Zur Entstehung des Karlsruher Dialekts

Es gibt überhaupt keinen Karlsruher Dialekt, behaupten ernstzunehmende Experten. “Was mer in Karlsruh’ babbelt”, sei weder schwäbisch, noch pfälzisch, noch alemannisch, sondern nur eine schwer definierbare Mischung dieser drei Mundarten.
Oberflächlich betrachtet, hat es diesen Anschein. Niemand nördlich der Mainlinie (aber auch schon südlich der Donau) vermag aus dem phonetischen Klang unseres Dialekts seine spezifischen Eigenheiten herauszuhören. Für die Leute aus dem großen Vaterland reden wir schwäbisch (diese Feststellung erfüllt zwar den Tatbestand der Beleidigung, stellt aber auch den einzigen Fall dar, wo Unwissenheit vor Strafe schützt).
Wer jedoch die badische Landschaft kennt, den Raum zwischen Main und Bodensee, der weiß, daß die Murg ihre Bedeutung als Sprachgrenze zwischen dem alemannischen und fränkischen Landesteil noch immer nicht verloren hat.
Etwa 20 Kilometer nördlich dieser die badischen Sprachgrenzen trennenden Linie wurde 1715 Karlsruhe gegründet, inmitten der sprachlichen Übergangszone, die den Raum zwischen Murg- und Pfinzmündung ausmacht.
Von Einwohnern aller Landesteile besiedelt, wurde Karlsruhe zum Mixbecher der Dialekte. Ununterbrochen gequirlt, aufgekocht und durchpassiert, blieben in seinem Filter jene Bestandteile zurück, die, in über 250jähriger Geschichte teils ausgeschieden, teils gehärtet, die unverkennbaren Eigenheiten eines selbständigen “Karlsruher Gschwätzgebabbels” ergaben.
Die Bedeutung Karlsruhes als sprachliches Auffangbecken in der Übergangszone der Mundarten machte uns unser Deutschlehrer, Dr. Schickedanz selig, an folgendem einleuchtenden Beispiel klar.
“Ihr Herre Buwe”, sagte er, “Ihr missed eich unser scheens badisch Lendle wie en Mensch vorschdelle: De Kopf isch’s Madonnelendle do hinne an de Tauber; de Bruschdkorb, schdolz gschwelld, isch d’Bergschdrooß mit’m Kraichgauer Hiegelland.
Weidernunner kommt e gutgmeschds Renzle: ‘s middelbadisch Rebgebied mit de Ortenau; de Schwarzwald ischs Rickgrad; un uff zwoi schdramme Fieß schdehn-mer mit’m Markgreflerland Basel zu, un mit’m annere, de Baar, am Bodesee.
Middeldrin awer ischs Lendle mit-eme Girdel gschniert. Un do, wo beim Soldat ‘s Kobbelschloß sitzd, do liggd Karlsruh’. Ergo, misseder verschdehe: vom Kopf bis zu de Girdellinie isch frenkisch-pfelzisches Sprochgebied; ab de Girdellinie alemannisches.
Nun hat des Lendle ain gsunde Kreislauf; von aim Herz agedriewe pulsierds ruff un nunner, ruff un nunner. Un do, wo d’Girdellinie isch, do ligge a d’Niere. Un d’Niere hen d’Fungzion vonnere Abscheidung.
Ergo: was do abgschiede werd zwische frenkisch un alemannisch – odder sage-mer besser: deschdillierd werd -, des isch kai S…, sondern unser Dialekt! Un des isch en ganz aigener Organschdoff, mit nix annerem zu verwechsle!”

(Kurt Kranich: Brigandedeutsch für Anfänger, Karlsruhe 1967)


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