Die Männer sind plump und die Weiber gelb (Riesbeck reist durch den Schwarzwald)

“(…) Von Stuttgart aus tat ich mit einem guten Freund, einem jungen Herrn vom Stande, einen Einfall tief in den Schwarzwald. Die Bewohner des württembergischen Anteils sind lange nicht so schön, wohlgebaut und munter als die am Neckar und den angrenzenden Tälern. Die Männer sind plump und die Weiber gelb, ungestaltet und gemeiniglich schon in den dreißig Jahren runzlicht. Sie unterscheiden sich auch von ihren übrigen Landsleuten durch einen abscheulichen Geschmack, sich zu kleiden, und einen auffallenden Mangel an Reinlichkeit. Calw ist die beste Stadt in dieser Gegend; sie hat ansehnliche Manufakturen, und ihre Bürger äußerten bei den berüchtigten Streitigkeiten der Landesumstände mit dem Herzog ungemein viel Mut, Freiheitsliebe und Anhänglichkeit an ihre Verfassung.
Ich konnte die Ursache der Häßlichkeit dieser Leute nicht ausfindig machen. Härte der Arbeit und schlechte Nahrung mögen etwas dazu beitragen; aber sie sind nicht die einzige Ursache, denn im fürstenbergischen und besonders im östreichischen Anteil dieses ungeheuern Gebirges sahen wir die schönsten Leute, ob sie gleich die harte Arbeit und die Nahrungsmittel mit den Württembergern gemein haben. Vielleicht ist die Richtung und Tiefe der Täler, und also die Luft, oder vielleicht das Wasser, daran schuld.
Diese Bergreise hatte ungemein viel Vergnügen für mich. Es war mir wie in einer Feenwelt. Eine zauberische Aussicht übertraf immer die andere an Mannigfaltigkeit und Schönheit. Seltsame Gestalten und Verkettungen der Berge, Wasserfälle, Partien Waldung, kleine Seen in tiefen Schlünden, Abstürze, kurz, alles ist in so großem Stil, daß ich es nicht wage, ihn in einem Brief zu kopieren. (…)”

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (anonym verfaßt), 1783


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