Sie werden frei

“Es geht so, wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder nicht in einem Höhern den Einklang findet. Es geht so in der Richtung dieser Zeit, wo jeder Lümmel jeden, der nicht in sein Horn bläst, nicht bloß für einen Esel, sondern für seinen Todfeind hält, in der Richtung dieser Zeit, wo der dreckigste Kuhjunge oder der vierschrötigste Bärenwirt mit Dolch und Pistolen umherfährt und jeden ersticht und dann erschießt, der nicht Gax nachsagt, wenn er Gix vorgesagt; es geht so bei der zunehmenden Dummheit, welche man für Weisheit hält, welche aber nichts ist als die eintönigste Janitscharenmusik, verbunden mit Spießen, Hängen und Kopfrunter, wenn einer einen Ton fehlt. Es reißt eine Intoleranz ein, gegen welche die der Pharisäer ein Liebkosen war, welche alle Gebärden der französischen Revolutionsmänner nachäfft. Es ist aber kurios, wenn mal dieser Wind weht, man heißt ihn den Zeitgeist, so wird alles davon ergriffen mehr oder weniger, jeder in seinem Verhältnis. Wer hat schon einen großen Wirbel in einem Flusse gesehen, oder wenn man will einen Wasserfall, den Rheinfall zum Beispiel? Da kommen die Wasser angezogen, klar, ruhig, majestätisch. Wie sie in Bereich des Wirbels kommen, werden sie unruhig, verlassen den natürlichen Lauf, müssen in den Wirbel hinein, müssen schäumen, sich drehen, müssen auf den Grund. Allmählich löst sich der Zwang, sie werden frei, ziehen weiter, aber noch schäumend, kochend, bis allmählich die Ruhe wiederkehrt, der feierliche Gang, die majestätische Haltung. Solche Wirbel sind auch im Strome der Zeiten, und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers erscheint, so ist es im Zwange dieser Wirbel, und dieser Zwang herrscht nicht bloß in der Mitte der Strömung, wo die hohen Häupter schwimmen, die sogenannten Lichter des Jahrhunderts. Ach nein, und dieses ist eben das Erbärmliche und Demütigende: ins gleiche Loch werden gewirbelt die Größten, die Kuhjungen, die Irländer, die Waadtländer und Hausväter, welchen die Weiber nicht Gix nachsagen wollen, wenn sie Gax vorgesagt, und Hausweiber, welche Zeter schreien, wenn der Mann nicht alle anspuckt, welche ihns angrännen.”

“Eglihannes lief ins Dorf als wie eine Rakete, die am Platzen ist. Wahrscheinlich merkten dies die Leute, denn es wich ihm jedermann aus von ferne, er konnte niemanden zum Stehen bringen. Eine Frau stand am Bach, klopfte auf einem Waschbrett ein altes Hemd wenigstens mürbe, wenn auch nicht rein, und hörte Eglihannes nicht kommen, bis er neben ihr abtrappete. Als sie plötzlich sich umwandte und Eglihannes neben sich sah, erschrak sie, denn er machte ein zornig Gesicht. »Nur sachte«, rief sie, »und überrenne mich nicht! Oder meinst, es müsse jetzt alle Tage eine überschossen und gemordet werden?« Das war neues Feuer ins Pulver, und viel fehlte nicht, Beide wären handgemein geworden, denn mit dem Maul mochte Eglihannes von ferne nicht nach. Die Frau war eine alte Wäscherin aus der Stadt, und die haben bekanntlich Mäuler, welche, wenn es ihnen ernst ist, den Rheinfall zum Schweigen bringen würden. Da er des Prügelns sich doch schämte, während die Frau ihn festen Fußes mit dem Hemd in der Hand erwartete, lief er mit einer Drohung, einer schrecklichen Anweisung auf die Zukunft, weiter. Hinter ihm her scholl der Hohn der Frau, die ihn und seinen Namen auf das Entsetzlichste zerfetzte, so daß ein räudiger Hund ein Amor und eine Ehrenperson neben ihm gewesen wäre.”

(aus Jeremias Gotthelf: Uli der Pächter (Text 1) und Die Käserei in der Vehfreude (Text 2))


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