Das freie Wort.

Sie sollen Alle singen
Nach ihres Herzens Lust;
Doch mir soll fürder klingen
Ein Lied nur aus der Brust:
Ein Lied, um Dich zu preisen,
Du Nibelungenhort,
Du Brot und Stein der Weisen,
Du freies Wort!

Habt Ihr es nicht gelesen:
Das Wort war vor dem Rhein?
Im Anfang ist’s gewesen,
Und soll drum ewig sein.
Und eh’ Ihr Einen Schläger
Erhebt zum Völkermord,
Sucht unsern Pannerträger,
Das freie Wort!

Ihr habet zugeschworen
So treu dem Vaterland,
Doch seid Ihr All’ verloren
Und haltet nimmer Stand,
So lang in West und Osten,
So lang in Süd und Nord
Das beste Schwert muß rosten,
Das freie Wort!

Ach! es will finster werden,
Wohl finster überall,
Doch ist die Nacht auf Erden
Ja für die Nachtigall.
Heraus denn aus der Wolke,
Die, Sänger, Euch umflort;
Erst predigt Eurem Volke
Das freie Wort!

Laßt Eure Adler fliegen,
Ihr Fürsten, in die Welt,
Und sie nicht müssig liegen
Auf Eurem Wappenfeld!
O jagt einmal die Raben
Aus unsern Landen fort,
Und sprecht: Ihr sollt es haben,
Das freie Wort!

(Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen)


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