Otfried von Weißenburg

Die ihr aufredet Gott so goldnen Munds
In euren jauchzenden und strengen Zungen,
Pauli Athen und der Apostel Rom:
Sollt ihr allein denn Ihm so hoch aufbeten,
Und nicht auch wir? Des Gottes drittes Reich,
Ziemt Römerhauch ihm und Hellenenton?

Soll endlich nicht volldonnernder zum Ohr
Gewappnet nahn in Brünne unsres Worts
Der neue Heiland? Nicht waldnächtiger Ruf,
Beschwörend antlitzloser Götter Seele,
Im Rabenwildschrei und Gestöhn der Fichten
Den Geist ersausen lassen Nikodems?
Soll nicht Jehovah, wütender Jäger, blau
Speerschüttler reiten nachtendem Wasgenwald?

O Christ, den Hagens Speer am Kreuze stach,
O Herr, Allvater wissenden Rabenrufs,
O Geist, du altarloser im Waldgestöhn:
Ja ruf ich euch am frühsten mit unsrem Spruch,
Ja red ich euch mit Rätselrunenkraft,
Euch, Führergötter, Volkerlöser ihr,
In unsrer Zunge, die aus Mitternächten

Des Geists fernzuckend grollt, ja schrei ich euch
Den neuen Lobgesang. Verwandeln will ich
In unsre Raben Jordans helle Taube,
In unser Wälderohr den milden Reim,
In unser altes Wort den jungen Christ.

(Ernst Bertram: Straßburg. Ein Kreis, Insel-Verlag, Leipzig 1920)


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: