Riesbeck bestaunt den geschrumpften Rheinfall

“(…) Ich konnte diese Gegenden unmöglich verlassen, ohne den berühmten Rheinfall bei Laufen zu besuchen. Es war das schönste Schauspiel, das ich in meinem Leben gesehen. Da mir zuvor kein Gemälde und kein Kupfer von diesem prächtigen Auftritt der Natur zu Gesicht gekommen und ich ihn bloß aus einem dunkeln Ruf kannte, so geschah mir, was vermutlich allen geschieht, die nicht einen etwas bestimmtern Begriff davon mitbringen. Meine Einbildung hatte mich getäuscht. Ich dachte mir die wildeste Gegend, wo der Rhein vom Himmel herab in einen unermeßlichen Schlund stürzte. In dem Abstand zwischen der Wirklichkeit und meiner Idee war die Überraschung um so angenehmer, da es hier wie mit allen wirklich großen Natur- und Kunstwerken ist, deren wahre Größe und Schönheit nicht beim ersten Anblick auffällt, sondern erst durch genaue Beobachtung und Vergleichung der Teile muß gefühlt werden. Ich fand den Fall lange nicht so hoch, aber viel schöner, als ich mir ihn gedacht hatte. Das Amphitheatralische der mit Bäumen besetzten Hügel drüber her, die zwei Felsen, auf deren einem das Schloß Laufen, auf dem andern aber ein Dorf und vor demselben eine Mühle liegt und die, wie die Säulen einer Vorderbühne, dem Fall selbst zur Seite stehen, die Breite des Falles und die schöne Verteilung des mannigfaltig herabstürzenden Wassers, das herrliche Bassin unter dem Fall, die schöne und fast gekünstelte Mischung des Wilden mit dem Angebauten in der Gegend umher: kurz, alles war anders und schöner, als ich erwartete.
Der Fall beträgt jetzt höchstens fünfzig Schuhe, die kleinen Abhänge mitgerechnet, die der Strom kurz vor seinem Hauptsturz zur Vorbereitung macht und die man nur von der Höhe herab sehen kann. Ehedem war er zuverlässig höher, und noch bei Mannsgedenken ist ein Stück des Felsen weggerissen worden, welcher dem Sturz mitten im Weg steht. Ich glaube an dem Fels, worauf das Schloß Laufen steht, beobachtet zu haben, wie der Strom stufenweis in die Tiefe gegraben. Es folgt also daraus, daß, wie ich dir oben sagte, der Bodensee immer nach dem Verhältnis schwinden muß, wie der Rhein sein Bette tiefer aufwühlt. (…)”

Johann Kaspar Riesbeck: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (anonym erschienen), 1783


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: