Monatsarchiv für März 2014

 
 

Presserückschau (März 2014)

1
Im Gernsbacher Ortsteil Hilpertsau, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten, ist ein Flaschenpostbriefkasten am Murgufer in Betrieb genommen worden. Der gelbe Postkasten ist den üblichen Postbriefkästen nachempfunden. Neben dem Einwurf besitzt er einen Auswurf. Durch ihn wird die Flaschenpost über eine Röhrenrutsche direkt der Murg übergeben, von der sie fließend weiterbearbeitet wird.

2
Die älteste noch existierende Dampflok Deutschlands soll sich auf dem Rheingrund verbergen, berichtet das Magazin Focus: “Eisenbahnfreunde wollen sich im Rhein nahe Germersheim auf eine besonders schwere Schatzsuche begeben: Sie vermuten dort eine im Schlick versunkene Dampflok, die vor mehr als 160 Jahren von einem Schiff aus in den Fluss fiel. (…) Das 1852 in einer Lokomotivfabrik in Karlsruhe gebaute Stahlross sollte (…) auf einem Segler zum Kunden nach Düsseldorf überführt werden. Bei einem heftigen Sturm rund 30 Kilometer nördlich von Karlsruhe seien die Halterungen an Deck gerissen und die nagelneue Lok in den Rhein gekracht.”

3
Daß der Rhein tödlich sein kann, erweist sich jedes Jahr mehrere Dutzende Male aufs Neue. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich diesen Monat in Köln-Stammheim. Zwei Schwestern im Alter von sechs und zehn Jahren gerieten beim Spielen in den Rhein: “Aus bislang ungeklärter Ursache ist die Sechsjährige ins Wasser gefallen. Zunächst soll die größere Schwester erfolglos versucht haben, das Mädchen zu retten. Beide Schwestern trieben daraufhin im Rhein. Unter den Passanten, die die dramatische Szenerie beobachtet hatten, war auch ein Jogger, der sofort zu den Kindern ins Wasser gesprungen sein soll. Zunächst soll er beide Mädchen ans Ufer gerettet haben. Dabei wurde er selbst von der Strömung mitgerissen und ist abgetrieben.” (Kölner Stadt-Anzeiger). Bei dem “Jogger” handelt es sich laut BILD um den Anwohner Ali Kurt, einen Lageristen. Der heldenhafte Retter blieb seither im Rhein verschwunden. Die jüngere der beiden Schwestern konnte am Ufer zunächst wiederbelebt werden, starb jedoch kurz darauf. Die ältere Schwester überlebte. Die Familie des versunkenen Retters organisierte nach dem Vorfall eine großangelegte, bis in die Niederlande reichende Suchaktion, bei der gleich zwei Rheinleichen entdeckt wurden: “In Höhe der Zoobrücke haben Taucher der Feuerwehr tatsächlich eine Leiche an Land gezogen. Passanten hatten den Körper etwa 200 Meter nördlich der Bastei am linken Rheinufer im Wasser treiben sehen. Laut Polizei handelt es sich aber nicht um Ali Kurt, sondern vermutlich um einen jungen Mann. Seine Familie in Stuttgart hatte ihn als vermisst gemeldet, er sei nach Köln gereist und hätte Suizidabsichten geäußert. Aber noch einmal keimt kurz Hoffnung bei den Suchteams auf: Denn auch in Wesel wird eine Leiche aus dem Rhein gezogen – es ist ein älterer Mann, wieder nicht Ali Kurt.” (Kölner Stadt-Anzeiger) Zwei Wochen nach dem Vorfall tauchte die Leiche des Retters auf: “Wie die Kölner Polizei (…) bestätigte, wurde die Leiche des dreifachen Familienvaters (…) an der Reeser Schanz, nahe Kalkar im Rhein entdeckt. Die Identifikation war schwierig. Die Leiche war in eine Schiffsschraube geraten.” (Rheinische Post)

4
Die Sauberkeit des Rheins korrespondiert mit den Einleitungen der chemischen Industrie. In den Achtzigern hieß es: “Gehst du bei Ludwigshafen im Rhein schwimmen, kommst du mit Fotos auf der Haut wieder raus.” Heute wird vor dem Schwimmen im Rhein vor allem wegen seiner Strömungen und des Schiffsverkehrs gewarnt. Doch gelangen immer wieder ungeklärte Chemikalien in den Fluß: “Bei einer Panne im BASF-Werk Ludwigshafen sind (…) etwa zwei Tonnen einer reizend wirkenden Chemikalie in den Rhein geflossen. Der Stoff mit dem Namen N-Methyldiethanolamin könne laut Sicherheitsdatenblatt schwere Augenreizungen verursachen, teilte der Chemiekonzern mit. Er gelte aber als schwach wassergefährdend und könne biologisch gut abgebaut werden. Für die Bevölkerung bestand nach Angaben einer Sprecherin keine Gefahr.” (Rhein-Neckar Fernsehen)

5
Der Rhein-Herne-Kanal wird 100 Jahre alt. Im Westen werfen die Feierlichkeiten bereits ihre Schatten auf die Schleusen, schreibt die WAZ: “Nachdem 1914 der Rhein-Herne-Kanal kriegsbedingt schon ohne Kaiser eröffnet werden musste, hofft man nun zum Auftakt der 100-Jahr-Feierlichkeiten auf Kaiserwetter. Am (…) 27. April soll es losgehen, mit einer großen Schiffsparade. Fünf Monate später beschließt der „Day of Song“ die zahlreichen Jubiläumsfestivitäten, an denen sich zehn Kommunen, der Regionalverband Ruhr (RVR) und ihre Partner beteiligen. Sie hatten am Montag ihre Vertreter zur Schleuse Gelsenkirchen geschickt, wo sich am Eröffnungstag um 13 Uhr zahlreiche Schiffe versammeln. Auch die „Friedrich der Große“ mit Kapitän Bleich ist dabei. Sie startet um 11 Uhr am Stadthafen in Recklinghausen-Süd, jenseits der Herner Stadtgrenze.”

