Monatsarchiv für April 2014

 
 

Presserückschau (April 2014)

Vom uns bis dato unbekannten “Anker am Rhein”, von seinem ehemaligen Ursprung am Kaiserstuhl und seinem Kampf mit der Donau, einem neuen Museum, dem Liechtensteiner Robin Hood, dem Bienensterben, einer Brunnenidee, die uns bekannt vorkommt, und den Auswirkungen der zeitgenössischen Flußkreuzfahrt handeln die ausgewählten Meldungen des Aprils:

1
In Voerde soll “im Zuge von Voerde 2030 – Lebendige Innenstadt” der Marktplatz umgestaltet werden, berichtet die Rheinische Post und vermittelt dank ihrer mit der Planung betrauten Interviewpartner den Eindruck einer bislang toten Innenstadt: “Wichtig seien eine klare Funktionszuordnung, wie zum Beispiel ein autofreier Marktplatz, eine Identität sowie eine positiv erlebbare Atmosphäre zu schaffen. Der Platz ist groß, aber man vergesse ihn wieder.” Die Planungen befänden sich noch in der Anfangsfase. Im Ideenpool liege unter anderem “der Rheinverlauf bei Voerde als Miniatur” (ähnlich wie bereits im benachbarten Wesel zu bestaunen): “Voerde sei der “Anker” am Rhein, deshalb sei ein Wasserspiel für den Platz wichtig.”

2
Die rheinland-pfälzische Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Ulrike Höfken über Auswirkungen des geplanten Freihandelsabkommens (TTIP) im Interview mit der Rhein-Zeitung: “Beim Weinanbau ist in den USA beispielsweise der Einsatz von Wasser zur Reduktion des natürlichen Alkoholgehaltes zugelassen, in Europa nicht. Auch geografische Angaben werden in den USA anders verwendet. Bezeichnungen wie “Moselle” oder “Rhine” sind erlaubt, auch wenn sie nichts mit den Herkunftsorten zu tun haben. Das ist nicht kompatibel mit unseren Kennzeichnungen. Würde ein Mosel-Wein aus den USA hier im Handel stehen, es wäre Wettbewerbsverzerrung. Das hätte natürlich auch Auswirkungen auf die Einkommen der Winzer und auf unsere Gesetzgebung. Denn wenn es sich nicht mehr lohnt, bei den Bezeichnungen genau zu sein, wer macht es dann noch?”

3
Bei einem rätselhaften Bienensterben in Leverkusen sollen rund eine Million Bienen verendet sein: “Die Bienenvölker standen alle entlang des Rheins in Rheindorf-Süd und Hitdorf. (…) Imkermeister Konrad Kappek (…) sagt, dass die Völker in Rheindorf-Süd am stärksten betroffen seien. Schon aus dem Norden des Stadtteils gab es keine Meldungen über Vergiftungen. Auch nicht von der anderen Rheinseite. Deshalb sei eine Vergiftung des Rheinwassers, von dem die Tiere trinken, nicht sehr wahrscheinlich, sagte der Leverkusener Amtstierarzt Kurt Molitor. Auch weiter rheinabwärts und aus Wiesdorf gab es keine Meldungen. Es ist nur dieser schmale Streifen Leverkusens betroffen.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

4
Frisch eröffnet wurde das Bergbaumuseum in Innerferrera und erweitert die Museumspalette am Rhein um ein weiteres Kleinod: “Zwei Dauerausstellungsräume im Obergeschoss, im Erdgeschoss eine öffentliche Toilette, einen Informationspunkt des Naturparks Beverin und einen Raum für Wechselausstellungen: Das alles beherbergt das (…) mit bergmännischen «Glückauf»-Wünschen neu eröffnete Bergbaumuseum in Innerferrera, entstanden aus einer Kooperation des Vereins Erzminen Hinterrhein mit dem Naturpark Beverin und der Gemeinde Ferrera” berichtet die Südostschweiz.

5
Womöglich im Rhein bei Ruggell ertränkt hat sich der selbsternannte Robin Hood Liechtensteins Jürgen Hermann, der seit Jahren gegen die “liechtensteinische Finanzmafia” (Zitat Hermann) kämpfte und schließlich Bank-Chef Jürgen Frick erschoß: “Die Liechtensteiner Wasserrettung war (…) damit beschäftigt, den Rheindamm bei Ruggell abzusuchen. Nahe der Kanalmündung waren eine Jacke sowie weitere Utensilien des Mörders von Bank-Frick-Chef Jürgen Frick aufgefunden worden. Darunter auch seine Identitätskarte und ein Reisepass. Auf einer Seite im Pass hatte Hermann einige handschriftliche Notizen verfasst, in denen er in einer Art Abschiedsbrief auch seine Tat gestand. Aufgrund dessen geht die Landespolizei davon aus, dass Jürgen Hermann in die Fluten des Rheins sprang und Suizid beging. Wie es an der Medienkonferenz in Vaduz hiess, könne es allerdings Tage oder Wochen dauern, bis die Suche abgeschlossen sei – sofern überhaupt jemals eine weitere Spur auftauche. Ebenfalls noch nicht aufgefunden wurde die Tatwaffe, eine 9-Millimeter-Pistole.” (Liechtensteiner Vaterland)

6
Einen interessanten Artikel über die Früh- und künftige Geschichte von Rhein und Donau bringt der Schwarzwälder Bote: “Die Donau ist der einzige Fluss Europas, der kontinuierlich nach Osten fließt. Blickt man in die Flussgeschichte, hat die Donau eine sehr bewegte Zufluss-Vergangenheit. Der geologischer Prozess ist jedoch unaufhaltsam. Er führt dazu, dass die Donau an einem fernen Tag ihre Quelle bei Tuttlingen haben wird, das wird an dem Tag sein, an dem der Rhein ihr das Wasser an der Donauversinkung über den Aach-Topf komplett nimmt. Aufgrund des Höhenunterschieds wird der Rhein diesen geologischen Kampf gegen die Donau auch immer gewinnen – so wie das in der Vergangenheit schon öfter geschah. (…) Der Kampf um das Wasser begann vor zehn Millionen Jahren. Die schweizerische Aare war in jenem Zeitalter der Quellfluss, die Geologen sprechen von der Aare-Donau. (…) Der Rhein hatte damals seine Quelle noch in der Nähe des Kaiserstuhls. Durch geologische Vorgänge vor rund zwei Millionen Jahren, wie dem Einbruch des Oberrheingrabens, kam es zu einer Verbindung von Aare und Rhein.”

7
Der Entwicklung von Schiffkreuzfahrten und ihren Auswirkungen für Breisach widmet die Badische Zeitung einen ausführlichen Artikel. Demnach werden die Kreuzfahrten fast ausschließlich von englischsprachigen Rentnern gebucht, die bei ihren Landausflügen von Begleitern in Tracht und Bollenhut bespaßt werden. Auch verät der Artikel, daß sich in Australien eine Weinbauregion namens Kaiserstuhl befinden soll: “Auf dem Rhein erleben Schiffkreuzfahrten einen Boom. Davon profitieren auch Anlegestellen wie Breisach oder Kehl. Allein in Breisach rechnet man in der kommenden Saison mit 500 Schiffen – insgesamt wären das 100.000 Fahrgäste. (…) Viking Cruises, einer der weltweit führenden Flusskreuzfahrt-Firmen, wirbt für seine Fahrten auf dem Rhein seit diesem Jahr nur noch in anglophonen Ländern – dort liegt der für das Unternehmen rentablere Markt. Die Kölner Niederlassung wurde deshalb 2013 geschlossen – offenbar ohne Folgen für das Wachstum des Unternehmens: Allein in diesem Jahr hat es in ganz Europa 18 neue Schiffe in Betrieb genommen.” (Badische Zeitung)

Rheinische Periferie: Solingen

solingen_costa (Bild: Costa “Quanta” Costa)

Rheinzitat (23)

„Heute zu glauben, daß ohne die DDR das deutsche Problem zu lösen sei, ist genauso sinnlos wie zu behaupten, daß der Rhein rückwärts ins Gebirge fließen wird.”

(Aus einer Meldung im Neuen Deutschland vom 01. Juni 1967. Und weiter: “Mit dieser Feststellung weist (…) die führende bulgarische Zeitung „Rabotnitschesko Delo” die Alleinvertretungsanmaßung der westdeutschen Regierung zurück.”)

Mitten durch fließt der Rhein, und man sieht ihn fließen

(…) Es hangt dieses Städtchen an einem ziemlich steilen Hügel am Bodensee , und ist für izt der Sitz und die gewöhnliche Wohnung des Bischofes von Costanz. Die Lage ist überaus angenehm, wiewohl fast kein ebnes Flecken im ganzen Stadtchen ist. Man sieht hier einen Thurm, der vom Könige Dagobert als ein Leuchtethurm vom Hafen des Sees soll gebauet worden seyn. Ich hielt mich nicht lange dabey auf, sondern fuhr über den See gerade der Stadt Costanz zu. Ich sage Ihnen: diese Gegend mag wohl eine der angenehmsten Gegenden in der Welt seyn. Vor sich hat man einen sechs bis sieben Meilen langen Spiegel vom Gewässer. Rings herum sind die angenehmsten Hügel, die allenthalben mit Städten, Dörfern, Schlößern und Kirchen besitzt sind. Mitten durch fließt der Rhein, und man sieht ihn fließen. Rückwärts ragen die schweizerischen Gebirge herüber, die doch noch so ziemlich leidlich sind. Wann Sie zu Costanz oder Costniz ankommen, so können Sie Sich einige Merkwürdigkeiten voll der berühmten Kirchenversammlung zeigen lassen, die allhier vom Jahr 1414. bis 1418. gehalten worden. Sie können noch die Gastherberg der vornehmsten Häupter sehen, die gegenwärtig waren, wie auch die Oerter der gehaltenen Zusammenkünfte sowohl der besondern, als der allgemeinen Versammlung und des geschlossenen Zimmers, in welchem Otto von Colonna zum Pabste erwählet worden. Man kann Ihnen auch die Wohnung und den Ort zeigen, an welchem Johann Huß offentlich abgesetzet, und den Platz, wo er verbrannt worden. Von Costanz können Sie aus dem Rheine zwischen lauter Weinbergen sehr bequem nach Schafhausen, und von Schafhausen wiederum auf der Post nach Zürch kommen. (…)

(Heinrich Brauns Briefe, Augsburg 1768)

