Monatsarchiv für Februar 2014

 
 

Presserückschau (Februar 2014)

Ein Monat geheimnisvoller Vorfälle am Rhein war der ausgehende Februar. Die interessantesten Meldungen auf einen Blick:

1
Von einer mysteriösen, 500 oder 591 oder über 600 Meter langen (die Angaben in den Artikeln variieren), zunehmend kräftigeren und gegen Ende taumelnden Blutspur in Leverkusen-Rheindorf berichten Express und der Kölner Stadt-Anzeiger: “Die Spur beginnt an der Peenestraße in Rheindorf-Nord und zieht sich über einen Wirtschaftsweg an der Autobahnbrücke zu A 59 bis an einem Hitdorfer See. Dort endet sie. Die Polizei suchte die Gegend zunächst mit einem Hubschrauber ab. Auch ein Fährtenhund wurde eingesetzt. Der Spürhund, ein amerikanischer Bloodhound, ist speziell auf diese Fälle ausgebildet.” Eine Tauchersuche blieb ergebnislos. Unterdessen hatte ein anonymer Anrufer beim Notruf behauptet, die Spur stamme von ihm, nachdem er “sich geschnitten” hätte. Für die Polizei bleibt der Fall weiterhin ungeklärt.

2
FAZ-Reporter Dieter Bartetzko wurde von einem Rentner in Bingerbrück zu einem alten Gewölberaum geführt, in dem ein versteckter Kunstschatz lag. In “zweiundzwanzig faulenden Bananenkartons” lagerten Kannen, Krüge und Schalen, die der Reporter dank seines Kunstgeschichtsstudiums als spätmittelalterlich einstufte. Da viele der Gefäße mit Inventarnummern gezeichnet sind, dürfte es sich bei dem Schatz, so Bartetzko, um Diebesgut, womöglich aus dem Landesmuseum Mainz, handeln. Neben mittelalterlichen Gefäßen umfaßt der Fund auch Fliesen, die nach Bartetzkos Einschätzung aus der Renaissance oder dem Frühbarock stammen könnten. In einem Karton stieß der Reporter auf zwei Totenschädel und Knochen, die nun von der Polizei untersucht werden müssen. Für den Nibelungenhort dürfte der Schatz deutlich zu jung sein. Im Mainzer Landesmuseum werden indessen keine Stücke der gefundenen Art vermißt.

3
“Rocker-Arm im Rhein gefunden” titelt die BILD und zeichnet eine Landschaft mit Körperteil: “Das Rheinufer im Duisburger Stadtteil Mündelheim, Schafe grasen, ein Spaziergänger geht mit seinem Hund Gassi. An diesem idyllischen Ort machte ein Angler eine grausige Entdeckung: Am Ufer wurde ein abgetrennter Arm angespült. Als Gerichtsmediziner das Körperteil untersuchen, wird schnell klar: Es handelt sich um ein grausames Verbrechen. Denn der Arm wurde nicht durch eine Schiffsschraube abgetrennt, sondern mit einem scharfen Messer.” Polizei und Staatsanwalt hielten sich mit der Preisgabe von Informationen bedeckt, schreibt die BILD, weiß jedoch, daß der Arm posthum abgetrennt wurde und welcher Gemeinschaft er angehörte: “(…) Auf dem Unterarm prangt die Tätowierung „AFFA“ (Angel forever, forever Angel). Im Klartext: Der Arm gehörte einem Hells Angel.”

4
Drei Personen verschwanden Mitte des Monats im Rhein bei Köln, zwei tauchten wieder auf. Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet, “eine 30-Jährige Frau (sei) mit einem neun Monate alten Jungen unter der Mülheimer Brücke in den Rhein gestiegen. Eine Passantin bemerkte dies und konnte das Kind noch aus dem Wasser ziehen. Sie zog es aus und wärmte es unter ihrem Mantel. Die Mutter des Jungen konnte vom Boot einer Segelschule gerettet werden. (…) Kurz vorher war von der Deutzer Brücke ein dunkel gekleideter Mann mit kurzen roten Haaren in den Rhein gesprungen. Er konnte in den Fluten nicht gefunden werden.” Eine spätere Version des Artikels bezeichnete den “dunkel gekleideten Mann” als “47-jährige Frau”.

5
In Köln und Leverkusen werden rund 300 Löcher ins Erdreich gebohrt, um die Bodentragfähigkeit für eine neue Autobahn-Rheinbrücke zu eruieren: “Mit einem gut 40 Meter langen Bohrer durchlöchern die Straßenbauer ab sofort den Boden in Ufernähe, um dessen Beschaffenheit zu prüfen. Auf diese Weise soll der spätere Verlauf der Trasse bestimmt werden. In den kommenden sechs Monaten werden (…) Bohrungen zwischen Köln-Niehl und Leverkusen-West durchgeführt (…). Um Fahrer nicht abzulenken, ist das Bohrfeld von einem Sichtschutz verdeckt.” (Kölnische Rundschau)

Ludwigshafen

Digital StillCamera

Von den Rheinlendern

Bey dem Rhein (do dann zu vnßern zeitten die pluom gesehen wirdt) sinnd zwischen bischoff Dietrichen zu Mayntz vnd hertzog Ludwigen pfaltzgrafen bey Rhein stettige zwittrechtigkeit vnd auffruor gewesen. vnd ist offt zu der waffen gegriffen vnd die gantz gegent daselbst vmb mit rawb vnd prand zerruedet worden. Die marggrafen zu Baden vnnd Brandenburg theten dem von Mayntz beystand. vnd der bischoff von Trier vnd ettliche stett dem pfaltzgrafen. Als nw pfaltzgraff Ludwig mit tod verschiede (der dann koenig Ludwigs von Sicilia gelaßne wittib zu der ee name) do vnderstund sich hertzog Friderich sein bruder mit verwilligung der landschaft vnd des adels desselben seins bruders vnmuendigen suns die regirung des lands als ein herr annemende sich einen churfuersten haissende mit zusagung on ein eeliche gemahele zebleiben damit dem angenomnen sun nicht nachtail beschehe. Solche zuwuenschung bestettiget babst Nicolaus der fuenft gebetten. Aber kaiser Friderich offt hoh darumb ersucht widersetzet sich dess. In Schwaben hat hertzog Albrecht kaiser Friderichs bruder mit vil stetten in wanckelm syge krieg gefuert. In dem marggrafthumb zu Baden hat marggraff Jacob ein fuerst vn der den Teuetschen an gerechtigkeit vnd kluogheit hohberumbt. der do erkennet das ime zu menschlicher seligkeyt nichtz dann schriftlicher kunst gepreche hat sein suene zu lernung der schrift angehalten. Als er nw derselben seiner suene einen Carolus genant dem iugling sundrer tapfferheit kaiser Friderichs schwester zu der er ee vermehlet het. do starb er vol iar nit vnwillig.

(Schedel’sche Weltchronik von 1493)

Köln in Köln (4)