6
Die Rheinfischergenossenschaft in Nordrhein-Westfalen verzeichnet auf ihrer Website zwei Störfänge seit Jahresbeginn: “Am 23.02.2014 hat der Rheinangler Tim Weihmann bei Rheinfeld einen rd. 50 cm großen Stör-artigen Fisch gefangen. Der Fisch biss am Nachmittag auf einen großen Tauwurm und konnte unverletzt wieder freigelassen werden. (…) Am 17.03.2014 meldete der Rheinangler Frank Grätz den Fang eines rd. 90 cm langen Störes aus dem Rhein bei Wesseling. Der Fisch hatte bemerkenswerterweise auf Käse gebissen. (…)”

Xanten. Heimat des Helden

Eh es versinkt, hebt noch einmal das Land
Zu allen Heiligen sich läutend auf,
Vor unerbittbar bleiernem Firmament
Sind einmal noch die Türme adelgrün.

Eh sichs zum Fisch und feisten Fischer neigt,
Entsendet es aus grau gewordner Stadt
Den kindlichsten der Helden, drin die Welt
Abscheidend von sich selber Abschied nimmt.

Stadt aller Heiligen und Eines Helden:
Du sahst des Starken klare Kinderstirn,
Die schöne Glut des Jünglings, aufgeflammt
Im Drachensieg des männlich ersten Kampfs,

Und sahst den Auszug, muttertränenlos
Unstillbar wissend, in die Königswelt,
Ahntest das klarste Haupt, dem Todfeind gläubig,
Am Untreuquell verröcheln in den Blumen.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München: Georg-Verlag 1922.)

Am Rhein entlang

am rhein entlang sockenmuster

Sockenmuster “Am Rhein entlang”. Gefunden auf Mrs. Needle’s Strickzeug-Blog.

Ds’ Lob vun Binge

Binge_kl

Die scheenschte Gegend am ganze Rhein
Das is die Gegend vun Binge!
Es wächst do der allerbeschte Wein
Der Scharlacher wächst bei Binge!

Die geschickschte Schiffleut, die mer find’t
Das sein die Schiffer vun Binge!
Un sieht mer in Meenz e hübsches Kind
Wo is es her? – Vun Binge’!

Keen Loch is uff der ganze Welt
So berühmt wie das vun Binge
Keen Thorm so keck in’s Wasser gestellt
Wie der im Rhein bei Binge!

Die Mäus vum Bischof Hatto, sich!
Sein geschwumme bis noch Binge,
Keen Geschischt war je so ferchterlich
Wie selichmol bei Binge!

Die heilig Hildegard, die war
Halt aach dehääm bei Binge!
Un war Aebtissin dort sogar
Uff Ruppertsberg bei Binge!

Es is e’ wahre Herrlichkeit
Das liebe, kleene Binge,
Mei Vatter, Mutter un all mein Leut
Ja mer sein all’ vun Binge!

Düsseldorf-Logo

düsseldorf_logoDie Domspitzen im neuen Köln-Logo werden außerhalb Kölns schnell als Buchstabe M mißverstanden. Einer solchen Verwechslungesgefahr wich Düsseldorf bei der Präsentation seines Logos im Dezember 2012  wohlweislich aus. Das Düsseldorf-Logo besteht aus einem zum Smiley erweiterten D wie Dänemark oder Dubrovnik, zwei Marketingstandorten, die vor Düsseldorf diegleiche Logo-Idee in dengleichen Farben für ihre Zwecke entdeckt hatten. Auch die Dortmunder DASA – Arbeitswelt Ausstellung nutzte da bereits ein D mit vorangestelltem Doppelpunkt als Logo.

Köln-Logo

köln logo_3

“Köln hat ein neues Markenzeichen: ein stilisierter Dom, davor der Rhein, der sich wellenartig nach oben schlängelt. Wirtschaftsdezernentin Ute Berg hat (…) das neue Erkennungszeichen gemeinsam mit den Partnern der Stadt vorgestellt. Dynamik soll diese Welle ausdrücken, sagt Berg. Und sie erinnere an die Darstellung der Herzschlagfrequenz, ergänzt Stadt-Sprecher Gregor Timmer.” (Kölner Stadt-Anzeiger)

“Das neue Logo (…) soll künftig unter Anderem auf Briefpapier, Webseiten und Werbegeschenken für den Standort Köln werben. Nutzen dürfen das Logo dann Kölner Unternehmen, die gleich auf den ersten Blick ihren kölschen Ursprung zeigen wollen. Außerdem kann das Logo auf Plakaten und in Flyern zum Einsatz kommen, die für Köln werben. Das Logo wird allerdings nicht das bisherige Stadt-Logo (Dom-Silhouette auf rotem Grund) ersetzen – dieses wird uns weiter auf den Briefköpfen der Stadt Köln begegnen.” (Express)

Kann, soll und darf: wenn Köln, eine facettenreiche Großstadt, dieser Tage als logo-vereinheitlichte Marke auftritt, so ehrlicherweise als eine, der das Wasser bis zum Hals steht. Dabei bleibt unklar, ob der Rhein symbolisch eher bedrohlich (als Überschwemmender bzw. Strangulierender), heilend (als Äskulapnatter) oder, Drohung und Heilsversprechen auf sich vereinend, göttlich (als zum Himmel Strebender) auftritt. Dem Patienten M scheint das egal. Hinsichtlich des Wuppertaler Gewinnerentwurfs aus offenbar lediglich fünf zugelassenen Agenturen kursiert bereits das böse Wort vom Landes-SPD-Klüngel. Ästhetisch besehen mag die kinderhafte Ursprünglichkeit des Logos die Betrachter spalten, eindeutig zeigt es Köln von seiner wilden Seite: Glaube, Hoffnung, Fatalismus, Karneval.

Kaum war die Meldung vom neuen Logo gestern heraus, ließen Volk und Autorenkollegen sich von der präsentierten Kreativität inspirieren:

“Mein Vorschlag für das neue Köln-Logo: ~^^” (Thorsten Krämer)

“Man könnte in dem Logo mit einiger Verdichtungsleistung die Aufforderung an Luxemburger sehen, nicht betrunken zu fahren.” (Martin Knepper, der als erster das neue Köln-Logo als Plagiat einer Darstellung des Ebola-Virus unter dem Mikroskop aufdeckte.)