Fließtheorie

(…) Die Verhältnisse, welche zu berücksichtigen sind, wenn ein Hauptfluß ansehnliche Nebenflüsse empfängt, verdienen ebenfalls Beachtung. Wiebeking hat auch hierüber lehrreiche Bemerkungen mitgetheilt. Der Winkel, unter welchem die Ströme einander treffen, hat einen bedeütenden Einfluß auf den Stand und die Geschwindigkeit beider, und besonders des letztern. Soll die Vereinigung so von Statten gehen, daß daraus für beide keine Beschränkung oder Hemmung entsteht, so muß dieser Winkel, wie sich aus den Gesetzen der Hydrodynamik ergiebt, ein möglichst spitzer sein; denn in diesem Falle zieht der große Strom den kleinen an sich, ohne Unregelmäßigkeiten zu veranlassen, und vermischt sein Material mit dem seinigen. Ist aber der Winkel, unter dem sie sich treffen, ein rechter, oder gar stumpf, so wirft der Hauptstrom den Nebenstrom von sich, und der letztere wird zurückgestaut und kann nur langsam abfließen. Dieses Verhältniß steigert sich, wenn der Hauptstrom anschwillt und mächtiger wird; dann kann er wol den Nebenstrom weit hinauf zum Austreten bringen. So zeigt Wiebeking, daß der Rhein früher den Main bei hohem Stande drei Stunden oberhalb seiner Mündung über das Ufer zu treten nöthigte, ein Übel, welches auch noch gegenwärtig vorkommt, und dem man nur durch Erhöhung der Deiche steüern kann, da der Main seine alte spitzwinklige Mündung bei Cassel (Mainz gegenüber) noch nicht wieder erhalten hat. So sah auch Saussure einst die Wasser der Arve bei einem Anschwellen des Rhone rückwärts fließen. Ein großer Übelstand waltet in diesen Fällen ob: da nämlich die Kraft der Nebenflüsse plötzlich gebrochen wird, so lassen diese ihr Material schnell fallen und verursachen eine Versandung der Mündungen und des Hauptflusses. Wiebeking erlaütert dieses durch Beispiele und rügt sehr kräftig den Unverstand, welcher bei vielen Anlagen der künstlichen Leitung der Flußmündungen, namentlich am Rhein, begangen worden, wo man die Nebenflüsse zu einem Kampf mit dem Hauptfluß gezwungen hat, da doch die Gewalten beider so ungleich sind.
Es giebt indeß noch eine andere sehr verbreitete Ansicht über das Verhalten der Vereinigung zweier Flüsse, wovon wir noch etwas hinzufügen müssen. Man hat nämlich oft gesagt, daß, wenn ein Hauptstrom einen bedeütenderen Nebenfluß empfängt, seine Breite unterhalb dieser Vereinigung sich nicht merklich vermehrt und wenigstens wol selten in dem Verhältniß der beiden Durchmesser der Ströme, da sie noch getrennt waren. Bossut will dies dadurch erklären, daß nach der Vereinigung die Geschwindigkeit sich im Verhältniß der Wassermasse vermehre, und also kein weiteres Bette erforderlich sei; nicht genug hieran, hat man behauptet, daß die Hauptflüsse sich nicht erhöhen, wenn die Nebenflüsse selbst beträchtlich anschwellen, indem immer die Geschwindigkeit der vermehrten Wassermenge proportional sei. So soll u. a. der Main den Rhein nicht anschwellen, und eben so der Rhein umgekehrt nicht schmäler werden, wo er sich in die Waal und den Rhein scheidet, ja es ist hierauf sogar ein sonderbarer Vorschlag gegründet worden, wie die versandeten Flüsse Hollands zu reinigen sein würden. Wiebeking hat hierauf geantwortet, daß, wenn diese Ansicht richtig wäre, gar keine Überschwemmungen eintreten könnten, weil dann immer die vermehrte Geschwindigkeit des Flusses hinreichen würde, die vergrößerte Wassermenge abzuführen. Er fügt zugleich hinzu, daß, wenn auch in vielen einzelnen Fällen ausgezeichnete Abweichungen von der Regel vorkommen, es doch noch viel zu sehr an Beobachtungen fehle, um hierüber von irgend einem Strome etwas Vollständiges anführen zu können; so fließen z. B. alle Flüsse Baierns, der Inn, die Jser, der Lech u. s. w. bedeutend schneller als die Donau, in welche sie münden; und so weit Wiebekings Erfahrungen reichen, ist fast immer die Geschwindigkeit des Hauptflusses geringer, als die seiner Nebenflüsse, sobald beide niedrig stehen; erhöht sich aber einer von beiden, so ändert sich dieses Verhältniß. Bei niedrigem Wasserstande ist z. B. die Geschwindigkeit des Rheines geringer, als die der Sieg; schwillt dagegen der Rhein durch die Mosel und Ahr an, so tritt der umgekehrte Fall ein. Dabei ist es nicht zu übersehen, daß, wenn dieses Verhältnis; in aller Strenge begründet wäre, die Geschwindigkeit der Ströme endlich doch gegen ihre Mündungen am größten sein müßte, was aber, wie wir oben schon gesehen haben, nicht der Fall ist, so sehr auch die Theorie dafür zu sprechen scheint. (…)

(Heinrich Karl Wilhelm Berghaus: Allgemeine Länder- und Völkerkunde: Nebst einem Abriß der physikalischen Erdbeschreibung: ein Lehr- und Hausbuch für alle Stände, Stuttgart 1837)

Hume in Nijmegen: you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt

Nimeguen, 20th March.

