Nass geworden?

Sie hielt am Rhein, wartete ruhig, bis er ihr zur Seite war. Er ritt langsam genug; wusste, dass sie irgendeine neue Laune hatte, hoffte auch wohl, dass sie daran vergessen möge diesmal. Aber sie vergass nie eine Laune.
“Matthieu-Maria,” sagte sie, “wollen wir hinüberschwimmen?”
Er machte Einwände, aber er wusste von vornherein, dass sie nichts nutzen würden. Die Böschung drüben sei zu steil, sagte er, man würde nicht hinaufkommen. Auch sei gerade hier die Strömung so reissend und –
Er ärgerte sich. Alles war so zwecklos, was seine Herrin machte. Warum denn durch den Rhein reiten? Nass wurde man und fror, konnte froh sein, wenn man mit einem Schnupfen davonkam. Riskierte dabei zu ersaufen – um nichts und wieder nichts. Und er nahm sich fest vor, zurückzubleiben – mochte sie doch ihre Narrheiten allein treiben. Was ging es ihn an? Er hatte Frau und Kind –
So weit kam er – dann ritt er doch in die Fluten. Trieb weit hinunter mit dem schweren Mecklenburger, hatte alle Mühe irgendwo zwischen den Klippen ans Ufer zu gelangen. Schüttelte sich und fluchte, ritt im scharfen Trabe den Strom hinauf, seiner Herrin zu. Die sah ihn kaum an, mit einem raschen spöttischen Blick.
“Nass geworden, Matthieu-Maria?”

(aus Hanns Heinz Ewers: Alraune)


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