“Hatte nicht mal Madonna auch so einen BH?” (Anonymisierter Leserkommentar beim Stadt-Anzeiger)

 

Rheinzitat (22)

“Das Wort Rhein ist Leben; das Wort Rhein ist Größe; das Wort Rhein ist Macht und Kraft (…) O daß ich ein Gleichnis finden könnte, erhaben genug, Ihnen anschaulich zu machen was die Rheinlande dem Deutschen sind! Doch halt – ich hab’s -, das Land am Rhein, meine Herren, ist des deutschen Ochsen Lendenstück und der Nordosten die halb ungenießbare, halb magere, rauhe Zugabe des kargen Fleischers (…) Ein einziges Rheinland (…) wiegt zehn Alt- und Uckermarken auf.”

(Friedrich List, zitiert nach Leopold Decloedt und Peter Delvaux: Wessen Strom?: Ansichten vom Rhein, Amsterdam/New York 2001)

Heimatlust

O Lenz am Rhein, du Sonnenkind,
Wie deine Augen glänzen!
Selbst Felsenstirnen zierst du lind
Mit deinen Blütenkränzen,
Es dehnt, von lichtem Reiz umschlungen,
Der Rhein die breite Wogenbrust;
Waldmeisters Geist löst Herz und Zungen;
Aus jungen Kehlen jauchzt die Lust –
Und durch die weiten Gaue zieht
Ein einzig Lied, ein einzig Lied,
Das Lied vom Lenz am Rheine.

Wie wonnevoll die Rosen blüh’n
Nach solchem holden Maien!
Die Fiedel klingt, die Wangen glüh’n
Beim frohen Kirmesreihen.
Das Gnadenbild trägt Rosenranken;
Zum Berge wallt die Prozession;
Aus Nachen, die im Mondlicht schwanken,
weht Koselaut und Flüsterton –
Und durch die stillen Gaue zieht
Das süße Lied, das süße Lied
Der Rosenzeit am Rheine.

Du König voller Huld und Pracht,
Goldbrauner Herbst am Rheine!
Tief geht der Kähne süße Fracht,
Die Traube kocht zum Weine.
Im Wingert blitzen Schelmenaugen;
Der Winzerkranz schmückt Hut und Haus:
Der Most muß schäumen, soll er taugen! …
Das Edelnaß stießt golden aus –
Und wo ein Bursche wandernd zieht
Erklingt das Lied, erklingt das Lied
Vom Wein am grünen Rheine.

Die Ufer liegen eingeschneit,
Sankt Nepomuk mag wachen:
Die Scholle treibt, die Möve schreit.
Die Brückenpfosten krachen!
Mit weißen Flocken wirbelt lachend
Die tolle Lust hinein in’s Land;
Es hascht der Schalk, vom Schlaf erwachend,
Nach rotem Mündlein, Zopf und Band –
Und weithin durch die Gaue zieht
Das Jubellied, das Jubellied
Der Faschingszeit am Rheine.

O Rhein, du Schmuck und Edelstein!
Gleich schimmerndem Opale,
Fügst du der Zeiten Ring dich ein
Mit farbdurchglühtem Strahle.
Viel Schiffe zieh’n von Tal zu Berge
Vorbei an Dom und Lorelei:
Es singt der Fürst dir, wie der Ferge,
Die alte Sehnsuchtsmelodei –
Mit deinen stolzen Wogen zieht
Das tiefe Lied, das tiefe Lied
Der Heimatlust am Rheine.

(Charlotte Francke-Roeling, aus: “Die Rosenkette” 1906)

St. Gallen (5)

De Pfarrer vo Sanggale
isch id’Schissi abe gfale.
Jetz mues er Chegeli bige,
dass er wider cha ufestige.
Da chunnt e Chue uf Gummischue
und haut de Schissideckel zue.

Bulach

De Pfarrer von Bulach
fiel in e Kuhlach
ham sen nauszoge
ischer widder neigfloge

Colette streift den umkämpft-besungenen Rhein

LE PREMIER CAFÉ-CONCERT
6 novembre 1914.
Les plus vives émotions d’avant-victoire, ce n’est pas là que je les cherchais. Elles m’attendaient pourtant dans cette salle enfumée, longue, qui étouffe les sons d’un ardent et maigre orchestre.
Ici, on chante, ici, on danse, et le public s’y presse tous les soirs. L’étrange public, de femmes jeunes, d’hommes âgés, d’étrangers cordiaux, de petits chiens sur les genoux…. Public avide, naïf, rajeuni jusqu’à la candeur et déjà si renouvelé par la guerre qu’il ne chérit plus que les chansons de son passé et murmure en chœur, avec des duettistes aux cheveux gris, le Temps des Cerises…. Mais il résonne aussi, en sourdine, d’un grondement harmonieux, lorsqu’un bras débile, une voix usée miment et chantent:
Nous l’avons eu, votre Rhin allemand….
Miracle, auquel nous ne pensions pas, rédemption d’un art, d’un genre décrié, avili: les mots qu’on évitait, qu’on délaissait comme des joyaux démodés et trop lourds ont repris vie; ils suscitent des images magnifiques ou sanglantes: ils heurtent, réveillent, rallument un brasier assoupi de souvenirs…. Un soupir unanime les accompagne, ces mots: «Patrie … nos soldats … la France, le drapeau … la gloire …» et la voix du baryton, le soprano pauvre de la diseuse hésitent, se mouillent: une mitraille de bravos couvre ces défaillances. Le public se dresse, têtes nues, quand un fantaisiste minable commence, sur un violon fait d’une boîte à cigares, l’Hymne belge, suivi de la Marseillaise, puis de l’Hymne russe, enfin le chant national anglais. Droits comme à l’église, les hommes chantent. Un vieillard, près de nous, chante, en martelant le parquet de sa canne, et dédaigne d’essuyer les larmes qui roulent sur ses joues. Une jolie fille en bonnet de police veut chanter, et sanglote. Deux jeunes soldats anglais, frais, tirés à quatre épingles, chantent religieusement, les yeux levés, sans regarder personne, et leur raide modestie semble ignorer que les applaudissements vont à eux, à la fin du God save the king.
Belles larmes, claire averse portée par un orage de musique sacrée! Et comme le rire s’y mêle promptement, sans presque les tarir, lorsqu’on nous raconte, ensuite, que Guillaume est enrhumé, ou les tribulations glorieuses d’un autobus Madeleine-Bastille! Un peuple vif, déconcertant, tenace, rebondissant, capable de nonchalance, capable aussi de trop de hâte, d’héroïsme, de patience, détenteur des défauts les plus flatteurs et des qualités les plus contradictoires—le peuple français, enfin—pouvait seul inventer et lancer par-dessus la rampe, dès aujourd’hui, ces chansons qui sont, au vrai, celles de demain, les unes férocement gaies, les autres où l’humour vengeur s’adoucit déjà d’une commisération méprisante—des chansons d’après la victoire.