We have come from Breda in two days, and lay last night at Bois-le-duc, which is situated in the midst of a lake, and is absolutely impregnable. That part of Brabant, through which we travelled, is not very fertile, and is full of sandy heaths. Nimeguen is in the Gueldre, the pleasantest province of the seven, perhaps of the seventeen. The land is beautifully divided into heights and plains, and is cut by the branches of the Rhine. Nimeguen has a very commanding prospect, and the country below it is particularly remarkable at present because of the innundation of the Wahal, a branch of the Rhine, which covers the whole fields for several leagues; and you see nothing but the tops of trees standing up amidst the waters, which recalls the idea of Egypt during the inundations of the Nile. Nimeguen is a well-built town, not very strong, though surrounded with a great many works. Here we met our machines, which came hither by a shorter road from the Hague. They are a berline for the general and his company, and a chaise for the servants. We set out to-morrow, and pass by Cologne, Frankfort, and Ratisbon, till we meet with the Danube, and then we sail down that river for two hundred and fifty miles to Vienna.

(David Hume)

Rheinische Periferie: Altenahr

altenahr_strümpfe_costaaltenahr_costa (Bilder: Costa “Quanta” Costa”)

azur

über den niederrheinischen
spargelfeldern dampft
die erde und
tau glitzert in den planen
aus plastik made in hongkong
eine stunde vor berufsverkehr
schwärzt sich der asphalt
aus der spurrille geworfen
liegt ein toter fuchs
diese bilder sind erfunden
doch sieh
so viel staub und
so viel licht

(Ein Gastbeitrag von Christoph Danne. Das Gedicht stammt aus Dannes Band finderlohn, erschienen im tauland-verlag, Köln 2011)

27.07.1832 Das erste Dampfschiff in Neuenburg am Rhein auf seinem Weg nach Basel

raddampfer stadt frankfurtRaddampfer “Stadt Frankfurt”. (Bild: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Main)

Das Oberrheingebiet war einst eine dschungelartige Auenlandschaft mit mehreren vernetzt strömenden Wasserarmen. Alljährliche Hochwasser formten eine schlaufenförmige Flusslandschaft mit vielen Inseln und Sandbänken. Eine schiffbare Fahrrinne, auch Talweg genannt, war für größere Boote nur in wasserreichen Monaten befahrbar. Stromaufwärts mussten diese von Menschenhand, über oft unbefestigte Uferwege, gezogen werden.
Ab 1816 befuhren Dampfschiffe den Rhein, anfänglich aber nur von Rotterdam bis Mannheim. Freiherr Cotta von Cottendorf, ein einflussreicher Stuttgarter Verleger, Unternehmer, Diplomat, Freund von Schiller und Goethe, war ein überzeugter Förderer der noch jungen Dampftechnik. Er nutzte seine weitläufigen Beziehungen, um Investoren für den Bau und Betrieb von Dampfschiffen zu gewinnen. Eine erste Oberrhein-Erkundungsfahrt nach Basel scheiterte im Jahre 1827 hinter Mannheim, am zu großen Tiefgang des Dampfers “Ludwig”, gebaut vom niederländischen Ingenieur G. M. Roentgen.
Fünf Jahre später versuchte man es erneut, wieder mit einem von G. M. Roentgen konstruierten Schiff, welches eine neue Aufgabe suchte, nachdem die Schifffahrtslinie auf dem Main, zwischen Mainz und Frankfurt, wegen Unrentabilität eingestellt wurde. Dieses eiserne Schiff mit dem Namen “Stadt Frankfurt” hatte 10 Mann Besatzung, war 28,50 m lang, 5,70 m breit und hatte nur 48 cm Tiefgang. Die hölzernen Schaufelräder wurden von einer 52 PS starken Brunel-Dampfmaschine angetrieben. Gefahren wurde ausschließlich bei Tageslicht. Teile der Besatzung und alle Passagiere, darunter Cotta, Roentgen, mehrere Geschäftsleute aus Köln mit ihren Frauen, übernachteten in Hotels und Gasthöfen.
Am 22. Juli 1832 legte das Schiff in Kehl ab, um vier Tage später in Breisach einzutreffen. Zur selben Zeit inspizierte der Landkommissär Wilhelm Geigy, als Beauftragter des Handels-Komitees der Schweizer Rheinstadt, mit den Schiffermeistern David und Hindenlang, auf einem Holzkahn bis Neuenburg fahrend, die Wasserverhältnisse. In der Zähringerstadt wurde übernachtet und sich nach eventuellen Gefahrenstellen stromabwärts erkundigt. Niemand im Ort wusste von der bevorstehenden Ankunft eines Dampfschiffes. Am 26. Juli trafen sich die Basler und die Dampfschiffer in Breisach. Schiffermeister David wurde zuvor in die Schweiz zurückgeschickt, um eine Ladung Steinkohle nach Neuenburg zu bringen. Geigy und Hindelang gingen als Lotsen an Bord des Dampfers. So konnte die Reise stromaufwärts fortgesetzt werden. Wegen Gegenwind und starker Strömung konnte das Tagesziel Neuenburg nicht erreicht werden. Nach 15 Stunden mühevoller Fahrt, wurde vor dem Dorf Zienken in einem Nebenarm geankert. Die Passagiere wurden mit Kutschen zur Übernachtung nach Neuenburg gefahren. Am Morgen fuhr die Besatzung das Schiff die restlichen Kilometer stromaufwärts, um die gerade eingetroffene Kohle zu übernehmen. Diese Pause nutzten einige der Gesellschaft, um einen Ausflug nach Badenweiler zu unternehmen. Diejenigen sollten aber erst wieder am nächsten Tag vor dem Dorf Märkt an Bord gehen. In Abwesenheit entging ihnen nun, wie sechzehn starke Bauern, das angekettete Boot über eine reißende Stelle zwischen Kleinkems und Istein ziehen mussten. Danach wurde das letzte Mal die Anker geworfen. Am nächsten Tag, man schrieb den 28. Juli 1832 mittags halb zwölf Uhr, kam Basel in Sicht und man legte unter Kanonendonner und bejubelt von einer großen Zuschauermenge an der Schifflände an.

