Jimi Hendrix am Rheinfall


rheinsein
bietet ein Spektrum höchst unterschiedlicher Zeugnisse rheinischen Kulturschaffens. Gelegentlich erzählen Leserzuschriften Geschichten, die ohne rheinsein kaum zustande gekommen wären.  Diese handelt von einer wissenschaftlichen Exkursion mit erfolgreichem Ausgang:

Erst im April stieß der seit einigen Jahren verrentnete Privatmusikologe Edouard Roche über nicht mehr nachvollziehbare Suchbegriffe auf unseren, ebenfalls von einer Leserin angestoßenen Eintrag, der Iggy Pop mit dem Rheinfall in Zusammenhang setzte. Trotz der offenkundigen Vagheit unseres Eintrags überzeugt, dort Materialien für sein geplantes Mammutwerk über die Verschmelzung von klassischen und Rock-Kompositionstechniken im XX. Jahrhundert ausfindig machen zu können, ein wenig auch in Urlaubslaune, machte Herr Roche sich noch im selben Monat auf den Weg nach Schaffhausen.

Die ersten Tage fand er dort nichts, stieß schließlich aber auf einen jungen Mann, der sich Shiketa Limekaro nannte (dessen bürgerlicher Name Jonathan Tekisch lauten soll), den Bassisten von Dunklesunne, der ersten Death Metal Band aus dem schweizerischen Andelfingen, das für seine Grabanlagen aus der Latènezeit über den Ortsrand hinaus insgesamt bekannter ist als für die musikalische Radikalität seiner Jugend. Bei einigen gemeinsamen Essen und zahlreichen Getränken in einer Gaststätte geriet Herr Roche mit dem Nachwuchsmusiker in Austausch. Limekaro beeindruckte Roche im Gespräch nicht nur mit seinem musikalischen Wissen und seiner Trinkfestigkeit, sondern hielt darüberhinaus eine Theorie bereit, die dem an Abseitigkeiten interessierten Musikologen vorher niemals begegnet war. Demnach liege der Ursprung für Drone Doom, eine Spielart des Doom Metal, nirgendwo anders als in den ersten Takten von Wagners Rheingold – gespielt von Jimi Hendrix.

Die Theorie sei eigentlich, meint Herr Roche – so erstaunlich gleichwie einleuchtend sie direkt auf ihn wirkte – sogar mehr als eine Theorie, denn sie lappe direkt ins Reich der Mystik. Mit ihr zusammen hinge nämlich zudem die Geschichte des Stücks Purple Haze von Hendrix’ Are You Experienced-Album und Limekaros bezeichnender und offenbar wiederkehrender Traum von einem Unterwasserspaziergang des legendären Gitarristen am Rheinfall. Ganz genau könne er Limekaros Theorie nicht mehr rekonstruieren, wohl aber das Ambiente, in dem er sie erfuhr, und auch einige wesentliche Aspekte, die ausreichten, die Theorie in seinem Werk über Kompositionstechniken vorzustellen.

Roche hätte nämlich, um das Gespräch aufrecht zu halten, weitere Getränke bestellt, bis Limekaro in zwar schwerfälliges, aber unablässiges Reden verfallen sei (währenddessen der Bassist obige Zeichnung anfertigt habe). Ab einem gewissen Zeitpunkt sei es gleichsam (für einen Bassisten) aus dem jungen Mann nur so herausgesprudelt, sogar Euforie habe er ansatzweise verstrahlt, während Roche selber aufgrund des eigenen Bierkonsums in einen Zustand aus Müdigkeit, gepaart mit leichter Verwirrung geraten sei und das Protokoll aus diesem Grund unvollständig bleiben müsse:

Eines Nachts sei Limekaro, so habe er erzählt, in einem Traum abgetaucht in das ewige Tiefblau der Unterwasserwelt unterhalb des Falles, das sich in die größte Stille seines noch jungen und von viel Metalmusik begleiteten Lebens verwandelt habe, ein Paradox, das ihn beeindruckt habe, umso mehr, als plötzlich Hendrix erschien, ganz in weiß gekleidet, halb Mensch, halb Schaum (Zitat Limekaro: “Genau wie dieser Bierschaum!”)”, ganz mythische Gestalt, zugleich sichtbar und unsichtbar, und langsam zwischen den Felsen auf- und ablief, die komplett unter Wasser standen, was trotz des eigentlich undurchlässigen Tiefblaus und Hendrix’ partieller Unsichtbarkeit deutlich zu erkennen gewesen sei. Das Herummarschieren des Gitarristen schien sich bereits zur Sinnlosigkeit zu steigern, als plötzlich die Felsen zu leuchten begannen. Sie leuchteten nun immer kräftiger, begannen dabei zu wabern und verwandelten sich in zwei riesige floureszierende 100 Watt Super Lead-Verstärker der Marke Marshall, aus denen Rheingoldtakte dröhnten, die Anfangstakte um genau zu sein, und ganz eindeutig in Hendrix’ typischer Interpretation. Das beste an der Geschichte aber komme am Ende. Es gäbe von Hendrix’ Unterwassersession, behauptete Limekaro, eine Aufnahme, die tatsächlich existiere, was seine Theorie beweise, und von der er Roche eine Kopie beschaffen könne.

Am nächsten Morgen, als Herr Roche mit brummendem Schädel und trockenem Mund in seinem Hotelzimmer erwachte, stellte er fest, daß seine Brieftasche um einige hundert Franken erleichert war. Doch auf seinem Nachttisch fand er ein Audio-Tape, das er eigens für rheinsein digitalisierte:

jimi am rheinfall

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