Colette (Colette Willy), Les heures longues 1914-1917

Flibustiers

[...]
Mais quel peuple de l’Europe ne fut pas flibustier? ces Goths, ces Alains, ces Vandales, ces Huns, étaient-ils autres choses? Qu’était Rollon qui s’établit en Normandie, et Guillaume Fier-à-bras [Duc d’Aquitaine et beau-frère de Hugues Capet], sinon des flibustiers plus habiles? Clovis n’était-il pas un flibustier, qui vient des bords du Rhin dans les Gaules?

(Voltaire, Dictionnaire philosophique)

Worms. Der Hort

Eh sie dich rauben, eh mit dem Lindwurmblick
Das wehrlos blonde sie flecken, das heilige Gold;
Eh die verseuchte sich, die braune Hur,
Den firmamentenen Mantel unsrer Könige
Um ihre Schwären zerrt; blaumaulicht eh
Grinsend der Mohr den Ring durchs Ohr sich bohrt,
Der unsre Eide siegelt: ehe soll
Die reine Welle strömenden Vergessens
Unsres geborstnen Schildes letzte Weihung
Von uns empfangen. Heiliger Rost verzehre
Das letzte edle Schwert. Mit unserm Kleinod
Bekröne sich das schuppige Gesipp.
Die gläserne Undene wirre plump
Ins schilfene Haar den Gürtel unsrer Fraun.
Auf unsres Helden Goldhorn rufe dumpf
Fischblöden Blicks der odemlosere
Fürst der Koralle die unwissend ach
Schaurige Trauer aller Kreatur,
Daß von des Hornes nächtigem Albenruf
Aufbeben schwer im satten Träume die Völker
Unter dem Niblungenschrei. Und dass der Fluch uns
Werde, bleibe Gesang, gleite nun Goldner,
Hort der Ahnen, hinab. Empfang im Schaume
Unser adliges Erbe,
Reine, reißende Flut.

(Der Rhein. Ein Gedenkbuch von Ernst Bertram. München 1922.)

Karlsruhe (3)

Riesbeck über Köln (3)

(…) Die Religionsschwärmerey dieses kleinen Londons übertrift alle Züge, die man von dieser Art kennt. Man begnügt sich hier nicht mit einzeln Heiligen, sondern stellt sie in ganzen Armeen auf. Ich beschaute vor einigen Tagen die Kirche der heiligen Ursula, worin dieselbe nebst 11.000 englischen Jungfrauen begraben liegt. Die Wände und der Boden der Kirche sind mit Gebeinen und Särgen angefüllt. Da diese heilige Prinzeßin aus den Zeiten der sächsischen Heptarchie ist, so läßt sichs um so weniger fassen, wie sie in dem Gebiete ihres Vaters 11.000 Jungfrauen auffinden konnte, die sie durch Deutschland begleiteten. Unterdessen läuft man hier wirklich Gefahr, dieser heiligen Jungfrau und ihrem schönen Gefolge geschlachtet zu werden, wenn man nur Eine von den 11.000 subtrahiren wollte. So wunderbar diese Geschichte ist, so hat man doch noch einige andre Wunder zur Bestätigung derselben gebraucht. Unter andern ist an einer Säule ein kleiner Sarg angebracht, worauf zu lesen ist: Man habe ein unmündiges Kindlein in die Kirche begraben; aber so unschuldig es auch gewesen, so habe der mit dem reinsten Jungfrauenblut benetzte Boden der Kirche dasselbe doch nicht bey sich behalten, sondern wieder ausgespieen: Man habe also seinen Sarg auf einem Stein über der Erde anbringen müssen. Wenn du mit der Legende dieser heiligen Jungfrauschaften noch nicht bekannt bist, so wird es dir nicht ganz gleichgiltig seyn, zu wissen, daß die Legendenschreiber selbst über diese Geschichte nicht Eins sind. Die Italiäner behaupten, der Mönch, welcher dieselbe geschrieben, oder einer seiner ersten Abschreiber hätte aus Versehen wenigstens Ein Null zu viel gemacht. Ein Deutscher behauptet sogar, Eine der Jungfrauen, welche das Gefolge der Prinzeßin Ursula ausmachen, und von denen die Legende verschiedene nennt, habe Undecimilla geheissen, woraus man in den unkritischen Mönchzeiten leicht Eilf tausend machen konnte. – Auch liegt hier der heilige Gereon nebst 1.200 oder 12.000 heiligen Soldaten, denn auf Ein Null kömmts hier bey Heiligen nicht an, in einer sehr reichen Stiftskirche seines Namens begraben. – Einer der 3 Heumannsbrüder, von denen man einen elenden Volksroman in Deutschland hat, wirkt hier auch Wunder über Wunder. – Fast jede der 200 Kirchen, die hier sind, hat einige Heilige, von denen die Mönche und Bettler ihre Leibrenten ziehn. – Was mir von der Art hier am meisten auffiel, waren zwey hölzerne, weiß angestrichne Pferde, die auf dem schönen grossen Platz mitten in der Stadt durch die Fenster eines alten Gebäudes herabschauen. Man erklärte mir dieses Denkmal durch folgende Geschichte: Man begrub eine reiche Frau aus diesem Hause. Der Todtengräber sah viel kostbares Geschmeide an dem Leichnam, und kam nach einigen Tagen in der Nacht, um das Grab zu öfnen, und den Leichnam zu bestehlen. Kaum hatte er den Sarg aufgedekt, als die Frau aufstand, die Laterne, welche der entflohene Todtengräber in der Bestürzung zurükgelassen, in die Hand nahm, und ganz gelassen nach Haus gieng. Sie schellt an. Die Magd fragt zum Fenster heraus: Wer da sey? Auf die Antwort, es sey ihre Frau, läuft sie zum Herrn mit dieser unerwarteten Nachricht. Diesem mochte es nicht sehr lieb seyn, seine Frau wieder zu sehn. Es kann so wenig meine Frau seyn, sagt er, als meine Pferde aus dem Stall ins oberste Stockwerk hinauf laufen, und zum Fenster hinaus sehn. Gesagt, geschehn. Die 2 Schimmel spatzieren die Treppe herauf, und schauen noch auf den heutigen Tag zum Fenster heraus. Der Mann mußte nun seine Frau aufnehmen, die noch 7 Jahre lebte, und ein grosses Stük Leinwand spann und webte, welches man an einem gewissen Tag des Jahres in der benachbarten Apostelkirche dem Volk zeigt, wo man auch die ganze Geschichte gemahlt sehen kann. – Die Stadt ist unerschöpflich reich an solchen Geschichten.
Es ist hier nicht, wie an andern finstern Orten Deutschlands, wo solche Legenden bloß zur Unterhaltung des müßigen Pöbels dienen. Nein; der Kölner wird dadurch erhitzt und begeistert. Er betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen, und seine Erde selbst als heilig. Er ist bereit, augenblicklich die Wahrheit dieser Geschichten mit seinem Blut zu unterzeichnen, und ein Märterer für sie zu werden, oder den Zweifler zu einem Märterer zu machen. Sein galligter Humor umfaßt diese Gegenstände mit einer Hitze, die ihm beständig den Kopf schwindeln macht. Alle seine Legenden, wie du leicht an den obigen Beyspielen sehen kannst, haben daher auch das Gepräge von dem melankolischen, abentheuerlichen Unsinn und der Schwerfälligkeit, welche mit diesem Humor gepaart zu seyn pflegen. Die meisten Legenden der Katholiken an den Gegenden des Oberrheins, in Franken, Schwaben u. s. w. haben immer einige romantische Züge, die ihrem jovialischen Humor entsprechen, und die sanftern Gefühle reitzen.
Die hiesigen Pfaffen, besonders die Mönche, wissen durchaus nichts bessers auf die Kanzeln zu bringen, als solche Legenden. Einige meiner hiesigen Freunde versichern mich, daß sie auch in den Beichtstülen fast die ganze Sittenlehre der Beichtväter ausmachen. Die abscheulichsten Lügen vertreten hier die Stelle der sittlichen Belehrung. Klagt sich ein junger Mensch einer galanten Sünde an; so weiß ihm der Mönch nichts bessers zu sagen, als daß erst vor einigen Tagen in der Stadt 2 junge, unverehligte Leute todt beysammen im Bette gefunden worden, und ihnen der Teufel, dessen Klauen sehr erkenntliche Spuren auf den Körpern der Unglücklichen zurückgelassen, die Hälse herumgedreht hat. – Unter den vielen Predigern, die ich hier gehört habe und nach denen man in jeder Stadt den moralischen Zustand des Volks am sichersten beurtheilen kann, war ein einziger, ein Karmeliter, der nicht platten Unsinn predigte.
Eine nothwendige Folge davon ist, daß die Sitten des hiesigen Janhagels verderbter sind, als in irgend einer andern Stadt. Die Kirchen selbst sind hier das Rendezvous liederlicher junger Leute, wo alle Ausgelassenheit theils begangen, theils verabredet wird. Die Abendsandachten der vielen hiesigen Mönche sind der schönste Pendant zu den Winkeltheatern in den Vorstädten von Wien, in deren paarweis mit jungen Leuten besetzten Parterren man keine Hände sieht, und wo man eine starke Beleuchtung scheut. Die Gärten einiger Wirthshäuser sind ganz zur Paillardise angelegt, und die Labyrinthe und die mit Gesträuche bedeckten Grotten derselben sind auf die Sonn= und Feiertäge mit bunten Paaren angefüllt. An diesen Tägen ist aller Pöbel der Stadt betrunken, und tanzt und spielt und schlägt sich herum, daß er das lebendste Gemählde der alten Scythen und Deutschen darstellt.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Riesbeck über Köln (2)