(Ein Gastbeitrag von Bruno Haase. rheinsein dankt!)

Lesotho

lesotho

Hume in Koblenz: the Rhine, the finest river in the world

Coblentz, 26th March.

We have made the pleasantest journey in the world in two days from Bonne to this town. We travel all along the banks of the Rhine; sometimes in open, beautiful, well-cultivated plains; at another time sunk betwixt high mountains, which are only divided by the Rhine, the finest river in the world. One of these mountains is always covered with wood to the top; the other with vines; and the mountain is so steep that they are obliged to support the earth by walls, which rise one above another like terraces to the length of forty or fifty stories. Every quarter of a mile, (indeed as often as there is any flat bottom for a foundation,) you meet with a handsome village, situated in the most romantic manner in the world. Surely there never was such an assemblage of the wild and cultivated beauties in one scene. There are also several magnificent convents and palaces to embellish the prospects.
This is a very thriving well-built town, situated at the confluence of the Moselle and the Rhine, and consequently very finely situated. Over the former river there is a handsome stone bridge; over the latter a flying bridge, which is a boat fixed by a chain: this chain is fixed by an anchor to the bottom of the middle of the river far above, and is supported by seven little boats placed at intervals that keep it along the surface of the water. By means of the rudder, they turn the head of the large boat to the opposite bank, and the current of the river carries it over of itself. It goes over in about four minutes, and will carry four or five hundred people. It stays about five or six minutes and then returns. Two men are sufficient to guide it, and it is certainly a very pretty machine. There is the like at Cologne. This town is the common residence of the Archbishop of Treves, who has here a pretty magnificent palace. We have now travelled along a great part of that country, through which the Duke of Marlborough marched up his army, when he led them into Bavaria. ‘Tis of this country Mr. Addison speaks when he calls the people —

Nations of slaves by Tyranny debased,
Their Maker’s image more than half-defaced.

And he adds that the soldiers were —

Hourly instructed as they urge their toil,
To prize their Queen and love their native soil.

If any foot soldier could have more ridiculous national prejudices than the poet, I should be much surprised. Be assured there is not a finer country in the world; nor are there any signs of poverty among the people. But John Bull’s prejudices are ridiculous, as his insolence is intolerable.

(David Hume)

Salmhandel

“In dem tiefen Felsenbette des Rheins zwischen Oberwesel und St. Goar wird der beste Rhein-Salm gefangen und damit starker Handel, besonders nach Frankfurt, Mainz und in die Bäder getrieben, im Winter aber, da die Sommerhitze keinen gar weiten Transport erlaubt, auch nach Kassel, Nürnberg, Regensburg und selbst bis Wien. Den Salmen zu fangen und gehörig zu behandeln verstehen nur die Salmenfischer.”

(Johann-Andreas Demian, Neuestes Handbuch für Reisende auf dem Rhein und in den umliegenden Gegenden, Frankfurt/Main 1820)

Hume in Köln: as if it had lately escaped a pestilence or famine

Cologne, 23d March.

We came hither last night, and have travelled through an extreme pleasant country along the banks of the Rhine. Particularly Cleves, which belongs to the King of Prussia, is very agreeable, because of the beauty of the roads, which are avenues bordered with fine trees. The land in that province is not fertile, but is well cultivated. The bishoprick of Cologne is more fertile and adorned with fine woods as well as Cleves. The country is all very populous, the houses good, and the inhabitants well clothed and well fed. This is one of the largest cities in Europe, being near a league in diameter. The houses are all high; and there is no interval of gardens or fields. So that you would expect it must be very populous. But it is not so. It is extremely decayed, and is even falling to ruin. Nothing can strike one with more melancholy than its appearance, where there are marks of past opulence and grandeur, but such present waste and decay, as if it had lately escaped a pestilence or famine. We are told, that it was formerly the centre of all the trade of the Rhine, which has been since removed to Holland, Liege, Frankfort, &c. Here we see the Rhine in its natural state; being only a little higher (but no broader) on account of the melting of the snows. I think it is as broad as from the foot of your house to the opposite banks of the river.

(David Hume)

Lorelei

Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Was reit’st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut, ich führ’ dich heim!

“Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh’ Du weißt nicht, wer ich bin.”

So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn’ ich dich – Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei!

“Du kennst mich wohl – von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!”

