Riesbeck über Köln

Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht Ein sehenswürdiges Gebäude. Die meisten Häuser drohen den Einsturz. Ein grosser Theil derselben steht ganz leer, und von der Bevölkerung kann ich dir überhaupt keinen bessern Begriff geben, als wenn ich dich auf meine Ehre versichere, daß mein Hauswirth, ein Stadtofficier, bey dem ich mich auf ohngefähr 2 Monate einquartiert habe, für sein schönes und geräumiges Haus, nebst Hof, Stallung und einem grossen Garten jährlich 50 rheinische Gulden Miethe bezahlt. Und das Haus liegt in einer guten Strasse. – Im Umfang der Stadtmauern, die das ganze Gebiethe derselben einschliessen, zählt man einige hundert Bauerngärten, worin alles Gemüs für die Stadt gezogen, und auch so viel Vieh unterhalten wird, als zur Versorgung derselben mit Milch, Käs und Butter hinlänglich ist. In vielen Strassen liegt daher zu beyden Seiten der Mist vor den Häusern. Manche sind so öde, daß man Stundenlang darinn spatzieren kann, ohne ein lebendes Geschöpfe zu erblicken. Schade ists um den schönen Platz, der mitten in der schwarzen Stadt liegt, und in Betracht seiner Grösse und prächtigen Lindenalleen einer der schönsten Plätze wäre, die ich noch in einer Stadt gesehen, wenn er nicht von den schlechten Gebäuden umher verfinstert würde.
Einen Drittheil der Einwohner machen privilegirte Bettler aus. Diese bilden hier eine förmliche Zunft. Es ist keine Satyre, sondern voller Ernst, lieber Bruder. Vor jeder Kirche sitzen sie reihenweise auf Stülen, und folgen einander nach der Ancienetät. Stirbt der voderste ab; so rückt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern, welche zu dieser Zunft gehören, geben einen bestimmten Platz vor einer Kirchthüre ihren Söhnen oder Töchtern zur Aussteuer mit, wenn sie heyrathen. Es versteht sich also, daß die meisten Zünfter vor mehrern Kirchthüren solche Plätze besizen, die sie wechselweise besuchen, je nachdem ein Fest in einer Kirche glänzender ist als in der andern, und die sie dann unter ihre Erben vertheilen. An den wenigen Tägen des Jahres, wo hier in keiner Kirche ein besonders Fest ist, ziehn sie dann Familienweise durch die Strassen der Stadt, und fallen die Vorübergehenden mit unbeschreiblicher Wuth und Hartnäkigkeit an.
Einen andern Drittheil der Einwohner machen die Pfaffen aus. Man zählt hier bloß 39 Nonnenklöster. Der Mannsklöster und Prälaturen sind über zwanzig und der Stifter über 12. Nebst diesen wimmelt es hier von dem geistlichen Ungeziefer, das man bey uns Abbes nennt, welches hier aber von einer ganz andern Art ist. Es besteht hier nicht aus den bunten, geschmeidigen, niedlichen und schlüpfrigen Geschöpfen, womit unsere Damen spielen; sondern aus groben, ungehobelten Klötzen, über und über mit Tobak und dem Ausfluß der Nase beschmiert, die im diken Tobaksdampf in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfenninge auf dem Brett oder mit Karten spielen, Schuhputzer, Lehnlaquayen und Lastträger machen und sich mit Fäusten um eine Messe schlagen. – Nirgends sah ich den schwarzen Stand in einer so verächtlichen Lage, als hier. Es giebt hier eine Menge Geistlicher, die selbst nicht wissen, was sie sind. Ich kenne einen Korherrn, der jährlich von seiner Pfründe 2.000 Gulden zieht, und, wie er mich selbst versicherte, in diesem ganzen Jahr weder eine Messe gelesen, noch seine eigne Kirche gesehen hat. Einen andern Korherrn traf Ich auf einem Kaffeehaus bey einem Mädchen an, auf welches ein Kaufmannsbedienter, der auch zugegen war, ein Aug hatte. Diese Zwey spielten eine Parthie Billard zusammen, und mitten im Spiel fingen sie an, mit den Queuen auf einander zu schlagen. Der Kaufmannsbediente war seinem Gegner so sehr überlegen, daß er den geistlichen Herrn unter das Billard werfen konnte. Als wir Friede gestiftet hatten, gieng der Komptoirschreiber seines Wegs, und nun folgte ein andrer seltsamer Auftritt. Das Korherrchen hatte einen jungen, hübschen Menschen bey sich, der ihm zur Unterhaltung diente, und dem er seit Jahr und Tag den Tisch gegeben hatte. Er nahm es diesem Menschen so übel auf, daß er seine Parthie nicht genommen, und auf seinen überlegnen Feind zugeschlagen hatte, daß er ihm in unsrer Gegenwart augenbliklich alle Freundschaft aufkündigte, und ihm auf die unanständigste Art die Wohlthaten vorwarf, die er Zeither von ihm genossen. Dieser junge Mensch, der in der Lage seiner Finanzen den Schlag hart empfand, erklärte mir beym Weggehn, daß die beyden Schläger schon seit langer Zeit einen Groll der Eifersucht wegen der Tochter des Hauses gegen einander hatten, der während des Spieles wie eine stille Wuth auf einmal ausgebrochen. – Die Rollen unsrer Abbes spielen hier die sogenannten reglirten Korherren, die Antoniter und die Priester vom Maltheserorden. In allen vornehmern Häusern sieht man sie um die Damen. – Von den hiesigen Nonnen sind jezt wirklich 4 schwanger, und gegen 6 sind auf ewig eingemauert, weil sie die Kunst nicht verstanden haben, nicht schwanger zu werden. – Gleich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts führte mich der Sohn eines guten Hauses, an welches ich addreßirt war, in ein Nonnenkloster, worinn er eine Schwester hatte. Sie war nebst einer guten Freundin in dem sogenannten Krankenzimmer, worinn sie Besuche annehmen därfen. In der ersten Minute unsers Besuchs konnte ich leicht bemerken, daß mein Freund eben nicht gekommen war, um seine Schwester zu sehn, und daß ihre Freundin auch nicht wegen einer dringenden Krankheit zur Ader gelassen hatte. Ich fand seine Schwester reitzend genug, um mich nicht zu ennuyieren, während daß er sich mit ihrer Freundin unterhielt. Die folgende Woche wiederholten wir den Besuch, weil seine Schwester purgiert und diese wieder ihre gute Freundin mit sich ins Krankenzimmer genommen hatte. Diese Woche mußte die gute Freundin wegen einem Fluß im Kopf schwitzen, und wir ermangelten nicht, im Krankenzimmer unsre Aufwartung zu machen. Die nächste Woche ist die Reihe, krank zu seyn wieder an der Schwester meines artigen Freundes, und ich sehe wohl, daß wir, solange ich hier bin, alle Woche eine Patientin zu besuchen haben, und die 2 Nonnen den ganzen Kurs durch die Krankheiten machen werden, die in irgend einem medizinischen Kompendium verzeichnet sind.
Der Mangel an Aufsicht ist die Ursache der uneingeschränkten Freyheit, welche die Geistlichen hier genießen. Sie leben in der größten Anarchie. Eigentlich sollten sie unter dem Hirtenstab des Erzbischofs von Köln stehn; allein der Magistrat der Stadt ist eifersüchtig auf die Gewalt des Erzbischofs und will in Disciplinsachen keine Verordnungen desselben gelten lassen. Es ist zwischen beyden Mächten schon zu sehr lebhaften Auftritten gekommen.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)


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