(…) Den lezten, dritten Theil machen einige Patrizierfamilien, die Kaufleute und Handwerker aus, von denen die 2 andern Drittheile leben. Ueberhaupt ist Köln wenigstens noch um ein Jahrhundert hinter dem ganzen übrigen Deutschland zurück, Bayern selbst nicht ausgenommen. Bigotterie, Unsittlichkeit, Trägheit, Grobheit, Sprache, Kleidung, Meublen, kurz alles zeichnet sie so stark von ihren übrigen Landsleuten aus, daß man sie mitten in ihrem Vaterlande für eine fremde Kolonie halten muß. Ich habe nicht nöthig dir zu sagen, daß es auch hier, wie überall Ausnahmen giebt. Ich bin in einigen Häusern bekannt, wo der feinste Geschmack und die beste Lebensart herrscht; allein es sind der Ausnahmen doch sehr wenig.
Die Regierungsverfassung sezt diese Stadt so weit hinter die meisten andern Städte Deutschlands zurück. Nebst dem allen Republikanern eigenen Haß gegen Neuerungen, und der gewöhnlichen Ohnmacht und Trägheit ihrer Regenten, herrscht hier das unsinnige Zunftsistem noch mit ungleich mehr Stärke, als in irgend einer andern Reichsstadt. Nur einen Zug will ich dir mittheilen, um dir begreiflich zu machen, wie unmöglich es ist, daß diese Stadt gleiche Schritte mit dem übrigen Deutschland zur Kultur machen kann. Vor einigen Jahren ließ sich hier ein oberrheinischer Becker als Bürger nieder, der sich durch schönes Brod um so geschwinder eine zahlreiche Kundschaft verschaffte, da die übrigen Becker alle ein Brot backen, das nur ein Kölner genießen kann. Eifersüchtig auf das Glück dieses Mannes, stürmten seine Zünfter in sein Haus, und rissen ihm seinen Ofen nieder. Die Sache kam vor den Rath. An dem Tag, wo sie entschieden werden sollte, versammelten sich vor dem Rathaus nicht nur alle Becker, sondern auch ein großer Theil der andern Gildegenossen, Schuster, Schneider u. s. w. und schrieen vor der Thüre des Rathhauses, daß sie allen Rathsherren, wenn sie herunterkämen, die Köpfe einschlagen würden, wenn man der Beckerzunft nicht gegen den Neuling, der, dem alten Zunftgebrauch zuwider, anderes Brod gebacken, als seine Zünfter, Gerechtigkeit verschaffte. Der Rath kannte seine Leute, die auch wirklich schon den sogenannten Gewaltrichter, der den alten Reichsvogt repräsentiren soll, vor ihrem Zug vor das Rathhaus, in den Stadtgraben geworfen hatten. Erbaut durch dieses Beyspiel fällte also der hochweise Rath von Köln das Urtheil: “Daß der Becker, der sich unterfangen, die Gildegerechtsamen zu verletzen und unzunftmäßiges Brod zu baken, seinen eingerissenen Ofen auf seine Kosten wieder aufbauen, und in Zukunft kein anderes Brod baken soll, als wie alle seine Zunftgenossen von alten Zeiten her zu baken gewohnt sind.”
In Rücksicht auf die Hartnäckigkeit, womit die verschiedenen Gemeinden hier ihre Privilegien behaupten, so sehr sie auch in Misbräuche ausgeartet sind, auf die Grobheit des Pöbels, die man Gefühl der Freyheit zu nennen beliebt, und auf die durchaus herrschende Ausgelassenheit, die von keiner Polizey eingeschränkt wird, verdient Köln allerdings den Namen des kleinen Londons, womit es einige seiner Einwohner beehren. Es herrscht auch hier die nämliche Verachtung der Fremden und der nämliche Nationalstolz, der den Janhagel von London auszeichnet. Wenn die Stadt sich etwas unartig gegen ihre Nachbarn, die Kurfürsten von Köln und der Pfalz beträgt, so ergreifen diese sogleich das wirksamste Mittel, sie gefälliger zu machen, und schneiden der Stadt die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Der geängstigte Rath fertigt sodann augenbliklich einen Kourier an den Kaiser ab, mit unterthänigster Bitte, die beyden Kurfürsten dahin zu vermögen, daß sie die armen Bürger von Köln nicht Hungers sterben machen. Unterdessen rottieren sich die Bürger in allen Wirthshäusern, und auf allen öffentlichen Plätzen zusammen, schwören den Kurfürsten Rache und Tod: Besichtigen ihre rostigen Gewehre, und machen sich zur blutigsten Fehde gefaßt. Der Kaiser, aus Erbarmen über die bedrängte Stadt, hat nun den Kurfürsten wirksame Vorstellungen gemacht, und die Zufuhr wird wieder geöfnet, und nun schreyen die Bürger von Köln Triumph über Triumph. “Gelt, sagen sie, wir haben die Kurfürsten zur Raison gebracht. Sie haben sich vor unserm Anmarsch geförchtet, und thaten wohl daran, daß sie es nicht zum Krieg kommen liessen.” – Ganz im Ton des Janhagels von London.
Ein regierender Bürgermeister von Köln (Es sind ihrer sechs, die zu zwey jährlich in der Regierung abwechseln) wird auch mit dem nämlichen Gepränge, wie der Lord Mayor von London, behandelt. Er trägt eine römische Toga, halb schwarz und halb Purpurfarb, einen grossen spanischen Hut, spanische Beinkleider und Weste u. s. w. Er hat seine Liktoren, die ihm feyerlich die Fasces vortragen, wenn er in seinem Karakter öffentlich erscheint. Bey seiner Wahl giebt man Beleuchtungen, macht Knittelverse, besauft sich, förmlich wie zu London, auf seine Gesundheit, und schlägt sich auf sein Wohl Arme und Beine entzwey. – Im lezten Krieg war eines unserer Regimenter im Anmarsch gegen die Stadt. Diese wollte es mit dem König in Preussen nicht verderben, der als Herzog von Kleve und Graf von der Mark ihr Schutzherr ist. Sie ließ also dem Kommandanten des Regiments, der die Thore geöfnet haben wollte, bedeuten: “Sie sey gesinnet, die Neutralität zu beobachten” Umsonst stellte unser Landsmann dem Rath vor, seine Truppen wären Auxiliartruppen des Kaisers, ihres Oberherrn. Man verschloß die Thore, und der rasende Pöbel jauchzte, das Vergnügen zu haben, seine Häuser im Schutt zu sehen. Als der Kommandant seine Kanonen vor ein Thor gepflanzt hatte, und gefaßt war, losbrennen zu lassen, besann sich der Rath eines bessern, und ließ die Thore zum grossen Leidwesen des Janhagels öfnen. Der Kommandant gieng auf das Rathhaus, um den Senatoren Vorwürfe zu machen. Bey Erblickung desselben rief der vorsitzende Bürgermeister seine Liktoren, und gebot ihnen mit den Fasces neben seinem Thron zu stehn. Als der Offizier einige beissende Bemerkungen gemacht hatte, steifte der Konsul den Hals, ließ die Liktoren die Insignien in die Höhe heben, und fragte den Kommandanten mit der ernstlichsten Miene: “Ob er wohl einen Begriff von einem römischen Bürgermeister hätte? Ob er wüßte, daß er des römischen Kaisers Majestät repräsentirte, und daß man die Thore bloß aus gutem Willen gegen den Kaiser geöfnet?” Der Offizier, welcher seine Truppen auf dem öffentlichen Plaz mitten in der Stadt mit geladenen Gewehren und brennenden Lunten postirt hatte, und im unbedingtesten Besitz der Stadt war, konnte sich des lautesten Gelächters nicht enthalten; aber, indem er die Thüre in die Hand nahm, auch nichts anders antworten als: “Sie sind nicht recht bey Verstand.”
Der Mangel an Polizey, welcher hier ausschließlich das Wesen der Freyheit ausmacht, lokt vom Oberrhein, aus Westphalen, den kaiserlichen Niederlanden, zum Theil auch aus Holland und Frankreich eine Menge Leute hieher, die Inkognito leben wollen oder müssen. Der bessere Theil dieser Aventuriers, die Offiziers von den zahlreichen kaiserlichen und preußischen Werbkorps, einige Korherren der hiesigen Stifter und verschiedene Patrizier, und protestantische Handelshäuser lassen es an guter Gesellschaft und artigen Lustparthien nicht fehlen. Die lebhafte Schiffahrt, besonders der Holländer, für welche diese Stadt der Stappelort ist, den sie mit ihren Schiffen nicht überfahren dörfen, der geringe Preis der Lebensmittel, die Nähe von Bonn, die Entfernung von dem beschwerlichen Hof= und Adelton, welcher in den meisten andern Städten herrscht, die gesunde Luft, und die Munterkeit des Volkes in den benachbarten kurkölnischen und bergischen Ländern machen diese Stadt für jeden, der etwas vom Stadtleben mit den Reitzen des Ländlichen verbinden will, zu keinem unangenehmen Aufenthalt, so abschrekend auch der grosse Haufen hier ist. Dieser dient einem philosophischen Zuschauer zum Stoff unendlicher Betrachtungen, die er anderstwo nicht so leicht machen kann. Alle Auftritte des bürgerlichen Lebens sind hier stärker karakterisirt als in irgend einem andern Lande.
Dieses düstere und schwerfällige Völkchen zeichnet sich eben so stark durch religiöse, als politische Schwärmerey von allen übrigen Europaern aus. In verschiedenen Gegenden der Stadt erblickt man Schandsäulen, worauf Köpfe von Bürgermeistern und Rathsherren an eisernen Spiessen steken, die das Opfer der politischen Begeisterung der hiesigen Bürgerschaft geworden sind. Der republikanische Stolz weiß allen, auch den alltäglichsten Vorfällen hier ein Kolorit zu geben, das den Menschenfreund äusserst intereßiren muß, und sollte es auch nur seyn, um lachen zu können, wie Demokrit die Handlungen seiner Mitbürger von Abdera zur wohlthätigen Erschütterung seiner Lungenblätter gebraucht hat. (…)

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Riesbeck über Köln

Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht Ein sehenswürdiges Gebäude. Die meisten Häuser drohen den Einsturz. Ein grosser Theil derselben steht ganz leer, und von der Bevölkerung kann ich dir überhaupt keinen bessern Begriff geben, als wenn ich dich auf meine Ehre versichere, daß mein Hauswirth, ein Stadtofficier, bey dem ich mich auf ohngefähr 2 Monate einquartiert habe, für sein schönes und geräumiges Haus, nebst Hof, Stallung und einem grossen Garten jährlich 50 rheinische Gulden Miethe bezahlt. Und das Haus liegt in einer guten Strasse. – Im Umfang der Stadtmauern, die das ganze Gebiethe derselben einschliessen, zählt man einige hundert Bauerngärten, worin alles Gemüs für die Stadt gezogen, und auch so viel Vieh unterhalten wird, als zur Versorgung derselben mit Milch, Käs und Butter hinlänglich ist. In vielen Strassen liegt daher zu beyden Seiten der Mist vor den Häusern. Manche sind so öde, daß man Stundenlang darinn spatzieren kann, ohne ein lebendes Geschöpfe zu erblicken. Schade ists um den schönen Platz, der mitten in der schwarzen Stadt liegt, und in Betracht seiner Grösse und prächtigen Lindenalleen einer der schönsten Plätze wäre, die ich noch in einer Stadt gesehen, wenn er nicht von den schlechten Gebäuden umher verfinstert würde.
Einen Drittheil der Einwohner machen privilegirte Bettler aus. Diese bilden hier eine förmliche Zunft. Es ist keine Satyre, sondern voller Ernst, lieber Bruder. Vor jeder Kirche sitzen sie reihenweise auf Stülen, und folgen einander nach der Ancienetät. Stirbt der voderste ab; so rückt sein nächster Nachbar nach der strengsten Ordnung in der Reihe vor. Die Eltern, welche zu dieser Zunft gehören, geben einen bestimmten Platz vor einer Kirchthüre ihren Söhnen oder Töchtern zur Aussteuer mit, wenn sie heyrathen. Es versteht sich also, daß die meisten Zünfter vor mehrern Kirchthüren solche Plätze besizen, die sie wechselweise besuchen, je nachdem ein Fest in einer Kirche glänzender ist als in der andern, und die sie dann unter ihre Erben vertheilen. An den wenigen Tägen des Jahres, wo hier in keiner Kirche ein besonders Fest ist, ziehn sie dann Familienweise durch die Strassen der Stadt, und fallen die Vorübergehenden mit unbeschreiblicher Wuth und Hartnäkigkeit an.
Einen andern Drittheil der Einwohner machen die Pfaffen aus. Man zählt hier bloß 39 Nonnenklöster. Der Mannsklöster und Prälaturen sind über zwanzig und der Stifter über 12. Nebst diesen wimmelt es hier von dem geistlichen Ungeziefer, das man bey uns Abbes nennt, welches hier aber von einer ganz andern Art ist. Es besteht hier nicht aus den bunten, geschmeidigen, niedlichen und schlüpfrigen Geschöpfen, womit unsere Damen spielen; sondern aus groben, ungehobelten Klötzen, über und über mit Tobak und dem Ausfluß der Nase beschmiert, die im diken Tobaksdampf in den offenen Bierhäusern mit den Bauern um Pfenninge auf dem Brett oder mit Karten spielen, Schuhputzer, Lehnlaquayen und Lastträger machen und sich mit Fäusten um eine Messe schlagen. – Nirgends sah ich den schwarzen Stand in einer so verächtlichen Lage, als hier. Es giebt hier eine Menge Geistlicher, die selbst nicht wissen, was sie sind. Ich kenne einen Korherrn, der jährlich von seiner Pfründe 2.000 Gulden zieht, und, wie er mich selbst versicherte, in diesem ganzen Jahr weder eine Messe gelesen, noch seine eigne Kirche gesehen hat. Einen andern Korherrn traf Ich auf einem Kaffeehaus bey einem Mädchen an, auf welches ein Kaufmannsbedienter, der auch zugegen war, ein Aug hatte. Diese Zwey spielten eine Parthie Billard zusammen, und mitten im Spiel fingen sie an, mit den Queuen auf einander zu schlagen. Der Kaufmannsbediente war seinem Gegner so sehr überlegen, daß er den geistlichen Herrn unter das Billard werfen konnte. Als wir Friede gestiftet hatten, gieng der Komptoirschreiber seines Wegs, und nun folgte ein andrer seltsamer Auftritt. Das Korherrchen hatte einen jungen, hübschen Menschen bey sich, der ihm zur Unterhaltung diente, und dem er seit Jahr und Tag den Tisch gegeben hatte. Er nahm es diesem Menschen so übel auf, daß er seine Parthie nicht genommen, und auf seinen überlegnen Feind zugeschlagen hatte, daß er ihm in unsrer Gegenwart augenbliklich alle Freundschaft aufkündigte, und ihm auf die unanständigste Art die Wohlthaten vorwarf, die er Zeither von ihm genossen. Dieser junge Mensch, der in der Lage seiner Finanzen den Schlag hart empfand, erklärte mir beym Weggehn, daß die beyden Schläger schon seit langer Zeit einen Groll der Eifersucht wegen der Tochter des Hauses gegen einander hatten, der während des Spieles wie eine stille Wuth auf einmal ausgebrochen. – Die Rollen unsrer Abbes spielen hier die sogenannten reglirten Korherren, die Antoniter und die Priester vom Maltheserorden. In allen vornehmern Häusern sieht man sie um die Damen. – Von den hiesigen Nonnen sind jezt wirklich 4 schwanger, und gegen 6 sind auf ewig eingemauert, weil sie die Kunst nicht verstanden haben, nicht schwanger zu werden. – Gleich in den ersten Tagen meines hiesigen Aufenthalts führte mich der Sohn eines guten Hauses, an welches ich addreßirt war, in ein Nonnenkloster, worinn er eine Schwester hatte. Sie war nebst einer guten Freundin in dem sogenannten Krankenzimmer, worinn sie Besuche annehmen därfen. In der ersten Minute unsers Besuchs konnte ich leicht bemerken, daß mein Freund eben nicht gekommen war, um seine Schwester zu sehn, und daß ihre Freundin auch nicht wegen einer dringenden Krankheit zur Ader gelassen hatte. Ich fand seine Schwester reitzend genug, um mich nicht zu ennuyieren, während daß er sich mit ihrer Freundin unterhielt. Die folgende Woche wiederholten wir den Besuch, weil seine Schwester purgiert und diese wieder ihre gute Freundin mit sich ins Krankenzimmer genommen hatte. Diese Woche mußte die gute Freundin wegen einem Fluß im Kopf schwitzen, und wir ermangelten nicht, im Krankenzimmer unsre Aufwartung zu machen. Die nächste Woche ist die Reihe, krank zu seyn wieder an der Schwester meines artigen Freundes, und ich sehe wohl, daß wir, solange ich hier bin, alle Woche eine Patientin zu besuchen haben, und die 2 Nonnen den ganzen Kurs durch die Krankheiten machen werden, die in irgend einem medizinischen Kompendium verzeichnet sind.
Der Mangel an Aufsicht ist die Ursache der uneingeschränkten Freyheit, welche die Geistlichen hier genießen. Sie leben in der größten Anarchie. Eigentlich sollten sie unter dem Hirtenstab des Erzbischofs von Köln stehn; allein der Magistrat der Stadt ist eifersüchtig auf die Gewalt des Erzbischofs und will in Disciplinsachen keine Verordnungen desselben gelten lassen. Es ist zwischen beyden Mächten schon zu sehr lebhaften Auftritten gekommen.

(Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder)

Rheinkiesel (17)

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Grillparzer witscht durch Köln

Köln. Wir kommen mit Regen an, und es regnet noch jetzt in Strömen, wo ich, den alten Rhein mit der Schiffbrücke unter mir, auf der Stube sitze und dieses niederschreibe. Beim Rheinberg eingekehrt. Hübsche Stuben, herrliche Aussicht. Gleich nach der Ankunft gehe ich mit dem Engländer und seiner Frau, den Dom zu besehen. Herrlich. Ich weiß nicht, ist ein Teil der Vorhalle nicht ausgebaut oder zerstört. Das Schiff von einer erstaunlichen Höhe. Die Säulen schön. Die Fenstergemälde des Presbyteriums vortrefflich, doch meiner Meinung nach unter denen in den niederländischen Kirchen. Leider überall durch Baugerüste der Eindruck gestört oder genommen. Von Bildern ein einziges altes merkwürdiges, dessen Meister mir entfallen ist. Besehen für zwei Thaler die Schätze. Unendlich reich, sehenswert, damit man sie gesehen habe. War wegen der Regengüsse und der einbrechenden Dunkelheit unmöglich, jenes berühmte Rubenssche Bild in einer der hiesigen Kirchen zu besehen. Habe ihrer genug gesehen.

(Franz Grillparzer: Reisetagebücher)