(Joseph von Eichendorff)

Die schwarze Lorelei

greco_die schwarze loreley_4Im Frühjahr 1959 kam “Whirlpool – Die schwarze Lorelei” von Lewis Allen, mit Juliette Gréco und O. W. Fischer, in die deutschen Kinos. Laut damaliger Zeit-Kritik ein unsäglicher Schinken: “Man hat die Lorelei durch ein Whisky-Glas besehen!” Die Gréco laufe gern existentialistisch-barfuß einher, um “das berühmte Rheinlied” Pieds nus dans mes sabots zu singen, mit dem Rhein habe das alles, außer der Kulisse, nichts zu schaffen: “Ein Kleinfilm, der gerade so gut an der Rhône oder an den Ufern unseres englischen Ost-West-Kanals spielen könnte. (…) Es wurde aber kein Rheinfilm, sondern ein Reinfall. Dabei wartet das wirkliche Drama und die Tragik des europäischen Schicksalsstroms immer noch auf eine ehrliche Dramatisierung.”

greco_die schwarze loreley_3Neutraler beschreibt den Film der französische Wikipedia-Artikel: “La légende germanique de la blonde Lorelei revue et corrigée façon sombre mélodrame moderne pour une Lora-Lorelei brune. Juliette Gréco (…) se fait ici marinière chaussée de sabots blancs et maniant périlleusement la barre entre le gentil O. W. Fischer et le méchant William Sylvester. L’action se déroule tout au long des rives de l’éternel et esthétique Rhin romantique, mises en valeur par la photographie pastel, nuancée de gris, d’ocre et de vert tendre (…).”

Helge Schneider gibt die Loreley

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Im Restaurant
Cornelia Dohm: “Ja, und jetzt?”
Sekretärin: “Kommt: “Mit den Waffen einer Frau.”"

(Szenenwechsel)

Im Bus
Mutter Potzkothen: “Jürgen, weißt du noch, damals, die Rheinfahrt? Kannst du dich noch erinnern?”

(Szenenwechsel)

Auf der Bühne
Die Loreley: “Ich harr hier seit Ewigkeiten / Und seh die Schiffe durchs Wasser gleiten / Ich kämm mir das Haar mit einem silbernen Bürstchen / Grausam starb deshalb schon manch armes Würstchen / Verwirrt von der Pracht meiner goldenen Strähnen / Tat sich manch Schiffer zu weit über die Reling lehnen / Das Schiff zerbrach mir direkt vor den Füßen / Der Seemann auf grausame Art mußt für seine Neugier büßen / Dideldei, dideldei, ich bin die Loreley”

(Still und Dialoge aus Johnny Flash, ein Film von Werner Nekes, Deutschland 1987)

Loreley (8)

The passage from Oberwesel to St. Goar, is principally amongst steep and craggy hills that are not even adorned with any other ruins than their own. A few fishermen’s huts are placed contiguous to the borders of the Rhine, that the stream may yield nourishment, where the earth refuses it. The hills are so near to the edge of the river, that scarcely is there space left for the horses that draw the vessels against the current, and this is frequently interrupted by the fall of large masses from the summit, and of shivering of flate from the sides of the mountains.
At Luhrley, where the Rhine forms a kind of bay, is a rock celebrated for its echo. It repeats several times very distinctly. From this circumstance it derives its name, the word Luhrley, signifying to resound. Here, as you will suppose, we all of us gave specimens of stentorial powers. Like the members of some disputing clubs, each tried in his turn who could be heard the longest and loudest. We were delighted with the sound of our own voices, and not a little flattered, that the rocks should deign to repeat so frequently every thing we uttered. When our lungs and our ears were tired with this exercise, we solicited of our fair musician to sooth us with some plaintive ditty. She modulated her voice to the full swell of resonance, without the articulation of an echo, and her husband softly breathing a secondo upon the German flute, we were charmed with a duetto. The rocks of Luhrley never assisted at one so good. We repeatedly pronounced it No! Never! And they as repeatedly answered No! Never!

(Thomas Cogan, The Rhine: Or, A Journey from Utrecht to Francfort)

***

Andere Erklärungen für die Bedeutung des Namens Loreley liefert der aktuelle Wikipedia-Artikel (Stand: 14. April 2014): “Die Herkunft des Namens Loreley ist nicht eindeutig geklärt. Unumstritten ist der Zusammenhang mit dem ursprünglich keltischen Ley, mit dem in der Region häufig (Schiefer-) Fels oder Stein bezeichnet wurde. Der erste Teil könnte von dem mittelhochdeutschen luren (lauern) stammen und somit insgesamt „lauernder Fels“ bedeuten. Auch denkbar wäre eine Ableitung von dem mittelhochdeutschen lorren oder lurren, was „heulen“, „schreien“ bedeutet. Somit wäre der Felsen ein schreiender Felsen. Dies könnte man darauf zurückführen, dass am Loreleyfelsen in den gefährlichen Riffen, Felsen und Untiefen viele Schiffer ums Leben kamen. Der Rhein verengt sich an der Loreley auf eine Breite von rund 200 Metern. Zugleich befindet sich hier mit etwa 25 Metern auch die tiefste Stelle des schiffbaren Rheins (bei Rheinfelden in der Schweiz erreicht der Rhein eine Tiefe von 32m, siehe St. Anna-Loch). Eine weitere mögliche Herkunft des Wortes lore ist das rheinische luren, welches „summen“ bedeutet. Dies ließe sich als das Summen des Wassers entlang der Felsenriffe deuten. Auch die Herkunft von dem mittelhochdeutschen lur für „Elfe“ ist möglich. In diesem Falle handelte es sich um einen Elfenfelsen. Für das starke siebenfache Echo wurden zunächst Zwerge, die in dem Felsen hausten verantwortlich gemacht. Das Rauschen des dem Loreleyfels gegenüberliegenden hohen Galgenbach-Wasserfalls und auch das Rauschen der früher an Untiefen und Klippen sich brechenden Rheinströmung wurde als Echo von den vielen Felsüberhängen nach unten reflektiert und erschien so, als ob es von den Felsen herstammte. Schon früh suchte man Erklärungen dafür und machte zunächst in Höhlen des Felsens hausende Zwerge dafür verantwortlich. Vor dem 19. Jahrhundert trug der Ort auch noch seinen männlichen Artikel: der Lurlei, der Lorley oder der Lurleberch (zahlreiche weitere Schreibweisen).”

