klever Jäger und befürchten, ihre Kollegen jenseits der Grenze wollten die Gänse einfangen und vergasen, wenn sie in der Mauser flugunfähig seien: ein Vorgehen, daß die Niederlande erlauben, Deutschland jedoch nicht. Auch die niederrheinischen Bauern und Badeseegäste betrachten die Sommergänse mit Sorge: “Sie richten auf den landwirtschaftlichen Flächen große Schäden an: Sie sorgen für Ernteausfälle und verdrecken die Felder. (…) Auf den Liegewiesen (der Badeseen) liegt alle zehn Zentimeter Kot, und die Tiere halten sich auch am See auf, wenn Gäste da sind.” (Rheinische Post)

 

Wie das britische Königshaus einmal der Queen Mom einen Rheinfallbesuch zum Geburtstag schenkte

queen mum_kl
Spekulationen und nachrichtenartigen Meldungen diverser damaliger internationaler Boulevard- und Prominenzblätter im Kern durchaus zu entnehmen sei die insgesamt von der Öffentlichkeit wenig beachtete Geschichte wie das britische Königshaus einmal der Queen Mum einen Rheinfallbesuch zum Geburtstag schenkte, ohne daß die Paparazzi, bis auf ihren seinerzeit scharfsinnigsten Vertreter, Bob Woolf (der seine wahren Quellen bis heute nicht offenlegt, rheinsein aber ein paar Fragen beantwortete), davon Wind bekamen.

Die Geschichte spielte sich bereits im Jahre 1970 ab, anläßlich des siebzigsten Geburtstags der Königinmutter. Im engsten Kreis der Windsors seien im Vorfeld über Tage und Wochen, immer wenn die Queen Mum schlief, hartnäckige, mit irrwitzigen Monologen, fintenreichen, vor allem endlosen anekdotischen Repliken und facettenreichen Anhebungen des Tonfalls gewürzte Debatten geführt worden, die (wie Woolf, der seinen fotografischen Coup (s. Bild oben) hier noch einmal aufrollt, distinguiert anmerkt), dem Geiste Shakespeares ob ihrer komödiantischen Angestrengtheit allenfalls ein mild-mitleidiges Lächeln abgerungen haben dürften, jedoch schlußendlich, anders als zahlreiche Stücke des Dichters, ohne Leiche ausgingen.

Nachdem man sich im königlichen Familienrat zu Beginn der Planungen vor allem in Erinnerungen an überlieferte oder selbst miterlebte Geburtstagsausflüge der Ahnen ergangen habe, die großen Zeiten des Empires maliziös bis bitterernst heraufbeschwörend (mailt Woolf) wie etwa das Abenteuer der Ururgroßmutter der damals amtierenden Queen (letztere natürlich die bis heute amtierende Elizabeth II), die mit stolzen 71 Jahren den Schweizer Pilatus bezwang, indem sie sich in einer Sänfte bis zum Krienseregg tragen ließ, eine wild-erhabene Alpengegend, wo auf dem Kulm hernach ein Restaurant (“Leider ein schmachvoller Aspekt für die Krone: ausgerechnet ein Restaurant!” (Zitat: Woolf)) ihren Namen trug. Nein, eine Reise in die Berge sei eigentlich nicht in Frage gekommen.

Sind die Berge in Reiseplanungen einmal ausgeschlossen, wenden sich die Gedanken einer alten Regel zufolge dem Meer zu, der Küste. Im Falle der Windsors: war nicht die Queen Mom, als sie selbst regierte, Trägerin des Order of the Bath und somit dem das Königreich umgebenden Element aufs Tiefste verbunden? Andererseits: das Meer… Es war ja geradezu überall, sein Anbranden peinlichst bekannt, seine Trendsportarten nichts für eine Seniorin vom Schlage der Königinmutter, um deren Ehrentag es ja ging, wobei das Protokoll vorgab, daß der engste Familienkreis die Reise nolens volens mit zu bestreiten hätte. Das Meer jedenfalls bestand für die Ratschlagenden aus einer riesigen Falle akuter Langeweile; zudem wirkte die Küstenlinie, “was die Windsors selber vielleicht garnicht allzu direkt, sondern vielmehr unterbewußt empfänden” (Woolf), eher einengend, anbetrachts des Verlaufes der Landesgeschichte. Wie auch immer, eine Reise ans Meer sei zu keiner Zeit ernsthaft in Frage gekommen.