Ein Erbe am Rhein

Man sieht wie durch ein Fernrohr, es wird regnen.
Das Dach des Rheinweilener Schlößchens blüht geranienrot im langgestreckten Garten der andern Dächer, darin einzelne Pappeln die Wege anzeigen, die Wege für Mensch und Tier, und zwei lange Reihen von ihnen den Rhein, an dem, bis zum Meere, Gottes Mühlen stehn.
Es war Hochmut der kleinen Rheinweilener Barone, bewußter Hochmut, daß sie dieselben Pappeln, die Napoleon den Rhein entlangpflanzen ließ, hernahmen und neben die Misthaufen ihres Dorfes setzten, als wäre für sie seines strömenden Weges hier ein Ende, als sollte seiner langatmigen Geschichte von ihnen das Schlußwort gesprochen sein. Das Wappen der Reichsfreiherren von Rheinweiler war viel älter als dieser gärtnerische Einfall meines Urgroßvaters, welcher Einfall aber im Wappenspruch selbst seine Rechtfertigung fand, der lautete: “Nicht weiter.” Das gleiche besagte das Gatter im Schild, durch das der Vollmond blickte.
Mein Urgroßvater war Revolutionär aus Vernunft gewesen und wurde infolgedessen ein Anhänger Napoleons. Er setzte sich seinerseits in die Geschichte, indem er den badischen Staat gründen half. Napoleon, der einmal im Schlößchen übernachtete, erhob ihn beim Morgenkaffee in den Grafenstand.
Urgroßvater sah sprachlos zu, wie der Kaiser ein Dutzend Milchwecken schlang und dazu, in einer Minute, die Kaffeekanne leerte. Er fand keine Zeit zu antworten.
“Schade, daß Sie nicht Soldat sind”, sprach der Kaiser, da stand er aber schon unter der Tür. “Vous auriez gagné une bataille et je vous aurais fait prince.”
Am Fuß der Treppe wartete ein Trupp schöner, glänzender, funkelnder Männer, frisch wie Indianer, blitzende Pferde hinter sich, die den Kaiser anwieherten, während ihre Herren salutierten und mit eins alle Kirchenglocken zu beiden Seiten des Stroms das Angelus läuteten, als sei der Herr selber aus der Nacht getreten.
“Ein schöner Tag, Sire”, sagte Ulricus Rheinweiler. “Schöne Pferde”, fügte er hinzu.
Die Rheinstraße durch das Dorf hinunter zog Artillerie, blitzblank Mann, Fuhre und Roß. Sie zog hinter dem Schloßgitter vorbei, hell, breit, unaufhaltsam wie, auf der Rückseite, der Rhein.
“Schöne Kanonen”, schloß Ulricus.
Da wandte sich der Kaiser und reichte ihm zum Abschied die Hand. Sein Blick fiel auf das Wappen über der Tür: “Nec ultra”.
Er sperrte den Mund auf: “Ah!” lächelte er mit dem Gesicht eines italienischen Gassenbuben. “Warum nicht?” fragte er. “Wir leben doch! Heißt nicht leben – fortschreiten?”
Mein Urgroßvater erzählte:
“Ang’schaut hat er mich wie e Rekrut, von obe bis unte und besondersch in der Bruschtweit’…”
Der Kaiser saß im Sattel. Die glänzende, funkelnde Meute von Menschenjägern hinter ihm. Alle Gottseibeiuns im Sattel. Die Generale hinter den Marschällen. Die Adjutanten hinter den Generalen. Die Burschen hinter den Adjutanten. Jetzt trabten Dragoner auf der Straße, ihre Helme vergoldeten hastig das Parkgitter. Ein Offizier sprengte durch das offene Tor davon.
Die Glocken schwiegen, und die Armee stand still.
“Na, sagt er, so rede Sie mit Ihrem Großherzog … Und beim Wegreite guckt er noch mal aufs Wappe… Bis nach Mittag hat’s weiter gemacht uf der Straß, Kavallerie und Infanterie und Schenie, und alles sauber wie am Sonntag morge…”
In der Nacht gab es Lärm. Elsässische Rekruten rückten im Eilmarsch über die Schiffbrücke. Sie sangen:
“Gottvater hat einen Sohn,
Und der heißt Napoleon …”
Das Fenster des Schlafzimmers stand offen. Der volle Mond schien herein.
“Hörsch”, flüsterte Ulricus, und er hob seine Frau hoch und bog ihr Gesicht in den Mondschein:
“Hörsch, Liesel? Hörsch?”
“Gottvater hat einen Sohn,
Und der heißt Napoleon …”
“Eine Schande!” murmelte sie, “Deutsch singen sie … Deutsche! … auf Napoleon.”
Sie verstand nichts von Weltgeschichte. (…)

(René Schickele: Ein Erbe am Rhein. Erster Band: Maria Capponi)

Kölner Aussichten

aussichtsplattform aussichtsplattform_2aussichtsplattform_4Vier jeweils sehr individuell designte Aussichtsplattformen für insgesamt 218.000 Euro hat die Stadt Köln an ihrer Periferie errichten lassen, wie die NDR-Sendung extra 3 am 19. Februar zeigte. Die Plattform im oberen Bild bietet einen fantastischen Blick auf die Stadtsilhouette, sowie auf die Autobahn. Die übrigen drei Plattformen stehen ebenfalls an Feldwegen oder sogar in Feldern selbst, diejenige im unteren Bild erreicht eine Aussichtshöhe von 80 Zentimetern. Was es am Kölner Stadtrand aus hoher Warte zu betrachten gibt, beantwortet Dr. Joachim Bauer vom städtischen Amt für Landschaftspflege und Grünflächen: “Die Landschaft, die Tiere der Landschaft, aber auch die Jahreszeiten und letztlich Ackerbau.” Derzeit herrscht in Köln die fünfte Jahreszeit, wie sich angesichts der Plattformen leicht feststellen läßt. Ob die Plattformen zum Ende des Karnevals wieder abgebaut werden, blieb in der Sendung (ebenso wie ihre genauen Standorte) ungeklärt – womöglich eine Vorsichtsmaßnahme, um Massenanstürme zu vermeiden.

Saint-Beuve an Hugo: “Manheim, très belle ville”

Worms, ce dimanche 27 octobre 1829.