Rätselhafte Zeichnung am Rheinfall

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Viele unserer aufmerksamen wiederkehrenden Leser erwarten mit Spannung die Antwort auf eine noch offene Frage aus dem März: Was sah Ralf Kargh als er Barbie beim Hochtemposchliddern über die Gleise der Rheinfallbrücke nachschaute? Unser Bild liefert nun Zeugnis ab. Beinahe von Anbeginn war es Ziel der Shadoks wie auch der Gibis, ihre Planeten zu verlassen und zur Erde zu reisen. Als Ralf Kargh das Treiben Barbies beobachtete, erfaßte sein Blick plötzlich eine Darstellung eines Gibis mit einem Shadok. Kargh stand wie schockgefroren, sein Unterkiefer klappte gen Rheinstrom. Wer mochte die Zeichnung angefertigt haben? War es ein natürlicher Shadok, der beide Figuren gezeichnet hatte? Oder ein Gibi? Oder ein Shadok und ein Gibi gemeinsam? Oder ein Gibi und ein Shadok gemeinsam? War ein natürlicher Shadok nur für den gezeichneten Shadok verantwortlich? Ein Gibi nur für den Gibi? Oder war ein Shadok auf die Rheinfallbrücke gekommen, um den Gibi zu zeichnen, zufällig an derselben Stelle, die auch ein Gibi erreicht hatte, um dort einen Shadok zu zeichnen? Wenn ja, wer war vor wem am Rheinfall angelangt? Shadok vor Gibi oder Gibi vor Shadok? Hatte eine gemeinsame Exkursion stattgefunden? Und waren die Zeichnungen gegenseitige Portraits oder Selbstportraits oder wurden sie von einem dritten Shadok bzw einem dritten Gibi gefertigt oder von einem gänzlich unbekannten Dritten? Trostlos über die ungeklärte Sachlage, mit schwirrendem Schädel, zugleich getrieben von der unterschwelligen Hoffnung, ein modernes Lascaux entdeckt zu haben, machte Ralf Kargh sich auf den Heimweg.