Ein Vorteil für den reisenden Adel ist seine zahlreiche Verwandtschaft, die sich häufig über die Lande verteilt, eine Folge historischer Heiratspolitik. Angehörige des Adels können sich, “wofür braucht man da noch Berge, wofür das Meer?” (Woolf), in halb Europa einladen lassen. Das gilt selbstredend auch für die Windsors, “für wen, wenn nicht für sie?” (Woolf). Wir haben uns wohl ein freudig anhebendes Gelächter vorzustellen, geboren aus der gemeinsamen Hoffnung auf eine baldige Lösung der schwierigen Geschenkfrage mithilfe der Verwandtschaft, ein Fröhlichkeitsausbruch, aus dessen Mitte sich Prince Philip urplötzlich an seine Mutter erinnert haben mochte, die Mutter wiederum eine Tochter der Princess Victoria of Hesse and by Rhine. Der Rhein, der Rhein, wir Briten liebten einst den Rhein, dürfte es durch die Runde gegangen sein, “the castled crag of Drachenfels, Sie wissen schon!” (Woolf), just als die Queen Mum aus einem frühen Gin-Nickerchen erwachte, und im Halbschlaf, besorgt um ihren Nachmittagsspaziergang, gemurmelt haben soll: “The rain falls?”

“That’s it!” “The Rhinefalls!” “Superbe choice, granny!”

An ihrem Ehrentag schließlich habe man die ahnungslose Queen Mum in einen Privatjet verfrachtet und sei gemeinsam an den Zielort geflogen. Ihre zunehmende Flugaversion habe die alte Dame mit einigen Gimlets niedergerungen. Einzeln, zerstreut, als britische Touristen verkleidet, näherte man sich den schäumenden Fällen. Wie zufällig habe man auf dem Känzeli wieder zusammengefunden, die Queen Mum in die Mitte genommen und ein launiges “Happy birthday!” angestimmt, als die alte Dame “That’s nothing but water!”  (Woolf) grantelnd zum Rückweg gedrängt haben soll, der umgehend, an ihrem Geburtstag durfte die Queen Mum stets noch einmal in die Rolle der Königin schlüpfen, angetreten worden sein soll.

Franz Beckenbauer vs Moselweine

Der Film Libero von Wigbert Wicker aus dem Jahr 1973 bietet halbdokumentarische Szenen über das schwierige Leben des berühmten Fußballprofis Franz Beckenbauer. Als der sympathische Kaiser aufgrund seines übervollen Terminkalenders ein Formtief durchlebt, schiebt ihm eine Werbeagentur, für die er gelegentlich Modell steht, gemeinsam mit der Presse mit Hilfe eines fingierten Fotos, das den Fußballer mit einer “duften Biene” zeigt, eine Affäre unter. Unzufriedene Fangruppen sammeln sich vor Beckenbauers Anwesen, verbrennen ihre Vereinsfahnen und skandieren Schmährufe. Im langweiligen bayerischen Schulunterricht träumt sich indessen ein zehnjähriger Junge in die Welt des Stars. Während die übrigen Schüler entweder vor sich hindösen oder Papierkugelschlachten führen, muß für das flüchtenswert Dröge des bundesdeutschen Alltags in den frühen Siebzigern ein Exkurs des Lehrers über das Rheinland und schließlich (der Lehrer wird zunehmend versonnener, seichte Musik setzt ein) einige Mosellagen herhalten:

“Das Rheinland… Die Rheinebene… Ist gut bewässert, der Boden ist fruchtbar, das Klima ist mild. Ein reiches Bauernland. In der Ebene wächst fast alles, was der Bauer und der Industriearbeiter in den nahen Großstädten braucht. Mainz, Wiesbaden, Frankfurt. Ähm, im Westen lösen die Weingärten die Getreidefelder ab. Hier an der, an der Weinstraße – Ruhe! – an der Weinstraße liegen die berühmten Weinorte, ähm, Edenkoben, Deidesheim, Wachenheim, Bad Dürkheim, ähm, Nierstein – was’s denn los? An den warmen Sonnenhängen der Mosel, da wachsen so berühmte Weinsorten wie Wehlener Sonnenuhr, Bernkasteler Doctor, Bernkasteler Riesling, Piesporter Riesling, Ürziger Schwarzlay, Brauneberger Juffer, Klüsserather Bruderschaft, Zeller Schwarze Katz, Kröver Nacktarsch, Gimmeldinger Meeresspinne, Trittenheimer Altärchen, Trittenheimer Apotheke…” (Die Schulglocke schrillt, die Schüler stürzen jubelnd aus dem Unterricht.)

Himmelsfänomen zu Pfingsten

Gegen Abend des jüngst vergangenen Pfingstmontags sammelte sich eine weißgraue Wolkenmasse über Mauenheim. Anders als der gewöhnliche hiesige Leichentuchhimmel besaßen diese Wolken plastische Ausprägung: ein sich ballendes, sackartiges, gen Betrachter ausgebeultes Knäuel, das seinen Schwerpunkt zu justieren und wie zufällig knapp neben das Bezirksrathaus zu zielen schien: ein Bündel Himmelsmacht mit Vorbotenfunktion, das stundenlang stumm und angespannt reglos über den Dächern wartete. Auffällig waren die Furchen, die, Strömungsrippeln vergleichbar, das zusammenhängende Massiv in fleischige Sektionen teilten, eine gewaltige umnetzte Schinkenkeule als Thorshammer auf dem Schoß eines unentschlossenen Engels, zugleich Botschaft höherer Mächte: “So etwas habt ihr noch nie gesehen, merkt euch, wir können das!” Die Vögel hüpften und huschten durch die niederen Lagen des Hinterhofs, führten aufgeregte Diskussionen. Das Gezwitscher, Gegurre und Gekecker dauerte ungefähr eine halbe Stunde und schlug schließlich in nackte Angst um. Als erste verpissten sich die Amseln, die im Hof als relative Vernunftvögel gelten. Die selbstverliebten Tauben, die großkotzigen Elstern: zeigten grad mal noch ein paar Sekunden Attitüde, nachdem die Amseln verschwunden waren, und rauschten dann ziemlich kleinlaut ab. Joseph, das Eichhörnchen (von einem verächtlichen Menschen paradoxerweise benannt nach Benedikt XVI., weil nach dessen Inauguration eine britische Zeitung geschrieben hatte, der Mann sähe aus als würde er heimlich mit Wollust Eichhörnchen verspeisen), das putzigste und klügste Tier des gesamten Hinterhofs, war bereits in der Woche zuvor abgetaucht.
Mit dem Auftreten der seltsamen Wolken war das Internet ausgefallen, viele Nachbarn standen deshalb auf ihren Balkonen. Und standen dort lange. Einzelne Profezeiungen: “Jewitter”. Zur Tagesschau schwärzte der Himmel sich wie bei einer Sonnenfinsternis, doch ohne vorauseilenden Sturm. Es wurde ganz still, sogar diejenigen Nachbarn, die sonst bei jeder Gelegenheit den Hof mit Chart-Hits beschallen, harrten schweigsam der Ereignisse wie rückwärtig erfaßte Menschen auf einem Oelze-Gemälde, die ein Oelze-Gemälde betrachten. Offensichtlich: die Nacht war zwei Stunden früher angebrochen als um diese Jahreszeit üblich; Wind kam auf und säte Sturm. Jenseits der Neusser Straße verwandelte Mauenheim sich in eine Blitzkugel. Die Engel schnippten grünliche, gelbliche Lichtscheiben über die Dächer. Ein computeranimierter Regentropfen erkundete den Hinterhof, vereinzelte echte Tropfen stürzten sich, um Eindruck zu schinden, in Kamikazemanier auf das Pflaster. Das anhaltende Blitzgeflacker über Mauenheim konnte Krieg bedeuten, es war möglich, daß einige Widerständler abgeleitete Blitze und von Silvester übriggebliebene Feuerwerksraketen in den Himmel zurückfeuerten. Doch keinerlei Detonationen, noch irgendeine verläßliche Nachricht aus dem Frontgebiet drüben im Nibelungenviertel. Ein Krachen und die Front verlagerte sich ansatzlos in den Hinterhof. Zu diesem Zeitpunkt keine Überraschung mehr. Die Bäume verneigten sich vor dem Eindringling, allen voran die Zierkirsche. Der im äußersten Blütenstand begriffene Holunder zupfte sich einzelne Blätter aus und streute sie fraternisierend dem Feind entgegen. Der einmarschierte Wind enthielt ein Gemisch aus Sand, sprühender Feuchte und fernen Feuerwehrsirenen. Die Böen: Nahkämpfer mit Spezialausbildung. Ein widerständiger Nachbar, von einer Ninja-Böe überrascht (von hinten unter den Achseln durch an Kinn und Nase gepackt, die Knie wohl eingeknickt), verschwand zappelnd hinter seiner Balkonbrüstung. Das Gewitter nahm seinen Lauf, die Blitze hatten sich mittlerweile mit dem Donner abgestimmt, der Starkregen führte Plastikmüll mit sich und triumfierte für eine Stunde. Kurz vor Sonnenuntergang endete die Nacht, die Sonne ging, die Nacht kam zurück.
Anderntags berichteten die Medien (das Internet funktionierte wieder) von sechs Todesopfern des Unwetters im Rheinland. Über Mauenheim hatte der Dämon nur kurz gelacht und den ansässigen Menschenstamm mit einer lockeren Demonstration seiner Fähigkeiten in den nachpfingstlichen Alltag entlassen.