Mon cher Victor, nous voici à Worms, sans nouvelles de vous ni des vôtres ; nous y pensons toujours, nous parlons continuellement de votre absence ; si vous étiez avec nous seulement une heure par jour, et le reste du temps à Paris, à votre femme, à vos belles œuvres, nous aurions souvent besoin de votre parole pour nous fortifier et nous relever ; car il y a eu bien des mécomptes dans notre route quoique encore si courte.

Nous avons quitté Besançon fort contents d’en sortir, malgré le bon et cordial accueil de Weiss, de M. Demesmay et autres Francomtois. Mais nous avions hâte d’oublier ces vilaines murailles et ces maisons administratives qui ressemblent toutes à des hôtels de préfecture ; nous aspirions à Strasbourg. Eh bien ! nous y courons tout de suite, laissant à gauche la Suisse et ses neiges, nous arrivons et courons à la cathédrale ; le croiriez-vous ? désappointement presque complet. C’est bien moins mon avis que je vous donne, comme vous pensez, que celui de mes deux compagnons mais le gothique de cette cathédrale, classique entre les cathédrales, est maigre, sec ; ce sont de longues baguettes, les sculptures ont l’air d’être en fonte (mot de Robelin) ; rien de gris, d’encroûté, comme disent ces messieurs ; rien de cet écrasé de la pierre qui plaît tant à voir et qui est comme la ride au front du vieillard, comme la verrue de M. de Chateaubriand du buste de David. La façade a l’air d’être plaquée sur une muraille nue qu’on aperçoit derrière dans les longs intervalles des ogives ; c’est du gothique de la décadence, du XVe siècle ; au reste, en y regardant de plus près, ces messieurs y ont admiré des figures dont Boulanger vous montrera des croquis ; et puis la flèche est aussi fort belle et à leur gré. En somme, cela ne vaut ni Saint-Denis, ni Notre-Dame, ni Saint-Séverin qu’on a sous la main. Après trois jours de séjour, et sans avoir vu le tombeau du maréchal de Saxe, nous nous sommes enfuis de Strasbourg par Cologne et Francfort. Chemin faisant nous examinions à chaque descente de voiture les églises d’Haguenau, de Wissembourg, de… je ne sais pas tous les noms de ces bourgs allemands ; d’ailleurs, un pays gras, rond, plantureux, herbeux et feuillu, comme dit notre peintre Boulanger ; assez propre aux scènes décrites dans Werther ; rien d’extraordinaire pourtant. Puis voilà que ce matin, toujours en route pour Mayence et Cologne, notre conducteur nous montre à droite une ville à une lieue dans la brume, où nous ne devions point passer. C’était Manheim, très belle ville, nous dit-il nous le croyons sans peine. Manheim ! nous laissons la voiture, nos places, nous décidons de ne repartir que le lendemain pour avoir le temps de donner un coup d’œil à Manheim ; nous y courons, à mesure que nous avancions, les flèches devenaient terriblement rondes et en boules ; nous passons le pont de bateaux du Rhin, et nous voilà dans la ville du monde qui ressemble le plus à Versailles. – plus que Versailles même, – c’est du Nancy tout pur, du Stanislas, un Louis XV achevé, une ville superbe au cordeau ; nous ne pensions pas que la victoire de Fontenoy pût aller jusque-là ; mais il y a décidément, en Allemagne, une bonne portion française ; cette belle ville de Manheim, qui devait s’appeler Belle-vue, ou Belle-chasse (comme disent ces messieurs dont je ne fais que vous transmettre les idées et les paroles), appartient au roi de Bavière et est précisément de la force de sa fameuse Ode sur l’économie. Nous sortons de Manheim, l’oreille basse et la queue entre les jambes, et nous ne comptons plus sur rien. Nous ne comptions plus même sur Worms où nous sommes allés, à trois lieues de là, pour achever notre journée. Mais heureusement qu’à travers le Louis XV qui la recouvre, nous avons trouvé une admirable partie de cathédrale romane et un coin gothique que ces messieurs sont occupés à dessiner dans ce moment même et dont ils vous donneront des nouvelles. Demain nous partons pour Mayence et Cologne. (…)