Graubünden

Man denke sich ein Ländchen aus durcheinanderlaufenden Gebirgsketten und beinahe dreihundert Gletschern, wie ein Netz gestrickt, in dessen Maschen die Einwohner ärmlich, aber zufrieden, meistens vom Ertrage ihrer Heerden, oder des sehr wenigen Landbaues leben. Dies ist Graubünden. Die geringe Bevölkerung, nicht nur in allen Richtungen durch himmelhohe Bergzüge, durch dreierlei Sprachen, und zweierlei Religionsbekenntnisse in sich geschieden, war es auch noch durch die vielfache politische Gestaltung. Das Ganze bildete nicht weniger, als eine Masse von fast dreißig kleinen, ziemlich selbstherrlichen Republiken, dort Hochgerichte genannt, mit besonderen Verfassungen, Gesetzen und Rechten. Diese Schaar von Freistaaten hing theilweise durch drei unter sich abgesonderte, und zu verschiedenen Zeiten entstandene Bünde zusammen, deren jeder wieder sein eigenes Bundeshaupt und seine eigene Bundesversammlung hatte. Die drei Bünde aber waren durch Verträge wieder mit einander in einen allgemeinen Bund zusammen geflochten, und stellten gegen das Ausland einen Gesammtstaat dar, dessen gemeinschaftliche Angelegenheiten durch Abgeordnete an einem gemeinsamen Bundestage berathen wurden. Die vollziehende Gewalt stand den drei Bundeshäuptern zu. Doch weder der Bundestag, noch die Regierung erfreute sich großer Machtvollkommenheit; denn ihre Anordnungen waren wieder der Genehmigung sämmtlicher einzelnen Republiken unterworfen. Die Mehrheit von den Stimmen derselben entschied dann; doch auch das Stimmrecht der Republiken war unter sich wieder sehr ungleich.
Nichts ist natürlicher, als daß bei solcher verworrenen Staatseinrichtung ewige Verwirrungen, Umtriebe des Eigennutzes und Ehrgeizes, politische und kirchliche Entzweiungen, zuweilen sogar bewaffnete Aufstände und Bürgerkriege, von denen die Weltgeschichte freilich wenig Notiz nahm, zu Hause waren.
Der souveraine Landesfürst, das Volk nämlich, hatte aber das gewöhnliche Loos der Landesfürsten. Es wurde von Rathgebern und Günstlingen geschmeichelt; unwissend erhalten; nach deren Privatinteressen geleitet, und nicht selten betrogen. Trieben es die Herren manchmal zu arg, so warf der aufbrausende Selbstherr Alles über den Haufen, das Gute, wie das Schlechte. Weil aber bei solchen Anfällen von böser Laune Niemand größeren Schaden litt, als der Landesherr selbst, so legte sich sein Zorn bald wieder.
In einem Staate, so arm und klein, wie dies Gebirgsland, wo, was auch wohl in großen Staaten der Fall sein mag, politische Grundsätze und Meinungen gewöhnlich von den ökonomischen Vortheilen ihrer Bekenner abhängig waren, konnte es nie an Faktionen fehlen. Lange Zeit spielte das, durch viele Thäler verzweigte Geschlecht der Herren von Salis die Hauptrolle unter den Magnaten. An ihrer Spitze stand zuletzt ein Mann von großer Geschäftsgewandtheit und Thätigkeit, Ulysses von Salis-Marschlins. Er fand es lange Zeit mit seinem Patriotismus verträglich, als Geschäftsträger des französischen Hofes, mit dem Ministertitel geschmückt, die Interessen einer fremden Macht im eigenen Vaterlande zu vertreten. Sobald er jedoch, durch den Untergang Ludwig’s XVI., seine einflußreiche Stellung, und sobald seine zahlreiche Verwandtschaft, oder Partei, ihre beträchtlichen Einkünfte von Kriegsdiensten und aus Jahrgeldern verloren hatte, verwandelte er und sein Anhang sich in Frankreichs Todfeinde und wendeten sich dem Erzhause Oesterreich zu, in der Hoffnung, durch dienstbeflissene Hingebung an dessen Interessen, neue Stützen ihres wankenden Ansehens zu gewinnen.
Ihrer altgewohnten Hoheit und Machtherrlichkeit war in der That schon früher mancherlei Abbruch geschehen. Die Gegenpartei in den Thälern des Hochlandes, reich an talentvollen und scharfsichtigen Männern, unter denen die der Familie Tscharner, Planta, Bavier, selbst einzelne Glieder des Hauses Salis, hervorragten, ermüdete nicht, die größten, wie die kleinsten Staatssünden, Verfassungsverletzungen und Bestechungskünste der Oligarchie aufzuspüren und zu enthüllen. Sie setzte dem aristokratischen Stolze derselben, starrsinnigen demokratischen Trotz entgegen, und hatte sogar schon die Pacht der Landeszölle, welche das Haus Salis, seit einem halben Jahrhundert und länger, um 16,000 Gulden unangefochten zu seiner Selbstbereicherung besessen hatte, auf 60,000 emporgetrieben.
Dies und vieles Andere schwellte täglich mehr beider Parteien Zorn oder Rachsucht. Beide wetteiferten darin, sich beim vielhäuptigen Landesherrn gegenseitig zu verdächtigen, und ihn zum Verderben der andern aufzureizen. Man sieht, es geht in Republiken ungefähr eben so zu, wie in Monarchien. Als aber der Mißwachs des Jahres 1793, und die beschränkte Einfuhr schwäbischen Getreides dazu kam; als jene völkerrechtswidrige Gefangennehmung der französischen Gesandten, Semonville und Maret, auf Bündner Boden, und deren Auslieferung an Oesterreich, durch Anhänger der Partei Salis geschah; erhob sich in den Gemeinden tobender Unwillen. Eine außerordentliche Standesversammlung, ein unparteiisches Gericht, wurde vom Volke zusammenberufen. Ulysses von Salis-Marschlins floh aus dem Lande, sei es aus Furcht vor der Gerechtigkeit, oder aus Besorgniß vor der Ungerechtigkeit seiner Richter. Indessen sowohl er, wie mehrere der thätigsten Männer seiner, oder der sogenannten österreichischen Partei, büßten ihre politischen Sünden mit schweren Geldstrafen. Die siegreichen Gegner, nun französische Partei geheißen, nannten sich selbst Patrioten, sie feierten einen entschiedenen Triumph. Baptista von Tscharner, der Bürgermeister von Chur, stand fortan, als Standespräsident, an deren Spitze.
Doch war der Kampf der Faktionen damit noch keineswegs beendigt. Als wenige Jahre später die empörten, Bünden untergebenen Landestheile, Valtelin, Chiavenna und Bormio, gleiche Rechte und Freiheiten mit dem Herrscherlande forderten; als die Mehrheit der landesherrlichen Räthe und Gemeinden wirklich schon entschieden hatte, jene Gebiete als vierten Bund in den Staatsverband aufzunehmen; und als der zum Schiedsrichter in diesem Handel angerufene Eroberer Italiens, Napoleon Bonaparte, den Tag seines Spruches schon anberaumt hatte; gelang es den Gegnern Frankreichs, die Sendung der Abgeordneten an den französischen Oberfeldherrn, bis nach Ablauf der von ihm bestimmten Frist, zu verzögern. Darauf wurden die unterthänigen Lande mit der cisalpinischen Republik vereinigt.
Der Verlust eines fruchtbaren und schönen Gebietes von 60 Geviertmeilen und mehr als 80,000 Einwohnern, fast aber mehr noch der Verlust des dort gelegenen Privateigenthums vieler Bündnerfamilien und der Verlust des Gewinnes derselben von der Ausbeute der Aemter und Vogteien, empörte das Gebirgsvolk von Neuem gegen die aristokratische Partei. Umsonst versuchte man durch Gesandtschaften zum Rastatter Kongreß, oder nach Paris, das Geschehene ungeschehen zu machen. Man mußte sich damit begnügen, die Urheber des Unglücks vor Gericht zu ziehen, und sie mit Geldbußen, mit Ausschließung von allen Staatsämtern, vom Stimmrecht u. dgl. m. zu bestrafen. Ein freilich schlechter Ersatz für ein großes, nun verlorenes Gebiet, welches seit beinahe dreihundert Jahren rhätisches Eigenthum gewesen war.

(Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis)