Verschwinden am Rheinfall

“(…) Auf dem Rückwege zu meinem Hotel kamen wir bei einem Palais vorbei, von welchem mein weit gereister Cicerone, Herr Tournier, Gelegenheit nahm, mir folgende interessante Erzählung zu machen. Hat er brodirt, so bitte ich Dich, es ihm, und nicht mir, entgelten zu lassen.
Es war dieser Pallast nämlich das Haus der Montague (die Shakespeare nach Verona versetzt), aus welchem vor geraumer Zeit der junge Erbe dieses Hauses als einjähriges Kind gestohlen, und lange nichts weiter von ihm gehört ward. Nach acht Jahren vergeblicher Nachforschungen der trostlosen Mutter schickte einst der Schornsteinfeger des Stadtviertels einen kleinen Knaben zum Fegen des Kamins in das Schlafzimmer der Lady Montague, in welchem man durch einen glücklichen Zufall, vermöge eines Maals am Auge und den darauf gegründeten Nachforschungen, den verlornen Sohn erkannte; eine Anekdote die später zu einem bekannten französischen Vaudeville Anlaß gegeben hat. Aus Dankbarkeit für ein so unverhofftes Glück gab Lady Montague viele Jahre lang, und ich glaube noch jetzt geschieht etwas Aehnliches in dem großen Garten, der an ihr Palais stößt, der ganzen Schornsteinfeger-Innung von London am Tage des Wiederfindens ein Fest, wo sie selbst, mit aller ihrer Dienerschaft in Staatskleidung, für die Bewirthung dieser Leute Sorge trug.
Der Knabe ward später ein sehr ausgezeichneter, aber auch ebenso excentrischer und wilder Jüngling, der sein Hauptvergnügen in ungewöhnlichen Wagstücken suchte, wozu er bei fortwährenden Reisen in fremde und unbekannte Länder die beste Gelegenheit fand. Auf diesen begleitete ihn stets ein sehr geliebter Freund, ein gewisser Mr. Barnett.
So hatte er in mehreren Welttheilen die entferntesten Gegenden gesehen, als im Jahr 90 Tournier, seiner Aussage nach, ihn als Kammerdiener nach der Schweiz begleitete. In Schaffhausen angelangt, faßte der Lord die unglückliche Idee, mit einem Boot den Rheinfall hinunterzufahren. Der erste Geistliche des Orts, sowie viele andere Bekannte baten den jungen Brausekopf um des Himmelswillen, ein so rasendes Unternehmen zu unterlassen, jedoch vergebens. Man wollte ihn sogar durch Aufbieten der Schaffhäuser Stadtsoldaten daran verhindern, es scheint aber, daß sie ihm nicht mehr Furcht als die weiland Leipziger den dortigen Studiosen einflößten, oder täuschte er ihre Wachsamkeit; kurz, nachdem er vorher einen leeren Kahn gleichsam zur Probe als avantcoureur vorausgeschickt hatte, der auch glücklich mit seinem hölzernen Leben davon kam, folgte er selbst in Gesellschaft seines Freundes. Mr. Barnett hatte zwar ebenfalls alles angewandt, dem entetirten Lord sein Vorhaben auszureden, als ihm dieser aber zurief: “Wie Barnett, Du bist mit mir über den ganzen Erdball gezogen, hast jede Gefahr treulich mit bestanden, und willst mich nun bei dieser Kinderei verlassen?” so gab er gezwungen nach und setzte sich, die Achseln zuckend, in den verhängnißvollen Kahn.
Sie schwammen erst sanft und langsam, dann mit immer reizenderer Schnelle dem Sturze zu, während Hunderte von Zuschauern zagend den Wagehälsen nachschauten.
Was indessen jeder vorhergesagt, geschah. Die Kante der Felsen berührend, schlug der Kahn um, die beiden Männer erschienen nur noch einmal zwischen dem Gestein, und der Donner der Wogen übertäubte ihr Hülfegeschrei, das nur undeutlich in Zwischenräumen vernommen ward. Bald waren sie gänzlich verschwunden, und obgleich man viele Monate lang, ohne Kosten zu scheuen, die Körper bis an den Ausfluß des Rheins in Holland suchen ließ, und große Summen auf ihr Wiederfinden setzte, so hat man doch nie wieder etwas von ihnen vernommen. Sie schlummern unbekannt in der krystallnen Tiefe.
Sonderbar ist es, daß an demselben Tage, der ihnen den Tod brachte, das Stammschloß der Montague in Sussex bis auf den Grund abbrannte. Die unglückliche Mutter überlebte nur ein Jahr den Tod ihres zum zweitenmal und diesmal unwiederbringlich verlorenen Sohnes. (…)”

Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland, England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1826 bis 1829, 3. Brief


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