Adieu et au revoir bientôt, mon cher et grand Victor,
Sainte-Beuve

Immer glaubt man er wäre stärcker als gestern

Schafhausen d. 7. Dez. 79.
Mit allem meine beste bleib ich zurück, meine Reisebeschreibung stockt vom Wallis aus und doch kan ich die Schweiz nicht verlassen ohne Ihnen zu sagen dass wir auch hier schön Glück gehabt, und den Rheinfall gestern im hohen Sonnenschein gesehen haben. Lavater auch hat uns hier überrascht, sich zu hause losgemacht und ist gestern hier hergekommen. Wir haben heut zusammen den Rheinfall wieder doch bey trüben Wetter gesehen, und immer glaubt man er wäre stärcker als gestern. Wir haben einen starcken Dialog übers Erhabne geführt den ich auch aufzuschreiben schuldig bleiben werde. Es ist mit Lavater wie mit dem Rheinfall man glaubt auch man habe ihn nie so gesehen wenn man ihn wiedersieht, er ist die Blüte der Menschheit, das Beste vom besten. Adieu Morgen gehn wir von hier auf Stuttgard. Der Raum schwindet zwischen uns und es wird ein Augenblick seyn da wir uns wiedersehn. G.

(Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein)

Essen, Kopstadtplatz, mittagsschwere

1 nieselpalaver & abblätternder rost‐
punkpelz, eigentlich ausfärbendes strähnenhaar
& an den haaren nicht herbeigezogen die dumpfe lautlosigkeit

des himmels & wie ein frustgebet vom himmel fällt
1 wolkenszenarisches vorm aprilverregneten & vom himmel fällt
das wort nicht fällt / ist

aufzulesen am namedroping der grau‐in­‐grau­‐auslagen
das pfeifengeschäft & das billiglohnlandgetränkte ROT &
BLAU, nicht vom HIMMEL & grün wird heuer das frühjahr & pink

orange & stemmen sich ein paar HARTZLER kapuzenbehauptet &
in trainingshosen kippe inne hand zwischen den fingern so
daherrinnt daherschweigt & davon-

bröselt das lebensfieber aus der kälte gehobene stummstille, ganz
anders die frage der kettungsweite so angekettet beim gehen beim
sich kreuzen 1 coitusKIK zwischen straßenbett & bettelgebet, hopps!

(José F.A. Oliver)

februarnotat in Essen, Hbf.

1 taschentuch in taubennähe
des reisens müde
auf dem bahnsteig not-­

gewürfelt mensch & koffer
die spuren aufgerieben
aus den augen wiederwährend, welch

w:ort und welche worte noch die über rom
die redensarten führten
wer´s glaubt wird abschied, wurm-­

beatmet. Es schlängelt sich, es raupt
das altbild „Zeit“, einst tempus fugit, & das memento
reimt sich doch auf den entwurfsballast des todes.

(José F.A. Oliver)

Inwiefern Städte als “rheinisch” oder “rheinländisch” zu charakterisieren sind, bleibt eine an den Rändern offene Frage. Die Einzugsgebiete des Rheins reichen bis in Länder, die sein Lauf nicht berührt und es gibt Städte mit rheinischem Selbstverständnis, die seinen Ufern deutlich ferner liegen als andere Städte wie Essen, deren Selbstverständnis kaum auf rheinischen Gegebenheiten beruht. Dennoch sind die ehemaligen Kohle- und Stahlstädte des Ruhrgebiets ohne ihre Kanäle und Zuflüsse zum Rhein als Transportweg undenkbar. Letztlich lassen sich, zumindest von Rheinländern, an beinahe allen Orten, die von einem Wasserlauf durchzogen sind, “rheinische” Elemente entdecken. Essen gehört gegenwärtig zur am Verwaltungsschreibtisch ersonnenen Metropolregion Rhein-Ruhr, klassischerweise mit deutlich prägnanterem Ruhranteil. Wir wollten Materialien zu Städten des Ruhrgebiets, die nicht direkt an den Rhein grenzen, ursprünglich von rheinsein aussparen, bis uns José Oliver seine wunderbaren Essen-Gedichte schickte; das zweite folgt morgen. Mehr von José Oliver gibt es unter anderem in der edition suhrkamp, wo seine Bände Mein andalusisches Schwarzwalddorf und fahrtenschreiber erschienen sind.

Köln in Köln (3)

Our grief is purely selfish

That evening came on with a still and tranquil beauty, and as the sun hastened to its close they launched their boat for an hour or two’s excursion upon the Rhine. Gertrude was in that happy mood when the quiet of nature is enjoyed like a bath for the soul, and the presence of him she so idolized deepened that stillness into a more delicious and subduing calm. Little did she dream as the boat glided over the water, and the towers of Cologne rose in the blue air of evening, how few were those hours that divided her from the tomb! But, in looking back to the life of one we have loved, how dear is the thought that the latter days were the days of light, that the cloud never chilled the beauty of the setting sun, and that if the years of existence were brief, all that existence has most tender, most sacred, was crowded into that space! Nothing dark, then, or bitter, rests with our remembrance of the lost: we are the mourners, but pity is not for the mourned, – our grief is purely selfish; when we turn to its object, the hues of happiness are round it, and that very love which is the parent of our woe was the consolation, the triumph, of the departed!

The majestic Rhine was calm as a lake; the splashing of the oar only broke the stillness, and after a long pause in their conversation, Gertrude, putting her hand on Trevylyan’s arm, reminded him of a promised story: for he too had moods of abstraction, from which, in her turn, she loved to lure him; and his voice to her had become a sort of want.

“Let it be,” said she, “a tale suited to the hour; no fierce tradition, – nay, no grotesque fable, but of the tenderer dye of superstition. Let it be of love, of woman’s love, – of the love that defies the grave: for surely even after death it lives; and heaven would scarcely be heaven if memory were banished from its blessings.”

“I recollect,” said Trevylyan, after a slight pause, “a short German legend, the simplicity of which touched me much when I heard it; but,” added he, with a slight smile, “so much more faithful appears in the legend the love of the woman than that of the man, that I at least ought scarcely to recite it.”

“Nay,” said Gertrude, tenderly, “the fault of the inconstant only heightens our gratitude to the faithful.”

(Edward Bulwer-Lytton, The Pilgrims Of The Rhine, Kapitel VII: Köln, London 1834)

Rheinkiesel (16)

Ein “endloses”, in sich geschlossenes Strichlistenkalendarium trägt dieser Rheinkiesel an seiner (hier nur ausschnittsweise verfügbaren) Oberfläche. Was der Ausschnitt nicht preisgibt: der heutige Tag ist sein Geburtstag. Die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende umfassenden Zyklen sind hierarchisch ausgebildet, verschieden hohe, machu picchu-artige Terrassierungen weisen auf eine womöglich ironisch oder transkulturell zu verstehende Ausdrucksweise. Mit hoher Sicherheit reagiert der Stein in seiner Farbigkeit auf die ständige Überflutung mit Grauwerten, dh seinen steten Blick auf die alpine Bergwelt, ihr Emporragen, ihr Selbstempfinden als Gneis und ihre ökonomischen Grundlagen. Das selten anzutreffende Vierersystem weist dabei auf einen eigenbrödlerischen Kern, die angegriffene Oberfläche auf häufige Feindbegegnungen.

Franc ou Franq; France, François, Français

[...]
Il y a bien longtemps que l’on a cru que les Francs venaient des Troyens. Ammien Marcellin, qui vivait au IVe siècle, dit [Ammien Marcellin, Livre XII] “Selon plusieurs écrivains, des troupes de Troyens fugitifs s’établirent sur les bords du Rhin alors déserts.” Passe encore pour l’Enée : il pouvait aisément chercher un asile au bout de la Méditérranée; mais Francus, fils d’Hector, avait trop de chemin à faire pour aller vers Düsseldorf, Vorms, Ditz, Aldved, Solms, Ehrenbreistein, etc…

(Voltaire, Dictionnaire philosophique)

Köln in Köln (2)

köln in köln_5

Köln in Köln

köln in köln_schweinepriester

ran the river, ran the river

It was about the middle of the month of February when Vendale and Obenreizer set forth on their expedition.  The winter being a hard one, the time was bad for travellers. So bad was it that these two travellers, coming to Strasbourg, found its great inns almost empty. And even the few people they did encounter in that city, who had started from England or from Paris on business journeys towards the interior of Switzerland, were turning back.
Many of the railroads in Switzerland that tourists pass easily enough now, were almost or quite impracticable then. Some were not begun; more were not completed. On such as were open, there were still large gaps of old road where communication in the winter season was often stopped; on others, there were weak points where the new work was not safe, either under conditions of severe frost, or of rapid thaw.  The running of trains on this last class was not to be counted on in the worst time of the year, was contingent upon weather, or was wholly abandoned through the months considered the most dangerous.
At Strasbourg there were more travellers’ stories afloat, respecting the difficulties of the way further on, than there were travellers to relate them. Many of these tales were as wild as usual; but the more modestly marvellous did derive some colour from the circumstance that people were indisputably turning back. However, as the road to Basle was open, Vendale’s resolution to push on was in no wise disturbed. Obenreizer’s resolution was necessarily Vendale’s, seeing that he stood at bay thus desperately: He must be ruined, or must destroy the evidence that Vendale carried about him, even if he destroyed Vendale with it.
The state of mind of each of these two fellow-travellers towards the other was this. Obenreizer, encircled by impending ruin through Vendale’s quickness of action, and seeing the circle narrowed every hour by Vendale’s energy, hated him with the animosity of a fierce cunning lower animal. He had always had instinctive movements in his breast against him; perhaps, because of that old sore of gentleman and peasant; perhaps, because of the openness of his nature, perhaps, because of his better looks; perhaps, because of his success with Marguerite; perhaps, on all those grounds, the two last not the least. And now he saw in him, besides, the hunter who was tracking him down. Vendale, on the other hand, always contending generously against his first vague mistrust, now felt bound to contend against it more than ever: reminding himself, “He is Marguerite’s guardian. We are on perfectly friendly terms; he is my companion of his own proposal, and can have no interested motive in sharing this undesirable journey.” To which pleas in behalf of Obenreizer, chance added one consideration more, when they came to Basle after a journey of more than twice the average duration.
They had had a late dinner, and were alone in an inn room there, overhanging the Rhine: at that place rapid and deep, swollen and loud. Vendale lounged upon a couch, and Obenreizer walked to and fro: now, stopping at the window, looking at the crooked reflection of the town lights in the dark water (and peradventure thinking, “If I could fling him into it!”); now, resuming his walk with his eyes upon the floor.
“Where shall I rob him, if I can?  Where shall I murder him, if I must?” So, as he paced the room, ran the river, ran the river, ran the river.
The burden seemed to him, at last, to be growing so plain, that he stopped; thinking it as well to suggest another burden to his companion.
“The Rhine sounds to-night,” he said with a smile, “like the old waterfall at home. That waterfall which my mother showed to travellers (I told you of it once). The sound of it changed with the weather, as does the sound of all falling waters and flowing waters. When I was pupil of the watchmaker, I remembered it as sometimes saying to me for whole days, ‘Who are you, my little wretch? Who are you, my little wretch?’ I remembered it as saying, other times, when its sound was hollow, and storm was coming up the Pass: ‘Boom, boom, boom. Beat him, beat him, beat him.’ Like my mother enraged — if she was my mother.” (…)

When they had hurriedly refreshed and changed, they went together to the house of business of Defresnier and Company. There they found the letter which the wine-carrier had described, enclosing the tests and comparisons of handwriting essential to the discovery of the Forger. Vendale’s determination to press forward, without resting, being already taken, the only question to delay them was by what Pass could they cross the Alps? Respecting the state of the two Passes of the St. Gotthard and the Simplon, the guides and mule-drivers differed greatly; and both passes were still far enough off, to prevent the travellers from having the benefit of any recent experience of either. Besides which, they well knew that a fall of snow might altogether change the described conditions in a single hour, even if they were correctly stated. But, on the whole, the Simplon appearing to be the hopefuller route, Vendale decided to take it.  Obenreizer bore little or no part in the discussion, and scarcely spoke.
To Geneva, to Lausanne, along the level margin of the lake to Vevay, so into the winding valley between the spurs of the mountains, and into the valley of the Rhone. The sound of the carriage-wheels, as they rattled on, through the day, through the night, became as the wheels of a great clock, recording the hours. No change of weather varied the journey, after it had hardened into a sullen frost. In a sombre-yellow sky, they saw the Alpine ranges; and they saw enough of snow on nearer and much lower hill-tops and hill-sides, to sully, by contrast, the purity of lake, torrent, and waterfall, and make the villages look discoloured and dirty. But no snow fell, nor was there any snow-drift on the road. The stalking along the valley of more or less of white mist, changing on their hair and dress into icicles, was the only variety between them and the gloomy sky. And still by day, and still by night, the wheels. And still they rolled, in the hearing of one of them, to the burden, altered from the burden of the Rhine: “The time is gone for robbing him alive, and I must murder him.”

(Charles Dickens and Wilkie Collins: No Thoroughfare, Act III: In the valley. 1867)

The broad stone of honour

j jackson_view of ehrenbreitstein

On the right bank of the Rhine, upon the summit of a rocky hill, directly opposite to the city of Coblentz, stands the Castle of Ehrenbreitstein (“the broad stone of honour”). It is now one of the strongest fortresses in Europe, both in respect of its natural position, and its artificial defences. It was originally a Roman camp, was renovated in 1160, and afterwards repaired and enlarged by the Elector John, Margrave of Baden, who dug a well of the depth of 280 feet, which was afterwards sunk 300 feet further. During the revolutionary war, the castle was exposed to many hazards. (…)
The view from the sumit of the castle is a very rich and extensive one. Before you is Coblentz, its bridge of boats, and its two islands on the Rhine; behind it, the village and beautiful ruins of the Chartreuse, upon a hill covered with vines and fruit-trees. The scope of the view embraces more than thirty towns and villages. The Rhine flows majestically beneath it, and is here at about the widest part of its course. (…)
The view of this old castle naturally leads us to reflect on the degree in which modern Europe has ceased to resemble the classic ages in which Ehrenbreitstein was founded, or the feudal ages to which so much of its history belongs. It still bears the name of “the broad stone of honour,” though many say that the days of honour have passed away with the days of chivalry. But if honour, in these times, has become rather a synonymous term for honesty and good faith, than the fantastic touchstone of chivalry, we have gained greatly by the change. The middle ages were not without their virtues, but they were all of a romantic kind. (…)

(The Penny Magazine, Februar 1868)

Interessante Tatsache bei binnendeutschen Lachmöwen

Mit solcher Sicherheit und Bestimmtheit wie beim Storch kann man heute wohl noch bei keiner anderen Vogelart eine Zugskarte entwerfen, obwohl es vielfach geschieht. Man hat z. B. auch Krähen und Lachmöwen massenhaft beringt, aber beide sind eigentlich mehr Strich- als echte Zugvögel, und schon deshalb kann hier der Versuch nicht so klare und weitreichende Ergebnisse zeitigen. Immerhin ergab sich bei den Lachmöwen die interessante Tatsache, daß sie möglichst den Anschluß an eine Hauptstraße zu gewinnen suchen und dabei auch Umwege in scheinbar ganz verkehrter Richtung nicht scheuen. So ziehen manche binnendeutsche Möwen, deren Zug überhaupt stark auseinander strahlt, im Herbst zunächst den Rhein abwärts, also gen Norden, um erst einmal in Holland die Hauptstraße zu erreichen. Ähnlich war es bei meiner Heimatstadt Zeitz, wo die an Zugstraßen sich haltenden Arten im Herbst zunächst die Elster abwärts zogen, also nach Norden, um erst einmal Anschluß an das Elbetal zu erreichen, und im Frühjahr von dort aus kamen, also das letzte Stück ihres Weges südwärts flogen: gerade umgekehrt, als man erwarten sollte. Die in breiter Front ziehenden Arten dagegen flogen einfach südwestwärts. Auch in Württemberg suchen viele Arten zunächst einmal das Neckartal zu gewinnen, um dadurch den Schwarzwald, der von ihnen nicht gern überflogen wird, nördlich zu umgehen und in die große Zugstraße der Rheinebene zu gelangen. Ich habe den Versuch gemacht, diejenigen europäischen Zugstraßen, die wir nach dem heutigen Standpunkte der Vogelkunde einigermaßen sicher kennen, auf einem Kärtchen einzutragen, muß aber immer wieder ausdrücklich betonen, daß es sich bei allen Vogelzugskarten vorläufig immer nur eben um Versuche handeln kann, daß sie also stets cum grano salis zu nehmen sind und durch zukünftige Forschung wahrscheinlich mancherlei Richtigstellungen erleiden werden. Begründer der Zugstraßen-Theorie ist der berühmte finnische Forscher I. A. Palmén, der sich hauptsächlich auf das Vorkommen seltener nordischer Schwimmvögel zur Zugzeit stützte und bereits verschiedene Arten von Zugstraßen als marine, litorale, fluviatile usw. unterschied. Obgleich seine Begründung mancherlei Mängel aufwies und namentlich E. F. v. Homeyer heftig Sturm gegen ihn lief, hat sich der geistreiche Finnländer doch siegreich durchgesetzt, und heute leugnet wohl niemand mehr das Bestehen bestimmter Zugstraßen, die aber – wohlgemerkt! – nur für einen Teil unserer Vogelwelt Geltung haben. Besonders deutlich treten sie natürlich in Gebirgsgegenden hervor, wo sich die Vögel an die tiefer eingeschnittenen Pässe halten müssen, wie wir Menschen ja auch, und wo ihr Erscheinen oder Nichterscheinen das wirtschaftliche Wohlergehen ganzer Volksstämme in hohem Maße beeinflußt. Nicht umsonst errichten die italienischen Vogelmassenmörder ihre größten und erfolgreichsten Roccoli am Ausgang der Alpenpässe.

(aus Kurt Floericke: Vögel auf der Reise)