Rheinüberschreitung in Paris

Nachdem sein letzter Rheinbesuch in Deutschland mit einem Fiasko aus schwer erklärlichen Nebeln geendet war, schreibt Marcel Crépon, habe er sich Aldous Huxleys Schrift “The Doors of Perception” entsonnen, die ihn während seiner Adoleszenz beeindruckt, deren Inhalt er jedoch verdrängt gehabt habe. Seinerzeit sei ihm das unmittelbar nach der Lektüre allenthalben in hoher Intensität auf ihn einströmende Weltbewußtsein zu viel geworden. Nun, nach seiner Rückkehr aus den rheinischen Nebeln, habe ihn ein Istigkeits-Gefühl übermannt, dessen Wirkweise ihn an die Folgen seiner Jugendlektüre zurückdenken ließ. Plötzlich habe er in seiner Gedankenwelt einen Selbstwert eingenommen, der ihm unmäßig vorkam, er habe nur noch sich selber aus schwammiger Umgebung ragen sehen, als seien die rheinischen Nebel in seinem Geist mit nach Frankreich gereist, um ihn aus seinem Alltag zu isolieren oder schlimmer noch: zu erheben. Wochenlang sei das so gegangen. Weil er zunehmend fürchtete, “die Pforten der Wahrnehmung durchbrochen” zu haben, mit anderen Worten: auf eine Psychose zuzusteuern, habe er sich an seine Großmutter mütterlicherseits gewandt, die in seiner verzweigten Familie als Instanz für “schwierige Fragen” gelte. Die Großmutter habe ihn angehört, seine Pupillen untersucht und ihm bedeutet, daß ihm “vom Rhein her etwas Böses” anhafte, das er loswerden müsse, indem er in einem Ritual “den zu überschreitenden Rhein unterschreite”, und zwar zwölf Mal, je sechs Mal von beiden Seiten. Was sie damit meine, wie das gehen solle und wo das Ritual vorzunehmen sei, habe er von der Großmutter wissen wollen, die darauf keine Antwort gab, sondern Unverständliches murmelte und Fingerzeichen veranstaltete. In der gleichen Nacht noch sei ihm die Porte Saint-Denis im Traum erschienen und bis zum Erwachen über ihm stehengeblieben. Da sei ihm klar geworden, was die Großmutter gemeint habe. Noch am Morgen sei er nach Paris gefahren, habe am hohen Mittag das von der Großmutter empfohlene Ritual vollzogen und sei abends wieder zuhause eingetroffen, um nach einer weiteren, diesmal traumlosen Nacht sich wieder “ganz wie der Alte” zu fühlen.
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Zur Veranschaulichung seines autogenen Exorzismus schickt uns Monsieur Crépon dieses Foto von der weihnachtlichen Porte Saint-Denis, die Louis XIV zu Ruhm und Ehren errichtet wurde und die Rheinüberquerung der französischen Streitmächte bei Lobith von 1672 sowie allegorische Darstellungen Deutschlands und Hollands zeigt. Genau wie die Großmutter empfohlen hatte, habe er die Pforte je sechsmal von Norden und Süden (das Bild zeigt die Südansicht) durch- und somit die Überschreitung des Rheins unterschritten.


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