Vatertag zwanzichvierzehn

Nervöses Gesichtszucken
zeigt sich inzwischen häufiger
auch bei föhnfrisierten Graumelierten.

Bunte Epoche.
Z.B. Maghreb – höflich,
Asiaten mit handgerechteckigen Platt-phonen,
kinderwagenschiebende Frau, ganzkörperverschleiert.
Westfälischer Maurer, kräftig armhändig
plus drei Lehrlinge / Söhne, denen er in der
Straßenbahn die vorbeifensternde Landeshauptstadt
erklärt: “Da ist die Tonhalle.”
(Vielleicht der einzige CDU-Wähler im ganzen Waggon.)
Native Senioren wirken
günstig gekleidet und irgendwie schüchtern.

(Ein Gastbeitrag von GrIngo Lahr. rheinsein dankt!)

Auf den Spuren Willy Brandts

costa_krefeld_willy brandt platzrheinsein-Explorer Costa “Quanta” Costa dokumentiert Spuren Willy Brandts am Rhein. In Brandts Wohnort Unkel steht eine Büste, Krefeld hat der Ikone der präneoliberalen Sozialdemokratie einen halbwild bewachsenen Kreisverkehr gewidmet und die Verkehrsinsel Willy-Brandt-Platz genannt.

Schlump in Bacharach

“Schlump hatte Glück. Die Somme-Offensive war im Gang, die Lazarette in der Etappe wurden geleert, und Schlump rollte mit dem Lazarettzug in die Heimat. Wenn er sich auf die Seite legte, sah er draußen die schmucken Dörfer vorbeieilen, die so sauber und so freundlich im Grünen eingebettet lagen. So ganz anders als die freudlosen, kahlen Häuser in Frankreich. Und er konnte sich nicht satt sehen an den roten Dächern und an den grünen Wiesen. Der Zug fuhr am Rhein entlang, über stolze Brücken, langsam, aber ohne zu halten. In Bacharach wurden sie ausgeladen. Sie kamen in ein großes, stilles Haus, wo sie von schweigsamen Klosterfrauen gepflegt wurden. Ein alter Arzt untersuchte sie. Schlump mochte ihm wegen seiner Jugend aufgefallen sein, der Arzt pflegte ihm immer ein paar scherzhafte Worte zu sagen. Schlump war gesund und hatte junges Blut, das schnell heilte. Aber er mußte doch ein paar Monate im Bett liegenbleiben.”

(Passage aus Schlump, einem zunächst unter Pseudonym erschienenen Anti-Kriegsroman von Hans Herbert Grimm über den Ersten Weltkrieg, ein Schelmenstück in der Tradition des Simplicissimus, das einerzeit, wie zu lesen ist, wegen des zeitgleichen Erscheinens von Remarques Im Westen nichts Neues untergegangen sein soll, später von den Nazis verbrannt und in den folgenden Jahrzehnten vergessen, zur hundertsten Jährung des Ersten Weltkriegs von Kiepenheuer & Witsch ausgegeraben und im April neu aufgelegt wurde.)

Bleulers Rheinfall

Bleuler_RheinfallDer Baldachin über dem Känzeli auf Bleulers Rheinfallgouache ist Geschichte – wie auch die gesamte Plattform heuer nicht mehr aus Holz, sondern Beton besteht und spektakulär freischwebend beinahe bis auf Armlänge (so wollte es uns zumindest scheinen) an den Wassersturz herangebaut zum einen psychedelische Blickwinkel, zum anderen Hechtsprünge in das Becken unterhalb der Fälle ermöglicht. Bleulers Eindruck des sonnenbelichteten stürzenden Schaumes läßt sich im Jahr 2014 zudem problemlos mit ausgewählten Webcam-Standbildern der jeweils letzten 24 Stunden (auch der Nachtstunden) abgleichen, welche die Infoseite rheinfall.ch anbietet.

Seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil…

Rüttlinger-1823Eine Reisebeschreibung des Auswanderers Johann Jakob Rüttlinger
(1790-1856) aus Wildhaus / Toggenburg / Schweiz.

Wie umständlich das Reisen vor bald 200 Jahren war, berichtet das Tagebuch des ärmlichen Schulmeisters und Volksdichters J. J. Rütlinger aus dem Schweizer Toggenburg, der im Frühling 1823 mit seiner Frau nach Nordamerika auswanderte. Zu Fuß und ein Stück weit im Postwagen gelangte das Paar mit einem Reisebegleiter nach Basel. Hier sollte ein Schiff zur Weiterreise gefunden werden.

Auszug aus dem:
„Tagebuch auf einer Reise nach Nordamerika im Jahr 1823 von J.J.Rüttlinger“
Schweizer Memoirenbibliothek, Orell Füßli Verlag Zürich, 1925

Rüttlinger schrieb:
„Es war der 9. Mai. Da spazierten wir durch das Volksgewimmel über die Rheinbrücke, als gerade die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen auf den glatt dahin schleichenden Rhein senkte und die vergoldeten Turmspitzen der Stadt wie blitzende Leuchter anzündete. Da erblickten wir am andern Ufer zwei neu angekommene Schiffe, von welchen die Waren ausgeladen wurden. Nach dem Platz hineilend, erkundigten wir uns nach ihrer Bestimmung. Es hieß, morgen früh fahren sie ab nach Straßburg; sie würden uns mitnehmen, die Person für 4 Taler. Wir zeigten dazu große Lust. Aber unser Begleiter hatte noch keinen gültigen Pass. Heute war das Büro schon verschlossen und morgen ging es vor acht Uhr nicht auf. Wir meinten ein wenig, in einer fatalen Lage zu sein. Entweder mussten wir ihn verlassen, oder die Mitfahrgelegenheit versäumen. Wir überlegten nicht lange und wählten das Letztere, weil uns ein solcher Reisegesellschafter zu wichtig schien. Trotzdem schliefen wir diese Nacht ruhig und unbesorgt denn wir dachten: Kommt Zeit, kommt Rat. Nun holte unser Begleiter seinen Pass von der Polizei, und dann projektierten wir, wie wir weiter reisen wollten. Unser Mitwanderer schlug vor, einen eigenen Kahn zu kaufen um selbst damit zu fahren. So gerne ich auch weiter gewesen wäre, so hatte ich doch keine besondere Lust dazu, mich so einem „dreifach zusammengenagelten Brette“ anzuvertrauen. Der Gedanke aber an mein schweres Felleisen (Rucksack) und die Vermutung, dass es doch zu lange dauern würde, bis wir wieder Gelegenheit fänden zu fahren, entschieden mich zur Einwilligung. Meiner Frau war das ganz recht, und unser Freund als ein unternehmungslustiger Glarner, prahlte damit, schon mehr solche Wagestücke eingegangen zu sein. Ob dem so war, weiß ich nicht; doch fand ich, dass er mit dem Kahn ein wenig besser umspringen konnte als ich. Genug, es wurde ein neues Fahrzeug für eine Dublone gekauft. Man kann leicht denken, dass es kein Kaufmannsschiff war. Wir richteten uns also zur Abfahrt ein, luden unsere kleinen Equipagen ein und nahmen noch einen Mann mit bis Neuenburg, weil es dort für Unkundige eine gefährliche Stelle ist.
Nun schwankt der Kahn dahin. Bei der geringsten Bewegung verliert er sein Gleichgewicht und droht, uns bald rechts und bald links auszuleeren. Jetzt schwimmen wir über die Grenze unseres lieben Vaterlandes. In stummem Stillschweigen die vorige, gegenwärtige und künftige Lage durchphantasierend, kamen wir in Neuenburg an, ohne auf unsere Umgebung geachtet zu haben. Wir bezahlten unseren Schiffsmann und entließen ihn dann. Wir dachten auf jeden Fall unseren Kahn nur dann zu benutzen, wenn wir sonst keine andere Gelegenheit hätten, vorteilhafter und unbesorgter zu fahren. Hier trafen wir mehrere Männer an, welche beschäftigt waren, ein Bretterfloß einzurichten, um damit bis nach Straßburg zu fahren. Wir ließen nicht ermangeln, sie anzusprechen, um uns mitzunehmen. Sie waren dazu bereit, wenn wir bis zum nächsten Morgen warten würden. Wir übernachteten also hier bei einem sehr freundlichen und billigen Wirt, der uns vom Auswandern abraten wollte. Wir schliefen aber dessen ungeachtet, ruhig. Der Morgen kam, und nun sahen wir erst recht, wo wir waren. Die Stadt steht auf einer Anhöhe. Unten stürzt ein Teil des majestätischen Rheins donnernd über ein Felswuhr. Nun sahen wir, dass wer dort den Weg auf dem Fluss verfehlt, eine Beute des Todes ist. Der Wirt erzählte uns, dass hier vor ein paar Jahren ein ganzer Kahn voll Menschen verunglückte, welcher sich der starken Strömung nicht mehr entziehen konnte und ohne Rettung den Fall hinunter stürzte. Es sollen auch Auswanderer gewesen sein. Soeben, als wir den neuen Wasserschwimmer betraten, stieg die Sonne links dem Rhein golden über die mit Schneestreifen g1änzenden Elsässergebirge herab, indem rechts die anmutigen badischen Rebenhügel noch im Schatten lagen. Sanft gleitet das Floß niederwärts zwischen den einförmigen Ufern des Rheins, wo Weidengesträuch zu beiden Seiten in die Fluten herabschwankt und wo nur dann und wann die Turmspitze eines entlegenen Dorfes über das Wald Grün hinausragt. Jetzt präsentiert sich prächtig, nachdem das Floß um eine Ecke sich gewendet hat, Breisach auf zwei Hügeln in blauer Ferne. Dieser heitere Tag entschleiert uns schon das hohe Münster in Straßburg, als wir noch sieben Stunden davon entfernt sind. In Kehl nahmen wir Nachtherberge, und da es den Abend ziemlich unruhig zuging im Wirtshause von allerlei Volks, es war heute Sonntag, so gingen wir ins Freie und weideten unsere Augen an dem freundlichen Untergang der Abendsonne. In dieser so feierlichen Szene dachten wir an unsere Heimat und an unsere dort zurückgelassenen Lieben und Freunde mit innigem Gefühl. Die gleiche Sonne geht uns allen unter; der gleiche blaue Himmel umspannt uns alle; ein Vater im Himmel ist’s, welcher uns alle beschützt und erhält, so lange es sein Wille ist, seien wir am Rhein, am Mississippi oder am Nil, dieses war der hoffnungsvolle Ausfluss unserer bewegten Herzen, mitten im lärmenden Gewühle der Welt.“

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Fliegende Kühe

kühe in der ruinaulta_kl

Graubünden ist reich an Mythen und Geschichten, Arnold Büchli hat bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts tausende Seiten mündlicher Überlieferungen über das Auftreten seltsamer Bergwesen, verzauberter Kühe oder des Ewigen Juden in Camischolas und sonstige besondere Begebenheiten in Dialekt und Hochsprache zusammengetragen. Auf rheinsein läßt sich u.a. die Geschichte einer deftigen Bündner Gerstensuppe finden, die eine Lawine überstanden hat. Ein Vorfall, der sich jüngst im Vorderrheintal ereignete, und über den verschiedene Schweizer Zeitungen berichteten, dürfte, ein wenig ausgeschmückt, sicherlich das Interesse des Mythologen geweckt haben. Acht Kälber, hieß es in der Presse, seien des Nachts von ihrer Weide ausgerissen (hinter solchen Vorgängen steckte in früheren Zeiten immer ein böswilliger Zauber), die eine Hälfte habe sich im steilen Gelände verstiegen, die andere sei zwischen Sagogn und Valendas in der wildschönen Ruinaulta in den Fluß geraten und von ansteigendem Wasser auf einer Kiesbank eingeschlossen worden. Die Bergung der Tiere, an der Feuerwehrleute, Tierärzte, Landwirte, Rettungshubschrauber und Polizeitaucher beteiligt waren, habe sich über Stunden erstreckt. Schließlich seien die Kühe wohlbehalten auf ihre Weide zurückgeflogen worden. Das Motiv der fliegenden Kuh, in der heutigen Schweizer Bergwelt kein allzu ungewöhnliches Bild, ist indes andernorts (“Aus dem Himmel stürzende Kuh versenkt Fischerboot im Ochotskischen Meer”) in den modernen Sagenschatz eingegangen. Womöglich nur eine vorläufige Lücke, denn bildnerisch und literarisch scheint das zeitgenössische Motiv der zwischen Alpengipfeln schwebenden Kuh durchaus kraftvollen Stoff zu bieten.

kühe in der ruinaulta_3_kl(Bilder: Kantonspolizei Graubünden)